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Volksentscheid Berlin autofreiDie Verkehrswende ist noch nicht verloren

Jonas Wahmkow

Kommentar von

Jonas Wahmkow

Das Scheitern des Volksentscheids Berlin autofrei zeigt nur: Statt komplizierter Verbote braucht es einen entschlossenen Umbau der Infrastruktur.

Schon 2021 gab es die erste Demo der Initiative Foto: IMAGO / Bernd Friedel

E s war eine schöne Vorstellung: Vom Westend bis zum Ostkreuz blühende Landschaften, spielende Kinder, Fahr­rad­fah­re­r:in­nen und Fuß­gän­ge­r:in­nen in harmonischer Eintracht. Kein SUV weit und breit, nur ab und zu ein Rettungswagen und Transportsprinter, der die Eintracht stört. Doch Berlin autofrei ist gescheitert. 140.000 Unterschriften sind gesammelt worden. Nötig gewesen wären 174.000. Woran hat es gelegen?

Grundsätzlich: Das Scheitern von Berlin autofrei ist kein Ja für das Auto und kein Nein für die Verkehrswende. Vielmehr dürften viele Ber­li­ne­r:in­nen skeptisch gegenüber dem von der Initiative vorgeschlagenen Weg sein. Denn die Verkehrswende lässt sich nicht herbeiverbieten, sondern benötigt einen großangelegten Umbau der Infrastruktur: sichere Radwege, weniger Parkplätze, mehr ÖPNV.

Der Kern des Volksentscheids war ein Gesetzesvorschlag, der die Zahl der Autos innerhalb des S-Bahn-Rings drastisch reduzieren wollte. Die innerstädtischen Straßen sollten grundsätzlich nur noch von Rettungskräften, Taxen, Bussen und Elektrokleinstfahrzeugen genutzt werden können. Ber­li­ne­r:in­nen hätten nur an 12 frei wählbaren Tagen im Jahr im Berliner Zentrum herumfahren dürfen.

Darüber hinaus sah das Gesetz großzügige Ausnahmeregelungen vor, etwa für mobilitätseingeschränkte Menschen und den Güter- und Wirtschaftsverkehr. Auch eine Härtefallregelung hatte es in den Gesetzesentwurf geschafft. Etwa, wenn sich der Arbeitsweg unzumutbar um mehr als 30 Minuten verlängert hätte. Oder wenn zum Beispiel Frauen sich nachts auf ihrem Arbeitsweg nicht mehr sicher fühlen.

Kurz: Die In­itia­to­r:in­nen des Volksentscheids haben versucht, jede Eventualität mitzudenken. Das Gesetz sollte nur jene Kraftfahrzeuge aus der Innenstadt verbannen, die tatsächlich einfach durch Fahrrad und Öffis ersetzbar sind.

Wer hätte kontrolliert?

Ob das Gesetz bei einer erfolgreichen Abstimmung die gewünschte Wirkung erzielt hätte, ist fraglich. Bereits jetzt ist nach Zahlen des Statistischen Bundesamts knapp ein Viertel der innerhalb des S-Bahn-Rings zugelassenen Kraftfahrzeuge gewerblich. Mit der Einführung des Gesetzes wäre dieser Anteil womöglich deutlich gestiegen.

Auch erfordert ein derart rigoroses Gesetz strenge und häufige Kontrollen, damit es nicht einfach ignoriert wird. Aus Erfahrungen weiß man: Au­to­fah­re­r:in­nen parken überall dort, wo es nicht bestraft wird, und nicht, wo es explizit erlaubt ist.

Ausufernde Bürokratie und anlasslose Verkehrskontrollen sind zwei Nebeneffekte, die den Volksentscheid nicht unbedingt sexy gemacht haben. Dabei sind die Ziele der Initiative – eine weitgehend autofreie Innenstadt, mehr Flächengerechtigkeit, Verkehrssicherheit und Luftreinheit – durchaus mehrheitsfähig. Berlin hat mit 329 privaten Pkw pro 1.000 Ein­woh­ne­r:in­nen die geringste Autodichte in Deutschland – nicht nur innerhalb des Rings. Trotz der autofreundlichen CDU-Politik ist die Zahl in den letzten Jahren zurückgegangen.

Auch ist die Zustimmung für die von CDU und SPD ausgebremste Verkehrswende weiter hoch. Eine repräsentative Studie der NGO Clean Cities im Januar ergab, das 59 Prozent der Ber­li­ne­r:in­nen eine Umwandlung von Autospuren in Bus- oder Tramspuren befürworten, wenn der ÖPNV dadurch schneller und zuverlässiger wird. 67 Prozent wünschen sich bessere und effizientere Parkraumregelungen, damit große und schwere Autos nicht so viel Platz wegnehmen.

Der Gesetzesentwurf von Berlin autofrei zäumte das Pferd von hinten auf – erst das Verbot, dann der Umbau der Infrastruktur. Doch es sind eben jene kleinteiligen, aufwändigen und oft teuren Maßnahmen, die die Mobilitätswende voranbringen und für mehr Lebensqualität sorgen: Autospuren umwidmen, Parkplätze entsiegeln, ein sicheres, zusammenhängendes Netz aus Fahrradwegen bauen, autofreie Kiezblocks errichten und für einen dicht getakteten, zuverlässigen und günstigen ÖPNV sorgen.

Zusätzliche Einnahmequellen könnten höhere Parkgebühren und eine City-Maut liefern, beides weniger radikale und einfacher umzusetzende Maßnahmen als ein generelles Autoverbot.

Brauchen wir also eine neue Volksentscheidinitiative, die es besser macht und einen konsequenten Umbau der Infrastruktur fordert? Die gab es bereits 2016 mit dem Volksentscheid Fahrrad, aus dem 2018 das bis heute gültige Mobilitätsgesetz entstand. Doch das Gesetz haben CDU und SPD in ihrer Amtszeit konsequent ignoriert und entkernt. Ebenso wie den erfolgreichen Volksentscheid Deutsche Wohnen und Co. enteignen, der seit 2021 auf seine Umsetzung wartet.

Volksentscheide im Dilemma

Das Scheitern von Berlin autofrei offenbart daher auch ein grundsätzliches Dilemma des Instruments Volksentscheid. Ber­li­ne­r:in­nen haben immer weniger das Gefühl, sie könnten mit Volksentscheiden tatsächlich selbst Politik machen. Das wirkt sich nicht nur auf die Menge an Menschen aus, die bereit sind zu unterschreiben, sondern auch auf die Aktiven, die ihre Freizeit opfern, um mit Unterschriftenlisten von Haustür zu Haustür zu ziehen.

Die letzte selbstwirksame Erfahrung der Ber­li­ne­r:in­nen durch einen erfolgreichen Volksentscheid war die Rettung des Tempelhofer Feldes 2014. Und selbst das wollen CDU und SPD wieder bebauen. Wichtiger als ein gewonnener Volksentscheid ist also eine Regierungsmehrheit, die sich an bestehende Gesetze und Klimaschutzziele hält und die Verkehrswende entschlossen voranbringt.

Hoffnungsvoll, dass eine solche Politik auch Mehrheiten gewinnen kann, stimmt indes das Beispiel Paris. Ende März bestätigten die Pa­ri­se­r:in­nen den Fahrrad- und fußgängerfreundlichen Kurs der langjährigen Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Ihre Politik, die die CDU hierzulande als „autofeindlich“ bezeichnen würde, sorgte dafür, dass Paris zu einer lebenswerteren Stadt für alle geworden ist.

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Jonas Wahmkow
Redakteur für Arbeit und Soziales im Berlin Ressort.
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37 Kommentare

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  • Würde man nicht alles so rigoros verbauen und "nachverdichten" wäre auch genug Platz für spielende Kinder die nicht vor fahrende Autos laufen weil die Eltern ihrer Verantwortung nicht gerecht werden.



    Gut, das ist etwas überspitzt formuliert aber immer mehr Menschen auf demselben Platz birgt absehbaren sozialen Sprengstoff durch die Enge.



    Wer bewusst dem vorhandenen Verkehrsbedürfnis keine Rechnung trägt, braucht sich über Staus nicht zu wundern. Soll man mit dem Bus bis zum Stadtrand fahren um dann mit dem Privatauto weitere regelmäßig variierende Strecken zur Baustelle fahren?



    Völlig absurd und zum Glück krachend an der Vernunft gescheitert.

  • Ich stimme dem Autoren zu. Als jemand, der sich selbst nicht als "Autofan" bezeichnen würde, kann ich nur sagen: Lebte ich in Berlin, hätte ich dem niemals zugestimmt. Eine bekanntermaßen chronisch überforderte Verwaltung, die es nicht einmal hinbekommt, eine Wahl richtig zu organisieren, soll als Zusatzaufgabe mal eben kurz für sämtliche (!) Einwohner des Innenstadtringes ein Register anlegen, auf dem die 12 Fahrten, die jeder machen darf, registriert sind? Dabei dann eine Meldestelle, um jede Fahrt registrieren zu können, und ein massives Polizeiaufgebot, das nötig wäre, um bei den Leuten einzeln nachzuprüfen, ob sie die Fahrt auch angemeldet haben? Von Sondergenehmigungsstellen, die Anträge auf mehr Fahrten wegen z.B. Pflege von Angehörigen bearbeiten, mal ganz zu schweigen.

    Der Volksentscheid wäre eine Jobbeschaffungsmaßnahme für Mittzwanziger*innen, die nach dem geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studium eine attraktive Stelle im öffentlichen Dienst suchen. Der praktische Nutzen kann da nicht mithalten.

  • Nur ja heißt ja.

  • Doch, sie ist verloren.



    Genauso wie die Wärmewende (nicht mal richtig angefangen), die Energiewende (wird gerade zurückgefahren), die Landwirtschaftswende (hat in D nie stattgefunden), die Digitalisierung, die Wende auf dem Wohnungsmarkt, uvam

    Wo man in D auch hinschaut: Ödnis, rückwärtsgewandtes Denken - Deutschland mal wieder im Herbst.

    Um uns herum in Europa: Das Leben.



    Aufbruch zu neuen Ufern.

    • @hsqmyp:

      "Wo man in D auch hinschaut: Ödnis, rückwärtsgewandtes Denken"



      .



      Nö.



      .



      Überall Instandsetzung der Infrastruktur, Hilfen für die Sozialgesellschaft, funktionierende, wenn auch nicht umfassende, Digitalisierung, hohe Arbeitssicherheitsstandards etc etc.

    • @hsqmyp:

      Diese ganzen „Wenden“ sind doch nur ein Euphemismus ohne Wert. Wende heißt schlichtweg, umzudrehen und den gekommenen Weg zurückzugehen. Das was erforderlich ist, sind vorwärtsgewandte, intelligente und vor allem in der Breite umsetzbare Konzepte und Wege. „Berlin autofrei“ ist das krasse Gegenteil davon und daher auch gescheitert, die Menschen können zum Glück auch außerhalb des aktivistischen Denkens durchaus noch klare Entscheidungen treffen.

  • Das Scheitern von Berlin autofrei ist ein Ja für das Auto und ein Nein für die Verkehrswende. Dass ausgerechnet die am nächsten liegende Erklärung falsch sein soll, überzeugt mich nicht.

    • @Jochen Laun:

      Wenn ich 100% Erbschaftssteuer über einem Freibetrag von 1 Mio fordere und das abgelehnt wird, ist dann automatisch jede Form der Erbschaftssteuer abgelehnt?



      Die Forderungen für den Volksentscheid waren sehr radikal, dass mildere Varianten der Änderung zu weniger Autos in der Stadt genauso abgelehnt werden ist kein Automatismus. Ich sage nicht, dass sie zwangsläufig falsch liegen, aber dass ihr Schluss der Einzug zulässige ist finde ich nicht.

      • @esgibtnureinengott:

        Dein Vergleich verfehlt den Kern. Ein Volksentscheid ist keine theoretische Seminarübung, sondern ein politischer Realitätstest. Wenn selbst in Berlin eine Initiative scheitert, deren zentrales Ziel weniger Autoverkehr ist, dann ist das sehr wohl ein Signal gegen die Verkehrswende – unabhängig davon, ob die Ausgestaltung „radikal“ war.

        Natürlich ist es logisch denkbar, dass mildere Maßnahmen mehrheitsfähig wären. Politisch entscheidend ist aber: Sie waren nicht mehrheitsfähig genug, um auch nur diesen ersten, klaren Schritt zu tragen. Wer daraus keinerlei Rückschluss auf die gesellschaftliche Stimmung ziehen will, verwechselt formale Logik mit politischer Praxis.

  • Paris passt als Vergleich nicht. Die gemeinde Paris würde auf Berlin übertragen den Bezirken innerhalb des S-Bahn Ringes entsprechen. Da gibt es schlicht andere Mehrheiten.

    Der Ballungsraum Paris hat über 10 Million Einwohner, nur 2 Million wohnen in der Gemeinde Paris.

    Wenn alle im Petit Cordon (Paris+die 3 angrendenden Departements) mitbestimmen könnten, wären die politischen Kräfte auch andere

  • Die CDU plakatierte: „Autos verbieten verboten“

    Typisch CDU 😠

    Der Kraftfahrzeugbestand in Deutschland erreichte 2026 mit 61,3 Millionen Kfz einen neuen Höchststand, was einem Anstieg von +0,4 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die Einwohnerzahl Deutschlands wird für Mitte 2026 auf ca. 83,6 bis 83,7 Millionen Menschen geschätzt.

    Der Bestand an Personenkraftwagen in Berlin (1,23 Millionen PKW) ist in den vergangenen Jahren leicht zurückgegangen oder stagnierte, trotz wachsender Bevölkerung.

    Autofreie Städte werden allerdings nicht von "links-grünen Politikern" durchgesetzt und schon gar nicht von den autofreundlichen Politikern der CDU/CSU, sondern der Klimawandel wird den Menschen irgendwann klar machen, dass der Blödsinn mit Autos in Städten endlich vorbei sein muss – und da ist es dann auch egal, ob die neuen Autos alle elektrisch fahren, denn Autos verbrauchen sehr viel Raum in den Städten.

    Viel 'Raum', wo man lieber Natur (Bäume etc.) wachsen oder Kinder gefahrlos spielen lassen sollte.

    In Deutschland kommen aktuell (Stand Mai 2026) statistisch etwa 591 bis 593 Personenkraftwagen (PKW) auf 1000 Einwohner. Das entspricht einem Verhältnis von etwa 1 PKW pro 1,7 Personen.

  • Der Vergleich mit Paris ist wichtig.



    Er zeigt, das eine Verkehrswende auch in einer Megacitie möglich ist.



    Und das sie am Ende ein Gewinn für die Stadt sein kann.

    Er zeigt aber auch, was in Deutschland fehlt:



    Mutige PolitikerInnen, die ihre Visionen und Wahlkampfversprechen umsetzen.



    Eine mündige Gesellschaft, die auch mit sinnvollen Verboten umgehen kann.

    Gerade Berlin zeigt das Manko im Lande: Die Stadt ist nicht mehr beliebt und sexy, sondern bieder, verfallen und langweilig.



    Wählerbetrug durch die rechte SPD, Postengeschacher statt Visionen, Korruption statt Moderne.

    Paris ist inzwischen sogar neben Kopenhagen ein lohnendes Ziel für Radfahrer. Selbstredend würde man dort den Louvre nicht 30 Jahre für einen Umbau schließen, wie unverständlicherweise das Pergamonmuseum in Berlin.



    Und der Nachfolger von Frau Giffey setzt ihre fortschrittliche Pollitik fort statt alles ins Gegenteil zu verkehren wie das Duo infernale Wegner/Giffey

    • @hsqmyp:

      Es ist immer schwierig, Leute, die nicht den eigenen Standpunkt vertreten, für unmündig zu erklären.

      Man wird sehr schnell für borniert gehalten.

      Vielleicht kennen Sie und ich einfach alle relevanten Gesichtspunkte nicht ...

      Übrigens brauchten Wegner/ Gipfel hinsichtlich Verkehrswende nicht viel "ins Gegenteil zu verkehren".

      Da kam ja von Rot-Grün-Rot schon nicht viel

      Gerade gibt es eine Diskussion, einen unter Rot-Grün-Rot eingerichteten Fahrradreifen aufzuheben.

      Wäre der erste.

      Rot-Schwarz hat ansonsten alle gelassen und geplante umgesetzt.

      So als Beispiel.

    • @hsqmyp:

      Die Stadt Paris ist keine Megacity. Das ist der Großraum Paris. Die Stadt Paris selbst hat 2,1 Millionen Einwohner auf 110 qkm, also rund 60 % der Einwohner von Berlin auf etwas mehr der Fläche innerhalb des S-Bahnrings ( da habe ich Zahlen zwischen 90 und 100 qkm gefunden). Und nur diese Pariser durften abstimmen... Das ist natürlich auch für Besucher der wichtigste Bereich, wer verirrt sich schon in die Vororte? Aber immerhin scheint dort die Verwaltung einigermaßen zu funktionieren, und weltweit bekannte Museen werden auch nicht für 30 Jahre (teilweise) geschlossen, da gebe ich ihnen Recht.



      Vielleicht sollte Berlin die Rechte und Pflichten der Bezirke und des Senats überdenken. Entweder mehr Verantwortung der Bezirke analog zu den Städten im Ruhrgebiet und der Senat als Regionalverbandsverwaltung oder der Senat als verantwortliche Stelle und die Bezirke nur als untergeordnete, weisungsgebundene vollziehende Stelle wie in Hamburg.

    • @hsqmyp:

      Die Gemeinde Paris ist mit der Gemeinde Berlin nicht vergleichbar. zur Gemeinde Paris gehören nur die Innenstadtbezirke

      • @Tim Hartmann:

        Verstehe. Das stellt natürlich die Errungenschaften von Fr. Hidalgo grundlegend in Frage :-)

        • @hsqmyp:

          Der Vergleich hinkt weiterhin. Die Gemeinde Paris ist eben keine Megacity, sondern eine extrem dicht besiedelte Kernstadt mit klaren Zuständigkeiten und vergleichsweise homogener Wählerschaft. Genau diese strukturellen Voraussetzungen machen viele Maßnahmen erst möglich. Berlin dagegen ist zugleich Stadt, Bundesland und Metropole mit sehr unterschiedlichen Quartieren und Interessen – das ist politisch und administrativ eine ganz andere Liga.

          Auch der Erfolg der Verkehrswende in Paris wird häufig idealisiert. Verkehrsverlagerung ins Umland, soziale Effekte (steigende Mieten, Verdrängung) und massive Kosten werden gern ausgeblendet. Dass Paris für touristische Radfahrer attraktiver geworden ist, sagt noch wenig über die Alltagstauglichkeit für alle Bevölkerungsgruppen.

        • @hsqmyp:

          Das sagt das es nicht übertagbar ist auf deutsche Gemeinden. Das geht nur wenn der Stadtrand nicht mitabstimmen kann.

          In Deutschland gibt es in keiner Stadt einen solchen Gemeidetuschnitt. Das ist höchst relevant.

          Paris konnte so entscheiden weil Paris über die Interessen des Stadtrandes hinweg politik maxhwn konnte.

  • "Fahr­rad­fah­re­r:in­nen und Fuß­gän­ge­r:in­nen in harmonischer Eintracht."



    Schon das erlebe ich jeden Tag anders.

    • @Quantensprung:

      Ja, viele Radfahrer verhalten sich so, als würden sie insgeheim bedauern, nicht das Auto genommen zu haben.

    • @Quantensprung:

      Stimmt, das ist Quatsch.

  • "Berlin Autofrei" war/ist seiner Zeit einfach zu weit voraus.

    Denn es hat zwischenzeitlich ein Mentalitätswandel eingesetzt, bei dem für die jüngeren Menschen das Auto nicht mehr Statussymbol Nr 1 ist. Diese (jüngere) Gruppe geht viel pragmatischer mit dem Auto, um als die ältere Gruppe, für die das Auto offenbar immer noch sakrosankter Teil ihrer Identität ist. Und die in ihrem Hegemonialen Abwehrkampf blind dafür ist, daß die Folge von immer mehr und immer größeren Fahrzeugen eben Stau und Parkplatznot sind (von den Toten, Verletzten, Krach, Dreck, Bedrohung, usw. soll hier gar nicht erst die Rede sein).







    Nun..wie die Biologie gebietet, werden sich die Anteile der Gruppen immer mehr in die pragmatische Richtung verschieben. Und was immer es ist, was die Sakrosankten derart ideologisiert hat..früher oder später werden auch in diesem Land Vernunft und Pragmatismus Stadtgestaltungen wie in Paris, Helsinki, den Niederlanden usw. ermöglichen.







    Städte die weit lebenswerter, sicherer, gesünder, schöner, leiser, sanfter sind, als die dreckigen Moloche, geschaffen von und für eine untergehenden Generation, die sich das offenbar nicht mal richtig vorstellen kann..

    • @Wunderwelt:

      Ihre These, dass Jüngere kein Auto mehr wollen, wird seit Jahren in der ZEIT ebenfalls hochgehalten. Verblüffenderweise steigt die Anzahl der Autos und - wichtiger - die Anzahl der gefahrenden Kilometer pro Jahr trotzdem. Da ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig, damit die Menschen einsehen, dass 2 Stunden im ÖPNV besser sind als 45 Minuten im Auto.

    • @Wunderwelt:

      Meine Söhne wollen als erstes mit 18 den Führerschein machen und spähen schon die Autos aus, die sie erben könnten. Bei den Freunden sieht das nicht anders aus.



      Keine Ahnung woher Sie Ihre Prognose nehmen.

      Aber nicht als Statussymbol, sondern tatsächlich als Fortbewegungsmittel. Als jahrelange BVG-Mitfahrer ist das auch kein Wunder.

    • @Wunderwelt:

      Ihr Wort in Gottes Ohr. Allerdings glaube ich, dass erst die hiesige Autoindustrie weitestgehend abgewickelt werden muss bevor die von Ihnen erwähnten Veränderungen sich in der Breite durchsetzen. Zum Glück sprechen die internationalen Rahmenbedingungen im Moment sehr stark dafür, dass das zügig vonstatten gehen könnte.

      • @Okti:

        Das wäre ein extrem hoher Preis für vermeintlichen Fortschritt. Eine weitgehende Abwicklung der Autoindustrie hätte massive soziale und wirtschaftliche Folgen: Millionen Arbeitsplätze – direkt und indirekt – stünden auf dem Spiel, ganze Regionen würden in Strukturkrisen gestürzt, kommunale Haushalte gerieten unter Druck, soziale Spannungen nähmen deutlich zu.

        Solche Verwerfungen wären ein ideales Umfeld für politischen Extremismus. Historisch wie aktuell zeigt sich: In Phasen von Deindustrialisierung, Arbeitsplatzverlust und Abstiegsängsten profitieren vor allem rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien, allen voran die AfD, die soziale Unsicherheit gezielt in Wut gegen „Eliten“, Klimapolitik und Demokratie kanalisiert.

        Ökologisch wäre wenig gewonnen. Wertschöpfung und Emissionen verschwinden nicht, sie verlagern sich in Länder mit niedrigeren Umwelt- und Sozialstandards. Das schwächt den Klimaschutz und untergräbt zugleich die gesellschaftliche Akzeptanz für notwendige Veränderungen.

    • @Wunderwelt:

      Zusätzlich zu den von Ihnen angenommenen Gruppen muss man aber auch zugeben,dass der Gesetzentwurf ein bürokratisches Monster war.



      Diese 12 Fahrten proJahr sind doch in keiner Weise kontrollierbar gewesen. Bzw. hätten das für den Umbau der Infrastruktur nötige Geld in Kontrollmechanismen und Verwaltungsakten versenkt. Ein Gesetz, das mehr Ausnahmen als tatsächliche Beschränkungen enthält, funktioniert einfach nicht. Egal wie sinnvoll das dahinterstehende Ziel wäre.

  • Gut dass die Vernunft gesiegt hat

  • "Ebenso wie der erfolgreiche Volksentscheid Deutsche Wohnen und Co. enteignen, der seit 2021 auf seine Umsetzung wartet."

    Der Volksentscheid war für den Senat war nicht erfolgreich. Die Initatoren haben schlichtweg vergesen ein Gesetzestext mit in den Volksentscheid zu nehmen. Möglicherweise lag das daran das zu dieser zeit SPD/Linke/Grüne in Berlin regiert haben und man diese nicht unter Druck setzen wollte. den Text für den volksentscheid hatte eine Rechtsanwaltskanzlei erstellt. und ein Blick auf berlin.de und man erfährt wie ein Volksentscheid beantragt werden muss.

    www.lto.de/recht/n...nd-bindungswirkung



    Das Votum ist für die Politik rechtlich nicht bindend. Denn abgestimmt wurde nicht über einen konkreten Gesetzentwurf.

  • Patentrezept für die Förderung von Politikverdrossenheit:



    Man fragt die Menschen, ob die das wollen, die Menschen sagen nein, und man sagt:



    "Die Menschen haben das zwar abgelehnt, aber das bedeutet ja nicht, dass die das nicht wollen..."

    • @Desdur Nahe:

      Die notwendigen Unterschriften nicht zu erreichen heißt nicht automatisch, dass "die Menschen" etwas nicht wollen. Ich weiß, dass sich viele heutzutage damit schwer tun, aber eine objektive Differenzierung ist wichtig.

      • @Okti:

        Doch, genau das heißt es.



        Findet ein Volksentscheid keine Mehrheit, wollen "die Menschen" das offensichtlich nicht. Wollten sie es, hätten sie hingehen und abstimmen sollen. Eigentlich ganz einfach und objektiv differenziert.

      • @Okti:

        Wenn die Berliner*innen es gewollt hätten wären sie zu den Listen gestürmt. So ist es ein Zeichen das es vielen nicht gefällt oder es ihnen mehr oder weniger nicht wichtig ist.



        So ist es eben, das Volk ruft nicht ja wir wollen unbedingt, aber Aktivist*innen hören es glasklar heraus

        • @Georg Sonntag:

          Sie sollten nicht davon ausgehen, dass sich alle politisch interessieren. Sogar der letzte erfolgreiche Volksentscheid in Hamburg, wo beide Seiten massiv mobilisiert hatten, lockte nicht mal der Hälfte der Wahlberechtigten zur Wahl. Dasselbe kann mensch auch zu vielen Landtagswahlen sagen. Da würden Sie dann nicht behaupten die Menschen wollen gar keine Demokratie nur weil nicht alle gleich zur Urne stürmen, oder?



          Ich wohne nicht in Berlin, daher kann ich den Verbreitungsgrad nur schwer beurteilen, aber wenn die Menschen z.B. nicht vom Volksbegehren wissen, dann werden sie auch nirgendwo hin stürmen.



          Andere mögen davon gehört haben, aber es war ihnen vollkommen egal, so wie alle anderen politischen Belange. Und natürlich ist Ablehnung auch Teil des Gesamtpaketes

          • @Okti:

            Ach so – wenn Menschen nicht unterschreiben, zählt das nicht, weil sie vielleicht nichts davon wussten, kein Interesse hatten oder generell politikmüde sind. Praktisch: Jedes Scheitern lässt sich so immer zum Erfolg umdeuten. Dann gibt es eigentlich nie gesellschaftliche Ablehnung, sondern nur mangelnde Erleuchtung.

            Demokratie funktioniert aber nicht nach dem Prinzip „Die Leute hätten sicher zugestimmt, wenn sie sich mehr dafür interessiert hätten“. Politische Projekte müssen Mehrheiten mobilisieren, nicht nur moralisch recht haben. Wer das nicht schafft, hat ein Problem – kein Missverständnis.

            Und der Demokratie-Vergleich zieht nicht. Niemand behauptet, geringe Wahlbeteiligung bedeute Ablehnung der Demokratie, wohl aber mangelnde Zustimmung zu konkreten Akteuren und Inhalten. Genau das ist hier passiert: Das Thema war da, die Stadt ist politisiert, und trotzdem blieb die Unterstützung aus.

            „Die Menschen wollten es vielleicht, aber waren zu desinteressiert, um es zu zeigen“ ist kein Argument, sondern eine Schutzbehauptung. Demokratie misst reale Beteiligung, nicht vermutete Sympathien.

          • @Okti:

            Wenn hier die Hälfte der Abstimmungsberechtigten seine Stimme abgegeben hätte, wäre der Entscheid wohl durchgekommen.

            175.000 Unterschriften wären bestimmt zusammengekommen.

            Ich würde darauf wetten, gäbe es einen Volksentscheid zu Migration, würden die Leute völlig ohne Werbung hinstürmen.

            Liegt wohl doch am Thema

            Ist auch nachvollziehbar.

            Für jeden, der nicht im S-Bahnring wohnt, bietet der Entscheidung nur Nachteile.

            Damit würden schon mal rund 2,4 Abstimmungsberechtigte mit Nein stimmen.

            Bei den höchstens 1,3 Millionen, die im S-Bahnring wohnt, wird auch nicht jeder begeistert sein.

            Der eine findet Autofahren einfach cool.

            Die andere freut sich, wenn ihr Neffe einmal wöchentlich Getränke rumbringt oder einen zum Mittagessen Sonntags abholt.

            Unterschätzen Sie außerdem nicht die Angenervtheit der Berliner.

            Die Großstadt erträgt mancheiner nur, weil er am Wochenende nach Brandenburg oder noch weiter fährt.

            Die Bahn ist da oft keine Alternative.

            In der Innenstadt ist ja nicht umsonst so viel zugeparkt.

            Für den Entscheid müsste man viel Vertrauen in die Berliner Verwaltung haben.

            Wer Berlin-Erfahrung mitbringt, weiß, das würde nicht klappen.

    • @Desdur Nahe:

      Seh ich auch so. Das ist die Arroganz der Mächtigen ….