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Zum Tod von Marco BülowEin verzweifelter Sozialdemokrat

Den Pragmatismus der SPD konnte er nicht mehr ertragen, aus Partei und Fraktion trat er aus. Nun ist der Ex-Bundestagsabgeordnete mit 54 Jahren gestorben.

Marco Bülow ist mit nur 54 Jahren gestorben Foto: Jens Jeske

Marco Bülow war 19 Jahre lang im Bundestag. Er wurde auf SPD-Ticket direkt in Dortmund gewählt. Der Wahlkreis war eine sichere Bank. Direkt gewählt zu sein bedeutet, dem Wahlkreis mehr verantwortlich zu sein als der Partei – und eben nicht von der Partei auf einen aussichtsreichen Listenplatz bugsiert werden zu müssen.

Bülow war ein SPD-Linker, er engagiert sich gegen Lobbyeinfluss im Bundestag und für die ökosoziale Wende. In der Fraktion galt er nach ein paar Jahren als ewiger linker Rebell. Er war ein eigensinniger, quirliger Geist, der sich an der Großen Koalition rieb. Die Kompromisse, die die SPD, die ewige Regierungspartei, dort als Juniorpartner machte, erschienen ihm allzu schmerzhaft.

2007 schrieb er: „Die Mehrwertsteuererhöhung, die Gesundheitsreform, die Rente mit 67, die vor allem Arbeitnehmer trifft, und zuletzt auch noch die Senkung der Unternehmenssteuer – im Zusammenspiel kann ich darin keine ausgewogene soziale Politik mehr erkennen. Bei einer Fraktionssitzung habe ich auch mal gesagt, dass ich diese Entscheidungen in der Summe nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren könne. Es wurde stiller im Saal, was sonst eigentlich nur passiert, wenn ein Minister oder der Fraktionschef redet. Aber keiner hat etwas erwidert.“

Gut zehn Jahre später trat Bülow aus der SPD aus. Damals galt er auch im linken Flügel als Solitär. Die SPD, so Bülows Kritik, sei in der Großen Koalition „beliebig geworden, ohne erkennbare Haltung“. Anstatt ihre Ideale zu verteidigen, folge die Partei blind der Macht. Seine Austrittserklärung war eine scharfe Abrechnung mit dem sozialdemokratischen Pragmatismus, der schraubstockhaften Logik des kleineren Übels, einer leer drehenden Verantwortungsethik, die vielleicht auch Max Weber kritisiert hätte.

Denn auch bei Weber, dem Kronzeugen der Verantwortungsethik, spielt die Gesinnungsethik eine zentrale Rolle – nur sie verhindert, dass Politik vor lauter Verantwortung zur Verwaltung des Status quo verkommt. Genau das sah Bülow 2018 in der SPD-Fraktion. Sie war eine Maschine geworden, die nur noch ideenarm verwaltete und deren Potenzen, mehr zu wollen, im Maschinenraum der Macht verdorrt waren.

Seit dem Austritt heimatlos

Diese Analyse war nicht falsch. So scharf Bülows Urteil war – die Abnabelung war schmerzhaft. Sie fiel ihm schwer. Auch beim Austritt sprach er noch manchmal unwillkürlich von Wir. Hier der Machtapparat, dort der einsame linke Moralist, der an der Sachzwangslogik verzweifelt – diese Spannung war irgendwann zu viel. Aber sie definierte seine Rolle.

Nur wenige linke SPD-Dissidenten haben nach ihrem Austritt anderswo eine produktive, neue Rolle gefunden. Bülows Suche nach einer neuen Heimat war von wenig Erfolg gekrönt. In die Linkspartei, die nach 2018 in eine tiefe, deprimierende Krise trudelte, wollte er nicht. Er beteiligte sich an Wagenknechts Aufstehen-Projekt, das floppte.

2020 trat er in „Die Partei“ ein und holte 2021 knapp neun Prozent Erststimmen in Dortmund. Das war ein Achtungserfolg. Das Scheitern seiner Post-SPD-Karriere übertünchte es nicht. Politisch wirkte er nach dem SPD-Austritt heimatlos.

Wie am Freitag bekannt wurde, ist Marco Bülow im Januar mit nur 54 Jahren gestorben.

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15 Kommentare

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  • "... kann ich darin keine ausgewogene soziale Politik mehr erkennen."

    In der Tat kann man aber in den genannten (und auch den ungenannten) Entscheidungen der sPD vor allem eine "ausgewogene asoziale" Politik erkennen. Das "soziale", das die sPD noch vorzuweisen hat, ist, dass sie in der ewigen Koalition mit der cdU sowas wie ein "linkerer Flügel der cdU" ist. Sozialdemokratische Politik ist was fundamental anderes. Die findet man bei den Linken wieder.

  • Ein wirklich großer Verlust auch für seine vielen, selbst oft wehrlosen und machtlosen Unterstützer:innen, die ihm die Treue über viele Jahrzehnte mit Sympathie erhalten haben, insbesondere wegen seiner konsequenten Haltung zum Thema soziale Zivilgesellschaft und auch zu Krieg und Frieden.



    /



    "In einem Nachruf würdigt der Dortmunder SPD-Vorsitzende Jens Peick den Verstorbenen. Er habe entschlossen für eine bessere Welt gekämpft." Bei wdr.de



    /



    Es braucht immer gerade solche Leute, die Reibung erzeugen und den Diskurs so bereichern, denn eine "bessere Welt" ist keine Utopie.



    /



    www.nordstadtblogg...d-fuer-demokratie/



    /



    🕊️RIP🕊️

    • @Martin Rees:

      Jeder Mensch wie Marco hat sich auch einen Abschied mit Anstand und musikalischer Reminiszenz verdient: Weil er der SPD ein Rätsel blieb, habe ich hier aus den Werken Elgars verlinkt zum Thema ❗Enigma:

      youtu.be/2PY2hwzAC...i=BcaAGsBMeBAmshLd

      🕊️R.I.P. 🕊️

  • Die SPD hat sich - vielleicht in einer Mischung aus Macht- und damit Gestaltungswunsch, Verantwortungsgefühl und auch Angst um sich selbst - für Große Koalitionen zur Verfügung gestellt, ist nötige und vielleicht auch unnötige Kompromisse eingegangen. Schließlich ist die heutige Union Treibriemen von Finanz, Fossil und Großindustrie.

    Bülows Punkt wird in der Fraktion fast allen aus der Seele gesprochen haben. Wer sich aber bereits die Koalitionsoption Linke wegverteufeln lässt, die doch beim Großteil der Politik nur SPD 1997 war, geht sogar auch bei einer progressiven Mehrheit im Parlament wie 2013 unters Caudinische Joch. 2017- bekam die SPD übrigens dann wieder einiges später durch, auch das. Und durchdenken wir bei den anderen Fällen auch die Alternativen.



    Zurück zu Bülow, schade um das 'Die Partei'-Mätzchen.

  • R.I.P. Marco Bülow



    Noch ein kritischer Geist weniger, die dieses Land so dringend nötig hat.

  • Hervorragender Nachruf. Bülow war einer, der das korrumpierende (nicht im Sinne vom kriminellen Übergeben von Geldkoffern) gegenseitige Geben und Nehmen von Informationen zwischen Lobbyisten und Politik irgendwann durchschaute: Informationen als Währung, damit ein Politiker im jeweiligen Netzwerk an Ansehen und Macht gewinnt, an dem auch Journalisten als Agendasetter partizipierten.



    Einer der Obenstrippenzieher in der SPD, Steinmeier, der Erfinder der Agenda-Reformen, mutierte zum alles verstehenden aber nichts sagenden Staatsüberhaupt. Er war Hauptziel der Energielobby, die billiges Gas aus Russland wollte und von der SPD auf dem Tablett serviert bekam.

    Die ökonomische und politische Grauzone, die Bülow kritisierte, war in den USA schon lange Gang und Gebe: die Demokraten unter Clinton verschweißten sich mit dem Geld aus der Finanzindustrie, die für mehr Profit die US-Industrie ins Ausland verlagerte, so dass die Stammwähler der Demokraten, Arbeiter, zu Trump überliefen.

    SPD und CDU sind sich wie bei den Agenda-Reforem einig: "Sozialreformen" müssen her. Teile der Mittelschicht, die Armen Alten werden bluten, damit es wenigen großen Kapitalbesitzern noch besser geht.

    • @Lindenberg:

      „der Erfinder der Agenda-Reformen, "



      Jein. Er ließ erfinden. Und glaubt noch immer an Bertelsmann.



      taz.de/Vorschlaege...tsreform/!6071767/



      taz.de/Eine-Stiftu...-im-Land/!5137745/



      --



      Steinmeier, Schröder, und Gabriel...



      Davon erholt sich die SPD nicht so schnell.



      Vermutlich nie. Politisch heimatlos, die Menschen mit rotem Herzen und grüner Seele...



      R.I.P. Marco Bülow

  • Ein zu früher Tod für einen engagierten Menschen.

    Bei Bülow zeigt sich, wie knallhart das Berufsleben von Politikern ist. Alle 4 Jahre können sie ihren Job verlieren. In einer Partei, welche gerade die Herzen der Menschen nicht erreicht stellt sich dann ein Gefühl der Unsicherheit ein: Was machen ohne Mandat? Wie geht das Leben weiter?



    Ich möchte nicht tauschen.

  • Die SPD, so Bülows Kritik, sei in der Großen Koalition „beliebig geworden, ohne erkennbare Haltung“. Anstatt ihre Ideale zu verteidigen, folge die Partei blind der Macht.



    ----



    JA! Da hatte er RECHT!

    Doch so wie Ihn gibt es wohl mEn. viele "Heimatlose Linke" die sich in der heutigen Parteienlandschaft nur mit Mühe zurechtfinden!

    Btw. Nicht nur der "Kanzlerwahlverein" auch die Sozialdemokraten haben sich so weit von ihren Wurzeln entfernt, das wir mMn. schon "Archäologen" nötig haben, Historiker reichen da nicht mehr! :-)

    Seit Bernstein, spätestens nach Bebels Tod können d/W/m nur noch "singen":



    "Von da an gings bergab!" (c) H.Knef

    Mach's gut Marco! Schade das Du gehen musstest! Lässt nicht nur in DO eine Lücke, die nur schwer zu füllen sein wird!

    Gruss Sikasuu

    Ps. Warum "scheinen" sich die "Jungen" immer mehr "vorzudrängen"? Kann denn niemand sich mehr anstellen & warten, bis die "Alten" gegangen sind! :-(

    • @Sikasuu:

      August Bebel?



      Der das "wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" in die Welt gesetzt hat? (Inspiriert freilich durch die Bibel.)



      Ach, wie nett...

  • Mein aufrichtiges Beileid an seine Familie und seine Freunde. Ich bin so schockiert.



    Marco Bülow war ein aufrechter Kämpfer für Soziale Gerechtigkeit und gegen Ungleichheit. Zwei Themen, die in der heutigen SPD ihre Bedeutung leider zunehmend verlieren.



    Ich habe seine Arbeit zum Lobbyismus verfolgt und verstanden, dass wir als Bürger mit ungleichen Mitteln antreten unsere Interessen bei Abgeordneten, die ja eigentlich uns vertreten sollen, durchzusetzen. Ohne Marco Bülow wären diese Zusammenhänge nicht so deutlich geworden. Wir verlieren mit ihm einen wertvollen Streiter für unsere Demokratie und Freiheit, insbesondere Freiheit von Konzerninteressen. Er war ein aufrichtiger Mensch an der Seite der wirtschaftlich Schwachen. Leider verließ er uns viel zu früh. Rest in Power, Marco

  • Ich kann mir kaum vorstellen, dass Marco Bülow mit der Formulierung "Pragmatismus" der SPD (und anderer Parteien bzw. Politiker*innen) einverstanden wäre. Das klingt einfach arg harmlos.

    Letztes Jahr hat er für das "Parlament der Menschen" ein Input aufgenommen, das nach wie vor sehenswert ist, hier im Netz:



    Marco Bülow - Korruption



    www.youtube.com/watch?v=AKGyWyINCOk

    • @Eric Manneschmidt:

      Bülow erzählt, wie mächtige Lobbyisten arbeiten: Veranstaltungen organisieren, in denen wichtige Player aus Poliitk, Medien und Wirtschaft vertreten sind, die ein Netzerk bilden. Wird man eingeladen, steigt der eigene Wert. Informationen sind die Währung.



      So erhielt Bülow als Berichterstatter im Auschuss für Energie, eine wichtige ministerielle Vorlage von einem Lobbyisten. Die Parlamentarier hatten keinen Schimmer. Bülow konnte so vor den eignen Genossen glänzen, weil er noch Kritik an der ministeriellen Vorlage formulieren konnte.



      Irgendwann wird dann die Gegenleistung an den Lobbyisten fällig, zumal es Geld aus der Wirtschaft für den eigenen Wahlkampf gibt.



      Bülow, der nur begrenzt mitmachte, wurde so zum Paria der SPD, während Peer Steinbrück, "der Meister der Nebeneinkünfte", oftmals fünfstellige Summen für Vorträge bei Banken erhielt und heute noch bei TV-Talkshows als Wirtschaftsexperte schwadronieren darf, obwohl er gewissermaßen ins System eingekauft wurde.

      Die AFD hat Erfolg, weil dieses System die Gesellschaft spaltet, Arme ärmer und Reiche reicher macht.



      Superabschreibungen, Senkung der Unternehmenssteuern, und dann noch Sozialabbau, den die SPD organisieren darf.

  • Es hätte der SPD gut getan, wenn er geblieben wäre. Ich verneige mich vor dem Lebenswerk dieses Mannes!

    • @Quadrelli:

      Nicht nur Worte, auch Charisma:



      "Auf Marco Bülows Balkon waren Tiere willkommen. Dort hatte er ein Insektenhotel platziert, berichtet eine politische Mitstreiterin. Ein kleiner Bau, „damit sich die Insekten dort wohlfühlen.“



      Artenschutz und Umwelt gehörten zu den Herzensanliegen des ehemaligen SPD-Politikers, der gern über Bienen sprach und ein Foto von einem Wal in seinem Bundestagsbüro aufgehangen hatte. Ein Orca, den man nicht „Killerwal“ nennen durfte, wie Bülows ehemalige Mitarbeiterin Ines Schwerdtner, damals noch vor ihrer Karriere in der Linken, erzählt. Bei den Themen, für die er brannte, verstand er keinen Spaß."



      Bei freitag.de



      Der Titel:



      "Zum Tod von Marco Bülow: Ein Sozialdemokrat, wie man sich ihn wünscht"



      🐝🦋R.I.P.🐬🐳