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Social-Media-Verbot für JugendlicheSehr vernünftig und sehr hilflos

Ralf Pauli

Kommentar von

Ralf Pauli

Familienministerin Karin Prien will die Debatte über Social Media versachlichen. Gut so. Dann reden wir mal über die drängendsten Punkte.

Karin Prien (CDU) spielt die Anti-Populismus-Karte: mehr Aufklärung statt nur Social-Media-Verbote Foto: Kay Nietfeld/dpa

S o sieht das also aus, wenn eine Ministerin eine Debatte einfangen möchte. Karin Prien muss sich darüber geärgert haben, dass SPD und Union zuletzt mit Forderungen nach einem Social-Media-Verbot ab 14 Jahren vorgeprescht sind. Und jetzt lädt auch noch Jens Spahn zu einem Kongress rund um digitalen Jugendschutz. Seit Monaten redet sich die CDU-Familienministerin den Mund fusselig: Erst wenn die Ex­per­t:in­nen­kom­mis­si­on ihre Empfehlungen vorstellt, will sie handeln. Es ist kein Zufall, dass Prien ihr Basta ausgerechnet am Tag vor der Spahn-Tagung am Dienstag noch mal untermauert.

Es ist ein interessanter Move. Ihr Ministerium veröffentlicht, was die Kommission bislang an Erkenntnissen zusammengetragen hat. Die lauten, salopp formuliert: Wer Kinder und Jugendliche vor Gefahren in der digitalen Welt schützen möchte, muss vieles tun – ein mögliches Social-Media-Verbot allein wird wenig bringen. Prien spielt also die Anti-Populismus-Karte, die sie – Stichwort „Demokratie Leben“ – gerne öfter spielen darf.

Sie hat ja recht: Wer Social Media verteufelt, verkennt, wie wertvoll digitale Räume für Jugendliche sein können. Gleichzeitig ist der Handlungsdruck – die Stichwörter sind Suchtverhalten und problematische Inhalte – offensichtlich. Eine möglichst frühe Begleitung in Elternhaus und Schule ist also zentral, das betont auch die Kommission. Doch nun muss sie dafür auch handfeste Vorschläge liefern. Und da liegt das Problem. Es wäre überfällig, dass es Medienkunde als Pflichtfach ab Klasse fünf gäbe – das aber kann Prien nicht über die Länder hinweg anordnen. Und wie der Staat Eltern dazu bringen möchte, über die Gefahren von Smartphones und ihre eigene Rolle als Vorbilder zu reflektieren, ist völlig unklar.

So vernünftig Priens Intervention ist – so hilflos wirkt sie. Mal sehen, was die Ex­per­t:in­nen empfehlen. Wenn aber bis auf ein – leicht zu umgehendes – Social-Media-Verbot alles beim Alten bleibt, wäre das ein fatales Zeichen.

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Ralf Pauli
Redakteur Bildung/taz1
Seit 2013 für die taz tätig, derzeit als Bildungsredakteur sowie Redakteur im Ressort taz.eins. Andere Themen: Lateinamerika, Integration, Populismus.
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26 Kommentare

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  • Politiker gaben - auch hier - kein gutes Vorbild ab. In den Bundestagsdebatten sieht man ca 50% der Abgeordneten dauernd über dem Handy hängen. Und dann gehen sie mal ans Rednerpult und erklären, die Jugendlichen sollten weniger am Handy hängen.

  • Um der Debatte mal ein bißchen vorzugreifen.







    1. die kommerziellen Platformen sind für Kinder ungeeignet. Sie gründen auf Geschäftsinteressen und sind nicht bereit ihre Algoritmen Kinder und Jugendgerecht umzugestalten. Das zeigen die Beteuerungen von M. Zuckerberg, der bei jeder Befragung Besserung gelobt hat, nur um dann alles noch schlimmer zu machen. 1b. Es braucht also andere Platformen in den Händen von Non Profit Organisationen.



    2. für Kinder ist es essentiell wichtig sich direkt mit der (Um-) Welt auseinander zu setzen und nicht aus zweiter Hand übers Netz. Daher deutliche Einschränkungen bis zu einer bestimmten Altersgrenze.



    3. schon vor Nutzungsbeginn sollten die Kinder auf die Nutzung von Social Media/Internet vorbereitet werden.



    4. die Medienkompetenz sollte die gesamte Schul/Kindergartenzeit begleitend fort geführt und dabei stets den neuen Entwicklungen gemäß werden angepaßt werden.



    5. die Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen sind eine der wertvollsten Ressourcen. Es sollten also nicht allein Experten entscheiden, sondern die Kids mit einbezogen werden.



    6. die Entwicklung schreitet rasant voran, deswegen: auch die Medienkompetenz von Erwachsenen weiter ausbauen..

  • Abwarten, was die Expertenkommission empfiehlt - und dann muss das genauer erforscht und begleitet werden. Die Probleme liegen doch nicht allein bei Social Media.

  • Ich gehe noch einen Schritt weiter und befürtworte ein Smartphoneverbot für alle unter 18.

    Die Forschung zeigt ganz klar, dass Smartphonebenutzung, vor allem aber Soziale Medien und ganz besonders KI, das Gehirn und somit kognitive und soziale Fähigkeiten negativ beeinflusst. Und das selbst bei Erwachsenen, die jahrzehntelang niemals Smartphone und/oder sozMed verwendet haben. Heranwachsenden den Zugang zu ihnen zu ermöglichen, ist exakt das gleiche, als wenn man ihnen Drogen verabreichte, und zwar jeden Tag über Stunden.

    Vielleicht sind wir irgendwann so weit, dass wir über die Tatsache, dass man Jugendlichen und Kindern den Zugang zu Smartphones erlaubt hat, genauso entsetzt wie über die Tatsache, dass Schnapsgenuss von Kindern oder sogar Kinderprostitution im 19. Jahrhundert in vielen Ländern Europas völlig legal war.

    • @Suryo:

      Und dann Computer und Tablet auch verbieten? Und gleich das ganze Internet?

      Das ist doch kaum noch machbar, weil man z. b. das Smartphone auch ständig REIN praktisch braucht von der Fahrkarte im Bus bis zum Eintritt ins KINO. Und wer soll der Oma erklären, wie das Onlinbanking jetzt geht?

      Schön wäre es, aber der Zug ist (mit digitalen ticket) abgefahren.

      • @ttronics:

        Wir sind hier in der Taz, wo sonst kann man auch mal Radikales fordern?

    • @Suryo:

      "dass SPD und Union zuletzt mit Forderungen nach einem Social-Media-Verbot ab 14 Jahren vorgeprescht"

      Na ich hoffe mal, da ist "unter 14 Jahren gemeint". Obwol, wundern würdes mich nicht.



      Und der Rest ist wieder typisch deutsch. Es liegen klare wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem Tisch, dass Social Media unreguliert für Kinder schädlich sein kann, Sucht erzeugend ist. Aber bevor man schnell und pragmatisch, ein effektives Maßnahmenprogramm beschließt, inklusive Medienkopetenz in der Schulbildung, (soweit möglich) strengere Regeln für Betreiber und Beschränkungen für Kinder einführt, wir gestritten, Recht gehabt, zusätzlich ne ganz eigene Studie erstellt, nochmal Recht gehabt und erstmal nichts getan, was die Zielgruppe schützt.

    • @Suryo:

      Das hätte dann aber die Schattenseite dass sie dann mit 16 oder 18 Jahren plötzlich und unvorbereitet damit konfrontiert würden.

      • @Tobias Eckert:

        Der Großteil der derzeit lebenden europäischen Bevölkerung wurde erst nach dem 20. Lebensjahr damit konfrontiert.

        Was meinen Sie, ist besser: schon mit 12 den ersten Joint oder doch erst mit 20 und einem klein wenig Lebenserfahrung und Selbstkenntnis mehr?

    • @Suryo:

      und befürtworte ein Smartphoneverbot für alle unter 18

      Absurd! Wählen z.b. Europawahlen ab 16, Führerschein ab 17 und Sie wollen ein Verbot?



      Man sollt sich mal darauf einigen, ob Menschen ab 16 Jahren reif sind oder doch noch eher Kinder.

      Persönlich würde ich Ihnen zustimmen, alles auf 18 zu beschränken. Wahlen, Führerschein, Sozial Media, Rauchen, Trinken, Ende des Jugendstrafrechts, halt alles was Altersbeschränkt ist.

  • Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche - bloß nicht!!



    Dann wären gewisse Eltern wieder gefragt, wenn es um Bespaßung geht, und die haben selbst genug mit den Daumentrainern zu tun.

  • Medienkunde ab Klasse 5, also ab 11 Jahren. Und was ist mit den noch Jüngeren? Ich sehe die Mittags nach Beendigung der Schule zu Hauf im Bus und ein jeder glotzt in sein Handy.



    Und was ist mit der Verantwortung der Eltern. Ich habe den Verdacht, dass die froh sind, wenn sie ihrem Nachwuchs so ein Gerät in die Hände drücken können und ihre Ruhe haben. Sicher nicht alle - aber viele.

    • @Il_Leopardo:

      Und was ist mit der Verantwortung der Eltern.

      Die sind froh, dass sie das Kind bei der "modernen" Oma abgeben können.

    • @Il_Leopardo:

      Die Busfahrer finden das cool, so bleiben alle auf ihren Plätzen hocken, keine Rumgelaufe, kein Gerangel, und die Lautstärke bleibt auch überschaubar.

  • Ich beneide die heutige Jugend kein bisschen - ich glaube irgend wie nicht, daß ich meine Kindheit/Jugend überlebt hätte, wenn jeder ständig überall eine Kamera griffbereit gehabt hätte. Ein größeres Geschenk hätte man meinen Bullies nicht machen können.

  • Mir fällt irgendwie kein Wert von digitalen Räumen ein. Als Ort um andere zu treffen oder als Zufluchtsort sind digitale Räume eher als negativ zu bewerten. Eigendarstellungen gehen für gewöhnlich in der allgemeinen Kakophonie unter. Um sich mit Gleichgesinnten austauschen, braucht mensch keine sozialen Medien.

    • @Okti:

      Digitale Räume sind oft die einzigen Räume die marginalisierte oder einsame Menschen haben uns sich mit Leuten denen es ähnlich geht auszutauschen. Oder allgemein mit Menschen die man halt nicht in der näheren Umgebung trifft und zu denen man eher passt.

      Für queere Kinder und Jugendliche sind digitale Räume oft die einzigen Räume in denen sie Unterstützung bekommen weil die Gesellschaft queerfeindlich ist und auch viele Eltern das sind.

    • @Okti:

      Mittlerweile sind für manche Menschen Gleichgesinnte immer schwerer zu finden.

      • @Erfahrungssammler:

        Bei der Feuerwehr oder Vereinen findet man immer Gleichgesinnt. Aber natürlich kann man auch in eine Partei einteten oder sich einen Hund ( nicht zu groß. die Großen vertreiben die Leute ) kaufen.



        Wer will findet bzw wird gefunden.

  • Wer nicht warten will, bis die Expert*innen, auf die im Artikel verweisen wird, ihre Arbeit beendet haben, sollte sich das Interview von Holger Klein mit Sebastian Meineck von netzpolitik.org bei Übermedien anhören. Ist zugleich Folge 229 der Serie "Holger ruft an" [uebermedien.de/115...ial-media-verbot/]. Da gibt es sehr gute Denkanstöße zu hören, die sonst untergehen, z.B. den, dass ein Social Media Verbot immer alle betrifft. Denn wenn z.B. Kinder als Nutzer blockiert werden sollen, dann müssen natürlich alle erstmal überall nachweisen, dass sie eben kein Kind sind. Sich aber plötzlich kontrollieren zu lassen, wo man vorher alles gratis bekam, wollen dann doch wieder nur eher wenige; bzw. diese Überlegung haben die meisten noch gar nicht angestellt. Nur einer von vielen guten Punkten in diesem Gespräch.

    • @StefTack:

      Das ist das größte Problem an der Sache! Vor allem da mit ki der Überwachungsstast von dem Rechte träumen Wirklichkeit zu werden droht. Siehe Palantir & Co.

  • Wir ändern Artikel 7 Abs 2 GG und ersetzen den Religionsunterricht durch Medien- und Demokratieaufklärung. Und zwar ab der 1. Klasse und nicht erst ab der 5.

    • @tehabe:

      Führte das Fehlen von Religion und sogar des Wissens ÜBER Religion irgendwie per se zu mehr Aufklärung und Demokratie, müsste Ostdeutschland die aufgeklärteste und demokratischste Gegend der Welt sein.

    • @tehabe:

      Lassen Sie mich raten:

      Sie stammen aus Westdeutschland.

      • @rero:

        Eher Norddeutschland - im Süden gibt es Religionsunterricht nicht erst ab der 5. Klasse 😁. Und zumindest formal sogar in der hinterletzten Zwergschule statt dem Religionsunterricht beim Dorfpfarrer ein konfessionsfreies Ersatzprogramm für Protestanten, Atheisten und andere Heiden. 😎

    • @tehabe:

      Social-Media-Sucht, wenn man es so nennen will, hat mit Religion eigentlich nichts zu tun, aber Sie können gerne für eine Verfassungsänderung Werbung machen.

      Generell ist man in komplexeren Bereich wie Politik schlecht beraten, mit einer einzelnen Maßnahme mehr als ein Problem lösen zu wollen. Sie riskieren, am Ende mit doppelt so vielen Nebenwirkungen dazustehen, aber keines der Probleme gelöst zu haben.