piwik no script img

Berliner Senat und DW enteignenHinterzimmerpolitik gegen Vergesellschaftung

Berlins CDU-SPD-Senat agiert gegen die Vergesellschaftung. In Anfragen dazu weicht er jedoch aus. Nun fordert eine Grünen-Abgeordnete Akteneinsicht.

Arbeitet der Berliner Senat aktiv daran, Vergesellschaftungen nach Artikel 15 des Grundgesetzes und damit die Umsetzung des Volksentscheids Deutsche Wohnen & Co enteignen zu verhindern? Der Verdacht hatte sich durch eine taz-Recherche Anfang Juli erhärtet. Demnach hatten Berlins Finanzsenator und CDU-Bürgermeisterkandidat Stefan Evers sowie sein Hamburger Amtskollege Andreas Dressel (SPD) Ende Juni beim Treffen der Finanzminister entsprechende Vorschläge für ein Bundesgesetz eingebracht. Der Antrag enthielt etwa die – nicht zu erfüllende – Vorgabe, dass eine Entschädigung in Höhe des Marktwertes erfolgen und sofort ausbezahlt werden muss.

Die Fi­nanz­mi­nis­te­r:in­nen verabschiedeten keinen formalen Beschluss, sondern schrieben letztlich einen Brief an Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) mit der Bitte, gesetzgeberisch tätig zu werden. Genau dies hatte die Bundesregierung nach ihrem Koalitionsausschuss dann auch angekündigt.

Nun wollte die Grünen-Abgeordnete Katrin Schmidberger in einer Anfrage an den Senat Details zu dem Vorgang erfahren. Die Antwort liegt der taz exklusiv vor. Schmidberger fragte, wer am Antrag an die Finanzministerkonferenz beteiligt war – etwa andere Senatsverwaltungen –, und ob der Entwurf im Senat diskutiert oder die Fraktionsspitzen von CDU und SPD informiert wurden. Ebenso wollte sie wissen, ob der Senat diese Initiative als vereinbar mit dem Koalitionsvertrag und dem Vergesellschaftungsrahmengesetz bewertet.

Der Senat reagiert auf den Fragenkatalog mit einer einzigen zusammenfassenden Stellungnahme – in der kaum etwas steht. Verwiesen wird stattdessen auf einen notwendigen „Freiraum für eine offene und vertrauliche Diskussion“ bei der Finanzministerkonferenz, damit „auch noch nicht ‚ausgereifte‘ Vorschläge weiter vorangebracht werden können“. Ebenso heißt es: „Gespräche zwischen Minister/-innen bzw. Senator/-innen im Vorfeld eines möglichen Gesetzgebungsverfahrens unterfallen dem Kernbereich der exekutiven Eigenverantwortung.“ Konkrete Antworten auf die gestellten Fragen: Fehlanzeige.

Der Senat arbeitet ganz offenbar daran, den Volksentscheid über den Bund auszuhebeln

Katrin Schmidberger, Grüne

Dagegen enthält die Senatsantwort eine inhaltliche Rückendeckung für den Versuch, per Bundesgesetz in Berlin einzugreifen. Dargelegt wird, dass die Vergesellschaftung großer Immobilienbestände in Berlin „Auswirkungen auf andere Länder in der Bundesrepublik“ hätte und dass dem Bund die Gesetzgebungskompetenz zustehe. Die Abwehr einer Einmischung durch den Bund, wie sie etwa SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach und Fraktionschef Raed Saleh nach dem Beschluss des Koalitionsausschusses formuliert hatten, sieht anders aus.

Schmidberger kritisiert, dass der Senat sogar organisatorische Fragen unbeantwortet lässt, die vom Kernbereichsschutz nicht gedeckt seien. Sie schlussfolgert: „Der Senat arbeitet ganz offenbar daran, den mehrheitlich beschlossenen Volksentscheid über den Bund auszuhebeln, und das Abgeordnetenhaus soll nicht erfahren, wer davon wusste und wer daran beteiligt war.“ Dabei sei dies ein „handfester Vorgang für das Parlament“. Die mietenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion kündigt an, Akteneinsicht zu beantragen und der Sache auf den Grund zu gehen: „Das parlamentarische Fragerecht endet nicht dort, wo der Senat es unbequem findet.“

Die Rolle der landeseigenen Wohnungsunternehmen

Dies gilt zugleich für einen zweiten Vorgang, zu dem Schmidberger den Senat befragte: die Anti-Vergesellschaftungskampagne „Berlin denkt weiter“ von Unternehmens- und Vermieterverbänden, etwa dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller als Hauptfinanzier. Mit Werbung im öffentlichen Raum und auf Social Media soll im Vorfeld der Abgeordnetenhauswahl Stimmung gegen die Umsetzung des Volksentscheids gemacht werden. Die Webseite ist seit Montag online.

Wie die taz berichtete, ist der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) maßgeblich beteiligt, wenn auch öffentlich nur als „Unterstützer“ aufgeführt. Der BBU informierte seine Mitglieder bereits Anfang Juni auf einer Informationsveranstaltung über die kommende Kampagne. Auch hat er ein vorgefertigtes Interview mit BBU-Vorständin Maren Kern für die Magazine und Websites der Mitgliedsunternehmen beigesteuert, in dem Kern unbegründete Angst vor einer Enteignung von Genossenschaften schürt.

Schmidbergers Fragen an den Senat beziehen sich darauf, dass die sechs landeseigenen Wohnungsunternehmen (LWU) allesamt Mitglieder im BBU sind. Die Abgeordnete weist darauf hin, dass die Kampagne durch die Mitgliedsbeiträge der Wohnungsunternehmen an den BBU „mindestens indirekt“ finanziert sei.

Wie hoch diese ausfallen und ob es anlassbezogene Zahlungen darüber hinaus gibt, beantwortet der Senat mit Verweis auf das „Geschäftsgeheimnis“ jedoch nicht. Die Abgeordnete widerspricht: „Geschäftsgeheimnisse können nicht dazu dienen, dem Eigentümer Land Berlin und seinem Parlament zu verheimlichen, wie viel Geld aus öffentlichen Unternehmen in einen Verband fließt, der sich im Wahlkampf gegen einen Volksentscheid positioniert. Dieses Geld bringen am Ende Mieterinnen und Mieter auf.“

Ein Verband als Sprachrohr des Vonovia-Konzerns

Der Senat sieht laut der Antwort keinen Grund, sich zu positionieren oder die Rolle der LWU zu hinterfragen. Es gebe „keinen Anlass, Kampagnen, welche sich im Rahmen der geltenden gesetzlichen Vorgaben bewegen, inhaltlich zu bewerten“, heißt es. Die Positionierung zur Frage einer möglichen Umsetzung des Volksentscheids sei eine „zulässige Ausübung der Meinungsfreiheit“. Auch die Mitgliedschaft der Unternehmen im BBU werde man nicht überprüfen.

Dabei gibt es laute Kritik an der Ausrichtung des Verbandes. Dem BBU gehören zwar in der Mehrzahl gemeinwohlorientierte Unternehmen und Genossenschaften an – unter Maren Kern agiert der Verband aber vor allem als Lobby-Stimme des Vonovia-Konzerns. Vor Kurzem wurde etwa der Sommerempfang des BBU im Juli am Tempelhofer Hafen durch einen gemeinsamen Protest der Initiativen Die Ge­nos­sen­schaf­te­r*in­nen und Deutsche Wohnen & Co enteignen gestört. Tenor: Der BBU serviert auf seinem Sektempfang „Angstmacherei und falsche Behauptungen“.

Grünen-Abgeordnete Schmidberger kündigt an, sich auch in diesem Fall mit den ausweichenden Antworten nicht zufriedenzugeben: „Wenn öffentliches Geld und öffentliche Unternehmen im Umfeld einer politischen Kampagne auftauchen, die sich mitten im Wahlkampf gegen einen Volksentscheid richtet, dann ist Transparenz keine Höflichkeit, sondern Pflicht.“

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

11 Kommentare

 / 
  • pablo

    Da zeigen cdu und SPD gemeinsam wie viel sie von Demokratie halten. Nichts.

  • Chaos-NRW

    Die Vergesellschaftung, so wie die Initiative sie sich vorstellt (Entschädigung deutlich unter Marktpreis und dann auch noch über lange Ratenzahlungen) wird vor dem BVerfG niemals standhalten, selbst wenn das BVerfG eine Vergesellschaftung in dem konkreten Fall grundsätzlich für möglich hält (bereits das halte ich für sehr zweifelhaft). Wenn es überhaupt möglich ist, wird der Marktpreis zu zahlen sein und der sofort. Das ist unfinanzierbar für das chronisch klamme Berlin.

    • Ingo Bernable

      @Chaos-NRW:

      Woher kommte eigentlich die Vorstellung die Stadt müsse die volle Entschädigungssumme, wie hoch auch immer sie nach einem Urteil in Karlsruhe ausfallen mag, cash auf Tasche haben? Was ist denn der übliche Weg für eine Immobilienfinanzierung? Richtig, man nimmt einen Kredit auf, besichert ihn mit der Immobilie und stottert ihn dann nach und nach ab. Damit wäre dem Volksentscheid Genüge getan, für die öffentliche Hand dürfte das relativ kostenneutral sein und selbst jenen erbitterten Gegnern die in der Entscheidung den Ausbruch der kommunistischen Revolution wittern dürfte so geholfen sein, weil so aus der fürchterlich schlimmen Expropriation des Großkapitals ein relativ gewöhnlicher, wenn auch nicht ganz freiwilliger Verkauf wird und die marktkonforme Demokratie damit dann doch nochmal gerettet ist.

    • Dorothea Pauli

      @Chaos-NRW:

      Selbst wenn das so sein sollte, ist es zum Kotzen wie der Senat gegen den Volksentscheid vorgeht. Es ist völlig durchsichtig dass es CDU und SPD nicht darum geht was das Beste für Berlin und seine Bewohner*innen ist, sondern irgendwelche Kapitalfraktionen bedient.

    • Worgt Michael

      @Chaos-NRW:

      Und wieso soll das nicht funktionieren ?

    • TheBox

      @Chaos-NRW:

      Den einfachen Marktpreis halte ich noch für sehr optimistisch. Jahrzehnte von Präzedenzfällen bei Tagebau, Verkehrsprojekten etc. sagen 150% Marktwert, plus ein voll erschlossenes Neubaugrundstück in der weiteren Umgebung. Die Immobilienbesitzer werden klagen, um sofort und als Erste enteignet zu werden, sollte der Vorschlag Gesetz werden..

  • Hans Dampf

    Wenn sie die Liegenschaften von Deutsche Wohnen & Co enteignen, entstehen Entschädigungsansprüche im 2stelligen Milliardenbereich. Wer soll die bezahlen?



    Ansonsten wundert mich in Berlin gar nichts mehr, die Stadt fährt Schulden-technisch voll gegen die Wand.

    • Schleicher

      @Hans Dampf:

      "Wer soll die bezahlen?"

      Ich!

      Hab dann ja Geld übrig, das vorher an die Aktionäre von Vonovia ging.

    • Oleg Fedotov

      @Hans Dampf:

      "Ansonsten wundert mich in Berlin gar nichts mehr, die Stadt fährt Schulden-technisch voll gegen die Wand."



      Aber es ist doch eine Gummiwand. Da die "Deppen" in Bayern und Baden-Württemberg doch verpflichtet sind, jeden Schwachsinn der Berliner Politik über den Länderfinanzausgleich aufzufangen. Wäre für Berlin ein böses erwachen, aber sehr heilsam, wenn dieses Instrument endlich einmal abgeschafft würde.

      • Schleicher

        @Oleg Fedotov:

        Heilsam für wen? Für ihr Weltbild?



        Hab als Berliner schon für Stuttgart 21 bezahlt. Finde wir sind quitt.



        Aber würde mich auf einen Deal einlassen: Bayern darf aufhören zu zahlen, dafür geht die nächsten Jahrzehnte das Verkehrsministerium (und deren Gelder) nicht mehr an die CSU (und bayerische Infrastruktur) sondern an Berlin.



        Und die Schwaben dürfen aufhören zu zahlen, wenn sie alle zurück nach Stuttgart gehen. Dann werden die Mieten hier vielleicht von allein wieder bezahlbar.

        • Oleg Fedotov

          @Schleicher:

          So weit ich weiß, habe ich bereits vor 40 Jahren von den Almosen der westlichen Länder gelebt. Bin aber für viele halt kein Berliner gewesen, weil ich ja in Wannsee gewohnt habe. Aber von den Einstellungen zu Familie, Gesellschaft, Arbeiten und Leben sind mir die Schwaben (auch die in Berlin) immer noch näher als die schnodderigen Berliner