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Darum geht es: das Rathaus der Stadt Foto: Sören Stache/dpa

AfD-Mann wird BürgermeisterVerwählt?

In Zehdenick wurde erstmals in Brandenburg ein AfD-Mann zum haupt­amtlichen Bürgermeister gewählt. Eine Erkundung in der Stadt nach der Wahl.

Lilly Schröder

Aus Zehdenick

Lilly Schröder

R ehe springen über sattgrüne Felder, die Rapsfelder blühen in voller Pracht. Gegenüber des Backsteinbahnhofs in Zehdenick ragt auf einem Pfahl ein Storchennest in den Himmel, zwei Störche picken darin. Im 13.000-Einwohner-Städtchen im Kreis Oberhavel scheint die Welt noch in Ordnung. Schien sie – bis zum vergangenen Sonntag.

Bei den Bürgermeisterwahlen in der Stadt 60 Kilometer nördlich von Berlin gewann der AfD-Politiker René Stadtkewitz im ersten Wahlgang mit 58,4 Prozent der Stimmen. Damit wurde erstmals ein AfD-Kandidat zum hauptamtlichen Bürgermeister einer Stadt in Brandenburg gewählt.

In der Havelstadt ist der AfD-Politiker nicht zu übersehen: Auf Wahlplakaten lächelt Stadtkewitz freundlich, wenn auch steif, in Hemd und Jacke. „Für Euch bereits im Einsatz“ steht daneben, und: „Zehdenick verdient Verlässlichkeit“. Das zieht: „Ich find es ganz toll, dass er es geworden ist!“, sagt eine Rentnerin mit blonder Kurzhaarfrisur und bonbonpinker Brille. „Der alte Bürgermeister lebt wie die Made im Speck, und die Altparteien haben als Argumente gegen die AfD nur ‚Nazi‘ und ‚braun‘.“ Jetzt könne die AfD zeigen, ob sie wirklich etwas verändere. Eine Seniorin mit Rollator winkt ab: „Ich war nicht wählen. Die machen sowieso, was sie wollen.“

Die Bürger*innen in Zehdenick sind politikverdrossen, die Wahlbeteiligung lag lediglich bei 52,8 Prozent. Der Grund: In den vergangenen fünf Jahren schieden dort drei Bürgermeister aus dem Amt. Der 2021 gewählte parteilose Bert Kronenberg erklärte nach drei Jahren seinen Amtsverzicht. Der 2022 gewählte SPD-Kandidat Lucas Halle trat nach zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen zurück. Sein Nachfolger, der parteilose Alexander Kretzschmar, meldete sich nach elf Tagen im Amt krank und blieb bis zuletzt dienstunfähig. Im Januar wurde er durch einen Bürgerentscheid abgewählt.

Bereits 2025 war René Stadtkewitz für das Bürgermeisteramt angetreten, unterlag jedoch in der Stichwahl Kretzschmar mit 37 zu 63 Prozent. Ein Jahr später gelang ihm nun der Sieg. Der AfD-Politiker setzte sich gegen den FDP-Kandidaten Stephan von Hundelshausen (28,6 Prozent), den parteilosen Wolf-Gernot Richardt (7,8 Prozent) und Dennis Latzke von der Partei des Fortschritts (5,2 Prozent) durch. SPD, CDU, Linke, Grüne stellten keinen Kandidaten auf und unterstützten auch nicht zusammen einen parteilosen Kandidaten.

Er habe nicht die Partei gewählt, sagt Peter Krause: „Ich habe mich für einen Menschen entschieden, der bei der AfD ist“

Peter Krause hat den AfD-Mann gewählt. „Ich bin überzeugt von René Stadtkewitz“, sagt der Rentner. Er sitzt in Crocs, Kapuzenpulli und goldener Rolex am Handgelenk am Küchentisch seines Hauses am Stadtpark, in dem der gebürtige Münchner seit drei Jahren lebt. Als seine Hunde aufgehört haben zu bellen, beginnt Krause zu schwärmen: „Stadtkewitz ist ein top Mann, so herzlich und liebevoll mit seiner Familie.“

Früher CDU-Abgeordneter aus Berlin

René Stadtkewitz ist ein 61-jähriger Unternehmer und früherer CDU-Abgeordneter aus Berlin. Noch zu seinen CDU-Zeiten unterstützte er bereits eine „Bürgerinitiative“ gegen einen Moscheebau und baute Kontakte zum holländischen Rechtsradikalen Gert Wilders auf.

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Danach kam es zu innerparteilichen Konflikten, woraufhin Stadtkewitz 2010 mit der CDU brach und die rechtspopulistische Partei Die Freiheit gründete. Die mobilisierte rassistisch gegen eine angebliche „Islamisierung“. Nach Misserfolgen bei mehreren Wahlen legte Stadtkewitz sein Amt als Bundesvorsitzender 2013 nieder und rief zur Wahl der frisch gegründeten AfD auf. 2023 zog er mit seiner Familie nach Zehdenick, seit 2024 ist er Vorsitzender des Ausschusses für Stadtentwicklung und Bauen.

„Stadtkewitz hat sich in Zehdenick eine richtige Fanbase aufgebaut“, erzählt Krause überschwänglich. Auch er gehört dazu: „Er schafft Transparenz, setzt sich mit der Gesetzgebung auseinander und plappert nicht einfach nach.“ Anfangs habe ihn beschäftigt, dass Stadtkewitz der AfD angehört, doch im Gespräch habe ihn sein Interesse und seine Kompetenz überrascht. „Ich habe auf eine problematische Aussage gewartet – aber sie kam nicht!“, sagt Krause und strahlt. Er bilde sich seine Meinung unabhängig vom Narrativ der „Mainstream-Medien“: „Ich betrachte Stadtkewitz komplett unpolitisch – als Mensch“, sagt er. „Ich wähle Qualifikation, Charakter, Persönlichkeit.“ Sein Fazit: „Dieser Mann ist ein Verhaltensvorbild!“

Der Brandenburger Verfassungsschutz stuft die AfD als gesichert rechtsextremistisch ein. Der Landesverband gehört zu den radikalsten, ihre Anführer predigen eine „Remigration“, kooperieren offen mit anderen Rechtsextremen. Krause hingegen präsentiert sich irgendwie wie ein Vorzeige-Antifaschist: Mit seiner Frau habe er Kleider für syrische Geflüchtete gesammelt, unterstütze in Zehdenick auch einen afghanischen Geflüchteten und entferne und melde Nazischmierereien.

Raus aus der Spaltung

Wie passt das zusammen? „Unsere jetzige Regierung versucht, den Sozialstaat zu entlasten und permanent Menschen abzuschieben“, sagt Krause. „Das ist das, was die AfD fordert – nur dass es von einer Partei der Mitte kommt! Wo ist da der Unterschied?“ Dass ihm AfD-Nähe unterstellt werde, kritisiert er. „Ich habe keine Partei gewählt!“, sagt er irritiert. „Ich habe mich für einen Menschen entschieden, der bei der AfD ist.“ Er sehe nicht, dass Stadtkewitz ideologischen Inhalte der Partei in der Kommunalpolitik verankern wolle. Die pauschale Ablehnung der AfD sieht er kritisch. „Ich grenze niemanden aus, und deshalb lehne ich die Brandmauer zwingend ab.“ Sein Appell: „Wir müssen raus aus der Spaltung.“

„Wenn man hier lebt und sich einbringt, ist das Einteilen in ‚wir‘ und ‚die‘ grundsätzlich schwierig“, sagt Johannes von Streit Foto: Lilly Schröder

Diese Ansicht teilt auch Johannes von Streit. Der 32-Jährige steht vor dem Großraumbüro, dem Coworking-Space gegenüber der Stadtkirche. Der Weg dorthin führt über kleine Kopfsteinpflastergassen, vorbei an feinsäuberlich gemähten Vorgärten, Bauernhöfen mit bunten Fähnchen und vereinzelten Deutschlandflaggen. „Großstädter machen es sich leicht, AfD-Wähler pauschal zu beschimpfen und nicht mehr mit ihnen zu sprechen“, sagt von Streit in seinem grauen Hoodie. Früher habe er noch auf dem Marktplatz gegen die AfD protestiert, inzwischen würde er das nicht mehr tun. „Das verstärkt die Fronten“, sagt er. „Wegcanceln ist keine erfolgversprechende Strategie, wenn man 60 Prozent AfD-Wähler hat.“

Es helfe nicht, sagt ein Zehdenicker, wenn sich nun vor allem Außenstehende empören. Wir können ja jetzt nicht pauschal ganze Landstriche abschreiben

Der gebürtige Berliner lebt seit drei Jahren in Zehdenick. Er betreibt einen Kulturverein, den Coworking-Space und baut eine alte Backsteinschule in barrierefreie Wohnungen um. „Wenn man hier lebt und sich einbringt, ist das Einteilen in ‚wir‘ und ‚die‘ grundsätzlich schwierig“, sagt er. „Ich habe bestimmt auch was mit AfD-Wählern gemein.“ Außerdem sei es keine Parteienwahl gewesen, sondern eine Menschenwahl – die angesichts mangelnder überzeugender Alternativen günstig für die AfD ausging.

Natürlich gebe es ein paar „stramme Rechtsextremisten“ in Zehdenick. Die Stadt ist geprägt von ihrer Geschichte rechter Gewalt in den Baseballschlägerjahren, Manja Präkels schrieb über den Rechtsextremismus in ihrer Geburtsstadt Zehdenick in ihrem Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“. Von Streit wolle den Wähler*innen aber nicht unterstellen, dass sie die rechtsextremistische Ideologie eines Björn Höckes feiern, sondern „dass sie Stadtkewitz kennen und ihn wählen, weil er Verlässlichkeit als Marke aufgebaut hat und sie glauben, dass es das Beste für die Stadt ist“, sagt er. „Und trotzdem kann ich das scheiße finden, und das tue ich auch.“ Aber es helfe nicht, wenn sich nun vor allem Außenstehende empören. „Wir können ja jetzt nicht pauschal ganze Landstriche abschreiben.“

In der örtlichen Facebook-Gruppe mit über 3.500 Mitgliedern ist die Stimmung gespalten: „Ein trauriger Tag für den Antifaschismus“, schreibt ein Zehdenicker. Am Telefon sagt er der taz: „Ich war immer stolz auf mein kleines Städtchen. Es ist das erste Mal, dass ich mich schäme für meine Heimatstadt.“ Andere schreiben in der Facebook-Gruppe: „Genau das braucht Zehdenick, einer der macht und nicht nur labert wie Kronenberg und Versager Kretzschmar.“

Eine merkwürdige Situation

Wie geht es nun weiter? Der örtliche Pfarrer Andreas Domke spricht von einer „merkwürdigen Situation“: „Entweder René Stadtkewitz macht seine Arbeit gut und erreicht etwas, dann kann die AfD Kompetenz vorweisen, oder er macht sie schlecht und die Bevölkerung leidet. Dann bleibt aber die Häme im Hals stecken.“

Aufgeben will der Pfarrer nicht: „Der Bürgermeister regiert nicht. Die Stadtverordnetenversammlung ist nicht in AfD-Hand, sie hat nur eine Stimme mehr.“ Von 22 Sitzen hält die AfD nun 7 Sitze. „Wir machen weiter, schaffen Räume für Begegnung und gestalten unsere Stadt.“ Dann stimmt Andreas Domke einen Zehdenicker Liedsatz an: „Wir feiern auch im Regen – und dann werden wir schon sehen.“

Das ist nun der Mann in Zehdenick: René Stadtkewitz hat die Bürgermeisterwahl gewonnen Foto: Lilly Schröder

Ist Zehdenick der Auftakt zur von der AfD beschworenen „blauen Welle“? Bislang blieb der große Durchbruch auf kommunaler Ebene aus: Seit Jahresbeginn verlor die AfD im Osten 24 von 26 Wahlen. Umso euphorischer reagiert die Partei nun auf den Sieg in Zehdenick. Das Ergebnis sei ein „Vorgeschmack“ auf weitere Bürgermeister und Landräte der AfD, so der Landesvorsitzende René Springer.

Annemarie Wolff glaubt nicht, dass es der Anfang so einer Welle ist. Vielmehr sei der AfD-Sieg in Zehdenick auf die „besondere Situation“ zurückzuführen, so die stellvertretende SPD-Fraktionschefin. Und wenn nur eine halbwegs überzeugende Person kandidiert hätte mit Bezug zur Stadt, dann wäre die Wahl anders ausgegangen. Neben Zehdenick wurde in Brandenburg an dem Sonntag auch im Landkreis Barnim und in der Gemeinde Panketal gewählt. Dort gewannen zwei SPD-Amtsinhaber. Der Unterschied: Sie hatten sich zuvor für Schulen, Kitas oder Feuerwehren eingesetzt, waren gut vernetzt, warfen sich vor Ort und online in den Wahlkampf und boten der AfD offensiv Paroli.

In Zehdenick geschah das Gegenteil: Während die bürgerlichen Parteien keinen Kandidaten aufstellten, zeigte die AfD Präsenz mit Kundgebungen, Sommerfesten und Kinoabenden. „Wir haben uns natürlich darum bemüht, eine Kandidatin zu finden, die sich bereit erklärt“, sagt die SPD-Politikerin Wolff. „Aber man kann niemanden dazu zwingen.“

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38 Kommentare

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  • Menschlich ist es wichtig, mit AfD-Wählern zu sprechen, den Kontakt nicht abzubrechen. Aber politisch muss die AfD eingezäunt werden. Das ist eine andere Ebene.

  • Ob man besonders auf kommunaler Ebene, wo es um neue Straßen, Plätze, Versorgungseinrichtungen etc. geht, die AfD in Gänze davon ausschließen kann und will, halte ich persönlich für falsch. Es kommt immer darauf an. Wenn der Gegenüber, sachlich und fundiert sein Anliegen vorträgt, würde ich immer zuhören und gegebenenfalls auch zustimmen. Es waren wohl in Zehdenick nicht die Kandidaten zur Wahl, die gegen Herrn Stadtkewitz gewinnen konnten. Besonders wenn man dann noch bedenkt, dass vorher ja 3 Bürgermeister wegen Krankheit aus dem Amt ausschieden.

  • Ich denke, der junge Herr von Streit bringt die Sache auf den Punkt. Auf kommunaler Ebene zählt nicht die Partei, sondern der Kandidat. Und wenn die beiden letzten Kandidaten sich als so schwach erwiesen haben, dass die bürgerlichen Parteien nicht mal mehr jemanden aufstellen. Der Bewerber aus der letzten Stichwahl hat sich ja auch als schlechte Wahl erwiesen, wenn er sein Amt schon gar nicht mehr angetreten hat aus gesundheitlichen Gründen, aber auch nicht zurücktreten wollte, sondern weiter kassieren.

  • Letztendlich ist der Erfolg der AfD dadurch zu erklären, dass die konkurrierenden Parteien insgesamt so schlechte, reaktive Politik machen und mit Personal besetzt sind, dass erschreckend schlecht ist. Permanent äußern sich Minister, Kanzler und Parteipersonal unreflektiert und stellenweise schlicht dumm zu Sachverhalten, die sie scheinbar nicht vollständig verstanden haben. Und sind sich der Tragweite ihrer Äußerungen nicht mal bewusst.



    Letztendlich allerdings liegt das Problem bei uns allen: wir wollen Maximallösungen und einfache Lösungen für komplexe Probleme, möglichst ohne selbst etwas zu tun, abgeben zu müssen, oder Arbeit einzubringen. Die Einzigen, die solche Programme anbieten können sind entweder nicht die Hellsten, oder komplett gewissenlos ihrer Karriere verpflichtet. Ehrliche Politiker, die realistische Angebote machen, kommen in keiner Partei hoch und würden sowieso nicht gewählt.



    Und so bekommen wir alle die Politiker und das Land, dass wir verdienen.



    Schon zu Adolfs Zeiten haben die Menschen in erster Linie fantastische Versprechungen und in zweiter Linie Haß gewählt. Da derjenige, der aus der Geschichte nichts lernt, verdammt ist, sie zu wiederholen, geht es los.

  • Erwachsene Menschen, die nicht begriffen haben (oder nicht begreifen wollen), dass es Dinge gibt die immer falsch sind. Den Begriff Ethik googeln würde eventuell helfen.

    Erwachsene Menschen, denen nicht klar ist, dass es den Faschisten egal ist warum, oder für welche Person, sie gewählt werden. Am Ende regieren sie faschistisch. Siehe u.a. Trump.

    Wenig überraschend, null Erkenntnisgewinn, was allerdings nichts besser macht.

  • "Während die bürgerlichen Parteien keinen Kandidaten aufstellten, zeigte die AfD Präsenz mit Kundgebungen, Sommerfesten und Kinoabenden."



    Wenn man an der Wahl nicht teilnimmt, kann man kaum glauben gewinnen zu können.



    Wenn ich den Text oben richtig gelesen habe, hatte der Ort nun wohl ungefähr 1 Jahr lang einen Bürgermeister, der nach 11 Tagen im Amt dienstunfähig krankgeschrieben und dann abgewählt wurde.



    Jetzt wählen die Leute den einzigen, von dem sie annehmen, daß er die Dienstgeschäfte führen kann.



    Das kann einen richtig ärgern, aber kaum wundern.

  • AFD-Mann als Bürgermeister:

    Beunruhigend ist gerade ihre stille Normalisierung. Was früher mit offenen Parolen verbunden war, erscheint heute oft bürgerlich, pragmatisch und kommunal verankert.

    Genau diese Entwicklung beschreiben viele Studien zum neuen Autoritarismus: Demokratiefeindliche und nationalistische Positionen werden schrittweise gesellschaftlich gewöhnlich.

    Bürgermeisterwahlen wie in Zehdenick wirken deshalb nicht nur lokalpolitisch. Sie zeigen, wie sich autoritäre Politik über Alltag, Verwaltung und Gewöhnung etabliert – nicht durch großen Lärm, sondern durch den Eindruck von Normalität. Die eigentliche Gefahr liegt vielleicht gerade darin, dass viele sagen: „So schlimm ist es doch gar nicht.“

    So kommt und wächst „Spätfaschismus“ wie ein Krebsgeschwür mit allen seinen Facetten in die Gesellschaft und wird bereits in vielen Orten, wie jetzt in Zehdenick im Osten, zur Normalität.

    Weiter so Deutschland!

  • SPD, CDU, Linke, Grüne stellen keine Kandidaten auf, die Wahlbeteiligung ist unterirdisch - aber dann jammern wenn ein AfD-Politiker gewählt wird, genau mein Humor.

  • Wenn alle Bürgermeister in den vergangenen fünf Jahren das Handtuch werfen und die bürgerlichen Parteien bei der jetzigen Wahl keinen Kandidaten aufstellen - dann hat die AfD halt leichtes Spiel.



    Für einen Triumpf der AfD sehe ich eigentlich keinen Grund - die gewonnene Wahl ist eine Ausnahme.



    Mal sehen, wann Herr Stadtwitz das Handtuch wirft.

  • Ich beschimpfe AfD-Wähler nicht pauschal, halte sie jedoch zu etwas zwei Dritteln für äußerst naiv, geschichtsvergessen und empfänglich für rassistische und menschenverachtende Ressentiments, zu einem Sechstel für potentielle Mitläufer in einem Unrechtsstaat und zu einem weiteren Sechstel für potentiell gefährliche Extremisten, die, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten, auch vor physischer Gewalt bis hin zum Mord nicht zurückschrecken würden. Da wir unter den Konsequenzen einer durch solche Wähler verursachten Katastrophe bereits vor knapp 100 Jahren in Deutschland zu leiden hatten und wissen, wie es ausgegangen ist, kann ich nur den Kopf schütteln, wenn ich sehe, wie viele Leute bedenkenlos den Rattenfängern hinterherlaufen.

    • @Aurego:

      Wie bereits andere hier bemerkt haben, ist es wahrscheinlich eine Mischung aus Rattenfängertum und Versagen der anderen Parteien.

      Ich finde es auch immer schwieriger, mein Kreuzchen guten Gewissens irgendwo zu machen. Dabei wäre engagierte, zugewandte, im Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern entwickelte Politik absolut möglich.

      Ein mit (derzeit) großen Mängeln behaftetes demokratisches Angebot entschuldigt aber nicht, potentiell autoritäre Faschist:innen ins Amt zu wählen - das Risiko ist einfach zu groß.

      Und wenn wir ehrlich sind: Bereits 1933 hätte jeder sehen können (und viele sahen das ja auch), dass diese Leute verrückt und gefährlich sind.

    • @Aurego:

      Das Gefühl und die Frustration, die du beschreibst ist total verständlich und nachvollziehbar, aber ich halte es für sehr gefährlich bei so einer moralischen Erklärung á la "Die Menschen sind halt dumm oder böse" einfach stehen zu bleiben. Der Rechtsruck ist ja kein plötzlich auftretender, kollektiver Charakterfehler, weil 1/3 der Bevölkerung plötzlich aufwachen und spontan entscheiden Faschisten zu werden, sondern Ausdruck sozialer, politischer und ökonomischer Krisen (und ihrem Umgang damit.) Damit will ich jetzt nicht die individuelle Verantwortung und die Gefahr relativieren - im Gegenteil. Ich verstehe die Frustration und glaube, es braucht auf jeden Fall ganz klar antifaschistische Haltung dagegen! Gleichzeitig denke ich, dass nach 40 Jahren Neoliberalismus, Sozialabbau, Lohnstagnation, Wohnungsnot etc. die Rechten gerade ein sehr leichtes Spiel haben - sofern es progressiven Kräften nicht zeitnahe gelingt eine glaubwürdige Perspektive anzubieten und z.B. wieder für eine massive Umverteilung, demokratische Kontrolle wirtschaftlicher Macht, starke Gewerkschaften, öffentliche Daseinsvorsorge und reale materielle Verbesserungen im Interesse der Mehrheitsbevölkerung zu kämpfen.

    • @Aurego:

      Ich schon. Es gilt die einfache Wahrheit, wer Nazis wählt ist selbst ein Nazi, allen seinen Beteuerungen zum Trotz. Unschuldige Schäfchen hatten wir schon nach 1945 unzählige.

  • Endlich mal wieder ein Artikel in der taz, der durch echte Recherche entstanden ist und ein differenziertes Bild darstellt. Danke dafür!

  • Die AfD wird weiter erstarken.



    Weiter und weiter.



    Denn die einstigen Volksparteien haben, wie einst in den zwanziger Jahren der vergangenen Jahrhunderts, den Kontakt zu den Menschen komplett verloren.



    Die einstigen Volksparteien sind weder Willens noch in der Lage zu erkennen was die Menschen in diesem Land bewegt und welche Ängste die Menschen umtreiben.

    • @Bolzkopf:

      Ich glaube nicht, dass die 'Volksparteien' jeden Kontakt zu ihren Wählern verloren haben, die CDU hat kürzlich gute Ergebnisse bei Wahlen erhalten. Selbst die SPD verschwindet nicht, jedenfalls nicht gänzlich und nicht jetzt. Ich glaube, dass die AfD zulegt, weil Merz mit Dobrindt deren Migrationsdiskurs nicht zerlegt, sondern mit Abstrichen bestätigt.

    • @Bolzkopf:

      Verstehe überhaupt nicht, wie man sowas schreiben kann. In jede dieser "einstigen Volksparteien" kann man eintreten und mitgestalten.



      Warum sollten gerade die Rechtsradikalen wissen, welche Ängste die Menschen haben? Da fällt mir nur ein Grund ein: Weil sie diese Ängste selber schüren - und gleich noch Ausländer als Sündenböcke präsentieren.

      • @Flo:

        Es gibt genügend Umfragen was die Menschen in Deutschland beschäftigt. Auf Platz eins mit 35% das Thema Migration. Eine deutliche Mehrheit will eine deutlich schärfere Migrationspolitik und mehr Abschiebungen. Ebenso wollen die meisten Menschen in Deutschland eine Verschärfung beim Bürgergeld. Solange die Themen nicht wirklich angegangen werden kann sich die AFD zurücklehnen und braucht nichts tun.

      • @Flo:

        "Verstehe überhaupt nicht, wie man sowas schreiben kann. In jede dieser "einstigen Volksparteien" kann man eintreten und mitgestalten."

        Natürlich kann man das, warum jedoch sollten enttäuschte Wähler die sich von diesen Parteien nicht verstanden, ja verachtet, fühlen gerade in diese eintreten? So funktioniert Frustration nicht hier wird das Ventil gesucht, dass den größten Effekt hat und das ist nun mal leider die afd.

      • @Flo:

        Voe allem weil Sie den Menschen zuhören und genau erkennen, wo der Schuh drückt

        Die AfD ist nicht nur eine Defizitpartei, sie ist eine sehr begabte Defizitpartei.

  • Wenn's dem Esel zu wohl wird, geht er auf's Eis.

    • @LeKikerikrit:

      Was meinen Sie damit?

      Dass es der Linken bis zur CDU zu gut geht, so dass sie nicht mal mehr Kandidaten aufstellen?

      Dass Sie hoffen, dass auch der AfD-Bürgermeister nach der Wahl auf dem Eis ausrutscht?

  • Wird die AFD stärker, oder ruinieren sich die altparteien durch eigene Blödheit?

    • @Todesfister:

      Nuja, der eine mag Fackelmärsche und Judensterne, der andere eben nicht.

    • @Todesfister:

      Mal abgesehen davon dass "Altparteien" AfD-Sprech ist – ich denke Hauptschuld trägt die Union. Sie kam durch Grünenbashing an die Macht und kopiert dann die (durchaus vernünftige) Politik der Grünen - ohne zuzugeben, dass die Ideen von den Grünen stammen.



      Das kann ja nicht gut gehen.

      • @Flo:

        Wenn Sie recht haben und die CDU die Politik der Grünen kopiert und dies zu einem Erstarken der der Afd führt, scheint mit, dass die grüne Politik ein Hauptpunkt dafür ist, dass sich die Menschen von den normalen Parteien (Cdu, spd, grüne Fdp...) abwenden und Afd wählen. Da ist sicher was dran, der Hauptpunkt ist das aus meiner Sicht nicht.

      • @Flo:

        Es ist immer interessant, dass die Union die größte Schuld haben soll wo die afd den größten Sprung in ihrem Stimmenanteil unter einer Ampel Regierung hatte und die SPD an jeder Regierung seit 2015 beteiligt war.

      • @Flo:

        Das sehe ich ganz genauso und die Politikwissenschaft auch ...

      • @Flo:

        Sie betrachten nur die Bundesebene.

        Nun liegt Zehdenick aber in Brandenburg.

        Dort regiert seit der Wende durchgehend die SPD.

        In Koalition mal mit dieser, mal mit jener Partei.

        Wer von der enormen Zustimmung in Brandenburg für die AfD sprechen will, kommt eigentlich an der SPD nicht vorbei.



        (In diesem Zusammenhang von Schuld zu sprechen, halte ich nicht für hilfreich. )

        Die CDU spielt in Brandenburg keine herausragende Rolle.

        Die Grünen sind in Brandenburg eher ein Phantom.

        Man hat schon mal gehört, dass sie jemand gesehen haben soll.

    • @Todesfister:

      Natürlich machen die Altparteien einiges falsch, vieles funktioniert zu langsam etc.



      Ich würde dennoch niemals irgendwelche Leute wählen, die einer Partei angehören, die rassistische Ressentiments verbreitet, die den Staat und unser Grundgesetz im Prinzip verachtet und es ja ebenfalls nicht besser könnte als die Altparteien.

      • @Aurego:

        Wenn Sie nun aber diesen Staat ebenfalls verachten und Ressentiments teilen, die aus Ihrer Sicht nicht rassistisch sind, wenn Sie dazu das Grundgesetz für eine schöne Idee halten, die die anderen Parteien aber nicht umsetzen wollen, dann könnten Sie auf die Idee kommen, es mal mit der AfD zu probieren.

        Die anderen Parteien haben Sie schon mal gewählt und da änderte sich ja nichts.

    • @Todesfister:

      Sehr gute Frage. Die AfD muss gar nichts tun und deren Wähler kommen von ganz alleine. Ich denke auch es ist ein Versagen der Altparteien.

      • @Hans Dampf:

        Dass es vor allem an der Empfänglichkeit für Propaganda von zu vielen Menschen liegt zeigt die Tatsache, dass Du selbst mit dem Begriff 'Altparteien' und der pauschalisierten Zustimmung, dass angeblich keine Partei aus dem demokratischen Spektrum ordentliche Politik machen würde, eben jene Propaganda annimmst und verbreitest ...

    • @Todesfister:

      Leider letzteres; z.B. schleift die SPD den seit mehr als einem Jahrhundert geltenden 8-Stunden-Tag und damit ein Symbol der Arbeiterbewegung, und die CDU will gleich den ganzen Sozialstast abschaffen.



      Ein besseres Konjunkturprogramm für die AfD kann es garnicht geben!

      • @Tiene Wiecherts:

        "Leider letzteres; z.B. schleift die SPD den seit mehr als einem Jahrhundert geltenden 8-Stunden-Tag und damit ein Symbol der Arbeiterbewegung, und die CDU will gleich den ganzen Sozialstast abschaffen.

        Ein besseres Konjunkturprogramm für die AfD kann es garnicht geben!"

        Das ist das beste Beispiel dafür, dass niemand den AFD-Wähler verstehen möchte. Das interessiert den gar nicht, das spielt gar keine Rolle. Da würde man ja dann die Linke wählen, wenn einem das wichtig wäre.

        Konjunkturprogramm für die AFD ist vielmehr, dass sich einfach gar nichts ändert. Die Empfehlungen der ganzen eingesetzten Expertenräte werden nur zu 5% umgesetzt und damit bleibt alles beim Alten, außer, dass Steuern erhöht werden und jeder noch weniger im Geldbeutel hat.

        Das produziert Frust, Unzufriedenheit und Zukunftsangst und damit AFD-Wähler.

      • @Tiene Wiecherts:

        Jaja, es ist extrem "logisch", eine Partei zu wählen, die den Sozialstaat schleifen will, wenn man dagegen ist, dass der Sozialstaat geschliffen wird. Aber so ist das eben, wenn Inkompetenz zur Tugend wird.

      • @Tiene Wiecherts:

        Eine deutliche Mehrheit möchte viel strengere Bürgergeldgesetze. Nur wir die CDU da von der SPD ausgebremst. Von daher muss die AFD nicht wirklich viel tun.

      • @Tiene Wiecherts:

        Leider falsche Einschätzung, der Großteil der AfD Wähler will Einschnitte im Sozialstaat, der nach ihrer & Springer Lesart von Faulen und "Sozialtouristen" ausgeplündert wird.