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Neuer Bericht der Sipri-FriedensforscherBillionen für ein Zurück zum Kalten Krieg

Die Welt rüstet auf und steckt mehr als 2,8 Billionen US-Dollar in Militär. Ganz vorne dabei: USA, China und Russland. Und dann kommt Deutschland.

Kostet einen Haufen Geld: Gerät der US-Navy Foto: Matias Delacroix/AP/dpa
Tanja Tricarico

Aus Berlin

Tanja Tricarico

Streitkräfte und Gerät fürs Militär: 2025 sind weltweit erneut die Ausgaben dafür gestiegen. Die Staaten investierten insgesamt unfassbare rund 2,9 Billionen US-Dollar, das sind etwa 2,9 Prozent mehr als noch 2024. Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri seien damit international zum elften Mal in Folge die Ausgaben für Militär im Vergleich zum jeweiligen Vorjahr gestiegen.

Im Wettstreit um die höchsten Militärausgaben holen europäische Länder enorm auf. Dem Bericht zufolge stiegen die Ausgaben der europäischen Nato-Mitglieder 2025 so stark wie nie zuvor seit dem Ende des Kalten Krieges.

Das Budget aller europäischen Staaten, zu denen auch Russland gezählt wird, lag bei 864 Milliarden US-Dollar. Allein die 29 europäischen Nato-Mitglieder gaben laut 2025 insgesamt 559 Milliarden US-Dollar für ihre Streitkräfte aus. Deutschland habe in der Gruppe mit 114 Milliarden US-Dollar die höchsten Ausgaben. Das entspricht einem Anstieg von rund 24 Prozent gegenüber 2024. Und das wiederum sind 2,3 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Im weltweiten Vergleich war die Bundesrepublik damit das Land mit den vierthöchsten Militärausgaben. 2024 lag Deutschland noch auf Platz 5. Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, sukzessive die Militärausgaben an das Nato-Ziel von fünf Prozent des Bruttoinlandprodukts anzupassen.

USA nach wie vor Nummer eins

Trotz geringerer Investitionen sind die USA nach wie vor ganz vorne dabei. 954 Milliarden US-Dollar hielten die Vereinigten Staaten für das Militär parat. Der Rückgang der Ausgaben um rund 7,5 Prozent sei in erster Linie darauf zurückzuführen, dass im Laufe des Jahres keine neue finanzielle Militärhilfe für die Ukraine bewilligt worden sei, vermuten die Ex­per­t:in­nen bei Sipri. Dies stelle einen krassen Gegensatz zu den vorangegangenen drei Jahren dar, in denen insgesamt 127 Milliarden US-Dollar bewilligt worden waren.

China folgt auf Platz 2 mit 336 Milliarden US-Dollar, an dritter Stelle reiht sich Russland mit 190 Milliarden ein. Von den USA, China und Russland kommt mehr oder minder die Hälfte der Gesamtausgaben. Neben Deutschland zählen noch Indien, Großbritannien und die Ukraine zu den Top-Militärinvestoren.

Für den Zuwachs in den europäischen Ländern ist in hohem Maße die neue Bedrohungslage durch die russische Vollinvasion in der Ukraine seit Februar 2022 verantwortlich. Hinzu kommt der steigende Druck aus den USA auf die europäischen Nato-Staaten, ihre Rüstungsausgaben zu erhöhen. Mit einem erratischen Präsidenten im Weißen Haus setzen die Europäer auch langsam, aber sicher auf mehr Unabhängigkeit bei Fragen von Sicherheit und Verteidigung.

Diese Gründe führen die Sipri-Expert:innen zu folgendem Schluss: Der Trend zu hohen Militärausgaben wird sich auch in den kommenden Jahren wohl fortsetzen.

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22 Kommentare

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  • Umverteilung von Steuergeldern der Steuerzahler an die Rüstungsindustrien, nennt man so ein regieren der Regierungen über die Köpfe der Bevölkerungen hinweg.



    In Deutschland sind die im Vertrauen der Wähler legitimierten Parlamentarier in der Verantwortung, die sich im zweiten Wahlgang einen Unions BlackRocky Bundeskanzler für sich gewählt haben 🤑

    • @Alex_der_Wunderer:

      Es gibt eine große Mehrheit in Deutschland, die die Aufrüstung unterstützt. Da wird nicht über die Köpfe der Bevölkerung hinweg regiert.

  • Ich frage mich, bei einer so desolaten Bundeswehr, in welchen Löchern die höchsten Ausgaben für Militär in der europäischen Nato eigentlich versickern......

    • @PartyChampignons:

      Gehälter, Liegenschaften, Wartungskosten für alte Ausrüstung. Kann man alles online nachlesen wo das Geld hingeht.

  • Es klingt so, als ob das Geld einfach so versickern würde und dadurch verschwendet wäre.



    Das ist ja nicht der Fall. Von den Summen profitieren die Rüstungsunternehmen, die Zulieferer, die Beschäftigten und am Ende die Bundeswehr und somit die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland.



    Ich kann da keinen Fehler erkennen.

  • War! What is it good for? Absolutely nothing. Obwohl, als Waffenhersteller ein gutes Geschäftchen. Als Diktator, ein gutes Machtinstrument. Für den Politiker, eine Autoritäre Antwort auf Diversität.

    • @llorenzo:

      Für freiheitsliebende Menschen, eine Antwort auf autoritäre Eroberungsversuche. Fragen Sie mal in der Ukraine nach.

  • Zwei Punkte:

    1. Bei Diktaturen wie China und Russland muss man die offiziellen Zahlen immer mit Vorsicht genießen, sie lagern die Verteidigungsausgaben gerne aus. In Russland zahlen die Regionen Rekrutierungsbonusse, ruinieren sich dadurch, Firmen stellen Söldnertruppen auf und unterstützen die Truppen, daneben spenden viele Russen für die Armee. D.h. der Verteidigungsetat ist deutlich höher als diese Zahlen den Eindruck erwecken. China macht ähnliche Dinge. Alle Fähren in China müssen so gebaut werden, dass sie militärisch nutzbar sind, d.h. für eine Invasion Taiwans genutzt werden können. D.h. es gibt da Dual-use Ausgaben. Gleichzeitig rechnen sich viele westliche Länder mit Pensionszahlungen die Verteidigungsausgaben schön.

    2. Muss man Ausgaben an die Kaufkraft anpassen zumindest bei Ländern, die sich selber ausstatten. Waffen, Gehälter, Liegenschaften etc. sind alle viel günstiger als im Westen.



    Passt man die nominellen Verteidigungsausgaben Russlands, Chinas und Deutschlands an die Purchasing-Power-Parity (PPP) an ergeben sich folgende Budgets:

    Russland: 520-600 Milliarden $



    China: 950–1,050 Milliarden $



    Deutschland: 108–118 Milliarden $

  • Das eine sind die Zahlen. Die kann man ignorieren oder entsprechend deuten.



    Der Grund für den Anstieg der weltweiten Rüstungsausgaben ist eigentlich oft auch naheliegend. Wenn Nationen auf den Plätzen 1-3 stehen, welche das Völkerrecht mit Füßen treten, bleibt den anderen Ländern nicht viel anderes übrig.



    Denn einen gangbaren Ausweg aus dieser Spirale hat auch SIPRI nicht präsentieren können. Dazu sind sie wahrscheinlich auch nicht naiv genug.

    • @Oleg Fedotov:

      Es ist nicht Aufgabe von Sipri, diese Spirale zu durchbrechen. Sipri will/soll auf solche Missstände aufmerksam machen, um die Regierungen und alle Menschen in aller Welt dazu zu bringen, wach zu werden. Es ist eine extrem schwierige, wenngleich wichtige Initiative. Es sollte so sein, dass die Militärausgaben immer ein Pendant haben in Ausgaben für Friedens- und Konfliktforschung - doch das ist Utopie angesichts der ungeheuren Gewinne der Branche.

      • @Perkele:

        Wer, wenn nicht ein Friedensforschungsinstitut, könnte ein Konzept entwickeln, um die Spirale zu durchbrechen?

        Wach sind die Regierungen gerade bereits geworden.

        Dazu braucht es Sipri nicht.

        Wozu braucht ein Friedensforschungsinstitut denn Ihrer Meinung nach soviel Geld wie die Militärausgaben, wenn es nur auf Missstände aufmerksam machen soll?

        • @rero:

          Die Aufwendungen für militärische Zwecke sollten mit einem Aufwand zur Friedensforschung und -erhaltung komplettiert werden. Ich sage nicht, dass dieses Budget dem Institut -allein- zur Verfügung stehen soll, es muss in den Etats der Staaten verankert werden mit dem klaren Ziel der Konfliktvermeidung. Das ist bislang gar nicht vorhanen, bestenfalls als Alibi in irgendeiner Vorgabe versteckt. Wenn man 2% des Staatshaushaltes für Militär aufwendet, dann kann man davon gerne 0,2% für gewaltlose Friendeserhaltung abgeben - oder nicht?

          • @Perkele:

            Nennt sich das Budget vom Außenministerium gibt es also schon, dazu kommen noch Entwicklungshilfe. Nur Frieden gewaltlos erhalten funktioniert nicht gegen Leute die bereit sind Gewalt einzusetzen um ihre Ziele zu erreichen. Hat es noch nie.

            • @Machiavelli:

              In meinen jungen Jahren hatte ich tatsächlich die Illusion eines völligen Pazifismus. Das ist einer ernüchterten Einsicht gewichen und dennoch ist das weitere Bemühen in diese Richtung sehr, sehr wichtig. Dazu aber müssen wir daran arbeiten, entstehende Konflikte früh zu erkennen und sachlich daran arbeiten sie zu entschärfen, zu vermeiden. Das aber wird viel zu wenig gemacht - auch infolge einer fehlenden Finanzierung. Da setze ich mit meinem Vorschlag an: wenn wir einen bestimmten Anteil unserer Staatsausgaben für "Verteidigung" festlegen, dann sollten wir das nicht nur militärisch angehen, sondern durchaus auch die "gewaltfreie" Variante massiv unterstützen. Das geschieht kaum, viel zu wenig. Ernsthaft kann doch niemand dagegen sein, sich gewaltlose Lösungen zu engagieren. Das Budget im Außenministerium ist viel zu gering und es gehört in das Verteidigungsbudget - möglichst gleichberechtigt mit den militärischen Ausrichtungen.

  • Danke & btw eh mal wieder Strühfücken mit einem von den Jungs ansteht - mal dess:



    “Kalter Krieg“ als Metapher - einst ok für Ost-West-Schisma - heute gern besser mit 2.0 - wa.

  • Bei den europäischen Rüstungsausgaben ist die Situation ambivalent. Man muss Russland zeigen, dass die NATO auch ohne USA eine abschreckende Wirkung hat und das geht nun mal nicht, wenn man sich mit den fast 40 Jahre alten Materialbestand nach Ende des kalten Krieges nur auf dem Papier verteidigen kann. Auf der anderen Seite wären diese Mrd für erneuerbare Energien der Gnadenstoß für die russische Fossil-Industrie.

    • @ganzjahres Reichweite:

      Russland lebt nicht nur von der Fossil-indstustrie und es gibt zu-viele andere Abnehmer. Auch wenn die Idee alternative Energien Investition anstatt Rüstungsausgaben verlockend klingt die Rechnung geht nicht auf.

  • Das ist schrecklich und pervers. Aber so ist der Mensch. Nur so ist ein wackeliges Gleichgewicht für Frieden möglich? Ich seh momentan leider auch keine Alternativen außer zusätzlich reden reden reden

    • @StefanMaria:

      "Ich seh momentan leider auch keine Alternativen außer zusätzlich reden reden reden"



      Blöd ist halt, dass dazu immer mindestens zwei gehören. Selbstgespräche bringen in diesem Bereich nichts außer Selbstvergewisserung.

    • @StefanMaria:

      "Nur so ist ein wackeliges Gleichgewicht für Frieden möglich?"

      Das Gegenteil ist der Fall. Die Lehren aus der Geschichte zeigen, das Rüstungswettläufe selten gut endeten.

      Die Kombination aus exzessiver Staatsverschuldung, geopolitischen Spannungen und Vertrauensverlust in die Politik hat oftmals dazu geführt, dass es nur eines geringfügigen Anlasses bedurfte um die Lunte zu entzünden.

      Der erste Schritt dahin wurde oftmals dadurch eingeleitet das Diplomatie zunehmend durch militärische Drohgebärden ersetzt wurde.

      Ein mehr an konventionellen Waffen hat die Welt daher zu keiner Zeit zu einem sichereren Ort gemacht. Im Gegensatz zu diplomatischen Willen und Bestrebungen Konflikte friedlich zu lösen. Das historische Wissen darüber scheint bei einem Großteil der Staatenführer allerdings nicht mehr vorhanden zu sein.

      Gilt auch für Deutschland, welches jetzt versucht im blinden Aktionismus die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen, anstatt sich mit strategischen Kalkül auf den Kern zu konzentrieren und dazu Bündnisse zu schmieden, die sich gegen das Wettrüsten positionieren. Die Entscheidung den Weg der Kriegstüchtigkeit einzuschlagen, deutet jedoch auf eine andere Richtung hin

      • @Sam Spade:

        Deswegen schreib ich ja reden, reden... Auch wenn's zeitweise Selbstgespraeche sind.Auch die werden irgendwann gehört.



        Ich denke aber der Mensch ist so, dass er auch den Affen nachmachen muss und brüllend sich auf die Brust klopfen muss. Aber aus Abschreckung oder Stärke darf nie Angriff werden und Bündnisse der Vernünftigen ja. Dann sollten aber auch die Rüstungsindustrien verstaatlicht werden und der illegale Waffenhandel bekämpft werden. Da steckt die große Gefahr drin, nicht im Rüsten an sich.

      • @Sam Spade:

        Yes. Einst stands in Kölle anne FH -

        “Nachrüstung - kommt Krieg!“