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Social-Media-VerbotMit Kinderschutz gegen Kinderrechte

Alexandra Hilpert

Kommentar von

Alexandra Hilpert

Auch Kanzler Friedrich Merz fordert ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 14 Jahre. Dabei ignoriert er das Kinderrecht auf Zugang zu Medien.

Mit Handy auf dem Weg zur Schule: laut der UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder ein Recht auf Zugang zu Medien Foto: Michael Gstettenbauer/imago

D ie SPD hat Anfang der Woche gefordert, Social Media für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren zu verbieten. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich dafür offen gezeigt. Begründet wird das mit dem Wohl der Kinder: Die Suchtgefahr von sozialen Medien ist groß, außerdem verbreiten sich politischer Extremismus und ungesunde Körperbilder.

Deshalb klingt es erst mal sinnvoll, Kindern Social Media zu verbieten. Das Ding ist aber: Soziale Medien sind nicht inhärent gefährlich. Sondern sie sind zuallererst ein Ort des Austauschs. Hier werden Informationen geteilt und gesellschaftspolitische Debatten geführt.

Social Media wegen des Suchtfaktors mit Zigaretten oder Alkohol und zu vergleichen, macht nur begrenzt Sinn, weil jede einzelne Zigarette komplett verzichtbar und noch dazu gesundheitsschädlich ist. Auf sozialen Medien gib es dagegen viele sinnvolle Inhalte, die der Gesundheit keineswegs schaden. Was sie gefährlich macht, sind andere Dinge, zum Beispiel: süchtig machende Algorithmen, rechtsextreme Arschlöcher und patriarchale Schönheitsbilder.

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Ein Social-Media-Verbot erscheint als eine einfache Lösung. Das ist es aber nicht. Laut der UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder nicht nur ein Recht auf Wohlergehen, sondern auch ein Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit sowie auf Zugang zu Medien. Das Recht auf Wohlergehen darf nicht missbraucht werden, um die anderen beiden in die Tonne zu treten.

Kinder, die ohnehin wenig Macht haben, weil sie an Wahlen nicht teilnehmen dürfen, systematisch von sozialen Medien und damit vom gesellschaftlichen Diskurs auszuschließen, entmachtet sie noch weiter. Wenn Plattformen ihre Inhalte nicht verantwortungsvoll gestalten, sollte das nicht zum Problem junger Menschen gemacht werden, sondern zum Problem der Anbieter.

Auf EU-Ebene existieren längst Leitlinien, die Algorithmen regulieren könnten. Plattformen müssten dazu verpflichtet werden, Eltern bei der Aufsicht ihrer Kinder auf sozialen Medien zu unterstützen. Medienkompetenz in Schulen müsste ausgebaut werden. Es gibt tausend Möglichkeiten, um Kinder vor den Plattformen zu schützen. Ein Verbot gehört nicht dazu.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Textes stand fälschlicherweise, Friedrich Merz wolle das Social-Media-Verbot auf Jugendliche unter 16 ausweiten. Es ging aber nur um Jugendliche unter 14 Jahre. Wir bitten um Entschuldigung.

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Alexandra Hilpert
Redakteurin
Hat in Leipzig Journalismus studiert und ist seit 2022 fest bei der taz, aktuell im Online-Ressort als CvD und Themenchefin. Schreibt am liebsten über Wissenschaft, Technik und Gesellschaft, unter anderem in ihrer Kolumne Zockerzecke.
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4 Kommentare

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  • Guter Einwurf aber hat die Autorin schon mal versucht eine Jugendliche:r vom Handy abzuhalten?



    Das ganze klingt für mich immer so na „betreutem Trinken“. Wie Erwachsenen schaffen es kaum die Finger von den Dingern zu lassen. Aber den Kindern können wir es beibringen? Social Media ist wie ein Berg gut riechender Kuchen. Drei mal schaffen es die meisten dran vorbei. Beim vierten Mal fängt man an zu essen.

  • Es gibt auch noch andere Medien, als die sozialen Medien, nur mal so als Denkanstoß. Nur weil Jugendlichen der Zugang zu sozialen Medien eingeschränkt wird, heißt das nicht, dass sie keinen Zugang zu Medien generell mehr haben werden, es gibt genügend Alternativen um an Informationen zu kommen....

  • Es wär so schön in Bullerbü..

    ..wenn also Jugendliche in Sozialen Netzwerken "unter sich" blieben. Nur ist die Realität halt so, daß die Anbieter ein großes Interesse haben, in diesen eigentlich privaten Raum einzudringen, sei es um Werbung zu platzieren oder die Reichweite anderwertiger Interessen von außen zu vergrößern.







    Und mit dem aufkommen von KI wird diese Dynamik noch weit mächtiger und viel subtiler werden:







    www.heise.de/news/...ohen-11180217.html







    Wobei Mark Zuckerberg, TikTok & Co die Suchtgefahren und Manipulationsmöglichkeiten regelmäßig relativieren oder bestreiten.







    Die gesamte Privatheit, samt demokratischen Diskurs sind durch die neuen Möglichkeiten bedroht. Und das nicht nur bei Kindern und Jugendlichen.







    Was da auf uns zurollt, scheinen bislang nur die Techgiganten zu durchschauen, denen an einer KI basierten Oligarchie gelegen ist.







    Wenn also selbst die große Mehrheit der Erwachsenen keine Ahnung hat, wie soll dann die Gesellschaft, wie sollen dann Eltern ihre Kinder schützen.?

    Allein den Kids "Medienkompetenz" beizubringen wird da jedenfalls nicht reichen..

  • "Soziale Medien sind nicht inhärent gefährlich." - Doch natürlich sind sie das: neurologisch, psychologisch, sozial.



    "[S]ie [soziale Medien] sind zuallererst ein Ort des Austauschs. Hier werden Informationen geteilt und gesellschaftspolitische Debatten geführt." - Ja, hier werden auch (unter ferner liefen, auf keinen Fall "zuallererst") Informationen geteilt, wenn auch das meiste davon exhibitionistisch ist oder zumindest getragen wird von einer von mir nicht nachvollziehbaren Überzeugung von der eigenen Wichtigkeit (wen interessiert die Fu**ing Playlist von irgendwem?). Wer denkt von sich selbst, dass das irgendjemanden interessiert? Was für neoliberal zugerichtete Subjekte sind das? Und "gesellschaftspolitische Debatten"? Das Politische muss man mit der Lupe suchen, wenn man nicht Banalitäten wie Musik-, Mode- und Seriengeschmack dazu aufblasen will. Die größte Fehlwahrnehmung steckt jedoch im Begriff "Debatte". In Echokammern finden keine Debatten statt. Kinder haben ein Anrecht auf Medien, kein Anrecht auf soziale Medien. Niemand will die Logo-Kindernachrichten, das Kinderradio oder Bibliotheksausweise verbieten.