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Perspektivwechsel in der GlobalisierungVersprechen gebrochen

Gastkommentar von

Theresa Kofler und Ludwig Essig

Handelsabkommen haben Konjunktur, dabei hat genau jene neoliberale Globalisierung die Welt instabiler gemacht. Linke müssen klar benennen, wer profitiert und wer nicht.

Schon der weltweite Transport von Gütern verursacht rund fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen Foto: Christopher Tamcke/imago

M it atemberaubendem Tempo treibt die EU-Kommission neue Handelsabkommen voran. Fast noch schneller kommt die Kehrtwende jener, die einst zu den schärfsten Kri­ti­ke­r:in­nen der Globalisierung gehörten. Gewerkschafter:innen, grüne Po­li­ti­ke­r:in­nen und progressive NGOs übernehmen heute Argumente der „geopolitischen Notwendigkeit“. So stimmten zuletzt EU-Abgeordnete von Grünen und Sozialdemokraten, die einst das Mercosur-Abkommen ablehnten, gegen eine juristische Prüfung des Vertrags.

Dabei blenden sie aus, welche ungute Rolle die neoliberale Globalisierung in den vergangenen 30 Jahren gespielt hat. Gerade jetzt wäre der Moment, genauer hinzusehen: Wie hat diese Form der Globalisierung Lohnarbeit prekär gemacht? Wie hat sie die Klimakrise verschärft und demokratische Strukturen ausgehöhlt? Denn genau diese Entwicklungen befeuern den globalen Rechtsruck – jenen Rechtsruck, der nun als Begründung für neue Handelsabkommen dient. Die Logik ist zirkulär – und fatal: Mehr „Frei“-Handel soll die Instabilität auflösen, die durch eben diesen mit erzeugt wurde. So vertiefen neue Abkommen genau das Problem, das sie angeblich bekämpfen.

Die neoliberale Globalisierung hat ihr zentrales Versprechen – „Wohlstand für alle“ – nicht eingelöst. Im Gegenteil: Ihre größten Pro­fi­teu­r:in­nen sind laut dem Ökonomen und Globalisierungskritiker Branko Milanović das reichste Prozent der Weltbevölkerung. Niedrig qualifizierte Arbeit wurde zunehmend in Länder mit geringeren Löhnen und oft ausbeuterischen Arbeitsbedingungen verlagert. Ein Ausgleich im globalen Norden blieb aus.

Stattdessen wuchsen dort Niedriglohnsektoren. Parallel zog sich der Staat aus der sozialen Absicherung zurück. Die Folge sind nicht nur materielle Verluste, sondern auch Unsicherheit und Abstiegsängste. Diese Stimmung stärkt rechtsextreme Parteien. Mit nationalistischen und protektionistischen Versprechen erzeugen Rechtspopulisten und –Extremisten von den USA bis nach Deutschland die Illusion, Kontrolle und Wohlstand ließen sich einfach zurückholen.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Dass Globalisierung auch Verlierer hervorbringt, bestreiten selbst ihre größten Für­spre­che­r:in­nen nicht. Widersprüchlich wird es, wenn sie zugleich fordern, diese Verlierer „nicht zu vernachlässigen“. Denn das setzt politische Spielräume voraus: eine aktive Industriepolitik für strukturschwache Regionen, klare Umbaupläne für betroffene Branchen oder eine soziale Grundversorgung, die sich alle leisten können. Doch genau diese Spielräume schrumpfen mit jedem neuen Handelsabkommen ein Stück mehr. Besonders sichtbar wird das in der Debatte um „Made in Europe“. Po­li­ti­ke­r:in­nen von links bis rechts fordern, strategisch wichtige Güter wieder stärker in Europa zu produzieren.

Theresa Kofler

Theresa Kofler koordiniert das österreichische zivilgesellschaftliche Netzwerk „Anders Handeln“ und ist Handelsexpertin bei Attac Österreich.

Aber: Genau diese Bevorzugung europäischer Unternehmen untersagen die Regeln der Welthandelsorganisation sowie zahlreiche Handelsabkommen. Die Folge ist ein politischer Widerspruch: Was öffentlich gefordert wird, ist rechtlich oft gar nicht mehr möglich. Hinzu kommt ein wachsender Druck durch Investitionsschutz-Schiedsgerichte. Sowohl Deutschland als auch die EU werden derzeit von Konzernen verklagt, weil sie mit Übergewinnsteuern auf die Energiekrise reagierten und Energie für Haushalte leistbarer machen wollten. Politik gerät so in ein enges Korsett – geschnürt von Regeln, die sie selbst geschaffen hat.

Ludwig Essig

Ludwig Essig, freiberuflicher Politik- und Kommunikationsberater, ist Koordinator des bundesweiten Netzwerks gerechter Welthandel und Referent für Handelspolitik am Umweltinstitut München.

Die Verflechtung von globalem Handel und Klimakrise ist noch gravierender als oft angenommen. Schon der weltweite Transport von Gütern verursacht rund fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Nach Angaben des Weltklimarates hängen sogar etwa 25 Prozent der Emissionen direkt oder indirekt mit internationalem Handel zusammen. Mehr noch: Der Handel treibt Entwicklungen an, die das Klima weiter destabilisieren. So befeuert die steigende Nachfrage nach Rindfleisch und Soja die Abholzung im Amazonasgebiet – jenem Ökosystem, das oft als „Lunge der Welt“ bezeichnet wird. Was fehlt, ist ein Gegengewicht. Die bestehenden Handelsabkommen tragen kaum zum Klimaschutz bei. Sie verschärfen das Problem, welches sie lösen sollten.

Die Handelspolitik braucht einen Perspektivwechsel. In Zeiten multipler Krisen darf sie nicht länger an Wachstumszahlen gemessen werden. Entscheidend ist etwas anderes: Reduziert sie Abhängigkeiten – oder vertieft sie sie? Stärkt sie Versorgungssicherheit – oder macht sie erpressbar? Baut sie gesellschaftliche Widerstandskraft auf – oder untergräbt sie sie? Alternativen gibt es. Abkommen, die soziale, ökologische und demokratische Kooperation ins Zentrum stellen, können internationale Beziehungen tatsächlich verbessern.

Abkommen müssen demokratisch erarbeitet werden

Erstens braucht es dafür echte demokratische Prozesse. Heute werden über Jahre hinweg Verträge hinter verschlossenen Türen ausgehandelt – hunderte Seiten lang. Parlamente und Öffentlichkeit sehen sie oft erst, wenn alles entschieden ist. Das muss sich ändern. Nötig sind klare öffentliche Mandate und echte Mitsprache von Parlamenten und Zivilgesellschaft. Zweitens muss Wertschöpfung wieder stärker vor Ort stattfinden.

Das gilt für Landwirtschaft, Energie und Industrie gleichermaßen. Öffentliche Güter und Infrastrukturen gehören in öffentliche Hand – demokratisch organisiert und politisch steuerbar. Drittens müssen Klimaschutz und Menschenrechte zum Maßstab aller Regeln werden. Bisher tauchen sie oft nur in eigenen Kapiteln auf – folgenlos und ohne Sanktionen. Künftig sollte sich jedes Kapitel daran messen lassen. Handel muss Ernährungssouveränität sichern und kleinbäuerliche Landwirtschaft stärken. Er soll gute Arbeit schaffen.

Die Grundidee globalisierungskritischer Bewegungen ist so einfach wie aktuell: Entscheidungen darüber, was und wie produziert wird, dürfen nicht transnationalen Konzernen überlassen bleiben. Maßstab muss sein, was Menschen vor Ort brauchen. Nur ein solcher Perspektivwechsel kann die sozialen, ökologischen und geopolitischen Krisen unserer Zeit bewältigen.

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21 Kommentare

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  • Ein wichtiger Unterschied ist, ob man ökonomische Ungleichheit aus nationaler oder globaler Perspektive betrachtet. Daher auch die unterschiedlichen Ansichten hier in den Kommentaren.



    Ein guter Startpunkt kann z.B. dieses Interview sein:

    paulkrugman.substa...y-branko-milanovic

  • zum ersten Foto:



    Allein der Transport fossiler Roh- (und verarbeiteter) Stoffe verbraucht etwa 40% der globalen Schiffsverkehrsemmissionen!



    Ein Wahnsinn.

  • Also: Wir schaffen es in Deutschland nicht die Windkraft voranzubringen, weil bei JEDEM Genehmigungsverfahren dutzende von Anwohnern gegen den „Schandfleck Windkraftrad“ klagen (denn natürlich darf Deutschland gerne Windkraftanlagen bauen, nur eben nicht in der Nähe von Menschen), Berlin schafft es nicht, neuen und günstigen Wohnraum zu schaffen, da auf jedem Feld dann doch wieder irgendeine Froschart gefunden wird, die AUF KEINEN FALL umgesiedelt werden darf, sondern genau DORT beheimatet war und bleiben muss. Kurz: Wir stehen uns seit Jahren auf ganz vielen Ebenen selbst im Weg, weil wir den Politikern, die in freien Wahlen gewählt wurden, nicht die nötige Entscheidungskompetenz zusprechen, sondern jeden zweiten Tag irgendeine Volksabstimmung initiiert wird. Und DIESE Lehren soll nun dem Verfasser des Artikels nach international angewandt werden?! Na viel Spaß, das nächste internationale Klima- oder Wirtschaftsabkommen wird dann vermutlich irgendwann um 2080 verabschiedet...

  • "Abkommen müssen demokratisch erarbeitet werden"



    =



    Die Verhandlungen über das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten dauerten 26 Jahre - bis zur Unterzeichnung des Handelsabkommens durch die EU und die Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay.



    =



    Der Vorwurf das Mercosur undemokratisch zustande gekommen wäre spricht den lateinamerikanischen Staaten das Selbstbestimmungsrecht ab - wobei Lula da Silva genau damit die Mercosurgegner kritisierte - aber von ihnen keine Antwort bekam.



    =



    Mercosur besteht auch aus Vereinbarungen die erlauben, das beschlossene Regeln auch angepasst und verändert werden können - nur darüber wurde nie berichtet.



    =



    Seltsam ist wenn die nur scheinbar demokratischen Mercosurkritiker mit ihrer Haltung defakto erreichen ganz Lateinamerika entweder in den Rachen von Trump oder Xi zu werfen.



    =



    Seltsam ist auch das Mercosurkritiker offenbar glauben, das Südamerika besser fahren würde in Abhängigkeit durch Chinas Knebelverträge oder durchi Trumps Zollpolitik.

  • "Abkommen, die soziale, ökologische und demokratische Kooperation ins Zentrum stellen" sind nur halt leider mit Leuten wie Xi oder Trump kaum machbar. Und an dem Punkt haben die globalisierungsbedingten ökonomischen Interdependenzen eben doch einen stabilisierenden Effekt weil sie solche Politiker von der gewaltsamen Annexion militärisch unterlegener Gegner wie Taiwan oder Grönland abschrecken.



    Und selbst wenn man ohne Belege den Aufstieg der radikalen Rechten als Folge internationaler Handelsabkommen, die nachweislich zu Wohlstandsgewinnen führten, interpretiert, sollte man nicht übersehen, dass diese ebenfalls De-Coupling und Renationalisierung will, was etwa schon beim Brexit ein deutliches Verlustgeschäft war.



    Und nichts gegen das Formulieren von Utopien, aber politische Konzepte sollten schon den Hauch einer Chance auf Umsetzbarkeit haben. Derzeit sind nur ca. 10% der Staaten überhaupt vollständige Demokratien und selbst in diesen Gesellschaften sind die hier gestellten Bedingungen wie eine Demokratisierung des privaten Sektors nicht ansatzweise mehrheitsfähig, anders als etwa die ständige und gewollte Missachtung von Menschenrechten an deutschen und europäischen Grenzen.

  • Die letzten beiden Absätze sind besonders wichtig ! Die Globalisierer wollten nur ihre ökonomische Macht erweitern: Wenn sich ihr Profit nicht mehr lohnend, d.h. erfolgbringend einsetzen lässt, ist ihr Kapital nichts mehr wert und wenn sie noch so viel produzieren oder Wettbewerb praktizieren. Sie suchen Märkte und neue Produkte -egal, ob dabei (teure!) Arbeitsplätze verloren gehen- und nutzen Rohstoffe -egal, ob es dem Klima schadet-. Wenn es nichts mehr gibt, wo sie noch Profite machen können (für die sie ja Nachfrager brauchen, die auch nachfragen können!) , dann ist kein Wertpapier mehr nützlich, höchstens zum Tapezieren. China, das produziert bis zum Gehtnichtmehr -mit Hilfe verzweifelter Anleger, die auf einen Binnenmarkt hofften- ist ein Beweis dafür, dass eine entwickelte Produktion für die Menschen dort nichts mehr wert ist, wenn sie nicht mehr durch Arbeit an der Entwicklung der Produktivität teilhaben können. Wer soll denn die Segnungen nutzen, wenn sie keiner 'bezahlen' kann, weil die Erwerbsarbeit fehlt ? Ich stelle ein komplettes Versagen der Ökonomen fest, das nicht erkannt zu haben und immer nur den Profit der immer gefräßigeren Investoren im Blick zu haben.

  • Das Problem sind IMO nicht die Handelsabkommen selbst, sondern deren Ausgestaltung. Wenn Konzerne Staaten vor "privaten" Schiedsgerichten verklagen können, und so ggf in die Gesetzgebung eingreifen können, beispielsweise. Und hier sind wir wieder beim alten leidigen Thema Lobbyismus. Der Mutter aller Probleme.

  • Wichtige Kritik an neuen Handelsabkommen greift zu kurz, weil sie die tieferliegenden Strukturen globaler Abhängigkeiten ausblendet. Seit dem 1. Weltkrieg prägt und schiebt ein kreditgetriebenes Weltwirtschaftssystem Kreditkarussell die Beziehungen zwischen Staaten in einem Gläubiger/Schuldnerstaat Schema dereguliert vor sich her: erst das 1922 von Morel beschriebene Kriegsfinanzierungs‑Kreditkarussell "Das Gift, das zerstört", später die Dollarhegemonie von Bretton Woods 1944 und schließlich der Petrodollar nach OPEC Ölpreiskrise 1973. Diese Architektur erzeugt dauerhafte Disparitäten zwischen Gläubiger‑ und Schuldnerstaaten und zwingt ganze Volkswirtschaften in politische, soziale und militärische Abhängigkeiten. Die neoliberale Globalisierung der letzten 30 Jahre ist keine neue Phase, sondern die Fortsetzung dieses Systems mit anderen Mitteln: Handelsabkommen sichern Kapitalströme, schwächen demokratische Spielräume und externalisieren ökologische Kosten. Der Artikel benennt wichtige Symptome – Prekarisierung, Klimaschäden, Rechtsruck –, verfehlt aber den strukturellen Kern: Ohne Reform der globalen Währungs‑ und Schuldenordnung bleibt jede handelspolitische Kritik Stückwerk.

  • Das ist nen ziemlich dünner Beitrag. Eigentlich träft er nix bei. Beitrag falsches Wort.



    Globalisierung quasi monokausal und synonym mit Neoliberalismus zu verwenden zeugt von Unterkomplexität.



    Tatsächlich sind Fiskalpolitik und Steuerpolitik aber getrennt von dem zu sehen was der internationale Handel macht. Das zu vermischen ist dumm. Es nimmt den Fokus.



    Das ganze Gegenden verarmen liegt an mangelhafter Verteilung des durch die globalisierung geschöpften Wohlstandes, und zwar ziemlich ausschließlich. Umverteilung ist das Stichwort.



    Besser mam fordert etwas wie einen Staatenfinanzausgleich analog zum Länderfinanzausgleich in der BRD oder EU wenn es Freihandelsabkommen gibt.



    Man muss halt die Folgen dessen was man macht beachten. Das Argument macht auch keinen Sinn. Mit dem selben Argument könnte man auch die Abschaffung der EU oder BRD zugunsten lokaler Länder-Wertschöpfung argumentieren. Sinnlos. Offensichtlich braucht man halt zusätzlich Ausgleich und Umverteilungsmaßnahmen wie das jedem bei EU und BRD klar ist. Die EU ist am Ende auch nur ne Freihandelszone. Man muss die Lehren von da auf globalen Freihandel übertragen, nicht Freihandel ablehnen.

  • "Dabei blenden sie aus, welche ungute Rolle die neoliberale Globalisierung in den vergangenen 30 Jahren gespielt hat..." - Als da wären z.B. die massive Absenkung von Armut, Hunger und Kindersterblichkeit weltweit. Furchtbar. Mit "kleinbäuerlicher Landwirtschaft" gelingt das nicht. Wers nicht glaub darf beim Bundesamt für Statistik selbst recherchieren.



    Globalisierung ist bzw. auch Standardisierung, Infrastruktur, Forschung, Bildung etc.



    Aluhut runter, Ärmel hoch!

  • Ludwig Erhard hat sein Versprechen "Wohlstand für Alle!" ebenfalls nicht eingelöst.



    Das Problem mit dem Wohlstand für alle ist, dass die Globalisierung den Wohlstand für uns sehr wohl erhöht. Die gerechte Verteilung dieses Wohlstandes ist jedoch unsere Sache. Wer sich standhaft weigert, die Globalisierungsgewinner zur Finanzierung des Gemeinwesens durch Besteuerung der Gewinne heranzuziehen (Stichworte: "Erbschaftsteuer" und "Vermögensteuer"), begeht einen großen Fehler, denn 90% der Mitbürger sind wahrscheinlich nicht der Meinung, dass die Finanzierung des Staates gerecht auf alle Schultern verteilt sei.

    • @Aurego:

      Der eingeschränkte focus auf Erbschafts- und Vermögenssteuer verschleiert das mMn. eigtl. Problem:



      Multinationale Konzerne (nicht nur big tech) besteuern sich quasi selbst durch künstl. erzeugt Kosten die nur auf dem Papier bzw. im Computer existieren (transfer pricing- also konzerninterne, irre hoch verzinste Kredite sowie in ihrem Ausmass nicht nachvollziehbare 'intellectual property fees' an Konzerntöchter denen formal die Softwarelizenzen gehören).



      Der winzige Rest an (formal) zu versteuernden Gewinnen übrigbleibt, kann dann auch noch in Firmensitzen in Steueroasen versteuert werden, teilw. mit 0%.



      DA geht das Geld hin, welches dann als Staatseinnahme fehlt.



      Da wagt sich aber NIEMAND ran (ausser die UN tax convention).



      taxjustice.net

      • @So,so:

        Naja, das Thema Erbschaft- und Vermögensteuer ist deshalb so brisant, weil beide Steuern Ländersteuern sind und die Einnahmen aus genau diesen Steuern den Bundesländern aktuell fehlen.

        Die Besteuerung von Gewinnen, die sich global fast beliebig verschieben lassen, ist natürlich ein weiteres wichtiges Thema. Herr Trump versucht, die Symptome mit dem Vorschlaghammer zu lösen, nämlich durch Zölle, aber das hat leider viele unangenehme Nebenwirkungen.

    • @Aurego:

      Ich stimme zu: mit blinder Ideologie, in die eine oder andere Richtung, kommen wir nicht weiter. Globalisierung/Freihandel ist nicht per se böse. JEDE Form von menschlicher Interaktion hat negative Seiten/Folgen. Wichtig ist, dass wir den Mut finden, diese effektiv zu bekämpfen und zwar am besten global abgestimmt. Ein strikte Besteuerung von (sehr hohen) Vermögen, Erbschaften und Kapitalerträgen ist einfach unumgänglich. Leider traut sich da kaum ein Land alleine ran, teilweise aufgrund berechtigter Sorgen um Kapitalabflüsse. Der aktuelle Rechtsruck weltweit, macht internationale Absprachen dazu leider sehr unrealistisch.

  • Von wirklicher Globalisierung kann man seit dem Ende des Eisernen Vorhangs sprechen. Und seitdem ist die Anzahl extrem Armer weltweit von 2 Mrd auf 0,8 Mrd gesunken. Dies ist zu großen Teilen auf die Globalisierung zurückzuführen.



    Logischerweise hat die Globalisierung nicht nur Gutes bewirkt. Aber logischwerweise lässt sich das ändern, allerdings weniger mit den im Artikel aufgeführten Methoden. Das Mercosur-Abkommen wurde bspw von europäischer Seite weitgehend demokratisch verhandelt. Ergbnis: nach 25 (!!) Jahren immer noch kein Ergebnis, erst als das stabile Genie in Washington durchgedreht ist, hat sich was bewegt. Sowas kann doch aber nicht die Lösung sein...

  • Gerade Deutschland braucht sich über die Wohlstandsentwicklung der letzten 30 Jahre überhaupt nicht zu beschweren. Deutschland hat bis zuletzt erheblich davon profitiert.

    Die Tatsache, dass wir ungeachtet dessen ein Problem mit der Armut haben, liegt dann auch nicht an Handelsabkommen, sondern am Zuzug der Armut von außerhalb - verbunden mit den ganz erheblichen Staatskosten.

    Erst jetzt ist ein Kipppunkt erreicht, da in Asien nicht nur günstiger produziert wird, sondern auch in höherer Qualität. Ferner wird durch Temu & Co. der Handel vollkommen ausgeschaltet und das Kapital fließt vom Verbraucher direkt ins Ausland ab.

    • @DiMa:

      Ja, Deutschland als Ganzes hat enorm profitiert. Dummerweise ist davon bei vielen Mitbürgern jedoch nichts angekommen. Vielleicht sollten wir daran intensiver arbeiten. Mit den Rezepten der AfD und der Neoliberalen wird das jedoch nicht funktionieren. Die machen alles nur schlimmer, indem sie die Menschen gedanklich in "Leistungsträger" (ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von ca. 100.000€) und "Minderleister" einteilen.

      • @Aurego:

        Wenn davon "nicht viel bei den Mitbürgern ankommt" dann liegt das Problem ganz sicher nicht bei den Freihandelsabkommen oder der Gobalisierung.

        Wir müssen halt schauen, dass wir wieder wettbewerbsfähige Produkte anbieten. Der im Artikel geforderte Perspektivwechsel ist Quatsch. Im Übrigen ist auch nicht der freie Handel für die derzeitigen geopolitischen Krisen verantwortlich.

        • @DiMa:

          Wenn bei Beziehern niedriger Löhne nichts von den Globalisierungsprofiten ankommt, ist das vor allem ein Verteilungsproblem, denn die Gewinne werden nach unten nicht weitergegeben, obwohl diejenigen, die weniger für ihre Arbeit bekommen, ebenfalls an den "wettbewerbsfähigen Produkten" arbeiten, und ohne diese Mitarbeiter geht i. d. R. auch nichts.



          Ich selbst erhalte z. B. von Jahr zu Jahr mehr und kann meine Mieteinnahmen regelmäßig steigern. Überschüssiges Geld (4-stellige Beträge pro Monat) lege ich in Wertpapieren an, das Meiste in US-Firmen. Viele können nicht und meine Werpapieranlagen bringen der Binnenwirtschaft keine Gewinne. Wir müssen denen, die das Geld ausgeben, ein größeres Stück vom Kuchen gönnen, nicht nur die Krümel.

  • Irgendwie nicht up to date, der Artikel! Im Radio wurde gerade das Totalversagen der Ölfirma TOTAL berichtet - ein saumäßiger Tiefschlag ins Kontor der längst erkannten Energiewende-Notwendigkeiten, d.h. in die Beteiligung der Privatwirtschaft am Wohlergehen aller durch mehr abgasfreie Energieerzeugung. Nicht nur will TOTAL die noch versprochen 6 Milliarden nicht mehr ausgeben, sondern die bereits investierte Miliarde zurück.

    Was beweist: Die Ölindustrie ist am Arsch, wenn sie so weinerlich kommt und nicht mal eine ausgegebene Milliarde als unwiederbringlich ausgegeben anzuerkennen in der Lage ist. Die Steinzeitwirtschaft mit Öl als Befeuerungsgrundlage hat fertig. Und trotzdem stemmt sich nicht nur TOTAL, sondern ganz ähnlich auch BP total dagegen. An der Klimapolitik Habecks hat was wohl gefehlt: Ein Gesetz, das den Ausstieg aus Klimaschonungprojekten bestraft, etwa durch Verbot von TOTAL oder BP, wenn diese geltende Verträge so unverschämt brechen, mit Beschlagnahme von derne Firmenkapital.

    • @Uwe Kulick:

      "Die Steinzeitwirtschaft mit Öl als Befeuerungsgrundlage hat fertig."

      Das sagt sich so leicht.. Laut Statistik steigt der weltweite Verbrauch fossiler Energien weiterhin an. Wenn auch langsamer als früher. Aber steigt.

      Insofern hat Öl leider noch lange nicht fertig...