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25 Jahre „und das ist auch gut so!“Offenheit lohnt sich

Jan Feddersen

Kommentar von

Jan Feddersen

Wowereits legendäres Coming-out am 10. Juni 2001 hat Homosexualität in der Politik entdramatisiert. Warum passiert das nicht auch im Männer-Profifußball?

S PD-Landesparteitage, zumal in Berlin, sind in der historischen Betrachtung normalerweise nie der Rede wert, aber der vom 10. Juni 2001 wird im Gedächtnis bleiben. „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“, sagte dort Klaus Wowereit, damals Fraktionschef der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus und designierter Kandidat für das Bürgermeisteramt der Hauptstadt. Dieser Satz veränderte die atmosphärische Lage der Republik im Hinblick auf Homosexualität ums beinah Ganze.

Wowereit griff auf der politischen Versammlung ein, besser: sein Thema auf, das bis dahin zum klassischen Repertoire homophober Kommunikation gehörte: Sprich nicht drüber! Du kannst schwul (oder lesbisch) sein, aber schweig darüber, denn die Öffentlichkeit wird dir ihre Liebe entziehen, jeden Respekt verweigern – du wirst fallen!

Dieser Satz veränderte die atmosphärische Lage der Republik im Hinblick auf Homosexualität ums beinah Ganze

Die Homosexualität Wowereits war in seinem Umfeld kein Geheimnis, aber er wollte, so gab er hernach zu Protokoll, mit seinem öffentlichen Selbst-Outing jeder Denunziation, etwa durch Medien, den Boden entziehen. Keine Skandalisierung, wie in den Jahrzehnten zuvor, sollte möglich sein. Schon so manche Karriere, ob von Männern oder Frauen, war bereits zerstört worden mit dem Hinweis, er oder sie sei nicht wählbar, weil … homosexuell.

Und zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen, in der Politik, in der Wissenschaft, in Institutionen, in Großverbänden. Das war mit diesem Satz passé, zumal – oder vielleicht gerade deswegen – dieser Sozialdemokrat auch noch das frivol anmutende „… und das ist auch gut so“ anschloss. Aus ultrakonservativer Perspektive gesagt: Da isser schon so – und dann ist er auch noch frech!

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Wichtigster Satz seiner politischen Karriere

Der damals 47-Jährige war der erste Politiker einer (zu dieser Zeit noch) großen Partei, die dieses Experiment wagte: Das eigentlich Gewöhnliche nicht zum Erpressungsgrund werden zu lassen. Volker Beck von den Grünen zählte nicht so recht, weil er eben kein Akteur einer damals wirklich überall wurzelnden Partei war. Und Guido Westerwelle von der FDP, Ole von Beust von der Union? Sie kamen nach diesem Berliner Politiker, in gewisser Weise Post-Wowereit.

Es war nicht so, dass es keine schwulen Männer oder lesbischen Frauen in öffentlichen Ämtern gab – aber sie hatten immer aufzupassen, dass ihre Art des Liebens nicht ruchbar wird. Stetig erpressbar in eigener Sache, behindert im Prinzip, weil es die heteronormative Gewöhnlichkeit verlangte.

Wowereit, der diesen Satz als den wichtigsten seiner politischen Karriere bezeichnete, wurde mit dem Selbst-Outing von der konservativ-bürgerlichen Presse als politisches Leichtgewicht gehandelt, als ob ein offen schwuler Politiker der Hauptstadt nicht zumutbar sei. Die queere – hier als Sammelbegriff aller nicht-traditionell heteromäßig lebenden Menschen – Community lernte mit ihm: Offenheit lohnt sich, Versteck zu spielen ist nicht mehr überall nötig.

Mehr noch: Der berühmte Satz, von dem die CDU in Berlin und mit ihr etwa auch der Tagesspiegel hoffte, er bereite der SPD eine Niederlage, zerschellte an der politischen Wirklichkeit. Wowereit nämlich war gerade bei den älteren und alten Berlinern unglaublich populär. Die LGBT*-Community begriff: Man kann mit Schwulem oder Lesbischem auch gewinnen.

Homosexuelle werden nach wie vor gemobbt

Das war, historisch gesehen, ungewohnt. Heute ist das anders: Zwei Fraktionschefs der Bundesregierung sind schwul – und niemanden interessiert es. Ein Vorsitzender einer großen Gewerkschaft ist ebenfalls homosexuell, wie auch etliche Bür­ger­meis­te­r:in­nen bundesdeutscher Städte. Sie stehen (auch) als offen homosexuell zur Wahl und finden mehrheitlich Zuspruch. Ministerinnen aus Bundes- und Landesregierungen waren und sind lesbisch und niemanden kümmerts. Sogar die Chefin der rechtspopulistischen AfD, Alice Weidel, ist offen lesbisch und in ihrer Partei deshalb nicht weniger populär.

Sie alle achten allerdings strikt darauf, sich nicht auf Zuschreibungen heterosexueller KollegInnen einzulassen à la: Du bist lesbisch oder schwul und machst jetzt entsprechende Fachpolitik für LGBTI*-Belange. Auch wenn sie die Zuschreibung als schwul oder lesbisch nicht dementieren – warum auch? –, auf dieses schmale Politikfeld eingehegt zu werden, dafür waren und sind ihre Ambitionen zu groß.

In den gesellschaftlichen Sphären der genannten Männer und Frauen spielt ihre Art der Begehrensfähigkeit mithin eine viel weniger dramabegründende Rolle als in den Generationen vor ihnen. Blickt man jedoch genauer auf diesen Prozess der Lockerung des Sittengefüges, bleibt es kompliziert: Untersuchungen zu Befindlichkeiten Homosexueller am Arbeitsplatz zeigen, dass antischwule oder -lesbische Diskriminierung nach wie vor zum Mobbingrepertoire heterosexueller Menschen (viel mehr von Männern als von Frauen) gehört.

Immerhin: Aus der Bundeswehr wird man bei Bekanntwerden von Homosexualität nicht nur nicht mehr hinausgeworfen oder abgestraft, es gibt sogar – wenn auch nicht immer wirksame – Antidiskriminierungsbestimmungen.

Gerüchte, Andeutungen und Gossip im Männerfußball

Ein relevanter Bereich gesellschaftlicher Aufmerksamkeit entzieht sich dem Liberalisierungstrend hierzulande allerdings nach wie vor hartnäckig: der Männerfußball. Seit 40 Jahren gibt es hierzu Gerüchte, Andeutungen, Gossip. Und seit 20 Jahren einschlägige Agitationen von NGOs, es möge sich doch endlich mal ein schwuler Profifußballer outen – erfolglos.

Jüngst hat sich sogar der DFB-Nationaltrainer Julian Nagelsmann dahingehend vernehmen lassen, er kenne zwar viele Homosexuelle, könne sich aber auch nicht erklären, warum sich niemand im Profifußball als schwul outet. Beziehungsweise erst nach Karriereende wie der einstige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Niemand weiß genau, warum das so ist. Möglicherweise, weil die betreffenden Spieler fürchten, von ihren Mannschaftskameraden im Falle eines Outings allein gelassen zu werden? Weil ihnen beim Torjubel niemand mehr mit Schmackes in die Arme fällt? Oder weil sie sehr hässliche Schmähungen durch das Publikum fürchten?

Alles nur Spekulation, aber eventuell liegt es auch an der Mentalität der berufsbegleitenden Personen, die auch Klaus Wowereit vor 25 Jahren davor warnten, sich zu outen. Beim Fußball namentlich Spielerberater, Trainer und die Funktionäre überhaupt. Die glauben, dass ihr Spieler, der sich als schwul zu erkennen geben möchte, an Marktwert verlöre, an sportlicher Kraft, an Durchsetzungsfähigkeit. Dem Publikum auf den Tribünen die Schuld zu geben, ist hingegen klassistisch gesinnt: Schwules ist längst kein Schocker mehr, auch für sie nicht.

Wowereit jedenfalls hat den, wie der deutsche Soziologe Steffen Mau sagen würde, „Triggerpunkt“ Homosexualität entdramatisiert – über eine Performance des dramatisch Anmutenden. Das war mutig und auch ein wenig riskant. Im Fußball würde sich dies auch lohnen. Wer traut sich, wer will ein Held sein?

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Jan Feddersen

Jan Feddersen Redakteur für besondere Aufgaben

Einst: Postbote, Möbelverkäufer, Versicherungskartensortierer, Verlagskaufmann in spe, Zeitungsausträger, Autor und Säzzer verschiedener linker Medien, etwa "Arbeiterkampf" und "Moderne Zeiten", Volo bei der taz in Hamburg - seit 1996 in Berlin bei der taz, Meinungs- und Inlandsredaktion, Wochenendmagazin taz mag, schließlich Kurator des taz lab und der taz Talks.. Interessen: Vergangenheitspolitik seit 1945, Popularkulturen aller Arten, politische Analyse zu LGBTI*-Fragen sowie zu Fragen der Mittelschichtskritik. RB Leipzig-Fan. Und er ist seit 2011 mit dem in Hamburg lebenden Historiker Rainer Nicolaysen in einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft, seit 2018 mit ihm verheiratet. Lebensmotto: Da geht noch was!
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13 Kommentare

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  • Ein Satz für die Geschichtsbücher!



    Danke!

  • Männer dürfen jeden Scheiß. Aber wehe sie lieben sich. Was für eine dämliche Unfreiheit.

  • Als Person des öffentlichen Lebens ist die Situation sicher anders. Aber als Privatperson der ganzen Welt mitzuteilen, mit wem man ins Bett steigt, wäre nicht so mein Ding. Ich würde vermutlich Familie und Freunde informieren. Den Kollegen gegenüber bei Fragen nicht ausweichen, sondern entspannt erzählen, dass man mit einem Mann liiert ist. Den Rest der Welt geht's nix an. Vor allem ganz entspannt bleiben. Wer einen vorher mag, mag einen auch nach dem Outing.



    Wenn jemand sozusagen jeden Dialog mit dem Hinweis auf's eigene Schwulsein beginnt, ist das auch ein wenig nervig. Was geht's die Verkäuferin im Laden oder den Briefträger an, welche sexuellen Präferenzen jemand hat.

  • 25 Jahre ist das nun her ... und entfaltet immer noch Wirkung, weil er diesen Satz als Polit-Promi aussprach.



    Er hätte es wohl kaum gewagt ohne die unzähligen, weniger öffentlichen Männer, die vor ihm teils viel mehr riskiert haben, als "nur" den nächsten Karriereschritt.



    Das sollte in diesem Zusammenhang wenigstens mal erwähnt werden.

  • Ich bin zwiegespalten. Ist für mich wichtig, wen ein Fußballer liebt? Oder eher, was er auf dem Platz leistet? Eher letzteres.

    Allerdings bin ich durchaus als heteronormativer Mensch in der Lage zu erkennen, dass es wichtig für homosexuelle junge Menschen ist, anhand von Beispielen gezeigt zu bekommen, dass man seine Sexualität nicht verleugnen muss, um ein vorhandenes fußballerisches Talent zur Blüte bringen zu können.

    Mehr Sichtbarkeit für Schwule im Fußball zu fordern bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass man speziell Schwule dazu auffordert, eine persönliche Sache zu thematisieren, die eben mit der Leistung auf dem Platz prinzipiell erst einmal gar nichts zu tun hat.

    Es wäre aber eine sehr viel schönere Welt, wenn tatsächlich branchenunabhängig vollkommen egal wäre, wen man liebt, wie man aussieht und woher man kommt. Und man auch keine Ausgrenzung befürchten muss, wenn man einfach der ist, der man ist und niemand anderen damit beeinträchtigt.

    • @Metallkopf:

      Aber gerade weil es wichtig sein sollte, was jemand auf dem Feld liefert, ist es doch umso erstaunlicher.

      Wen interessiert dann, mit wem er Sex hat?

      Und der einzelne Spieler müsste es ja nicht mal wirklich thematisieren, wie es Wowereit damals gemacht hat.

      Kleines Hochzeitsfoto von Spieler X mit seinem Partner. Unterschrift der Mannschaft: "Wir gratulieren !"

      Gruppenfoto der Spieler mit Partnerinnen und Partner.

      Damit hat es sich.

      • @rero:

        @rero



        Entspannte Einstellung haben Sie da, meine Frau will immer ganz genau wissen, wer - wann - wo - mit wem.

  • "Warum passiert das nicht auch im Männer-Profifußball?"



    Weil Fußballprofis neben einem sportlichen Marktwert noch einen Vermarktungswert haben und dieser bei den Topspielern aus den höchsten Ligen der Welt mittlerweile wichtiger ist als der sportliche Marktwert.



    Und die Vermarktung ist ein nüchternes Geschäft. Da schaut jedes Unternehmen was rechnet sich und was nicht.



    Darum färben alle großen Unternehmen ihre Twitterprofile im Juni mit einer Regenbogenflagge ein, weil es sich rechnet - außer natürlich bei ihren Portalen in arabischen und einigen asiatischen Ländern, weil es sich da nicht rechnet.



    Und wenn der Trend in Europa mal wieder vorbei ist werden sie es auch hier nicht mehr machen, jede Wette.



    Als Spieler kannst du aber nicht heute zum PR Termin in Europa schwul sein und morgen zum PR Termin in Dubai nicht mehr.



    Fußballprofis sind Idole und haben Millionen Fans oder gar Milliarden (Neymar, Ronaldo, etc), Politiker haben seltenst Fans.



    Fußballprofis sind Global Player die gefallen müssen wenn sie verdienen wollen, Wowereit war Berliner Bürgermeister, dem konnte sein PR Wert egal sein.



    Darum läuft das in der Politik anders als im Fußball.

  • Vielleicht liegt es auch am Alter. Profifußballer sind zwischen 20 und 30.Wowereit war laut Artikel 47 Jahre alt. Da hat man schon andere „Shitstorms“ er- und überlebt, hat mehr Selbstbewusstsein und weiß, dass nichts so heiß gegessen wie gekocht wird.

  • Überzeugender Artikel.

    Es ist spannend, dass die AfD weiter ist als Fußballfunkrionäre.

    • @rero:

      Ist sie m.E. nicht. Sobald die Machtergreifung erfolgt ist, werden sie sich radikal die zur Tarnung dienenden Feigenblätter aus dem Schritt reißen...

      Ein Michael Kühnen war und ist in der extremen rechten Szene nur Vertreter einer absoluten Minderheit.

      • @Metallkopf:

        Wenn die AfD bei der nächsten Bundeswahl gewinnen und regieren können sollte, dürfte die Kanzlerin Alice Weidel heißen.

        Als offen lesbische Frau wurde sie bereits mehrfach als Spitzenkandidatin aufgestellt und ist aktuell Fraktionschefin.

        Ich weiß nicht, ob man das als Pinkwashing abtun kann.

        Feigenbaum? Oder eher The Brain?

      • @Metallkopf:

        Außerdem wurde er durch die alten Nazis aus Südamerika von finanzieller Unterstützung ausgeschlossen. Bela Ewald Althans war ebenfalls nur mäßig akzeptiert.