Aufhebung der Impfreihenfolge: Jeder Impfwillige zählt

Seit diesem Montag gilt beim Impfen keine Priorisierung mehr. Manche haben vor diesem Schritt gewarnt – zu Unrecht. Er kommt genau zum richtigen Zeitpunkt.

Helfer bereiten Spritzen mit Biontech-Pfizer Impfstoff im Corona Impfzentrum Messe Berlin zum impfen vor.

Der Kipppunkt naht: Schon sehr bald wird es mehr Impfstoff als Impfwillige geben Foto: Michael Kappeler/dpa

Die Impfpriorisierung war richtig und sinnvoll. Denn von vornherein war klar, dass mit der Zulassung nicht gleich für jeden Impfstoff zur Verfügung stehen würde. Die am meisten gefährdeten Personen sollten Vorrang erhalten. Genauso richtig ist es, sobald eine bestimmte Impfquote erreicht ist, diese Priorisierung aufzuheben. Genau an diesem Punkt sind wir nun angekommen.

Mehr als 45 Prozent der Bevölkerung sind erstgeimpft, jeder fünfte Bundesbürger hat eine vollständige Impfung hinter sich. Und auch wenn einige aus den Priorisierungsgruppen noch nicht dran waren – sobald sie sich melden, sollen und werden die Ärzte sie ja auch weiter bevorzugen. Mehr als 70 Prozent aller impfbereiten Erwachsenen sollen laut Bundesgesundheitsministerium mindestens einmal geimpft worden sein. In großen Schritten geht es weiter. Das Versprechen der Bundesregierung, bis zum Ende des Sommers jedem Impfwilligen ein Angebot zu machen, wird wahrscheinlich schon im Juli erreicht.

Die Aufregung der Kassenärztlichen Vereinigung, mit der gestrigen Aufhebung der Impfreihenfolge werde es einen Ansturm auf die Praxen geben, ist überzogen. Den gab es schon – er fällt zudem lokal unterschiedlich aus. Während die Telefone in Praxen in dicht bevölkerten Ballungsräumen wirklich nicht stillstehen, sieht es am Stadtrand ganz anders aus. Dort werden Ärzte den Impfstoff von AstraZeneca gar nicht mehr los. Und auch bei Biontech bleiben immer häufiger Dosen übrig, sodass schon seit Wochen auch Nichtpriorisierte zum Zuge kommen.

Schon sehr bald wird der Kipppunkt erreicht sein, an dem es mehr Impfstoff als Impfwillige geben wird. Das ist auch ein Problem. Damit noch gefährlichere Varianten gar nicht erst die Chance haben, sich zu entwickeln und womöglich den Immunschutz der bestehenden Impfungen umgehen, müssen möglichst viele geimpft werden. Jeder Einzelne ist gefragt, im Freundeskreis, bei den Verwandten Zauderer von der Wichtigkeit des Impfens zu überzeugen. Dann können wir uns auf einen entspannten Sommer freuen – und auf einen schönen Herbst.

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war von 2012 bis 2019 China-Korrespondent der taz in Peking. Nun ist er in der taz-Zentrale für Weltwirtschaft zuständig. 2011 ist sein erstes Buch erschienen: „Der Gewinner der Krise – was der Westen von China lernen kann“, 2014 sein zweites: "Macht und Moderne. Chinas großer Reformer Deng Xiao-ping. Eine Biographie" - beide erschienen im Rotbuch Verlag.

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