piwik no script img

Soziologe über Nationalismus„Viele wollen Teil von etwas sein, ohne selber etwas dafür zu tun“

Bei der WM projizieren Menschen ihren Nationalstolz auf die Mannschaften. Doch Nationalismus kann seine Versprechen nie halten, sagt Thorsten Mense.

Interview von

Wilfried Hippen

taz: Herr Mense, jetzt, während der Fußballweltmeisterschaft, ist der weltweite Nationalismus ja besonders augenscheinlich. Wie sehen Sie als Soziologe das?

Thorsten Mense: Nationalismus tritt tatsächlich sonst nicht so offensichtlich zutage. Und man sieht auch am Beispiel des frühen Ausscheidens der deutschen Mannschaft, wie abhängig solche Zurschaustellungen von den Erfolgen oder Misserfolgen der Nationalmannschaft sind. Gleichzeitig sieht man auch hier: Wenn der auf die Fußballmannschaft projizierte Nationalstolz gekränkt wird, wird das oft durch Gewaltausbrüche kompensiert. So steigt etwa bei verlorenen Spielen der Nationalmannschaften die häusliche Gewalt an, wie unter anderem eine Studie in Berlin belegt.

taz: Ist Nationalstolz nicht etwas anderes als Nationalismus?

Mense: Es geht ja darum, dass die Zugehörigkeit zu einem Volk oder einer Nation stark von Gefühlen geprägt ist. Und diesen Nationalstolz braucht der Nationalismus, damit die Menschen bereit sind, in Kriegen an die Front zu gehen oder etwa im Alltag den Abbau des Sozialstaates zu akzeptieren. Weltmeisterschaften und Europameisterschaften sind in diesem Sinne Ersatzkriege, bei denen Nationen gegeneinander antreten.

Im Interview: Thorsten Mense

geboren 1980 in Kiel, ist Soziologe, Journalist und Autor. Er forscht zu Nationalismus, Autoritarismus und rechten Bewegungen. Sein Buch „Kritik des Nationalismus“ wurde 2023 in einer überarbeiteten Fassung neu aufgelegt.

taz: Aber basiert Nationalstolz nicht auf einem Grundbedürfnis nach kollektiver Identität?

Mense: Ja, aber wo kommt denn dieses Bedürfnis her? Wenn man diese Frage gesellschaftskritisch betrachtet, hat das viel damit zu tun, wie die Gesellschaft organisiert ist, und dass sie Vereinzelung, Isolation und Entfremdung produziert. Daraus entsteht dann dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit, danach, Teil einer Solidargemeinschaft zu sein, ohne dass man selber etwas dafür tun muss. Und nationale Gemeinschaften definieren sich immer auch durch Ausgrenzung und Diskriminierung. Denn alle anderen gehören ja nicht dazu.

Wenn die Menschen auch nach der Befreiung von der Unterdrückung merken, dass sie immer noch nicht frei und gleich sind, dann machen sie sich auf die Suche nach Schuldigen, die ihnen diese Befreiung verwehren

taz: In der Geschichte hat der Nationalismus aber auch eine progressive Rolle gespielt. Viele Länder haben sich mit seiner Hilfe vom Kolonialismus befreien können.

Mense: Historisch stimmt es, dass Nationalismus sowohl zur Befreiung als auch zum Massenmord geführt hat. Er hat sowohl zu Einforderung gleicher Rechte als auch zu ihrer Verweigerung gegenüber anderen geführt.

Vortrag „Volksgemeinschaft der Unfreien und Ungleichen“ von Thorsten Mense, 16. Juli 2026 um 19 Uhr beim Bremer Kulturzentrum kukoon im Park, Neustadtscontrescarpe 8. Der Eintritt ist frei.

taz: Entsteht durch ihn also ein Teufelskreis?

Mense: Ich halte den Zusammenhang von Nationalismus und dem Versprechen der Befreiung für einen wichtigen Punkt. Jeder Nationalismus hat diese Ambivalenz in sich. Aber wenn man sich diese „progressiven“ Nationalismen ansieht, dann kann man erkennen, dass sie zwangsläufig irgendwann regressiv werden. Denn das Versprechen von Freiheit, Gleichheit und Glück kann ja in der Welt, in der wir leben, gar nicht erfüllt werden.

taz: Und wie sieht diese Regression aus?

Mense: Wenn die Menschen auch nach der Befreiung von der Unterdrückung merken, dass sie immer noch nicht frei und gleich sind, dann machen sie sich auf die Suche nach Schuldigen, die ihnen diese Befreiung verwehren. Sowohl bei den bürgerlichen Revolutionen als auch in all den Ländern, wo es antikoloniale Kämpfe gab, kam immer dieser Punkt, an dem umgeschwenkt wurde und man sich mit ethnisierten Schuldzuschreibungen, Rassismus und Antisemitismus auf die Suche nach Schuldigen gemacht hat. Jetzt gibt es zum Beispiel in Südafrika massive rassistische Pogrome gegen Leute, die aus anderen Ländern gekommen sind.

taz: Warum haben Sie für Ihren Vortrag in Bremen den knalligen Titel „Volksgemeinschaft der Unfreien und Ungleichen“ gewählt?

Mense: Das ist ein Zitat von Adorno. Es ist ein wenig provozierend. Aber mir gefällt es gut, weil es ausdrückt, dass der Nationalismus eine falsche Gemeinschaft herstellt, in der reale soziale Unterschiede und gesellschaftliche Spaltung überdeckt werden, und dass eine Gleichheit und Harmonie suggeriert werden, die es in einer Klassengesellschaft gar nicht geben kann.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

15 Kommentare

 / 
  • Ich hätte mir mehr Nachfragen gewünscht.

    Nationalismus erzeugt nicht nur Akzeptanz für den Abbau des Sozialstaates, sondern erstmal für deren Aufbau.

    Es braucht ein Narrativ, damit jemand sein Geld mit Leuten teilt, die er persönlich nicht kennt und nie kennenlernen wird.

    Wenn das Narrativ Nation dazu dient, Leute in den Krieg zu schicken, wird doch sehr wohl erwartet, dass man etwas dafür tut.

    Steuerzahlungen kommen noch dazu.

    Das Grundbedürfnis nach kollektiver Identität soll erst durch die Verfasstheit der modernen Gesellschaften erzeugt werden?

    Klingt für mich nicht plausibel.

    Gerade wenn ich annehme, dass die moderne Gesellschaft Isolation und Entfremdung fördert, setze ich ein Bedürfnis nach kollektiver Zugehörigkeit voraus.

    Welche Gemeinschaft definiert sich denn nicht durch Othering und Diskriminierung?

    Kann eine Gemeinschaft überhaupt so statisch sein, dass Regression nicht passiert?

    Ist ein Auf unf Ab nicht normal, weil Menschen - gerade unterschiedliche Generationen - ihre Sichtweise ändern und Freiheit, Gleichheit und Glück neu definieren?

    Andere Prioritäten setzen?

    Ist nicht ein rechter Vorwurf, dass für eine Einbürgerung die Migranten nichts tun müssen?

  • „Viele wollen Teil von etwas sein, ohne selber etwas dafür zu tun“ - bei der Kohle, die die Spieler bekommen, werden die doch wohl noch allein spielen können auf den Platz ohne das alle Fussballbegeisterten mit auf dem Rasen stehen ... Abgesehen davon. dass deren Gehälter ja durchaus von vielen finanziert werden. Und 7 Mio. als Trainer für das Ergebnis hat auch nicht jeder.

    • @Lee Ma:

      :-D

  • "aber wo kommt denn dieses Bedürfnis her? Wenn man diese Frage gesellschaftskritisch betrachtet, hat das viel damit zu tun, wie die Gesellschaft organisiert ist, und dass sie Vereinzelung, Isolation und Entfremdung produziert."

    Das ist die entscheidende Frage hier und die Antwort ist doch sehr dünn. Vor dem modernen Nationalismus gab es andere, funktional entsprechende, identitätswirksame Konzepte - den "Nationalismus" der Religion, des Fürsten, des Stammes, der Sippe usw. Hat die französische Gesellschaft um 1800 schon Vereinzelung produziert?

    Dass die Kritik an dem Bedürfnis, Teil etwas sein zu wollen ohne etwas dafür zu tun, hier von links kommt, finde ich überraschend. Gilt der Anspruch, dass man sich Zugehörigkeit (und Stolz darauf) erst erarbeiten muss doch sonst als neoliberal...

  • Volksgemeinschaft der Unfreien und Ungleichen - das trifft es auf den Punkt. Neben Klassismus gibt es nämlich innerhalb der Nationen auch allzuoft eine lange Gewalttradition. Diese hat Folgen für die Mentalität einer Bevölkerung.

    • @aujau:

      Nennen Sie mir eine Form von Gemeinschaft ohne Gewalttradition.

      Familie ist bis heute massiv von Gewalt geprägt, in unseren Breiten wird gerade versucht, das abzuschütteln.

      Religiöse und politische Gemeinschaften, Siedlungsgemeinschaften, Völker - mir fällt keine Gemeinschaftsform ohne lange Gewalttradition ein.

      Gewalt gegenüber Angehörigen anderer Gruppen und der eigenen Gruppe ist offenbar eine menschliche Grundkonstante.

      Sie scheint schwer einzuhegen zu sein..

  • Ein Staat, dessen Bewohner*Innen keinen Patriotismus haben,



    wird nicht funktionieren.



    Nationalismus ist abzulehnen, Patriotismus, der im Artikel überhaupt keine Erwähnung findet, nicht.



    Es funktioniert nicht, als Deutscher "antideutsch" sein zu wollen.



    Ein Deutscher, der auswandert, bleibt für die dortigen deutsch und ist selbstverständlich auch so geprägt.



    Das heißt heutzutage allerdings nicht mehr, dass er Nazi ist.



    Frau Weidel ist da eher die untypische Ausländerin in der Schweiz, die nationalistisch ist und noch nicht einmal in dem Land leben will, das sie angeblich vertritt.



    Abgesehen von dem krankhaften Nationalismus der Rechtsextremen haben die meisten Deutschen ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Land, schließlich wurden im Namen Deutschlands Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen.



    Es ist verantwortungslos, sich dieser Geschichte nicht zu stellen und sich selbst als "antideutsch", jenseits der Verantwortung als "Erbe" der Verbrechen zu definieren.



    Die Bevölkerung braucht eine eigene Erzählung um zu gestalten.



    Derzeit drückt sich die Unsicherheit in Stimmung gegen "die da oben" aus.



    Bei der Solidarität im Ahrtal zeigte sich, wozu Menschen hierzulande fähig sind.

  • Arthur Schopenhauer



    Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.



    Schopenhauer zum Vergnügen, Reclam 2002

    • @horsefeathers:

      Starker Tobak - danke für das Zitat!

  • Also, da haben wir's. Nationalstolz ist scheiße. Können wir jetzt endlich die Deutschlandflaggen abhängen? Experten werden nicht widersprochen.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Experten widersprechen sich schon soviel gegenseitig, da darf man das als Nichtexperte auch mal tun.

  • "Und diesen Nationalstolz braucht der Nationalismus, damit die Menschen bereit sind, in Kriegen an die Front zu gehen." Man kann auch bereit sein, sein Land und seine Freiheit zu verteidigen, ohne von Nationalstolz betroffen zu sein, sondern allein aus dem Bedürfnis, Freiheit und Unabhängigkeit zu erhalten. Diese Werte sind sicher nicht mehr so in Mode, gibt es aber gottseidank immer noch.

    • @PeterArt:

      Ja kann man. Aber nehmen wir mal den Russland-Ukraine-Krieg. Viele Ukrainer - nicht alle - denken da sicher wie Sie. Aber auf der russischen Seite gibt es viele, viele Menschen, die für viel Geld in den Krieg ziehen oder weil ihnen Gefängnisstrafen entlassen wurden. Also die gehen alle ganz sicher nicht an die Front, weil sie ihre Freiheit verteidigen wollen.



      Und wie war das im 1. und 2. Weltkrieg. Wer hat da welche Freiheit verteidigt?

      • @Il_Leopardo:

        " Also die gehen alle ganz sicher nicht an die Front, weil sie ihre Freiheit verteidigen wollen." Aber eben auch nicht aus Nationalstolz.

  • "Nationalstolz basiert oft auf Zugehörigkeit durch Geburt, die keine persönliche Leistung darstellt, was ihn von Leistungen wie Einbürgerung unterscheidet, bei der Stolz auf aktive Anstrengungen zurückzuführen ist."



    Ich schließe mich der "Meinung" meiner KI an.