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Neuer deutscher NationalismusStolz auf das, was wir gemeinsam erreichen

Unser Autor hat ein kompliziertes Verhältnis zur deutschen Flagge. Trotzdem träumt er manchmal von einem Nationalismus ohne rassistischen Ausschluss.

A n einem warmen Frühlingstag in Hamburg beschloss ich, mir neue shahata oder, auf Deutsch, Sandalen zu kaufen. Eigentlich nichts Besonderes. Aber manchmal bringen einen gerade die kleinen Dinge dazu, über größere Fragen nachzudenken.

Meine Frau zeigte mir ein Modell von Adidas: weiße shahata mit den drei Streifen in Schwarz, Rot und Gold. Die Farben der deutschen Flagge. Zuerst gefiel mir einfach das Design. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr merkte ich, dass mich diese Farben beschäftigen.

Vielleicht auch, weil wieder eine Zeit beginnt, in der Nationalmannschaften, Flaggen und nationale Symbole sichtbarer werden. Die Fußballweltmeisterschaft hat begonnen. Menschen reisen nach Kanada, Mexiko und in die USA, um ihre Teams zu unterstützen. Fahnen tauchen auf Balkonen auf, Trikots in den Straßen.

Schon während der Fußballeuropameisterschaft vor zwei Jahren in Deutschland hatte ich darüber geschrieben, wie kompliziert mein Verhältnis zur deutschen Flagge war. Vor einigen Monaten las ich dann einen Artikel über Wales und Schottland. Dort wurde die Frage gestellt, warum nationale Identität mancherorts mit progressiven Ideen verbunden wird, während sie in Deutschland oft sofort mit Rechtsnationalismus assoziiert wird.

Seitdem lässt mich die Frage nicht los.

Mein Schwager und sein Sohn haben sich deutsche Trikots gekauft. Beide haben syrische Wurzeln. Sie unterstützen die deutsche Nationalmannschaft. Und sie sind damit nicht allein. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte fiebern mit für Deutschland, obwohl sie gleichzeitig emotionale Bindungen zu den Herkunftsländern ihrer Familien behalten.

Das bedeutet nicht, dass ihre Beziehung zu Deutschland unkompliziert wäre. Viele erleben weiterhin Rassismus oder Diskriminierung. Trotzdem gibt es oft den Wunsch, dazuzugehören. Nicht nur rechtlich, sondern auch emotional.

Vielleicht ist genau das eine der offenen politischen Fragen unserer Zeit: Wie kann Zugehörigkeit in einer Einwanderungsgesellschaft aussehen?

Vielleicht könnte daraus sogar eine neue Form von Stolz entstehen. Nicht Stolz auf Herkunft oder Abstammung, sondern auf das, was wir gemeinsam schaffen

In Deutschland ist diese Debatte schwierig. Wegen der Geschichte. Wegen des Nationalsozialismus. Gleichzeitig haben rechte Parteien das Thema nationale Identität weitgehend für sich beansprucht und gegen Migrantinnen und Migranten gewendet.

Braucht es einen anderen Nationalismus?

Dadurch entsteht oft der Eindruck, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten: nationalistischer Ausschluss oder die Ablehnung jeder Form von nationaler Identität.

Aber vielleicht brauchen wir einen dritten Weg.

Nicht einen Nationalismus, der sich an vergangener Größe orientiert, sondern eine gemeinsame Vorstellung von Zukunft. Eine Idee davon, welches Land wir zusammen sein wollen.

Ein Land, das seine Bürokratie modernisiert, die Digitalisierung voranbringt, in Bildung investiert und bezahlbaren Wohnraum schafft. Ein Land, das soziale Sicherheit stärkt, ohne individuelle Freiheit einzuschränken.

Aber auch ein Land, das Nachbarschaften, Vereine, Kulturorte und öffentliche Räume stärkt. Denn Zugehörigkeit entsteht selten durch politische Sonntagsreden. Sie entsteht im Alltag.

Vielleicht könnte daraus sogar eine neue Form von Stolz entstehen. Nicht Stolz auf Herkunft oder Abstammung, sondern auf das, was wir gemeinsam schaffen.

Eine Zugehörigkeit, die nicht auf Ausschluss basiert, sondern auf Teilhabe. Nicht auf Angst, sondern auf Verantwortung. Nicht nur auf einer Vergangenheit, sondern auf einer gemeinsamen Zukunft.

Und vielleicht wäre genau das eine Form des Deutschseins, mit der sich viele Menschen identifizieren könnten – unabhängig davon, ob ihre Familien seit Generationen hier leben oder erst seit wenigen Jahren.

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4 Kommentare

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  • Frei nach Thomas Paine:



    "Die Welt ist mein Vaterland und Gutes tun ist meine Religion."



    Verstehe wirklich nicht, wie man nach allem, was uns die Geschichte zeigt noch auf der Suche sein möchte nach dem "richtigen" Nationalstolz.

  • Ein sehr schöner Artikel. "Nicht einen Nationalismus, der sich an vergangener Größe orientiert, sondern eine gemeinsame Vorstellung von Zukunft. Eine Idee davon, welches Land wir zusammen sein wollen." Vielleicht lesen diesen Artikel auch einige Politiker und Politikerinnen bzw. deren Parteivolk von rechts und von links, und lernen sich nicht gleich als Vaterlandslose Gesellen oder (Neo-)Nazis gegenseitig zu beschimpfen.

  • "Nicht Stolz auf Herkunft oder Abstammung, sondern auf das, was wir gemeinsam schaffen."

    Für einen solchen Nationalismus braucht man eine positive Zukunftserwartung.

    Die hat hier aber die Mehrheit nicht.

    Dystopische Szenarien sind gerade schwer en vogue.

    Stolz auf das Erreichte ist schwierig, wenn sie Erwartungshaltung verbreitet ist, dass es wirtschaftlich bergab gehen wird.

    Ein positives Narrativ zu "Deutschland " hat aktuell niemand auf Lager.

    Und eigentlich geht es dem Autor ja ähnlich.

    Wobei ich seinen Versuch, dem was entgegenzusetzen und dabei das Gemeinsame zu betonen, für einen sehr wichtigen Diskussionsbeitrag halte.

    Gibt es viel zu selten.

  • Ich bin nicht "stolz" darauf, Deutscher zu sein.



    Stolz bin ich auf Dinge, die ich - oft durch Hindernisse erschwert - erreicht habe. Auch empfinde ich ein derartiges Gefühl gelegentlich, wenn ich Anerkennung erhalte, bei Menschen, die mir wichtig sind, wenn ich mir Vertrauen entgegengebracht wird etc.



    Deutschland hat nichts getan, um Stolz zu verdienen. Wenn, dann waren es die Menschen und das zu äußerst unterschiedlichen Anteilen.



    Dennoch bezeichne ich mich als Patriot, "zum Vaterland zugehörig", das bin ich und so fühle ich. Und ich bin ein großer Freund des "Dienens", nicht unbedingt in der Truppe, sondern in der Gemeinschaft. Nach einem schweren Unfall haben mir Feuerwehrleute und Rettungssanitäter mein Leben erhalten - nicht, weil es ihr "Job" war, es waren Einsatzkräfte der freiwilligen Feuerwehr. Ich selbst habe während des Studiums ehrenamtliche Tätigkeiten ausgeübt, explizit, weil ich etwas zurückgeben wollte. Schließlich hat die Gesellschaft als Ganzes mein Studium finanziert. Auch heute "diene" ich noch im Ehrenamt, nicht unbedingt, weil es mir gut tut (dazu wird heute viel zu viel Verantwortung abgewälzt), sondern weil es der Gemeinschaft hilft. Ja, ich bin Patriot!