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250 Jahre USAStill under construction

Sebastian Moll

Essay von

Sebastian Moll

Der 4th of July 2026 ist für viele kein Grund zum Feiern. Die Gründerväter wussten, dass es harte Arbeit für die Verwirklichung ihrer Ideale braucht.

W enn man heute ältere Amerikaner fragt, woran sie sich am besten erinnern, wenn sie an die 200-Jahr-Feier der Unabhängigkeitserklärung vor 50 Jahren denken, dann werden einige vielleicht die Segelregatta historischer Schiffe im New Yorker Hafen nennen, die Feuerwerke in Washington über dem Potomac oder sogar die ordentliche, wenn auch nicht glänzende Rede des Übergangspräsidenten Gerald Ford. Sehr viele, wenn nicht gar die meisten erinnern sich jedoch an das Album und die Tournee des Comedians Richard Pryor mit dem Titel „The Bicentennial Nigger“.

Kern der Tour war Pryors Satire einer schwarzen Predigt zum 200. Geburtstag der Nation. Der Prediger der Kirche „des Verständnisses und der Einheit“ verkündet in festlichem Ton die Zusammenkunft zur Feier von „200 Jahren, in denen weiße Leute uns in den Arsch treten“. Sein Festgebet ist dann auch: „Lieber Gott, sag uns doch: Wie lange noch? Wie lange, bis dieser Bullshit zu Ende ist?“ Pryor wird heute dafür gewürdigt, dass er als einer der Ersten das Genre der Comedy politisiert hat und dabei bittere Wahrheiten über Amerika aussprach, die so bislang niemand zu artikulieren wagte.

In diesem Fall war es, noch unter dem unmittelbaren Eindruck der Triumphe der Bürgerrechtsbewegung, die unbequeme Wahrheit, dass es mit dem, was wir heute systemischen Rassismus nennen, noch lange nicht vorbei ist. Mehr noch, die Predigt zum Jahrestag platzierte Rassismus ins Zentrum der amerikanischen Identität – ähnlich wie dies vor wenigen Jahren das „1619 Project“ mit seiner revisionistischen Geschichte der USA wieder tat.

Sebastian Moll

ist studierter Amerikanist und lebt seit 2002 als freischaffender Journalist und Autor in Amerika. Im Picus-Verlag erschein seine „Lesereise New York“.

Dem entgegen steht die Rede, die US-Präsident Donald Trump zur Eröffnung der „State Fair“ auf der National Mall anlässlich des 250. Jubiläums der USA hielt. Bevor er sich in aller Breite selbst für seinen angeblich historischen Erfolg in Iran lobte, erwähnte er kurz die Unabhängigkeitserklärung der USA, in welcher die Gründerväter uns „250 Jahre glorreicher Freiheit“ schenkten und Amerika zur „großartigsten, stärksten und exzeptionellsten Nation der Geschichte“ machten.

"Alles freiheitsliebende Helden"

Das Bild entspricht recht genau dem mythischen weißen Geschichtsverständnis, das James Baldwin 1963 etwas bissig so formuliert: „Die Vorfahren waren alles freiheitsliebende Helden, sie wurden in das großartigste Land der Geschichte hinein geboren, sie waren stets siegreich im Krieg und weise im Frieden.“ Kurz: Amerika war von Beginn an makellos, weder hatte es einen Genozid an den Ureinwohnern noch die Sklaverei gegeben, und wenn doch, so waren es zu vernachlässigende Betriebsunfälle. Eine kritische Selbstreflexion erscheint komplett überflüssig.

Natürlich hat niemand ernsthaft von Trump erwartet, dass er zum 250. Jubiläum der Nation einen kritischen Blick auf die amerikanische Geschichte werfen würde. Schließlich ist seine Regierung seit anderthalb Jahren damit beschäftigt, alles, was ein makelloses Bild von Amerika stört, aus Museen, Universitäten und Schulbüchern zu tilgen. Für die Maga-Ideologen ist Amerika ahistorisch. Exzeptionalismus bedeutet, dass die USA gänzlich aus der Zeit herausgesprungen sind.

Sie sind vor 250 Jahren als großartigste Nation der Welt, als Endpunkt der Menschheitsentwicklung vom Himmel gefallen und werden seitdem nur immer größer und großartiger. Der einzige Konflikt ist derjenige mit den Feinden Amerikas, die dieses Narrativ infrage stellen. Die amerikanische Geschichte vor ihnen zu schützen ist das, was mit „Make America Great Again“ schon immer gemeint war.

Es wurden immerhin ein Rahmen und ein Ziel festgelegt, ein besseres Zusammen­leben der Menschen auf Erden anzustreben, als man es bis dahin kannte

Pryor und Baldwin hatten freilich ein anderes Bild von der amerikanischen Geschichte. Als Afroamerikaner erschien ihnen der Mythos der perfekt geborenen Nation natürlich absurd. Aus ihrer Perspektive blieb nur die Hoffnung für ihre Nachfahren, dass sich die Dinge eines Tages grundsätzlich zum Besseren wenden. Baldwin resümierte, er könne sich Verzweiflung schlicht nicht leisten. In seinem Aufsatz „A Fire Next Time“ unterstrich er diesen Glauben an Amerika.

Nur nicht verzweifeln

Eine Revolution zu gewinnen, so wie die Aufständischen gegen die englische Krone, sei weitaus einfacher, als ihre Ziele zu verwirklichen. Dennoch müsse er daran glauben, dass Menschen besser sein können, als sie sind, und dass Amerika die einzige westliche Nation sei, „mit der Kraft und der Erfahrung, Revolutionen Wirklichkeit werden zu lassen und dabei den menschlichen Schaden zu minimieren“.

Als Afroamerikaner in den 1960er und 1970er Jahren hatten Baldwin und Pryor gute Gründe an Amerika zu verzagen. Dass sie es nicht taten, ist sehr hilfreich für die Betrachtung der heutigen Situation. Es gibt vieles am heutigen Amerika, an dem sich verzagen ließe. Die amerikanische Demokratie ist ein Schatten ihrer selbst, man kann nur bangen und hoffen, dass sie wenigstens in ihren Grundzügen die Dauerattacken der Trump-Regierung übersteht.

Doch Stimmen wie die von Baldwin lehren uns, auch in dunkelsten Zeiten nicht an Amerika zu verzweifeln. Sie lehren einen Optimismus, der so amerikanisch ist wie Blues und Baseball und der für europäisches Empfinden oft an der Grenze des Naiven entlang schrammt. Der Optimismus nährt sich aus einem Geschichtsbewusstsein, das dem von Trump entgegensteht. Es sieht Amerika als Zivilreligion.

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Die amerikanische Verfassung und die Grundwerte der Nation sind laut dieser Geschichtsauffassung alles andere als ein fertig geschnürtes Paket, das die Gründerväter vor 250 Jahren hinterlassen haben. Sie sind ein Versprechen, ein Ausgangspunkt für die harte Arbeit an der Nation – „achieving our country“ nannte der Philosoph Richard Rorty den Auftrag, der jeder Generation von Amerikanern aufs Neue mitgegeben wird. Entscheidend daran ist, dass Amerika als ein ewiges Werden begriffen wird, als ein Auftrag von nahezu biblischem Zuschnitt.

Ein Schritt nach dem anderen

Zusammengehalten wird die Nation durch den unerschütterlichen Glauben daran, dass sich die Ideale der Nation irgendwann einmal verwirklichen lassen. Die Unvollkommenheit der Blaupause für das Land war deren Verfassern durchaus bewusst. Benjamin Franklin, der Einzige, der sowohl an der Unabhängigkeitserklärung als auch an der Verfassung mitgewirkt hatte, sagte, er unterzeichne das Dokument im vollen Bewusstsein seiner zahlreichen Unvollkommenheiten und in der Hoffnung, dass es wenigstens eine Weile lang die Menschen vor Despotismus bewahren könne.

Alexander Hamilton fand die Verfassung „besser als nichts“, und der erste Präsident der USA, George Washington, notierte in einem Brief, dass man „in dieser Welt keine Perfektion erwarten“ dürfe. Aber es wurden immerhin ein Rahmen und ein Ziel festgelegt, ein besseres Zusammenleben der Menschen auf Erden anzustreben, als man es bis dahin kannte. Die liberale Auffassung des Projekts Amerika als ewiges Werden hat sich im Großen und Ganzen durch das 20. Jahrhundert und bis in unsere Gegenwart gehalten.

Prototyp dieser liberalen Einstellung war etwa Barack Obama, dessen Rede auf dem Wahlparteitag 2008 am Ort der Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia bereits das Thema einer „perfekteren Union“ hatte. Er positionierte sich damit zwischen Linken, die das Projekt Amerikas als hoffnungslos betrachten und den Konservativen, die Amerika als immer schon perfekt sehen und die Realität schlicht ignorieren. Stattdessen bewarb er die unermüdliche, unerschütterliche Arbeit an Amerika.

Es war dieser geduldige, immer optimistische Gradualismus, der die USA stets vorangebracht und die amerikanische Demokratie ihrer Verwirklichung ein Stück nähergebracht hat. Er hat den Bürgerkrieg und die Sklavenbefreiung angetrieben, jene katastrophische Selbsterneuerung des Landes, die nötig war, weil die Gründerväter das Thema der Sklaverei in der Verfassung ausgespart hatten. Er hat die Arbeiterbewegung vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre angespornt, die in einer umfassenden Sozialgesetzgebung in den 1930er Jahren mündeten.

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Trotz Trump zuversichtlich

Er hat die Frauenbewegung von der „Declaration of Sentiments“ aus dem Jahr 1848 bis zur Verabschiedung des 19. Verfassungszusatzes 1920 geführt. Und er hat zum Ende des „Jim-Crow-Systems“ im Süden durch die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung geführt. Gegner des Fortschritts waren stets die Kräfte, die Amerika als immer schon perfekt ansahen, als Land ohne Geschichte. Die konservativen „Originalisten“ im Supreme Court etwa, die die Verfassung als unverrückbares Gesetz betrachten und sich darauf berufen, um errungene soziale Fortschritte wie das Abtreibungsrecht oder das Wahlrecht für Minderheiten wieder rückgängig zu machen.

Dem Fortschritt zuträglicher sind freilich auch die nicht, die die amerikanische Geschichte nivellieren und leugnen, dass der Kreis derer, die zur Teilhabe an der amerikanischen Gesellschaft eingeladen sind, sich in 250 Jahren dramatisch erweitert hat. Aber die Optimisten und Gradualisten, die den Glauben an die Möglichkeit von Amerika nicht aufzugeben bereit sind, und auf lange Sicht immer die stärkste Kraft in der amerikanischen Gesellschaft waren, sind auch unter Trump hartnäckig.

In Minneapolis riskierten Bürger ihre Existenz und ihr Leben, um sich gegen eine grausame Einwanderungspolizei zu stemmen. Die „No Kings“-Proteste gegen Trumps Totalitarismus waren drei der größten Massendemonstrationen der amerikanischen Geschichte. Das Widerstandsnetzwerk "Indivisible" umfasst rund 3.000 selbstorganisierte Gruppen im ganzen Land, die sich jederzeit mobilisieren lassen.

Und in Bundesstaaten von New York über Maine bis Colorado lässt sich eine neue Generation für den Kongress aufstellen, um in Washington für die Demokratie und gegen das korrupte Establishment zu kämpfen. Sie alle haben den Glauben der Gründerväter nicht aufgegeben, dass es ein besseres Zusammenleben zwischen Menschen geben kann. Und sie machen Hoffnung, dass das Projekt Amerika noch lange nicht gescheitert ist.

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