piwik no script img

Preise für Israel-Kritiker Zwei Ohrfeigen für Deutschland

Daniel Bax

Kommentar von

Daniel Bax

Die Buchpreis-Rede von Philippe Sands und der Friedensnobelpreis an Navi Pillay zeigen: Die Bundesregierung steht zunehmend allein da.

D ie Rede war eine Ohrfeige. Es sei „unanständig“, über israelische Kriegsverbrechen zu schweigen und „diejenigen zum Schweigen zu bringen, die versuchen, diese Verbrechen anzuprangern“, wandte sich der französisch-britische Jurist Philippe Sands an die Bundesregierung, als er am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm. Das saß. Der Bundespräsident rührte keine Hand, als das Publikum Sands applaudierte.

Erst am Freitag hatte das Nobelkomitee in Oslo mit seiner Ankündigung, der südafrikanischen Juristin Navi Pillay den Friedensnobelpreis zu verleihen, Vertreter der deutschen „Staatsräson“ vor den Kopf gestoßen. Denn Pillay leitete zuletzt eine UN-Untersuchungskommission, die Israel vorwarf, im Gazastreifen einen Völkermord zu verüben. In Deutschland kommt so etwas nicht gut an. Bereits vor vier Jahren boykottierte Berlins damalige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey eine Preisverleihung an Pillay in der Hauptstadt, weil diese schon damals Sanktionen gegen Israel forderte.

Die USA und Israel gratulierten der frischgebackenen Nobelpreisträgerin nun prompt auf ihre Art: US-Präsident Trump verhängte neue Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, Israels von diesem Gericht gesuchter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu schäumte, und sein Außenministerium verstieg sich zu der Formulierung, NS-Propagandaminister Joseph Goebbels werde Pillay „aus der Hölle“ applaudieren: eine Entgleisung.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.

taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Deutschland reagierte auf die Ausfälle Israels bisher so, wie man es kennt: mit betretenem Schweigen. Die Auszeichnung für Pillay und der Appell von Philippe Sands zeigen aber, dass die Bundesregierung zunehmend allein dasteht und ein großer Teil der Welt den Völkermord-Vorwurf gegen Israel nicht als antisemitisch, sondern als berechtigt ansieht. Das sollte der Bundesregierung eine Mahnung sein, sich wieder stärker auf die Seite des Völkerrechts zu schlagen.

Daniel Bax

Daniel Bax Redakteur

Daniel Bax ist Journalist und Autor und schreibt über Politik, Kultur und Gesellschaft in Deutschland. Er arbeitet als Themenchef im Regieressort der taz und hat mehrere Bücher veröffentlicht: “Angst ums Abendland” (2015) über antimuslimischen Rassismus und “Die Volksverführer“ (2018) über den grassierenden Rechtspopulismus. Sein aktuelles Buch "Die neue Lust auf Links" über das Comeback der Linkspartei ist Ende 2025 im Goldmann Verlag erschienen. Impressum: Daniel Bax c/o taz, die tageszeitung. taz Verlags- und Vertriebs GmbH, Friedrichstr. 21, 10969 Berlin
Mehr zum Thema

8 Kommentare

  • Karla Columna

    Philippe Sands hat den Friedenspreis bekommen und kritisierte die Bundesregierung, Navi Pillay bekam den Friedensnobelpreis und gab in den Tagesthemen ein Interview. Wollen wir also mal festhalten, dass in D Kritik an Israel und Deutschland ohne Probleme und unzensiert geäußert werden kann. Beide tun das übrigens, sofern ich das beobachten konnte, ohne antisemitische Stereotypen zu reproduzieren. Pillay wurde in der Jüd Allgemeinen kritisiert, weil sie sich hinter einen Mitarbeiter stellte, der von „jüdischer Lobby“ sprach. Auch diese Kritik darf sein.

  • Martin Rees

    In der Fernsehübertragung der ARD zur Verleihung des Preises an Philippe Sands sah ich !einige freie Plätze: Vielleicht könnten solche auch an weniger prominente Menschen abgetreten werden, die mehr Sinn für derartige Veranstaltungen haben als die wahrscheinlich für diese Sitze vorgesehenen und erwarteten Personen.

  • rero

    Man kann unserer Regierung, Steinmeier oder auch Giffey nun nicht vorwerfen, sie hätten kein Rückgrat.

    Sonst gilt Opportunismus als Makel.

    Hier wird er mal positiv besetzt.

    Ist die juristische Frage, ob der Völkermord-Vorwurf berechtigt ist oder nicht, denn eine Sache von Mehrheiten oder demokratischer Abstimmung unter Regierungen?

  • Manzdi

    Endlich spricht es mal jemand aus.



    Aber in Deutschland sind es vor allem die CDU/CSU, die mit dem Vorwurf des Antisemitismus pauschal populistisch gegen Links keilen.



    Auch wenn Israel bedroht wurde und wird, hat es sich an das Völkerrecht zu halten.

    • Perkele

      @Manzdi:

      Genau das ist die einzig mögliche Betrachtung. Sachliche, notwendige Kritik an der israelischen Regierung ist KEIN Antisemitismus. Dieser wird jedoch durch die Kriegsverbrechen gefördert, weil viele Menschen nicht differenzieren und gleich alle jüdischen Menschen in einen Topf mit den Kriegsverbrechern werfen. Diese jüdischen Menschen weltweit leiden dann darunter, obwohl sie nicht dafür verantwortlich sind. . .

  • Worgt Michael

    ..... hat nicht auch der Verteidigungsminister



    Ein Leben in Gaza für unmöglich gehalten und wurde prompt gescholten .



    Keine Kritik an Israel heißt Zustimmung zum



    Völkermord , wie soll man es sonst benennen ?



    Aber wirtschaftlichen Interessen stehen nun



    mal höher als die Moral in der politischen Politik. .

  • Lowandorder

    …anschließe mich

    • EffeJoSiebenZwo

      @Lowandorder:

      Aber sowas von …