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Friedenspreisverleihung in FrankfurtLeises und lautes Schweigen

Der Völkerrechtler und Autor Philippe Sands wurde mit dem Friedenspreis geehrt. In der Paulskirche kritisierte er das Schweigen Deutschlands zu Gaza.

Als die Mail kam, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ihm den Friedenspreis 2026 verleihen will, habe er erst gedacht, seine Kinder spielten ihm einen Streich, sagte Philippe Sands, als er am Samstagmorgen im grauen T-Shirt zum Pressegespräch auf der Frankfurter Buchmesse erschien. Erst nach einigem Googeln (Karl Schlögel! Anne Applebaum! Salman Rushdie!) sei ihm gedämmert, dass es ernst sei.

Dann habe er sich gefragt: „Wird meine Frau mich nötigen abzulehnen, damit mein Ego nicht noch größer wird?“ Doch alles sei gut: Der Preis habe seine Frau, Tochter eines Verlegers, glücklich gemacht, man sei nun zum ersten Mal zusammen in Frankfurt. Die Kinder hätten sogar den Link zum Preisverleihungs-Llivestream verlangt – „das lässt auf ein gewisses Interesse schließen“.

Philippe Sands, der renommierte französisch-britische Anwalt, Völkerrechtler und Schriftsteller, ist das britische Understatement in Person. Im selbstironischen Plauderton serviert er Anekdoten aus seinem Alltag als Familienvater, Anwalt und Völkerrechtsexperte. Vom Pinochet-Prozess in den 1990ern, den er als Ankläger begleitete, von seiner Freundschaft zum Sohn des NS-Kriegsverbrechers Hans Frank bis zu seinem Londoner Nachbarn John Le Carré, dem er so manche Inspiration geliefert habe …

Unerschütterlicher Glaube ans Individuum

Zurückhaltung, und zwar in Dingen der Moral, ist Sands nach eigenem Bekunden allerdings beim Schreiben ebenso wichtig wie im Gerichtssaal: Die Leserschaft, der Richter, solle sich ihre eigene Meinung bilden. Trotzdem glaube er, dass einzelne Menschen einen Unterschied machen könnten. Durch das Schreiben eines Buchs. Durch einen Auftritt vor Gericht. Durch eigenes Handeln.

Dieser unerschütterliche Glaube Sands’ an die Kraft, aber auch Verantwortung des Individuums zieht sich durch sein literarisches Werk: In Bezug auf sein Buch „Die Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, mit dem Sands 2016 der Durchbruch als literarischer Sachbuchautor gelang, heißt es in der Preisbegründung des Börsenvereins: „Der Nachkomme von Holocaustüberlebenden zeigt entlang der eigenen Familiengeschichte, wie dieses Recht entstanden ist und welche Erfahrungen hinter den Tatbeständen ‚Genozid‘ und ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ stehen.“

Am Sonntag bei der Friedenspreisverleihung in der blumengeschmückten Paulskirche, wo dem 66-Jährigen, diesmal im dunklen Anzug, im Rahmen einer feierlichen Zeremonie und zahlreichen prominenten Ehrengästen, der Friedenspreis verliehen wurde, hob Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz dessen Werte hervor: Es gelte, mit „Empathie, Nachdenklichkeit, Orientierung, Verständnis und Expertise“ der Komplexität der Welt zu begegnen. Oberbürgermeister Mike Josef erinnerte in seinem Grußwort daran, dass in Lwiw, Partnerstadt von Frankfurt, heute wieder gekämpft werde und dass die Solidarität nicht enden dürfe.

Mirjam Zadoff, Leiterin des NS-Dokumentationszentrums München, sagte in ihrer Laudatio, man ehre mit Sands „einen Juristen, der das Internationale Recht mit Haltung und Klarheit vertritt in einer Zeit, in der Sinn und Legitimation des Völkerrechts immer häufiger infrage gestellt werden“. Mit Blick auf seine Bücher, in denen Sands unter anderem den Holocaust, die Verbrechen der chilenischen Diktatur oder die gewaltsame Vertreibung der Ein­woh­ne­r:in­nen des Chagos-Archipels durch das britische Militär in den Blick nehmen, stellte Zadoff fest: „Der Blick dieses Autors scheut nicht die Abgründe unserer menschlichen Existenz, den grenzenlosen Schmerz, die unvorstellbare Grausamkeit.“ Dennoch sei Sands niemals zynisch, sondern suche nach Hoffnung: „Es ist die Liebe zur Musik, die Liebe zur Welt und die Liebe zu den Menschen, die aus Philippe Sands’ Werk spricht.“

Spurensuche in Lwiw

Auf das von Laurent Naouri ergreifend gesungene „Erbarme Dich“ aus Bachs Matthäus-Passion folgte Sands’ Dankesrede mit dem einem Coleridge-Gedicht entlehnten Titel „Albatros des Schweigens“, der er seine Freude über den Friedensnobelpreis für Navanethem Pillay voranstellte – und Respekt für standhafte Anwälte und Richter in den USA bekundete. Sands sprach, die ersten Sätze in einem französisch eingefärbten Deutsch, vom lähmenden „deutschen“ Schweigen in seiner Familie.

Vom aus der Familie verbannten Deutschen, das über Autos, Fußball und besonders Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“ doch Eingang in sein persönliches Leben gefunden habe. Von der Spurensuche in Lwiw nach seinem Großvater, bei der er zufällig auf die Geschichte der Juristen Herrsch Lauterpacht und Raphael Lemkin stieß, die dort die Konzepte von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord entwickelt hatten. Vom Erheben seiner Autorenstimme dafür, dass „Ökozid“ eine eigener Straftatbestand wird (das Vorhaben, schwere Umweltverbrechen künftig vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen zu können, treibt Sands seit Jahren mit anderen Ju­ris­t:in­nen voran) – weil es nicht nur Menschen zu schützen gelte, sondern auch die Welt.

Eine Welt ohne Regeln sei unsinnig, mahnte Sands. Diese Regel gälten aber „auch für unsere Freunde“. Damit kritisierte er, unter wiederholtem Applaus der Anwesenden, Deutschlands Zurückhaltung zu Israels Vorgehen im Gazakrieg: „Deutschland hat viele Gräuel angeprangert und ist aktiv geworden, von den Je­si­d*in­nen bis zu den Uigur*innen, von Syrien bis Iran, von Myanmar bis Sudan. Doch zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut.“

Er schloss mit einem Zitat von Leonard Cohen, das in der Paulskirche nachhallte, noch bevor der ganze Song gesungen wurde: „Let us run no more, with the lawless crowds, whoever they may be. Let us hold to account the killers in high places, even as they say their prayers aloud.“

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