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Bundesweite Proteste gegen die AfD Sich umarmen gegen den Faschismus

Timm Kühn

Kommentar von

Timm Kühn

Nach dem Wahlsieg der Rechtsextremen in Sachsen-Anhalt ruft Campact erneut zu Demos gegen rechts auf. Der Auftakt in Berlin war eher Selbstbeweihräucherung.

D as Erste, was die Rednerin der Kampagnenplattform Campact den Tausenden Menschen vor dem Brandenburger Tor mitteilen will, ist Folgendes: „Die AfD hat die absolute Mehrheit verpasst. Das ist das Resultat der Arbeit von Tausenden engagierten Menschen vor Ort!“ Tosender Applaus bricht aus. Als hätte die AfD nicht gerade 44 Prozent in Sachsen-Anhalt erreicht, als würden die Chancen nicht darauf stehen, dass erstmals seit 1945 eine zu weiten Teilen faschistische Landesregierung kommen wird – dahingestellt, ob nun wegen des BSW oder einiger abtrünniger CDUler.

In aller Fairness: Die Rednerin hat danach noch viel Sinnvolles gesagt. Dass es allen Grund zur Angst gebe, etwa. Oder dass nun gelte, Solidarität mit den wunderbaren Menschen in Sachsen-Anhalt zu zeigen, die in den vergangenen Monaten über ihre Grenzen hinaus gegangen sind, um gegen die AfD zu mobilisieren. Und dass es jetzt um den Schutz von jenen gehen müsse, die von den Fa­schis­t:in­nen bedroht sind: migrantisierte Menschen, Queers, Linke. Das alles ist richtig.

Und dennoch war die Kulisse beim Auftakt des neuen Protestbündnisses „Zeit zum Handeln“ ein Paradebeispiel für hilflosen Antifaschismus. Diese Worte sollen niemanden beleidigen. In dieser Scheißlage ist es das letzte Interesse des Autors, Menschen vor den Kopf zu stoßen, die sich wehren wollen. 14.000 sollen laut Bündnis am Brandenburger Tor gewesen sein, die Polizei sprach von 5.000. Auch in Salzwedel oder Neubrandenburg gingen Menschen auf die Straße, fürs Wochenende sind Proteste in Dresden, München, Hamburg und vielen weiteren Orten angekündigt. Dass demonstriert wird, ist gut und wichtig.

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Doch was war das Credo am Brandenburger Tor? Was war die Analyse, warum 65 Prozent derjenigen Wähler:innen, die sich in einer prekären finanziellen Lage befinden, zu den Fa­schis­t:in­nen gerannt sind? Luisa Neubauer rief ihrem – übrigens augenscheinlich zu großen Teilen gut situierten und auch fast durchgehend weißen – Publikum zu: „Ich möchte, dass wir den Hass nicht übernehmen, dass wir uns weiter begeistern lassen, hemmungslos, für die guten Sachen.“ Denn die Tyrannei, sagte Neubauer, sie setze darauf, dass Entscheidungen „von Angst“ geführt werden.

Vergewisserung des liberalen Bürgertums

Schon zuvor hatte der Aktivist Max Schneller unter explizitem Bezug auf die Holocaustüberlebende Margot Friedländer beschworen, dass „wir“ uns „nicht vom Hass walten lassen werden“, weil „wir“ für das Hassen nämlich „zu menschlich, zu solidarisch“ seien. Genau das sei es doch, was „uns“ von den extremen Rechten unterscheide. Weiter ging die Szenerie so, dass die iranische Musikerin Faravaz zu zwei Minuten Meditation aufrief, bei der sich die Menschen umarmen sollten, während Faravaz ihnen zusang, dass sie schön seien, freundlich zueinander, liebevoll.

Der Demokratie brechen die Menschen weg, weil sie nur noch als Teil einer autoritären und völkischen Fantasiegemeinschaft glauben, sich stark und sicher fühlen zu können

Nun ist das Bedürfnis nach gegenseitiger Fürsorge nach so einem Tag verständlich. Doch am Montagabend ging es offensichtlich um mehr: Um eine Vergewisserung des liberalen Bürgertums, dass man selbst zu den Guten gehört, weil die anderen nun mal die Bösen sind. Politisch blieb der Protest auf eine Ablehnung der AfD und der Versuche der (ansonsten aber „demokratischen“) Parteien CDU und FDP, die Brandmauer einzureißen, beschränkt. Davon zeugte schon, dass neben der Linken, deren Spitzenpersonal mit antifaschistischem Tamtam aufmarschierte, auch die Grünen und die SPD mit vielen Fahnen vor Ort waren.

Warum hassen aber denn die Leute? Was in dieser bürgerlichen Gesellschaft, die so inbrünstig verteidigt wird, führt denn dazu? In Neubauers Rede ließen sich einige wichtige Punkte zumindest erahnen: das enorme Ausmaß ökonomischer Ungleichheit, die jahrelange Untätigkeit gegenüber Rechtsextremismus, die verdrängte Angst vor dem brennenden Planeten. Das wären Analyseansätze, auf denen man aufbauen könnte.

Stattdessen wurde sich darauf beschränkt, mal wieder den Zusammenhalt der „Demokrat:innen“ zu beschwören, während der Demokratie weiter und immer weiter die Menschen wegbrechen, weil sie nur noch als Teil einer autoritären und völkischen Fantasiegemeinschaft glauben, sich stark und sicher fühlen zu können. Und je dramatischer die Lage wird, desto lauter schreien sich die „Demokrat:innen“ gegenseitig an, dass sie ja aber die Guten seien. Protest gegen die AfD ist richtig und wichtig. So aber wird er in eine Sackgasse führen.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Timm Kühn

Timm Kühn Redakteur

Timm Kühn ist Redakteur für soziale Bewegungen im Inland und in Berlin. Für die taz schreibt er seit 2021 über Klima, Kapitalismus und kleine Risse im großen Ganzen. Hat auch mal Politische Theorie studiert.
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16 Kommentare

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  • Zippism

    „Zwei Minuten Meditation, umarmen, während man sich gegenseitig vorsingt, dass man schön, freundlich und liebevoll ist“ – und anschließend die „verdrängte Angst vor dem brennenden Planeten“ als Analyseansatz.

    Man muss der taz lassen: Viel dichter kann man die politische Selbstbespiegelung des liberalen Wohlfühlmilieus kaum beschreiben. Nach einem Wahlergebnis von 44 Prozent für die AfD lautet die Antwort offenbar: Erst einmal alle gemeinsam umarmen und uns versichern, dass wir die Guten sind. Wenn danach noch Zeit ist, können wir ja über die Wähler reden.

    Und dann die grandiose Diagnose: Menschen wenden sich einer autoritären Partei zu, weil sie „Angst“ haben – unter anderem vor dem „brennenden Planeten“. Vielleicht sollte man den Menschen einfach noch eine Meditation anbieten. Eine über Migration, steigende Lebenshaltungskosten, innere Sicherheit und politische Entfremdung. Danach sind vermutlich alle geheilt und wählen wieder SPD.

    Das Problem ist nicht, dass Menschen auf einer Demo zusammen singen oder sich umarmen. Das Problem ist, wenn genau das anschließend als politische Antwort auf einen massiven Rechtsruck verkauft wird.

  • Meister Petz

    Wie schrieb Jan Fleischhauer so treffend: "Die Kuhstallwärme der Gesinnungsgemeinschaft".

  • David Lejdar

    Ich finde das Engagement toll, aber kann nicht viel mit der argumentativ doch eher pauschalen Nutzung von Begriffen wie "Demokratie" und "Faschismus" anfangen. Vom Grundargument her, klar, hört sich schon böse an, wenn da manche davon reden, anhand von Ariernachweis zu entscheiden wer "entsorgt" wird - als anscheinend Kollektivstrafe weil ein Abdul irgendwas gemacht hat (was im Umkehrschluss übrigens bedeutet, dass Deutsche aus pr. Berlin abgeschoben werden können, weil Adolf und so).

    Aber ich finde auch schon Dinge schlimm, wie als Polizei nachts Wohnung jesidischer Familie mit Minderjährigen stürmte. Und wenn da alle so: "Passt schon, der große Minister sagt es doch.", da ist das meiner Ansicht nach nicht besser, als was AfD-Wählern vorgeworfen wird, dass sich mitschleifen lassen, bzw. von Handyfeeds einlullen lassen. Und deswegen pauschal z.B. alle Leute im Bild als Faschisten zu bezeichnen, finde ich eben auf schon eher unsachlichen Abwegen, wo überall Sackgassen.

  • amigo

    Die friedsamen Kundgebungen in Berlin und das moralische Schulterklopfen von Zivilgesellschaften wirken angesichts der Bedrohung wie ein hilfloser Scherz. Wer glaubt, man könne den vormarschierenden Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt und anderswo mit bunter Symbolpolitik, Betroffenheitsbekundungen oder Selbstbeweihräucherung stoppen, hat aus der Vergangenheit rein gar nichts gelernt.



    ​Faschismus lässt sich nicht wegsingen, nicht wegklatschen und nicht durch sanftmütige Apelle besänftigen. 1945 wurde der braune Spuk nicht durch gut gemeinte Worte beendet, sondern durch die kompromisslose, entschlossene Zerschlagung seiner Strukturen und Machthaber.



    ​Gegen die verfassungsfeindlichen Feinde der offenen Gesellschaft hilft nur eine wehrhafte Demokratie, die ihre gesamten verfassungsmäßigen Zähne zeigt: den sofortigen Einsatz harter, rechtsstaatlicher Machtmittel, konsequente Verbote rechtsextremer Kaderschmieden und den ultimativen Schnitt. Wer den Faschismus stoppen will, muss ihn mit aller Härte bekämpfen!

  • Querbeet

    Gut, gut , gut?



    Sind wir in der Kirche,

    Wie wäre es mal mit einem pragmatischen Richtig?

    • XXX

      @Querbeet:

      "Richtig" geht nur, wenn man seine Position im Diskurs begründen kann. Da versagen aber viele "Gute" meiner Erfahrung nach ganz erbärmlich.

  • Nilsson Samuelsson

    Werbung und Propaganda funktioniert für Turnschuhe und Softdrinks genau so für Parteien.

    Aber Werbung und Propaganda ist sehr sehr teuer (Frag mal bei Nike und Coca Cola nach wie viel sie für Werbung ausgeben)

    Für eine Partei wie Autokratie für Deutschland ist das kein Problem weil sie von den überreichsten Menschen der Welt unterstütz werden.

    Dagegen hilft wahrscheinlich nicht nur Händchen halten.



    Dagegen hilf zum Beispiel "TAX THE RICH" (sofort!) und das steht nicht im Parteiprogram der Autokratie für Deutschland.

    • Zippism

      @Nilsson Samuelsson:

      Man kann „Tax the rich“ für eine hervorragende Idee halten. Aber wenn die Antwort auf den politischen Erfolg der AfD lautet: „Wir müssen nur noch stärker besteuern“, verwechselt man Ursache und Wunschzettel.

      Vielleicht sollte man sich statt der Frage, wie man die Reichen besteuert, gelegentlich auch fragen, warum Millionen Menschen überhaupt das Gefühl haben, von der etablierten Politik nicht mehr vertreten zu werden.

    • Desdur Nahe

      @Nilsson Samuelsson:

      Es ist ein Trend, dass jedes ideologische Thema plötzlich auch gegen rechts helfen soll.



      Und jetzt "tax the rich" mal nicht für Aufrüstung, Schulen, Bäume, Wohnraum, Krankenhäuser, mehr Feiertage, Freibier oder sonstiges, jetzt auch als "Sonderabgabe für Überreiche (ab 50.000 Euro Jahreseinkommen) für linke Propaganda".

  • Ohne_Mitte_geht_nix

    "Weiter ging die Szenerie so, dass die iranische Musikerin Faravaz zu zwei Minuten Meditation aufrief, bei der sich die Menschen umarmen sollten, während Faravaz ihnen zusang, dass sie schön seien, freundlich zueinander, liebevoll."



    Genau, nur so wird es möglich sein, ein weiteres Anwachsen der AfD zu unterbinden. Und dann wundern sich diese Leute, dass sie nicht ernst genommen werden.

  • Jim Hawkins

    "die verdrängte Angst vor dem brennenden Planeten."

    Genau. Das ist der wahre Kern des inneren Unwohlseins der AfD-Wählerinnen und Wähler.

    • Desdur Nahe

      @Jim Hawkins:

      Ja, hat mich auch ratlos zurückgelassen. Wählende, die dem Klimawandel skeptisch gegenüber stehen haben nun plötzlich Angst vor dem brennenden Planeten.



      Es ist ein so durchsichtiger Versuch, die eigene Agenda als "hilft gegen AfD" zu verkaufen.



      Gerne weise ich wieder auf die aktuelle Studie der Uni des Saarlandes hin: Zu knapp 90% relevant bei den AfD-Wahlentscheidungen ist das Thema Migration.



      Jede Veranstaltung oder Strategiesitzung gegen die AfD, die dieses Thema ausspart, kann es auch gleich ganz sein lassen.



      Außer es geht natürlich im Kern um "Feelgood in the Bubble".

    • Querbeet

      @Jim Hawkins:

      Ja, das ist Top 1.

  • Thomas Heufers

    Das Establishment beweihräuchert sich als die gute Seite und verschließt den Blick vor sozialen Verwerfungen. In verschiedenen demokratischen Arbeitsgruppen habe ich die prekären Verhältnisse, Lebensbrüche und Arm-/Reich-Kluft als Gründe für AFD- Zuwächse benannt. Diese Sichtweise wollte man nicht teilen.

    Es ist wie mit den Besuchern eines politischen Kabaretts, die für den Moment einfühlsam, tiefgründig und mitfühlend sind. Anschließend setzen sich in ihre Mittelklasse-Limousine und verschwinden in der sicheren Abgeschiedenheit in feinen Wohn- und Lebensverhältnissen.

    Volker Pispers hatte genug davon und hat die Bühne verlassen.

    • Lieselotte Schellong

      @Thomas Heufers:

      Ich glaube in keiner Weise daran, dass es die prekären Verhältnisse sind, die z.B. die bisherigen Nichtwähler von der Couch geholt haben...sondern die Möglichkeit der Rache...für was, für wen...für alles, was nicht in ein eingeschränktes, deutschtümelndes Weltbild passt, woanders stand dieses Zitat : Wenn ich Niedertracht als Motiv empfinde, um mich selbst aufzuwerten und andere abzuwerten, dann ist das ein mächtiges Selbstwirksamkeitsgefühl. Das ist wie eine Droge.

    • Astrid Sehnefeld

      @Thomas Heufers:

      Richtig, weil Volker Pispers vom Establishment in feinen Wohn- und Lebensverhältnissen die Schnauze voll hat, lebt er seit Jahr und Tag in Düsseldorf-Oberkassel, was neben der Altstadt mit Abstand der teuerste Bezirk von Düsseldorf ist...



      Wie kommen Sie denn auf die Idee?



      Volker Pispers war ein genialer Komiker der bei Zeiten seine Schäfchen ins Trockene geholt hat und jetzt Privatier ist.



      Es sei ihm von Herzen gegönnt, aber Komiker erzählen dir nicht was sie für richtig oder falsch halten, die erzählen dir ein Programm. Komiker spielen eine Rolle. So wie die Schauspieler im Tatort 🤷