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Warum Bürokratie wichtig istHurra, ein Formular!

Bürokratieabbau klingt super, doch was, wenn dadurch Menschenrechte ausgehöhlt werden? Warum der Wunsch nach mehr Effizienz Vorsicht bedarf.

Es gibt wohl kein plakativeres Beispiel für die deutsche Bürokratieverliebtheit als das Fax. Deshalb hier ein paar Funfacts zum Fax fürs Warten auf den nächsten Termin beim Bürgeramt: Die Berliner Senatsverwaltung benutzt immer noch 5.333 Faxgeräte. Die werden für die 189 Verwaltungsdienstleistungen genutzt, bei denen eine Faxerfordernis besteht.

Jedes Mal, wenn jemand eine Bestattervollmacht, einen Wohnberechtigungsschein oder einen Genehmigungsantrag beim Pflanzenschutzamt beantragt, muss gefaxt werden. Immerhin: Die Faxpflicht besteht vor allem für interne Abläufe. Das ist gut, denn ich hätte nicht die leiseste Ahnung, wo oder wie ich ein Fax verschicken kann.

Witze über Faxgeräte spielen in Deutschland in der gleichen Liga wie Smalltalk über schlechtes Wetter. Bürokratie, das kennen wir alle. Und niemand, wirklich niemand verbindet damit etwas Gutes. Sie bedeutet: drei Monate auf einen Termin warten, einen halben Tag freinehmen, verschiedene ausgedruckte Formulare handschriftlich ausfüllen und dann das, was man eigentlich wollte, nicht bekommen, weil in der Zwischenzeit der Personalausweis abgelaufen ist.

Bürokratie assoziieren viele mit Warteschlangen, Anträgen und schlechtgelaunten Menschen. Für einige bedeutet sie zudem Barrieren und Diskriminierung. Bürokratie ist so ziemlich das Letzte, mit dem man bei Menschen Begeisterung auslösen kann.

Das wissen auch rechte Po­li­ti­ke­r*in­nen und marktradikale Denkfabriken. Sie versuchen deshalb, den Begriff Bürokratie zu kapern, auszuhöhlen und ihre eigene Agenda darin zu verstecken. Unter dem Deckmantel „Bürokratieabbau“ wollen sie eine massive Deregulierung von Konzernen an der Öffentlichkeit vorbeischmuggeln.

Lobbyisten im Sado-Maso-Raum

Ein eindrückliches Beispiel kommt von der INSM, der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Das ist eine Lobbyorganisation, die von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanziert wird.

Die INSM lobbyiert seit vielen Jahren gegen jegliche Auflagen für Konzerne. Besonders auf die Lieferkettengesetze in Deutschland und der EU hatten es die Lob­by­is­t*in­nen abgesehen. Diese Gesetze sollten dafür sorgen, dass große Unternehmen dafür verantwortlich gemacht werden können, wenn ihre Zulieferer gegen Menschenrechte und Umweltauflagen verstoßen. In der EU wäre ein konsequentes Lieferkettengesetz zudem ein mächtiges Instrument gewesen, um Konzerne, die nicht aus Europa kommen, zu Klimaschutz zu verpflichten, wenn sie ihre Produkte hier verkaufen wollen.

Natürlich hätte das Lieferkettengesetz aber auch Bürokratie in Form von Auflagen, Berichtspflichten und Prüfungen bedeutet. Um dagegen Stimmung zu machen, errichtete die INSM vor zwei Jahren eine Art Pop-up-Ausstellung in Berlin, das „Bürokratiemuseum“ mit verschiedenen Installationen. Darunter – kein Scherz – ein Sado-Maso-Raum. Dazu die Zeile: „Der aktuellste Peitschenhieb: Das Lieferkettengesetz.“

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Im Hauptraum stand eine weitere Installation, der Bürokratievernichter. Ein Papierschredder, in dem man vermeintlich störende Bürokratie zerhäckseln konnte – Lieferkettengesetz lag ausgedruckt daneben bereit. Mit dem Bürokratievernichter war die INSM 2024 auch auf dem CDU-Parteitag vertreten. Einer, der sich mit der Maschine ablichten ließ: Friedrich Merz. Er selbst war Gründungsmitglied des Fördervereins der INSM.

Wir werden dankbar sein um jede Maßgabe, die die AfD ausbremst

Genau an dieser Stelle müssen wir anfangen, Bürokratie besser zu differenzieren als in Smalltalkwitzen über Faxgeräte. Natürlich gibt es Bürokratie, die völlig unnötig ist und für die es keinen anderen Grund gibt, als „haben wir immer schon so gemacht“.

Regularien, die nicht ausführlich genug sein können

In Deutschland gibt es 16 verschiedene Baugesetze mit unterschiedlichen Regeln zum Brandschutz, zu Autostellplätzen oder zur Barrierefreiheit. Jedes Bundesland bastelt zudem an eigenen IT-Lösungen, die häufig nicht miteinander kompatibel sind. Das ist ineffizient, führt zu langen Wartezeiten und Frust.

Natürlich gibt es Bürokratie, die uns zurückhält und gesellschaftliche und technologische Innovationen bremst. Sie sollte unbedingt abgebaut werden. Davon würden viele profitieren: das Klima, kleine und mittlere Unternehmen und nicht zuletzt die Menschen auf Ämtern an beiden Tischseiten.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Schützende Bürokratie hingegen hat viel mit Demokratie und unserer Verfassung zu tun. Sie begrenzt die Macht einzelner Menschen sowie politischer und juristischer Instanzen. Nicht umsonst haben die Alliierten die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg mit Bürokratie und Regularien überschüttet.

Sollte die AfD bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt im September an die Macht kommen, werden wir um jede Verordnung froh sein, die die Rechtsextremen ausbremst. Das Verwaltungsverfahrensgesetz (VwVfG) etwa stellt sicher, dass unliebsamen Vereinen und Initiativen nicht einfach so die Förderung entzogen werden kann. Und die 44 Paragrafen im Staatsvertrag über den MDR, an den sich auch eine AfD-Landesregierung halten müsste, könnten im Falle eines Wahlsiegs gar nicht ausführlich genug sein.

Gute Bürokratie ist auch, wenn Konzerne dazu gezwungen werden, Klimaschutz voranzubringen oder zumindest transparent zu machen, wenn sie es nicht tun. Wenn sie ihre Treibhausgasemissionen nach Scope 1, 2 und 3 berichten müssen. Oder wenn eine Güllegrube mindestens 50 Meter entfernt von einem Trinkwasserbrunnen liegen muss – so steht es in Paragraf 51 der Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen.

Dass eine Grube bei einem Abstand von 43 Metern nicht von der zuständigen Behörde genehmigt würde, kann man als kleinliche deutsche Beamtenmentalität betrachten – oder eben als Schutz von Bürger*innen.

Das Faxgerät als Symbol der Resilienz

Diejenigen, die gerade am lautesten nach Bürokratieabbau schreien, wollen nicht die Wartezeit auf dem Amt verringern, sondern die Kontrolle über Konzerne. Und sind damit bereits erfolgreich. So bewirkte im November eine Allianz aus Lobbyist*innen, Rechtsextremen und Konservativen – unter Leitung von CSU-Mann Manfred Weber – eine fundamentale Abschwächung des EU-Lieferkettengesetzes. Gleichzeitig besiegelte die gemeinsame Abstimmung das Ende der Brandmauer gegen AfD und Co im EU-Parlament.

Wenn jemand Bürokratieabbau sagt, sollten wir in Zukunft ganz genau hinhören, welche Bürokratie eigentlich gemeint ist. Ich persönlich würde lieber lernen, wie man Faxgeräte bedient, als zu wissen, dass Konzerne mit fossilen Geschäftsmodellen Menschen und Ökosysteme nach Belieben ausbeuten können. Oder zu sehen, wie sich die AfD darüber freut, wenn in Verwaltungen so viel Personal abgebaut wird, dass diese ihre Kontrollfunktionen nicht mehr ausreichend ausführen können.

In der stoischen Genauigkeit unserer Behörden und ja, vielleicht sogar in Faxgeräten, steckt auch eine Resilienz gegenüber denen, die nicht nur unsere Bürokratie vernichten wollen, sondern unsere Demokratie gleich mit.

Transparenzhinweis: In einer vorherigen Version des Textes wurde die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft fälschlicherweise als Institut bezeichnet. Außerdem schrieben wir, sie werde „vor allem“ von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanziert. Richtig ist, dass sie ihr Geld ausschließlich von ihnen erhält. Wir haben beide Fehler korrigiert.

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44 Kommentare

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  • Ziemlich gut zum Thema passt und unbedingt lesenswert ist:

    Soziologe über Krise und Populismus



    „Den Idioten könnte ich allen eine reinhauen“

    Alles ist geregelt, vieles funktioniert trotzdem nicht. Wir bräuchten wieder mehr echte Spielräume, in denen Menschen situationsangemessen urteilen und handeln können, meint Hartmut Rosa im Interview.

    taz.de/Soziologe-u...lismus/!vn6191920/

  • Bürokratie hat die gleiche nicht zu beseitigende Schwachstelle wie Demokratie und Rechtsstaat: sie verlangsamt Entscheidungen. Aber das ist die einzige Möglichkeit der Kontrolle. Wirklich unbürokratisch hilft nur Don Corleone.

    • @Claude Nuage:

      Ach naja. Die Frage ist: Wer kontrolliert wen, und warum und in welchem Zusammenhang - und mit welchem Aufwand?

      Ich kenne eine Menge Leute, die mir ganz unbürokratisch helfen (z.B. meine Mama), niemand von denen tickt so wie Don Corleone...

      Bei der Demokratie ist Langsamkeit meist übrigens keine Schwachstelle: Sie gibt Menschen Zeit zum Nachdenken.

  • "... In Deutschland gibt es 16 verschiedene Baugesetze mit unterschiedlichen Regeln zum Brandschutz, zu Autostellplätzen oder zur Barrierefreiheit. ..." Die sind dabei so hohl, dass die sogar DIN Normen dort nochmal als eigene Regelung in der Bauordnung aufführen und nur an komplett irrelevanten Punkten mal einen Begriff ergänzen. Wenn dann eine neue Bauordnung rauskommt muss man sich das zu Gemüte führen um festzustellen, das was dort steht schon zur Genüge geregelt ist.

    • @Axel Schäfer:

      "Die sind dabei so hohl, dass die sogar DIN Normen dort nochmal als eigene Regelung in der Bauordnung aufführen und nur an komplett irrelevanten Punkten mal einen Begriff ergänzen."

      Das hat etwas damit zu tun, dass DIN-Normen eben nicht automatisch verbindlich sind (auch wenn mancher Richter oder Gutachter gerne so tut, um sich wenig Arbeit zu machen). Damit DIN-Normen von der Bauaufsicht eingefordert werden können, müssen auf diese oder eine ähnliche Art "amtlich eingeführt" werden. Sinnvollerweise ergänzt man dabei gleich Begriffe, die an anderer Stelle im "DIN-Universum" definiert werden, wenn man nicht auch noch die andere Norm komplett abschreiben will...

  • Schön fand ich ja das Beispiel mit den drei Beamten. Das mag oft zutreffend sein, aber ich möchte als Ausländer nicht von drei rassistischen Beamten gegängelt werden, die sich einig sind.



    Und hat schon jemand Korruption gesagt? Da wo es keine transparenten und nachprüfbaren Regeln gibt, aber trotzdem etwas im Zusammenleben der Menschen geregelt werden muss, blüht natürlich die Korruption, denn die 'Entscheider' müssen sich ja an irgendetwas orientieren. Wenn ihnen dann der so genannte Gesunde Menschenverstand fehlt, nehmen sie halt die Euros als Entscheidungsgrundlage.



    Die Bürokratie in Deutschland ist sicherlich in vielen Fällen schwer nachvollziehbar und sicherlich auch oft viel zu mühsam; aber die Kehrseite der Medaille ist auch, dass es in Deutschland wenig Korruption gibt. Zumindest da, wo es nicht um Millionenbeträge geht. Da funktioniert sie dann wieder sehr gut und besteht aber dann oft in Regelverletzungen, die nicht geahndet werden.

  • Ich kannte und kenne viele Menschen, die in Bundesbehörden und der Verwaltung arbeiten.



    Die Meisten habe ich als umgänglich und stets bemüht erlebt.



    Ich finde es beschämend, dass diese Menschen, die so viel für unser Land und unsere Gesellschaft tun, so häufig verunglimpft werden.



    Es ist schön, in einem Staat zu leben, in dem Korruption die Ausnahme und nicht die Regel, wie in vielen anderen Staaten, ist.



    Die herbeigesehnte Digitalisierung heißt, dass die zunehmend alternde Bevölkerung keinen persönlichen Ansprechpartner mehr hat und im Alter lernen soll, mit Apps und digitalen Formblättern umzugehen.



    Inwiefern ist das eine Verbesserung?



    Was passiert, wenn die digitale Verwaltung gehackt wird - genau, gar nichts mehr



    ( Beispiele dafür gibt es bereits).



    Die Wahrheit ist, trotz aller Selbstoptinierung wird der Mensch kein digitales Wesen.



    Natürlich werden bereits Versuche unternommen indem das Selbstbild per Fotoshop geschönt wird und auch bei Alter und allem anderen dreist gelogen wird.



    Ist das eine Perspektive?



    Was genau heißt das eigentlich, wenn die neue baden württembergische Regierung „dereguliert“ - nichts Grünes - fürchte ich?!

    • @Philippo1000:

      Sie wissen schon, was "umgänglich" U d vornallem "stets bemüht" bedeuten, wenn es um die Bewertung einer Arbeitsleistung geht?

    • @Philippo1000:

      Als Teil der zunehmend alternden Bevölkerung bin ich heilfroh, mich nicht mit einem persönlichen Ansprechpartner in einer Behörde rumplagen zu müssen. Gottseidank konnte ich den Rentenantrag digital stellen. Allein schon die Vorstellung, mir einen Papierantrag besorgen zu müssen (wo kriegt man den eigentlich?), hätte mich auf die Palme gebracht. Sollte eine Behörde es wagen, mich mit einem Papierantrag zu belästigen, werde ich ihn in Sütterlinschrift ausfüllen.

      • @Oma:

        Die Drohung mit Sütterlin ist leider nicht für alle nutzbar...

        • @Comerade Aardvark:

          Ich habe gerade mal Gemini gefragt ob es da helfen kann. Die Lösung ist einfach, Text am Rechner vorschreiben und auf Sütterlin-Font wechseln :-)

  • Warum wir das Problem nie lösen werden?



    Dieses Lied ist nun fast exakt 50 Jahre alt und sagt alles: Reinhard Mey "Ein Antrag auf Erteilung eines Antragformulars" 1977.



    www.youtube.com/watch?v=_N_JZ3u6qIE

  • Dass das gute alte Fax in dem Zusammenhanv verunglimpft wird beruht auf einer gewissen Ignoranz tatsächlicher Vorgänge. Die Technik ist robust, leicht bedienbar, es braucht keine teure IT, keine Updates, es haben sich irgendwann sehr einfache Prozeduren etabliert, z. B. das Abzeichnen von Dokumenten, Rechnungen, OK. und tschüss und einfach in die Akte. Ich glaub wir bekamen schon 1994 Mail aber das hat die Bürokratie allein durch die cc Kultur explodieren lassen.

    Das Fax blieb, zum Teil werden Dokumente gescannt und nur noch digital verwaltet, neben Mail gibt es diverse Kanäle und Medien aber ist irgendwas schon besser geworden?

    Also meine jetzt schon recht vielen tolle Kundenportale nerven oft eher usw. - das ist alles viel mehr "Bürokratie"...

    • @ttronics:

      Im übrigen: Einfach eine sogenannte BCC anhängen, wenn es mal wieder "unerklärbare Vorgänge in Ihrer Arbeitsleistung" gab.

      Im BCC ( Black... ) steht dann halt für die Empfänger im CC nicht sichtbar, (vorher einstellen ;) ) - z.B. der beauftragte Arbeitsrechtler...

  • Bürokratie ist Deutschlands schärfstes Schwert.



    Das wissen alle. Darum versucht jeder die Bürokratie für sich zu vereinnahmen.



    Der Artikel veranschaulicht das perfekt am Beispiel des Lieferkettengesetzes.



    Dann aber wirds schwurbelig. Denn mit der These - "die 44 Paragrafen im Staatsvertrag über den MDR, an den sich auch eine AfD-Landesregierung halten müsste, könnten im Falle eines Wahlsiegs gar nicht ausführlich genug sein" - wird unterstellt, dass jeder, der etwas gegen den ÖRR hat, automatisch ein AfD Anhänger sei.



    UND die These beweist auch direkt, dass nicht nur Lobbyisten und Rechte die Bürokratie missbrauchen wollen, sondern natürlich auch Linke.



    Und genau deshalb ist Bürokratieabbau die wichtigste Aufgabe der nahen Zukunft. Denn Bürokratie lähmt.



    In Polen hat die alte Regierung vor ihrer Abwahl noch reihenweise Gesetze erlassen, die der neuen linken Regierung möglichst viele Steine in den Weg legen.



    Und in Deutschland wird jetzt alles getan, um einen Regierungsantritt der AfD zu sabotieren.



    Das sind beides destruktive Beispiele von rechts wie links.



    Keiner respektiert dabei die Bevölkerung und deren Veränderungswunsch, es soll nur die eigene Ideologie zementiert werden.

    • @Astrid Sehnefeld:

      Bei der AFD handelt es sich um eine zumindest in Teilen gesichert rechtsextremistische Partei, die demokratische Strukturen zumindest in Frage stellt und die Rechte von Minderheiten offen angreift. Wenn das der "Veränderungswunsch" der Bevölkerung WÄRE, wäre dieser durch unser Grundgesetz nicht gedeckt. Und der Blick in unsere Geschichte gebietet uns, mit der noch bestehenden nicht rechtsextremen Mehrheit, einen Regierungsantritt zu verhindern.

      Worum es in dem Artikel nach meinem Verständnis geht, ist daß auch eine von der Regierungsmacht unabhängige Presse durch bürokratische Regularien vor Einflussnahme geschützt werden kann.

      Abgesehen davon kann eine These nichts beweisen. Sie kann widerlegt oder bestätigt werden.

      • @J. H.:

        "Wenn das der "Veränderungswunsch" der Bevölkerung WÄRE, wäre dieser durch unser Grundgesetz nicht gedeckt"



        Dann ist das Grundgesetz dieser Bevölkerung eben nicht mehr dienlich und wird geändert werden 🤷



        Kein Papier und keine Tinte haben bisher ewig überdauert - es wird auch dieses GG nicht ewig währen.



        Geschichte ist immer im Fluss

  • Danke.



    Das kommt viel zu selten in der Diskussion: Jede Regel basiert auf einem Schaden, den sie abwenden soll. Entweder direkt oder indirekt, weil jemand die einfache Regel umgehen wollte.



    Und wenn z.B. Steuergesetze viel zu komplex sind, um sie ohne Studium zu durchschauen, dann sind nicht zuletzt diejenigen, die zum Schaden der Allgemeinheit den "gesunden Menschenverstand" umgehen, um Ausnahmen, die für sie nicht gedacht waren, doch zu nutzen, schuld an dieser Komplexität.

    • @Herma Huhn:

      Dachte ja - mit 30 Jährchen Johnny Contrletti von Regelwerken Regelungen “Bürokratie“ etc könnte es spannend sein - das ein oder andere anzumerken - wa!



      Doch schon der Merzsche Steuerdeckel kreist ewig auf der Orbitalbahn!



      Nej tak •

    • @Herma Huhn:

      Mit Verlaub “Und wenn z.B. Steuergesetze viel zu komplex sind,…“ weil einem Fetisch einer hyperthrophen Steuergerechtigkeit gehuldigt wird. Newahr



      Normal

      unterm——ein Kollege —



      In seiner neuen Kammer “…jeden Mittag - wie das “Arbeitszimmer“ am günstigsten abgerechnet werden kann!“



      Und das ad infinitum 🙀🧐🥳🥱🤣

  • Ein schöner Artikel, ungefähr so tiefsinnig wie Smalltalk über das Wetter.

    Was leider mal wieder gänzlich fehlt, ist die bürokratische Hürde zwischen Menschen und einem gesicherten Existenzminimum. Die ist nämlich der Demokratie keineswegs zuträglich.



    Generell, in manchen Kommentaren ist schon angeklungen, ist "Bürokratie" oft ein Gegensatz zu "wir vertrauen den kleinen Leuten und empowern sie, gute Entscheidungen selbst zu treffen".



    Das ist so beim Mindestlohn und letztlich auch beim Lieferkettengesetz (auch wenn es natürlich schwieriger ist, alle Menschen weltweit in die Lage zu versetzen, die Dinge selbst in den Griff zu bekommen - es ist aber machbar).

    Natürlich wird von Rechts die Bürokratie-Kritik als Kampfbegriff gegen jedwede Einschränkung von Konzernen und profit-orientierten Aktivitäten genutzt. Während die bürokratische Gängelung von Transferleistungsempfänger*innen für diese Leute völlig angemessen ist.



    Aber - wie so oft - versagt die sog. "Linke" systematisch dabei, dem eine sinnvolle Bürokratiekritik entgegenzustellen.

    Wieder einmal empfehle ich wärmstens die Beschäftigung mit David Graeber (Bullshit Jobs usw.).

  • Der Artikel erklärt gut, dass hinter jeder Vorschrift eine gute Idee für mehr Gerechtigkeit und mehr Schutz steckt.

    Allerdings wird es dann irgendwann unübersichtlich und nicht mehr kontrollierbar, wenn man nicht auch endlos viele Leute für die Kontrolle einstellt, was dann aber auch finanziert werden muss. Zudem finden oft Leute Schlupflöcher, für die die Kontrolle am wichtigsten wäre, die anderen halten sich ohnehin daran…

    Und dann hat man einen ineffizienten teuren Staat, der Juristen ernährt, Innovation aber bremst.

  • So ist es, zumindest weitgehend Zustimmung.

    Bei den Faxgeräten könnte es sich auch zum Großteil um MuFuDru (Multifunktionsdrucker) handeln, die u.a. auch eingescannte Dokumente per email verschicken können. Also etwas fortschrittlicher als die Fensterbankfaxe.

    Das die Bundesländer eigene Regeln haben ist auch nur für die ein Problem, die übergreifend agieren.

    Unter dem Schlagwort Bürokratieabbau sollte immer klar genannt werden, was damit gemeint ist, Regeln abbauen ? siehe Beispiel oben. Oder auch Datenerfassung abbauen? Dann beschweren sich hinterher alle, wieso hat die Politik keinen Überblick über xy. Oder die Frage nach der Digitalisierung? Die ist gar nicht so schlecht, wie oft berichtet.

    Natürlich muss man alle Regeln kritisch durchforsten. Aber ohne geht es nicht und leider wird alles immer komplizierter.

    PS auch in dem vermeintlichen Freiheitsparadies, usa, gibt es jede Menge kleinliche Regeln, bis hin zu Grashalmlänge.

  • Bürokratie zerstört aber auch das Vertrauen in einen funktionierenden Staat und damit die Demokratie. Öffentliche Stellen verschanzen sich hinter disfunktionalen bürokratischen Prozessen und fügt damit der Bevölkerung Schaden zu.



    Ein sehr kleines Beispiel; in der Schule meines Kindes ist es extrem heiß. Der Elternbeirat würde gerne kurzfristig Ventilatoren anschaffen. Das darf er nicht. Die Stadt verschanzt sich hinter ihren Prozessen. Damit denken sich hunderte Elhern ein ganz kleines bisschen mehr dass der Staat nicht mehr funktioniert. Bei der Bürokratie gibt so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Aktuell gilt eher: so viel wie möglich. Es muss alles weg, was keinen Wirkungsnachweis hat. Dazu gehört auch das Lieferkettengesetz. Vor einigen Monaten war in der taz zu lesen, dass es keine einzige Strafe deswegen gab. Folglich ist die Wirkungsnachweis nicht erbracht.

    • @MK:

      Die gute, alte, offene Wasserflasche aufstellen, bis die Sommerferien beginnen. Wenn die Decke "schwitzt" reagiert die Stadt gelegentlich noch vor den Sommerferien... ;)

    • @MK:

      Da würde mich jetzt aber interessieren, was der Schulträger für ein Problem hat, wenn der Förderverein eine bedingungslose Sachspende einfach in die Schule stellt?



      Klar, Geschenke darf man ablehnen, aber solange da kein Müll abgeladen wird, gibt es defintiv keinen regulatorischen Grund, Ventilatoren abzulehnen.



      Bei Klimageräten könnte die Elektrik des Gebäudes überlastet sein. Aber Ventilatoren? Da sollte man schlicht man die richtigen Personen persönlich ansprechen, um ein Missverständnis aus demWeg zu räumen.

      • @Herma Huhn:

        Jemand (z.B. ein anvertrautes Schulkind) könnte sich an einem Ventilator verletzen. Natürlich können die Lehrer zum Grundschulkind sagen: steck nicht den kleinen Finger in den Ventilator. Wenn es aber trotzdem den Finger reinsteckt und sich verletzt, kann der Lehrer bzw. Lehrerin trotzdem wegen Verletzung der Aufsichtspflicht dran sein.



        Und wenn es sich um ältere Schüler handelt, denen man schon den Umgang mit einem Vetilator zutrauen kann, muss wahrscheinlich geprüft werden, ob zur elektrischen Sicherheit das CE-Zeichen reicht oder ob das GS- oder VDE-Zeichen notwendig ist. Man könnte auch einen Ventilator ohne sichtbaren Propeller kaufen, die sind aber deutlich teurer.

      • @Herma Huhn:

        Eine Elterninitiative wollte zu Corona-Zeiten Luftreiniger spendieren - wurde trotz Gutachten eines Aerosolexperten aus dem Landkreis abgewiesen - vordergründig wegen Wartungs- und Energiekosten, die die Eltern jedoch übernehmen wollten. Die Belastbarkeit des Energienetzes der Schule war nach Aufrüstung wegen der Computernutzung gegeben.



        Im Schulamt wurden Luftreiniger in fast allen Bereichen aufgestellt.



        3 Grundsätze der Verwaltung



        Das haben wir schon immer so gemacht



        Das haben wir noch nie so gemacht



        Da könnte ja jeder kommen



        (Vielleicht hatten die Eltern die falsche pol. Farbe)

      • @Herma Huhn:

        Verletzungsrisiko durch umfallende Ventilatoren führt die Schulbehörde einer deutschen Großstadt an.

      • @Herma Huhn:

        Sie scheinen die Regularien einfach nicht zu kennen. Jedes elektrische Gerät in der Schule und natürlich auch in Unternehmen muss von einer befugten Fachkraft regelmäßig überprüft werden. Das ist auch die privat gekaufte Kaffeemaschine der Kollegen. Bei externer Vergabe kostet das je Gerät mindestens 20 € und muss regelmäßig wiederholt werden.

        • @Nisse:

          Vielleicht ist genau das der Punkt? Warum muss ein elektrisches Gerät jedes Jahr überprüft werden? Wer macht das zu Hause? Oder kann da nix passieren?



          Ein weiteren schönes Beispiel sind die jährlichen Arbeitsschutzunterweisungen. Jährlich muss den Mitarbeitern die Funktionsweise von Leitern erklärt werden. Zum Einen sind die Entwicklungssprünge bei der Produktion von Leitern derzeit nicht allzu hoch, noch sind die Mitarbeiter bekloppt. Trotzdem muss das jährlich dokumentiert werden.

          • @Bommel:

            "Warum muss ein elektrisches Gerät jedes Jahr überprüft werden?"

            Weil beispielsweise irgendein Idiot das Kabel oder das Gerät fahrlässig beschädigt haben könnte (konsequent am Kabel statt am Stecker aus der Dose gezogen, mit den Rollen von Bürostuhl oder Rollcontainer mehrfach drübergefahren, unter dem Stuhl eingeklemmt) und nach aktueller Rechtslage der Schulträger bzw. Arbeitgeber die Verantwortung trägt, wenn dann jemand "eine gewischt bekommt". Bei offensichtlichen Schäden ist der übrigens auch dran, wenn bis zur nächsten jährlichen Prüfung gewartet wird...

            "Wer macht das zu Hause?" Keiner - ein Mitglied Ihres Haushalts hat aber nicht viele Möglichkeiten, Sie im Fall des Falles zu verklagen. Bei Gästen wäre das übrigens anders. Mangels gesetzlicher Vorschrift für Privatpersonen würde Ihre Haftpflichtversicherung aber anstandslos zahlen ohne Sie in Regress zu nehmen...

            • @FriedrichHecker:

              Sie beschreiben das und die Gründe korrekt, allerdings wird genau da Bürokratie zum Problem. Juristen diskutieren durchaus, ob man für die Haftung wirklich auf den allerdümmsten Benutzer abstellen muss oder einen „verständigen“ Bürger. Zumal es den Anschein hat, es würde auch zu weiterer Verdummung und Blindheit für Gefahr führen, wenn immer jemand anderes haften soll und man Leuten nicht erklärt, dass sie auch selbst aufpassen müssen.

              Eigentlich genau das Thema hier.

        • @Nisse:

          Das würde der Förderverein doch ebenso einfach bezahlen können.

          • @Herma Huhn:

            Der Förderverein würde (halbwegs rechtsverbindlich) erklären, über Jahre hinweg die Elektrogeräteprüfung zu bezahlen

            Im vollen Wissen, dass das über die Lebensdauer ein mehrfaches des Kaufpreises ist?

            Mit Vergabe der Leistung per Ausschreibung oder zumindest Preisanfrage (je nach Auftragswert) - weil die Geräte ja der öffentlichen Hand gehören? Alles andere wäre eine Umgehung der für den Schulträger geltenden Ausschreibungspflicht.

    • @MK:

      Sie meinen offenbar diesen taz-Artikel: taz.de/Test-fuers-...ieferkettengesetz/

      Ich frage mich, ob das Lieferkettengesetz nicht nur Virtue Signalling ist. Zum einen gilt es nur für Unternehmen ab einer bestimmten Größe. Und zum anderen ist es in Staaten, die den einheimischen Unternehmen gestatten, die Rechte ihrer Beschäftigten systematisch zu verletzen, für diese Unternehmen mit Sicherheit recht einfach, amtliche Nachweise zu erhalten, nach denen dies nicht der Fall ist.

      Und wenn Deutschland und/oder die EU sogenannte Entwicklungshilfe an Staaten leisten, von denen allgemein bekannt ist, dass sie systematisch die Menschenrechte verletzen, erscheint es wenig glaubhaft, dass die Lieferkettenregelungen wirklich dem Zweck dienen, Menschenrechte zu schützen, und nicht nur ein Instrument sind, um bei Bedarf unliebsame Konkurrenz für die inländischen Unternehmen vom Markt fernzuhalten.

  • Es wäre schon sehr viel gewonnen, wenn den Beamten von oben mal deutlich gesagt würde, dass sie ihren gesunden Menschenverstand benutzen sollen.



    Alleine, dass man in Deutschland glaubt, dass man alles auf Basis von Gesetzen und richtlinien regeln könne und dass die selbst dann durchgezogen werden müssen, wenn die im Einzelfall völliiger Blödsinn sind, richtet so viel Schaden an.



    Vielleicht könnte ja drei voneinander unabhängige Beamte, die sich einig sind, ausreichen, um Willkür auszuschliessen

    • @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      Veto! Ein Sachbearbeiter empfahl mir das Denken den Pferden zu überlassen, weil ich eine Situation praktisch löste.

      Den Schein könne ich gar nicht haben, diesen hätten in D unter ca. 100.000 Kollegen bundesweit gerade mal 100, also ein Promille.

      Habe mir das Schmierentheater eine Viertelstunde gegönnt, und mir dann die Maschinen geschnappt, die ich gebraucht habe, um das Problem zu lösen.

      Es muss nicht "den Beamten" der gesunde Menschenfall erklärt werden, es ist nur einfach traurig, wenn in den obersten Hierarchien der gesunde Menschenverstand verloren gegangen ist!

    • @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      > Alleine, dass man in Deutschland glaubt, dass man alles auf Basis von Gesetzen und richtlinien regeln könne und dass die selbst dann durchgezogen werden müssen, wenn die im Einzelfall völliiger Blödsinn sind, richtet so viel Schaden an.

      Die Detaillierung der Regelungen ist tatsächlich zT problematisch - um einheitliches Verwaltungshandeln zu erreichen, heißt die Regelungskette:



      a) Gesetz (Gesetzgeber)



      b) Richtlinien zur Ausführung des Gesetzes (Fachminister)



      c) Verwaltungsanweisungen zur konkreten Anwendung



      (durch Mitarbeiter)

    • @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      Zum einen wären diese drei Beamten persönlich haftbar, wenn eine Entscheidung entgegen der Richtlinien doch schlecht ist. Da wird sich keiner für hergeben.



      Zum anderen kann man sich bei den Idioten bedanken, die jede Richtlinie nach Schlupflöchern durchsuchen um wirklich schlechte Ideen legal umzusetzen. Die Richtlinien entstehen ja nicht im leeren Raum. Die haben eine Historie.

    • @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      Das steht einem Beamten nicht zu, so einfach ist das. Die Regeln nach den Beamte (ich meine die Tätigkeit, nicht die Stellung) arbeiten, werden von der Politik gestaltet und von Juristen formuliert. Je komplizierter man diese Regeln gestaltet, desto mehr Beamte benötigt man und desto weniger Raum bleibt im Rahmen des Pflichtgemäßen Ermessens. Große Koalitionen sind auch nicht gerade Förderer von Vereinfachungen.

  • Das Lieferkettengesetz ist schon ein echtes Verbrechen an jeder Art von menschlichen Verstand….

    Die öffentliche Verwaltung in Kleinstädten funktioniert übrigens recht gut. Auto anmelden dauert 10min maximal ohne Termin. Einen Tag freinehmen dafür ist nur in Berlin möglich.

    • @Wombat:

      In Hamburg funktioniert die Verwaltung natürlich auch ganz gut. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal fuer die Dienstreise einen provisorischen Reisepass bekommen habe, sofort und an einem Tag, wo das Amt geschlossen war.

  • Es ist die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, nicht das „Institut“.