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Schulproteste in Frankreich Schließt euch an!

Valérie Catil

Kommentar von

Valérie Catil

In Frankreich protestierten in den letzten Tagen fast eine halbe Million Menschen. Deutschland sollte sich davon inspirieren lassen.

E s ist ein guter Zeitpunkt, zu beweisen, dass internationale Solidarität keine bloße Phrase ist. Was sich dieser Tage in Frankreich abspielt, hat das Potenzial, noch größer zu werden und sich in eine Ländergrenzen überschreitende Bewegung zu verwandeln. Die Demonstrierenden vor Ort verstehen das – und bitten explizit um Unterstützung aus Deutschland. Es wäre sinnvoll, sich anzuschließen, nicht nur aus reiner Solidarität.

Die Proteste begannen bereits Mitte September. Im Laufe der Zeit schlossen sich immer mehr Jugendliche an und blockierten Schuleingänge. Grund dafür waren die desaströsen Zustände dort: Videos und Berichte zeigten Wasserschäden, Schimmel, kaputte Fenster und Ratten auf den Schulfluren.

Hinzu kommt, dass massenhaft Lehrkräfte fehlen, Ausfallstunden sich häufen und weitere Kürzungen im Bildungsbereich drohen. Zunächst protestierten immer mehr Schulen in Solidarität mit, darunter auch solche in privilegierten Vierteln, die unter dem maroden Bildungssystem weniger leiden als Schulen in der Banlieue.

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Nach fast einem Monat hat sich aus den ursprünglichen Protesten eine gewaltige Bewegung entwickelt, die über Schüler_innen hinausgeht: Am Aktionstag am vergangenen Dienstag versammelten sich laut Organisatoren 450.000 Menschen in Frankreich, davon knapp 100.000 allein in Paris.

Staat anwortet mit roher Gewalt

Feuerwehrleute, Gewerkschafter_innen, Lehrer_innen, Student_innen und Eltern haben sich den Schüler_innen angeschlossen. Auch der Gegenstand ihrer Proteste hat sich längst ausgeweitet: Sie demonstrieren gegen die rechte Partei Rassemblement National, gegen den Völkermord in Gaza, gegen Kapitalisten und die Klimakrise.

Seit Beginn wurden etwa 6.600 Menschen, auch Schüler_innen, festgenommen. Mehr als 215 Schüler_innen wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Warum antwortet der Staat mit solch harten Repressionen und roher Gewalt auf die Proteste? Ihm ist bewusst, dass es sich kaum mehr um eine reine Schüler_innenbewegung handelt. Es hat sich ein Momentum generiert, das bis zur Präsidentschaftswahl im April 2027 anhalten könnte – das gilt es zu ersticken.

Allein wegen dieser Repressionen verdienen die Demonstrierenden dort Unterstützung. Dabei müssen Proteste in Deutschland über eine die reine Solidarisierung mit Frankreich hinaus gehen. Denn kontinuierliche Massenproteste sind angesichts des sozialen Kahlschlags und der sogenannten Reformen längst überfällig.

Während ein Rekordetat für die Aufrüstung beschlossen wird, verkündet die Regierung gefühlt im Wochentakt neue Sparmaßnahmen, die ohnehin schon geschwächte Gruppen treffen. Die neue Grundsicherung drangsaliert Arbeitslose stärker als das Bürgergeld und trifft dabei besonders hilfebedürftige und kranke Menschen. Die Pflegereform könnte den finanziellen Druck auf Pflegebedürftige und ihre Angehörigen zukünftig noch verstärken. Zudem spielt die Regierung mit dem Gedanken, die maximale Arbeitszeit sowie das Renteneintrittsalter zu erhöhen. All dies, um Deutschland als Wirtschaftsstandort zu stärken und wieder kriegstüchtig zu machen.

Mobilisierung auch in Deutschland möglich

Es ist keine Überraschung, dass die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht – ebenfalls eine Jugendbewegung – zu den Bewegungen gehören, die es in Deutschland regelmäßig schaffen, Menschen auf der Straße zu mobilisieren. Die Politik ignoriert sie.

Die reaktionäre Presse nennt sie verwöhnt und ignorant, wenn sie dagegen demonstrieren, ihren Körper an den Staat zu verkaufen und von ihm in einen Krieg gezwungen zu werden. Auch sie könnten Solidarität vertragen.

Jugendbewegungen waren in der Vergangenheit nicht selten der Ursprung für gesellschaftliche Veränderungen, sei es die 68er Bewegung oder die Anfänge des Civil-Rights-Movements. Und nur weil das Momentum, das in Frankreich derzeit Hunderttausende auf die Straße zieht, hier noch nicht ganz angekommen ist, heißt das nicht, dass ähnliche Szenen der Solidarität in Deutschland nicht reproduzierbar, ähnlich große Menschenmassen nicht mobilisierbar sind. Anlass, sich anzuschließen, gibt es jedenfalls längst.

Valérie Catil

Valérie Catil Gesellschaftsredakteurin

Redakteurin bei taz zwei, dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Studierte Philosophie und Französisch in Berlin. Seit 2023 bei der taz.
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19 Kommentare

  • Kreisler

    Zitat:



    "Auch der Gegenstand ihrer Proteste hat sich längst ausgeweitet: Sie demonstrieren gegen die rechte Partei Rassemblement National, gegen den Völkermord in Gaza, gegen Kapitalisten und die Klimakrise."



    Die Liste ist bestimmt unvollständig, in Frankreich wir nach meiner Erfahrung stets gegen weit mehr protestiert: Dazu gehören insbesondere Brokkoli, verbindliche Rechtschreibung, Arbeiten bis zu Rente, die Verwendung sämtlicher Grundrechenarten, die da oben, die da in Brüssel, die ewigen Sparhanseln in Berlin, McDonalds, Fischfangquoten, Reiche, Superreiche, Hyperrreiche, Steuern (kein Widerspruch zum Vorgenannten, sondern foucaultsche Dialektik!), Countrymusik, Sommerzeit, Winterzeit, Stoppschilder, Badelatschen. Etwas vergessen?

    • Janix

      @Kreisler:

      Vielleicht, dass gar nicht zu protestieren zu u.a. wachsender Ungleichheit und Belastung der Arbeitenden beitrüge. Immer nur braver Dackel freut nur die Herrchen, leider.

  • T-Rom

    Hier und da gibt es schon Proteste, wie zB lokale Schulstreiks gegen Wehrpflicht. Aber insgesamt merken viele wohl gar nicht, wie sehr hierzulande Politik auf dem Rücken der Jüngeren gemacht wird.



    Anlässe gibt es ja mehr als genug: Rentensystem, überlaufende Staatsverschuldung, Musterungspflicht / Wehrpflichtpläne, Bildungspolitik, usw.



    Die Jüngeren sollen die Wahlgeschenke an alle möglichen Gruppen finanzieren (über hohe Beiträge und hohe Staatsverschuldung): Rentner, Autofahrer, Industriesubventionen, Pflegekasse usw.

  • Machiavelli

    Große Proteste in Deutschland sind das was fie AFD braucht um über 50% zu kommen. Das Problem in Frankreich ist das gleiche wie in Deutschland und das was linke nicht angehen wollen: der Verwaltungswasserkopf und hohe Pensionen die das Budget fressen. In Zeiten in denen andere Länder komplett digitalisieren und Verwaltungen durch KI ersetzt werden milliarden für sesselfurzer auszugeben ist amoralisch. Gleichzeitig muss die Regierung mit den Rentnern und Pensionäre Tacheles reden hattet zu wenig Kinder deswegen gibt's jetzt zu wenig Rente. Action et reaction.

  • Janix

    Geld für Lehrers ist nicht der Punkt. Hierzulande sind Lehrers mit dem Beamtenstatus verknüpft sehr gut abgesichert, im Berufsleben und danach. Dies zieht teils die Falschen an, und wenn die Wertschätzung fehlt und das System sich um sich selbst dreht, kommen der Burnout und der Tinnitus dennoch.

    Leistung fordern, Menschen fördern (alle, verantwortlich, und nicht nach unten oder Nachhilfeinstitute abschieben). Gleiche Chancen.



    Kinder sind nicht doof, sie bekommen mit, dass Herkunft viel bestimmt. In Frankreich geht es um Postleitzahlen, um Hautfarbe, um Akzent um Geld und Connections - kommt uns das so unbekannt vor? Wollen auch Privilegierte das? Dass sie in ihrem Tiefsten wissen, dass sie es sich _nicht selbst verdient haben?

  • Jan Schubert

    Man kann es natürlich als "rohe Gewalt" begreifen, wenn auf Brandstiftungen und Plünderungen robust reagiert wird. Objektiv gesehen bleibt damit der Eindruck eines Reflexes hängen, nicht jedoch einer Überlegung.

    Für eine Solidarisierung in Deutschland sehe ich wenig Anlass. Deutsche Schulen sind im allgemeinen gut ausgestattet, von lokalen Ausnahmen abgesehen. Die Vergütung der Lehrer ist zumindest angemessen.

    Zurück bleibt der Eindruck einer etwas naiven Revolutionsromantik, die ebenso traditionell ist wie das angeblich den Deutschen eigene Untertanentum.

  • Agarack

    Okay.

    Und welche sozialen Veränderungen genau soll diese Jugendbewegung herbeiführen? Das äußerst unpopuläre Bürgergeld zurückbringen? Sparmaßnahmen unterbinden und einfach mal abwarten, was passiert, wenn z.B. die notorisch unterfinanzierten Pflegeversicherungen plötzlich massive Zusatzausgaben durch einen "Schwall" neuer Pflegebedürftiger bekommen? Friedenstauben statt Aufrüstung und hoffen, das Putin einen Herzinfarkt bekommt, bevor er beschließt, die NATO anzugreifen?

    Unsere Zeit entwickelt sich durchaus besorgniserregend. Aber das Allerletzte, was unsere politische Landschaft braucht, ist noch mehr ungezielter, emotionalisierter und unsachlicher politischer Massenaktivismus. Die Mitte muss gestärkt werden.

  • vieldenker

    Der nachvollziehbare Protest der französischen Schüler*innen ist das Eine, die sehr einseitige Revolutionssicht der jungen Autorin das Andere. Da überhebt sie sich wohl etwas in ihrer gefühlten Deutungshoheit.

  • Duplozug

    Frankreichs "Proteste" waren seit ich mich erinnern kann, immer ein paar Stufen über allem was man in Deutschland gesehen hat. Und das hat schon 1848 angefangen was nach der französischen Revolution vergleichsweise harmlos war. Und ja, auch mit derjenigen die direkt den 48ern vorausging. Und das zieht sich über jede Berichterstattung seit ich zur Schule ging. Nur, genauso nur weil die Gewalt wieder eskaliert, heißt es nicht, das wäre so in Ordnung. Oder gar ein Vorbild.

  • Jutta57

    An unserer Schule wurden die Toiletten nach langen Debatten abgeschlossen. Für den Zugang bekommst du nen Schlüssel. (die heutigen Pennälerblasen sind ja auch nicht mehr das, was sie mal waren) Seitdem siehts halbwegs gemütlich auf dem Abort aus. Schimmel gibts nicht, da die Heizungen immer voll bullern. (aber wir klären über Klimawandel auf) Pullover sind nicht zumutbar. Der Krankenstand der Lehrkräfte liegt trotzdem bei 10%.

  • rero

    „Wasserschäden, Schimmel, kaputte Fenster und Ratten auf den Schulfluren“

    Welche Schule in Deutschland hätte das?

    Der Lehrermangel geht auch zurück.

    Womöglich sind Schulen in Deutschland einfach besser?

  • realnessuno

    Die Deutschen sind viel zu brav für sowas.



    Es wäre ja auch unangenehm und unbequem, für das eigene Leben zu kämpfen oder für seine Rechte.



    Selbst bei den Rentenplänen hat sich kaum etwas geregt hierzulande. In Frankreich schon!



    Gute Nacht.

    • sailaway

      @realnessuno:

      Soso, viel zu brav für was - totale Anarchie?

  • gyakusou

    Ich finde nicht, dass man sich hier Zustände wie in Frankreich wünschen sollte.

  • Benzo

    Frankreich gibt für Bildung deutlich mehr aus als der OECD-Durchschnitt. Pro Schüler fließt viel Geld ins System, und 2025/26 wurde nochmals aufgestockt.

    Das Problem scheint also nicht zu sein, dass kein Geld da ist.

    Das Problem ist eher, was damit passiert:

    Ein extrem zentralisiertes und schwerfälliges Schulsystem. Hohe Kosten durch eine komplizierte Sekundarstufe. Gleichzeitig mäßige Lehrergehälter und ein Beruf, der immer unattraktiver wird. Gerade einmal 4 Prozent der Lehrer fühlen sich gesellschaftlich wertgeschätzt.

    Und dann wundert man sich über fehlende Lehrer, Unterrichtsausfall und marode Schulen.

    Zitat: „Allein wegen dieser Repressionen verdienen die Demonstrierenden dort Unterstützung.“

    Wirklich? Man kann Polizeigewalt kritisieren und berechtigte Forderungen von Schülern ernst nehmen. Aber daraus folgt doch nicht automatisch, dass gewaltsame Ausschreitungen Unterstützung verdienen.

    Muss man ein strukturelles Problem des französischen Bildungssystems wirklich mit einem Sturm auf die Bastille lösen?

    • atrock

      @Benzo:

      👍

    • Axel Schäfer

      @Benzo:

      Hier fühlen sich auch verbeamtete und gegenüber angestellten Lehrern überbezahlte benachteiligt. Da fehlt schon grundsätzliche Motivation bei vielen Lehrkräften, vielleicht sollte man mal in Länder schauen in denen es besser läuft und nicht immer dorthin wo konservative oder neoliberale die Klassengesellschaft im Schulsystem zementieren wollen.

    • marilyn.hanson

      @Benzo:

      Hat ja schon ein-, zweimal geklappt. Im späten 18. Jahrhundert und 1968.

  • DiMa

    Schaut man sich an, was momentan da in Frankreich passiert, dann läuft es am Ende immer auf ein "Die spinnen die Franzosen" hinaus. So richtig rational ist das nicht und der Wille zur Revolution liegt unseren Nachbarn seit mindestens 300 Jahren irgendwie im Blut. Sollen sie sich doch die Köpfe einschlagen.

    Nur was soll dann diese merkwürdige Aufforderung der Autorin. Und dann noch diese ausgelutschte Begründung "Solidarität".