New York ist nicht die USA: Wie New York zur WM-Stadt wird
Bürgermeister Zohran Mamdani kämpft für bezahlbare Tickets, feiert mit Fans und nutzt die WM für politische Statements gegen Washington.
Es dürfte schwer sein, einen US-amerikanischen Politiker zu finden, mit dem man über Fußball fachsimpeln kann, doch der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani bildet auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Als ein Reporter des Sportmagazins The Athletic ihn etwa fragt, wie er sein geliebtes Arsenal London verstärken würde, fallen ihm auf Anhieb Éli Junior Kroupi und Julián Álvarez ein. „Wir brauchen mehr Tempo auf den Flügeln“, sagt er. Mbappé fände er natürlich auch toll, aber wahrscheinlich utopisch.
Es sind keine Fakten, die er vor dem Weltcup schnell auswendig gelernt hat, der gebürtige Ugander Mamdani ist tief in der Fußballkultur verwurzelt. Noch bis kurz bevor er Bürgermeister wurde, spielte er in einer Feierabendmannschaft in Brooklyn. Danach ging es dann in Fußballkneipen wie das Windjammer oder das Duckduck, um Premier-League Spiele zu schauen.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Während des hohen islamischen Feiertags Eid-ul-Adha erschien er in einer Kurta mit den Arsenal-Farben zu einer Familienfeier. Bei seinem Besuch des Erstrundenspiels Marokko gegen Brasilien trug er dann dienstlich ein New-York-Trikot, seine Frau Rama Duwaji verriet mit ihrem Marokko-Leibchen jedoch die Familienneigung für afrikanische Mannschaften. „Na klar würde ich mir Marokko im Finale wünschen“, gab Mamdani zu. Doch das sei wohl genauso unwahrscheinlich, wie Mbappé zu Arsenal zu holen.
Während des Turniers kommt in Mamdani wieder einmal der Einwanderer durch. Der Bürgermeister hat als Kind schon in Kinshasa gekickt und zu seinen schönsten Erinnerungen gehört der Besuch des WM-Turniers in Südafrika mit seinem Großvater. Auch an die senegalesische Mannschaft von 2002 kann er sich noch gut erinnern, an El-Hadji Diouf oder Henri Camara. Er selbst, sagt er, habe als Spieler hingegen immer mehr Herz als Talent besessen.
Fußballstadt New York
Das Herz ist heute noch zu spüren. So euphorisch Mamdani noch vor einer Woche mit einer Jubelrede den Basketballtriumph der New York Knicks gefeiert hat, so enthusiastisch ist er jetzt, wenn er auf einem Platz in seinem Heimatstadtteil Queens mit Kindern kickt und dabei verkündet, dass alle Plätze der Stadt während der WM 24 Stunden lang geöffnet sind. Mamdani macht es sichtbar Spaß, wie sich New York zurzeit in eine Fußballstadt verwandelt.
In anderen US-Städten zündet das WM-Fieber hingegen bislang nur punktuell. Der Sport wird in weiten Teilen des Landes noch immer als unamerikanisch empfunden – auch wenn Trump sich nun mit Infantino besser versteht als mit den NFL-Bossen. In New York verbreitet es sich jedoch so rasch wie ein Waldbrand im trockenen Gehölz. Als die norwegischen Fans beim Public Viewing am Times Square ihre Wikinger-Choreo zum Besten gaben, machten Tausende begeisterte Passanten einfach mit. Nach dem Spiel Mexiko gegen Ecuador entzündete sich im lateinamerikanischen Einwandererviertel Jackson Heights ein Straßenfest, dass auch die ecuadorianischen Fans tröstete. Und in Little Senegal in Harlem trafen sich Franzosen und Senegalesen, um gemeinsam die Partie ihrer beiden Länder zu feiern.
Das ist die Vision des WM-Turniers in New York, die Mamdani schon gehegt hatte, als die Vergabe des Turniers bekannt gegeben wurde und er noch lange nicht daran dachte, als Bürgermeister zu kandidieren. Der Sport der Welt kommt in die Stadt der Welt, Einheimische aus allen Ländern feiern mit Besuchern aus allen Ländern. „The people’s game comes to the people’s city“ ist der offizielle New Yorker WM Slogan.
Auch Pauli-Fans finden eigene Kneipe
Dabei demonstriert die Stadt, dass sie schon lange über eine ebenso tiefe Fußballkultur verfügt wie ihr Bürgermeister. Das liegt natürlich zu einem guten Teil an den vielen Einwanderern. Es liegt aber auch daran, dass die urbane Elite der Stadt sich schon lange darin gefällt, lieber europäischen Fußball zu schauen als American Football. Es gibt kaum einen großen europäischen oder lateinamerikanischen Verein, der in New York keine Fankneipe hat, sogar St. Pauli ist vertreten. Und das Fachwissen des Bürgermeisters ist nicht ungewöhnlich.
Mamdani vereint beide New Yorker Fankulturen in sich: diejenige der jungen Professionellen und diejenige der Einwanderer. Und während der WM kommen sie in der Stadt zusammen. Doch darum, dass die WM wirklich ein Fest für alle ist, musste Mamdani kämpfen.
So musste er Gianni Infantino ausreden, für die geplanten Fanfeste in der Stadt Geld zu verlangen. Zugleich verhandelte er mit dem Fifa-Boss um ein Kontingent verbilligter Tickets. Ein Drittel der Plätze für jedes Spiel für New Yorker hätte er gerne gehabt. 1.000 für alle sieben Spiele bekam er schließlich.
Zohran Mamdani, New Yorks Bürgermeister
Am härtesten kämpfte er jedoch nicht mit der Fifa, sondern mit dem Nachbarstaat New Jersey, auf dessen Territorium das Meadowlands Stadion liegt. Die Betreibergesellschaft für den Bus- und Zugtransfer zum Stadion wollte pro Fahrt bis zu 150 US-Dollar verlangen. Mamdani konnte sie auf 98 US-Dollar herunterhandeln. Gleichzeitig setzt er nun städtische Schulbusse für den Transport ein, die 20 US-Dollar kosten. Doch auch hier ging seine Klage weniger nach New Jersey als in Richtung der Fifa: „Ich kann New Jersey verstehen. Sie müssen die Kosten wieder reinholen, die die Fifa auf die Kommunen abwälzt.“
Stets im Clinch mit Washington
Dass Mamdani die WM in New York als inklusiv und weltoffen inszeniert, ist natürlich auch ein erneutes Statement in Richtung Washington. So hielt Mamdani auch nicht hinter dem Berg, als es um die Erschwerung der Einreise für Spieler, Angehörige und Journalisten aus bestimmten Ländern ging. „Das widerspricht in jedem Sinn dem Geist dieses Turniers.“
Das würde auch eine verstärkte Präsenz von ICE auf den Straßen der Stadt machen, die ICE-Direktor Homan vor dem Turnier angekündigt hat. Bislang traut sich ICE jedoch nicht, New York die Party zu verderben. Weder am Stadion noch in der Stadt wird bislang von einem Anstieg von Verhaftungen oder Deportationen berichtet.
Allerdings erinnerten Demonstranten rund um das Meadowlands Stadion mit Bannern daran, dass nur fünf Kilometer entfernt in einem ICE-Lager Insassen wochenlang wegen unmenschlicher Bedingungen einen Hungerstreik durchgeführt hatten. Beendet wurde der Streik nur durch Druck und die Verlegung der Inhaftierten. Mamdani hatte die Proteste vor dem Aufbewahrungslager unterstützt.
Auch zu den Feiern zum 250. Geburtstag der USA am 4. Juli ließ es sich Mamdani nicht nehmen, das Wort zu ergreifen. Eingerahmt von einem Dutzend frisch naturalisierter Neu-Amerikaner lobte er die USA als Land der Einwanderer und New York in diesem Sinn als die amerikanischste aller Städte. Und ohne den Namen Trump zu nennen, rief er zum Widerstand gegen die Regierung auf. Die Ideale Amerikas seien stärker als jedes autoritäre Regime, sagte er. Allerdings müsse jede AmerikanerIn danach greifen und dafür kämpfen. Danach ging er in seinen Stammbezirk Queens, um sich mit seinen Mit-New-Yorkern die Partie Kolumbien gegen Ghana anzuschauen.
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