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Mietendemo in BerlinEnteignen, jetzt!

Mehr als 10.000 Menschen demonstrierten am Samstag gegen steigende Mieten. Im Zentrum stand die Forderung nach Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne.

Unter dem Motto „Her mit den Wohnungen, runter mit der Miete“ hatte das Bündnis gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn am Samstag zu einer Großdemonstration aufgerufen. Start- und Endpunkt war vor dem Roten Rathaus. Mehr als 10.000 Menschen beteiligten sich laut Ver­an­stal­te­r*in­nen an dem Protestzug.

Manche reihten sich bereits nach 11 Uhr in eine der 12 Zubringerdemos ein, mit denen die Mie­te­r*in­nen aus den jeweiligen Stadtteilen abgeholt wurden. So versammelten sich ab 12 Uhr einige Hundert Menschen aus Friedrichshain vor dem U-Bahnhof Frankfurter Tor, um mit Fahnen und Transparenten zum Roten Rathaus zu ziehen.

Immer wieder war die Parole „Volksbegehren endlich umsetzen“ zu lesen. Gemeint ist der Volksentscheid Deutsche Wohnen und Co. Enteignen, für den sich am 21. September 2021 über 59 Prozent der Abstimmenden in Berlin ausgesprochen hatten. Fast fünf Jahre später ist er noch immer nicht umgesetzt.

Doch die Forderung nach der Vergesellschaftung großer Wohnkonzerne bleibt bestehen und bestimmt auch den aktuellen Wahlkampf zur Berliner Abgeordnetenhauswahl. Die Vorsitzende der Linkspartei, Ines Schwerdtner, erklärte die Umsetzung des Volksbegehrens zur roten Linie, wenn ihre Partei die Regierung stellen sollte. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach stellte klar: das sei mit ihm nicht zu machen.

Forderung nach Vergesellschaftung

Für Krachs Position gab es auf der Demo wenig Verständnis. „Ich bin empört, dass Steffen Krach die Stimmen der Ber­li­ne­r*in­nen ignoriert, die damals für den Volksentscheid stimmten“, sagte Elke Bosold der taz. Die Rentnerin aus Lichtenberg zeigt sich zufrieden, dass auf der Demonstration die Umsetzung des Volksentscheids eine so große Rolle spielt. Das sei eine klare Ansage an alle Parteien, die den künftigen Senat stellen.

Ähnlich sieht das Nico Hertz-Eichenrode von der Initiative Deutsche Wohnen & Co. enteignen: „Das beste Mittel gegen die Mietenkrise, das die Berliner Landesregierung sofort umsetzen kann, ist die Vergesellschaftung“, sagt der Aktivist. 220.000 Wohnungen aus der „Profitlogik der Großkonzerne befreien und dauerhaft bezahlbar machen“ würde den Mietmarkt als Ganzes entspannen.

Am Samstag waren viele auf der Straße, die sich vor fünf Jahren für den Volksentscheid engagierten. Dabei schien es in den letzten Jahren, als sei die Berliner Mie­te­r*in­nen­be­we­gung an ihre Grenzen gestoßen. Die Coronapandemie hatte die Bewegung ausgebremst. Zudem mussten die Berliner Mietre­bel­l*in­nen in den letzten Jahren mehrere Niederlagen hinnehmen. So wurde der Mietendeckel juristisch gekippt und das Instrument des Vorverkaufsrechts, mit dem sich einige Jahre viele Mie­te­r*in­nen vor den Begehrlichkeiten von Immobilienkonzernen schützen konnten, von Gerichten massiv eingeschränkt.

Mie­te­r*in­nen können sich nur gemeinschaftlich wehren

Doch am Samstag waren die Berliner Mietre­bel­l*in­nen wieder in fünfstelliger Zahl auf der Straße. In Redebeiträgen berichteten Be­woh­ne­r*in­nen von Vonovia und anderen Immobilienkonzernen von horrenden Mieten, Mängeln und Problemen mit ihren Vermietern. Die Botschaft: Mie­te­r*in­nen können sich nur gemeinschaftlich gegen Verdrängung und steigende Mieten wehren und für eine andere Wohnungspolitik kämpfen.

Kim Meyer vom Bündnis gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn stellt klar: „Nach der Wahl geht unser Kampf weiter; egal, wer im Senat sitzt.“ Die Rentnerin Elke Bosold kann es gar nicht erwarten, wieder Unterschriften für einen neuen Volksentscheid zu sammeln, den die Initiative DW Enteignen derzeit vorbereitet. Der soll einen konkreten Gesetzestext enthalten, der dann auch in Kraft tritt. Das ist Plan B, sollte der Volksentscheid auch nach den Wahlen weiter verschleppt werden.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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14 Kommentare

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  • Hans Dampf

    Keiner wird mehr Mietwohnungen bauen,



    wenn ihr dauernd von enteignen redet. Das schreckt die Konzerne und den kleinen Privatinvestor ab, wenn es keine Rechtssicherheit mehr gibt. Dann müsste die öffentliche Hand alle Mietwohnungen bauen, macht sie aber wegen Überschuldung auch kaum noch.



    Woher sollen nun eigentlich all die Mietwohnungen kommen, die immer noch fehlen, denn Enteignung schafft nicht eine neue Wohnung.

    • blutorange

      @Hans Dampf:

      Ja, ja. So spricht die Wirtschaft. Warum? Weil die Angst umgeht, dass nicht mehr frei Profit erwirtschaftet werden kann. Das haben Sie gut verinnerlicht. Aber: Die Konzerne werden's schon richten, das funktioniert nicht. Sieht man ja, wo das hinführt. Hemmungslose Erhöhung der Mieten, nichts mit bezahlbaren Wohnungen. Und: Zeigen Sie mir doch mal "den kleinen Privatinvestor", der in Berlin für den Bau von Mietwohnungen sorgt. Bei den Mondpreisen für Boden. Davon abgesehen wären diese "kleinen Investoren" doch überhaupt nicht betroffen von Enteignung. Es ist also populistisch, die ins Spiel zu bringen und Angst zu schüren.



      Unterschätzen Sie außerdem nicht den Leidensdruck der Menschen, der dazu führt, dass der Begriff "Enteignung" einen durchaus verheißungsvollen und befriedigenden Klang haben kann.

      • Christine_Winterabend

        @blutorange:

        Schade, wie viele immer noch nicht begriffen haben, dass die Enteignungen sich vor allem gegen solche Eigner richten, die ihren Wohnungsbestand als Spekulationsobjekte und Gelegenheit zum Betrug an Mietern benutzen. Z.B. indem sie notwendige Reparaturen vermeiden, Wohnungsverwaltungen nur dem Namen nach beschäftigen oder auch z.B. Wasserkosten von Mietern einsammeln und in die eigene Tasche stecken. Wenn man einen Markt funktional halten will, muss man die schwarzen Schafe rauswerfen und vorher entsprechend bestrafen, soviel wusste man schon im Mittelalter - da gab es den Pranger. Wenn die sich heutzutage nicht hinter Mauern von Anwälten verstecken könnten, könnte man die ergaunerten Beträge zurückfordern, statt sie zu "entschädigen". Noch mal ganz klar und zum Mitschreiben: Es geht hier nicht gegen ehrliche, pflichtbewusste Vermieter und auch nicht gegen private Altersvorsorge.

  • behr Behr

    Es wird spannend, wenn die Vergesellschaftung durchgesetzt wird,



    wie die Berliner Verwaltung, die Schwierigkeiten hat, eine zeitnahe



    Zulassung eines KFZ zu organisieren, die Wohnraumbewirtschaftung von 200000 Wohnungen, die teilweise stark sanierungsbedürftig sind, hinbekommen will ohne bisher über entsprechende Managmentstrukturen oder -Kapazitäten zu verfügen.



    Ein „Luftschloss“ als „rote Linie“ ?

    • blutorange

      @behr Behr:

      Warum sind denn die Wohnungen und Häuser der zu enteignenden Konzerne so stark sanierungsbedürftig, wenn die doch die entsprechenden Managementstrukturen und - kapazitäten haben, die der öffentlichen Verwaltung abgehen? Da müssten die zu übernehmenden Wohnungen doch in Top-Zustand sein?

    • Hatespeech_is_not_an_opinion

      @behr Behr:

      Das ist überhaupt kein Problem. Der Wohnungsbestand wird in die bereits bestehenden landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, wie zB Degewo, überführt. Entsprechende Schnittstellen für die Übernahme von Mieterstammdaten hat jedes übliche Wohnungsverwaltungsprogramm. Sie konstruieren Probleme, wo keine sind. Gern geschehen, Ihre MietwohnungsverwalterInnen.

  • Desdur Nahe

    Wenn die Mehrheit der BerlinerInnen das so möchte, dann sollte sich die Politik damit stärker auseinander setzen. Allerdings sollten keine unrealistischen Erwartungen geweckt und damit Enttäuschungen vorprogrammiert werden. Zur Einordnung:



    Im Artikel wird von 220.000 Wohnungen gesprochen. Alleine die sieben landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften haben über 400.000, ganz Berlin über 2.000.000. Es wird also am Morgen nach der Enteigung nicht plötzlich Wohnraum für alle geben. Wie auch, die Wohnungen sind ja zu fast 100% bereits belegt.



    Ein hoch effizientes und auf Rendite getrimmtes Unternehmen wie Vonovia macht im Schnitt 154 Euro pro Monat bereinigten Gewinn pro Wohnung (Berliner Mieterverein). Ein Staatsbetrieb wird dies nicht erreichen, und zusätzlich Einnahmen für Zinsen und zur Kredittilgung erwirtschaften müssen (und nein, die Wohnungen werden nicht für einen symbolischen Euro an den Staat gehen).



    Der Spielraum für Mietensenkungen ist also begrenzt. Eine Mietsenkung von bspw. 50 Euro wird dann statt Begeisterung eher Politikverdrossenheit erzeugen.



    Die Rendite zum Verkehrswert liegt bei den Unternehmen übrigens bei 3,x %, vielleicht wären die ganz froh, das alles los zu sein

    • blutorange

      @Desdur Nahe:

      Es geht ja nicht darum, dass es dann über Nacht Wohnraum für alle gibt. Schließlich stehen die meisten Wohnungen nicht leer. Es geht doch darum, Wohnungen und Häuser nicht mehr als Spekulationsobjekte zur Verfügung zu stellen und damit die endlosen, völlig ungerechtfertigten Mietsteigerungen zu stoppen.



      Für wie blöd halten Sie die Abstimmenden denn, dass denen das nicht klar sein soll?

    • Hatespeech_is_not_an_opinion

      @Desdur Nahe:

      Die Verunmöglichung soll also das Argument sein? Die Umlaufrendite ist nicht so niedrig, wie Sie suggerieren. Ansonsten wäre Vonovia nicht in der Lage ihren AuktionärInnen die hohen Dividenden zu zahlen. Dieses Geld wäre in Zukunft entbehrlich und könnte für die Bedienung von Krediten und Zinsen eingesetzt werden. Zudem bestünde die Möglichkeit eines unbürokratischen Wohnungstauschs bei gleich bleibender Miete, so dass Wohnraum besser allokiert werden kann. Dies würde die Lebensumstände vieler Familien mit Kindern, die derzeit beengt leben und auf dem Markt leer ausgehen, da nicht bezahlbar, entscheidend verbessern. Es ist erwiesenermaßen so, um kostendeckend zu wirtschaften und Instandsetzung und Instandhaltung zu ermöglichen, ein Mietpreis von Euro 5,50/m2 vollkommen ausreichend ist. What? Yes, Sir.

      • Desdur Nahe

        @Hatespeech_is_not_an_opinion:

        "die hohen Dividenden zu zahlen"



        Die werden aus dem Gewinn ausgeschüttet, sind da also schon enthalten. Ca. 647 Mio Dividende bei ca. 600.000 eigenen/verwalteten Wohnungen sind ca. 90 Euro pro Wohnung pro Monat. Und die Erträge kommen auch noch aus anderen Sparten, die 90 Euro sind also schon übertrieben hoch.



        "ein Mietpreis von Euro 5,50/m2 vollkommen ausreichend ist"



        Das klingt gut. Ich wäre bereit, Ihnen sogar 6 Euro pro qm zu zahlen, ein wenig Gewinn sollen Sie ja auch noch machen.



        Bitte teilen Sie mir mit, wo Ihr Projekt realisiert wird.



        "Aber ich will doch nur anderen erzählen, wie es richtig geht. Und jetzt soll ich plötzlich selbst handeln statt nur schlau zu reden? What?" Die Antwort lautet: "Yes, Sir."



        Aber keine Angst, Sie gehen keinerlei Risiko ein, denn das mit den 5,50 Euro "ist erwiesenermaßen so".

    • Martin Sauer

      @Desdur Nahe:

      Welche Mehrheit der Berliner möchte Enteignungen. sind das mehr als 50 % der Berliner. Oder meinen Sie den nicht gestzlich bindenden Bürgerentscheid. Rechtlich gesehen eine Meinungsumfrage.

      Und die Rendite, der Berliner Senat von SPD und Partei des dmokratischer Sozialismus (PDS) haben seinerzeit 60000 landeseigene Sozialwohnungen zum halben Verkehrswert verscherbelt. die sind jetzt das vierfache wert. Da die Vonovia hoch vershhuldet ist reiben die sich jetzt schon die Hände. Von Widerstand hört man gar nichts-

  • Bolzkopf

    Wie nennt man das noch gleich, wenn Kapital und Politik im Gleichschritt marschieren um die Leute auszubeuten ?

  • David Lejdar

    "horrende Mieten"

    Bei Vonovia (und Deutsche Wohnen) bei bestehenden Mitverträgen durchschnittlich angeblich 8,23 Euro pro Quadratmeter. Dabei ist mir bewusst, dass es Fälle gibt, wo Vonovia nicht immer im Einklang mit Regeln zum Mietspiegel - aber deswegen Milliarden zu versenken, während weiterhin diese Problematik z.B. durch Briefkastenfirmen, das finde ich unsachlich. Und Wohnraum wird damit nicht geschaffen, womit Lage wie damals im Scheunenviertel.

    Unterdessen gibt es auch Optionen wie einfach die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung, anzuheben. Bei 1,28 Millionen Beziehern bundesweit, wären das 1,536 Milliarden jährlich je 100 Euro Anstieg. Und davon hätten direkt diejenigen etwas, die es am meisten benötigen, und eher was "gegen Altersarmut" getan, als nur paar Mietern Euro oder so per qm einzusparen. Dazu auch Dinge wie paar Studentenwohnheime, bei derzeit rund 150.000 in Wohnungen eigenständig lebenden Studenten.

    • Bolzkopf

      @David Lejdar:

      "Und davon hätten direkt diejenigen etwas, die es am meisten benötigen,"

      Wie wahr - Insbesondere die notleidenden Vermieter in deren Taschen dieses Geld ja landet.