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Schulschließungen wegen WinterSo kalt sollten uns Eis und Schnee nicht erwischen

Klaudia Lagozinski

Kommentar von

Klaudia Lagozinski

Statt allzu rasch den Unterricht ins Homeoffice zu verlegen, sollten Bildungsministerien eher überlegen, wie sie Schulwege sicherer machen können.

Wegen zu viel Winter: Schulschließungen in vielen Städten Foto: Marcus Brandt/dpa

G anz Nordrhein-Westfalen ist am Montag im Distanzunterricht. Auch in anderen Bundesländern bleiben Schulen dicht. Vielerorts kam die Ankündigung am Sonntagnachmittag. Viele Eltern fragten sich daraufhin im Netz: Wie stellt ihr euch das vor, liebe Bildungsministerien?

Ein Winter ist keine unvorhersehbare Naturkatastrophe, er kommt alle Jahre wieder. Warum ist man darauf nicht besser vorbereitet? Schließlich können nicht alle spontan auf Homeoffice umstellen und nun die Betreuungspflicht erfüllen. Eltern, die zur Arbeit müssen, können jetzt entweder die Kids in die Notbetreuung schicken oder blau machen. Sind die Kinder alt genug, können sie allein zu Hause bleiben. Aber sonst?

Hat die Pandemie nicht gezeigt, wen Schulschließungen am meisten treffen? Nicht jedes Kind hat ein eigenes Zimmer, stabiles Internet oder Eltern, die mit ihm zu Hause lernen. Funktionieren die digitalen Lernstrukturen von damals überhaupt noch oder geht wieder der halbe Schultag drauf, bis alle Schüler erreicht sind? Und das, was man als Lehrkraft für den Tag geplant hatte, so arrangiert ist, dass er aus der Distanz erledigt werden kann? Da fragt man sich, ob die Entscheidungen für die Schulschließungen wohlüberlegt waren, oder es sich eher um Kurzschlussentscheidungen handelt, die irgendwo zwischen Sonntagsblues und Kaffee und Kuchen getroffen wurden.

Eine Studie aus dem Jahr 2018 zeigt, dass 14,4 Prozent ihren Schulweg in unter 10 Minuten zurücklegen und 30 Prozent in maximal 20 Minuten. Es wäre besser gewesen, sich Gedanken darüber zu machen, wie man diese Wege bei kalten Temperaturen sicher machen kann, statt Schulen zu schließen. Winterdienste hätten früher starten können.

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Und selbst wenn die Gehwege glatt sind – das war auch früher kein Grund für Schulschließungen. Im Unterschied zu damals besitzen heute fast alle Kinder ein Handy. Sollte also wirklich mal etwas passieren, ist schnell Hilfe gerufen. Traut man Schülern heute nicht zu, dass sie auf glatten Wegen gehen können? Den Eltern nicht, dass sie auf glatten Straßen fahren können? Oder ist man viel mehr darüber besorgt, dass die Infrastruktur dem Wetter nicht gewachsen ist, in Kommunen nicht genug Schneepflüge bereitstehen?

Statt voreilig und aus Angst vor Chaos und Verletzten Distanzunterricht zu beschließen, hätte man auch einfach Schneefrei ausrufen können. Damit wäre zumindest kein Kind in diesen Tagen aufgrund seiner sozioökonomischen Situation zurückgefallen. Ein Winter sollte nichts sein, was einen so kalt erwischt.

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Klaudia Lagozinski
Nachrichtenchefin & CvD
Immer unterwegs. Schreibt meistens über Kultur, Reisen, Wirtschaft und Skandinavien. Meistens auf Deutsch, manchmal auf Englisch und Schwedisch. Seit 2020 bei der taz. Master in Kulturjournalismus, in Berlin und Uppsala studiert. IJP (2023) bei Dagens ETC in Stockholm.
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23 Kommentare

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  • Ich versuche mich gerade zu erinnern, wie wir es vor 60 Jahren, als es noch richtige Winter gab, in die Schule geschafft haben. Mein Schulweg dauerte bei gutem Wetter mit Bus und Tram gut 45 Minuten, viele Klassenkameraden mussten mit dem Zug fahren, die Lehrer kamen mit dem Auto. Ich kann mich nicht erinnern, dass da jemals der Unterricht wegen Schnee und Eis ausgefallen wäre.

  • Vielleicht geht es den Schulen ja auch um die hohen Heizkosten bei sehr niedrigen Temperaturen. Agorameter heute mittag (maximale Solarstromeinspeisung):



    Gesamtverbrauch: 70 GWh/h



    Erneuerbar: 25 GWh/h



    Konventionell: 41 GWh/h

    Import: 3,9 GWh/h



    Daher kommen wohl die Kosten..

  • Ich denke, dass immer mehr Menschen durch den Klimawandel den Umgang mit solchen widrigen Wetterlagen verlernt haben oder noch verlernen werden. Die "Wetterfrösche" wiederum möchten nicht für unterlassene Warnmeldungen zur Rechenschaft gezogen werden, was ich absolut verstehen kann. Denn unter Umständen sind die Eltern, die sich über witterungsbedingt ausfallenden Schulunterricht ärgern, die gleichen, die sich dann beschweren, wenn etwas auf dem Schulweg passiert.

  • In der Nachbarstadt sind zwei Gymnasien, wohin aus meinem Stadtviertel sehr viele Schüler gehen. Diese Kinder fuhren früher alle mit dem Linienbus, der im 15 min Takt fuhr.



    Schließlich endete der Vertrag mit dem bisherigen Transportunternehmen und ein



    Tochterunternehmen der Deutschen Bahn gewann die Ausschreibung, die nicht ausreichend Busfahrer hatte. Folge war, dass die Taktung auf 30 min reduziert wurde.



    Um 8 Uhr beginnt die Schule. Der Bus braucht 8 min zur Schule. Ein Bus fuhr um 7:28 Uhr, der nächste um 7:58 Uhr. Folge war, dass nur noch weniger als 50% der Schüler in den einen Bus passten. Man hätte zwischen 7:20 und 7:50 Uhr drei Busse gebraucht. Das verstößt aber auch gegen die Arbeitnehmerinteressen, da kein Busfahrer bereit ist für 2 Stunden Schichten.



    Heute fahren nur noch ein paar Berufspendler mit diesen Bussen und die Eltern fahren



    ihre Kinder mit dem Auto zur Schule.

  • Man könnte Schulen in den Wintermonaten generell schließen. Auch wenn das heute wenig populär zu sein scheint, der Traum der Mehrheit der Schulpflichtigen ist auch heute noch das Szenario einer geschlossenen Schule.

  • Wenn was passiert wäre im sonst dichten morgentlichen Berufsverkehr, wäre das Geschrei auch wieder groß gewesen. Den massiven, schulbedingten morgentlichen Verkehr also dadurch etwas zu entschärfen, erschien mir nicht so falsch.

    Ich habe viele Kinder im Schnee spielen sehen. Ich hab's ihnen gegönnt.

    Exzessiver digitaler Medienkonsum richtet viel mehr Schaden bei unseren Kindern an als zwei, drei Tage Glättefrei - einmal in 8-10 Jahren!

  • Schultag verloren - Gesundheit behalten. Bei Blitzeis sind nicht einmal die perfekt ausgerüsteten Räum- und Streudienste in den Alpen in der Lage, alle wichtigen Straßen freizuhalten. Auch ein 10-Sekunden-Schulweg kann schon böse enden. Schön, dass es Politiker:innen gibt, die in Zusammenhängen denken können. Ich wünschte mir mehr davon.

    • @Almerer:

      Ich habe etliche Jahre im Oberallgäu gewohnt und gearbeitet. Der Grad des Schulausfalls bestimmte sich dadurch, ob noch Züge fahren können oder - falls sie ausfielen - ob noch Busse in der Lage waren zu fahren. Ich habe in den "alpinen" Jahren nur ein einziges Mal erlebt, wo die Kemptner Busse nicht mehr eingesetzt werden konnten und die Züge nach Oberstdorf ebenfalls nicht. Die Busse im Sonthofer/Oberstdorfer Gebiet waren aber immer unterwegs, worüber selbst ich - die ich noch die Winter aus den Anfängen der 60er-Jahren kenne - mich über die Maßen gewundert habe. Aber unsere Busfahrer*innen war wirklich tough und konnten mit den Widrigkeiten umgehen.

    • @Almerer:

      Wie funktioniert das - Blitzeis bei flächendeckend Plustemperaturen? Ansonsten haben Sie natürlich Recht: WENN die Bedingungen mal entsprechend sind, dann hilft dagegen auch nicht mehr Salz.

      • @Normalo:

        Wenn der Boden durchgefroren ist nützen auch die Plustemperaturen nichts. Meistens bildet sich eine dünne Eisschicht mit Wasser oben drauf. das hat man dann keine Chance mehr.

        • @Captain Hornblower:

          Yep, aber nur, wenn der Boden so kalt ist, dass auftreffendes Wasser Wasser trotz Salzauflage gefriert. Zumindest in den größten Teilen von NRW war es nicht lange genug so kalt, dass er so weit runtergekühlt wäre.

      • @Normalo:

        Das geht super bei Plustemperaturen, nämlich dann, wenn der Boden noch gefroren ist und Regen drauffällt. Die gefährlichste von alle Glättearten. Man fühlt sich sicher, sieht es nicht - und landet auf der Nase.

  • Der gesamte medial/politische Umgang mit diesen 20cm Neuschnee (vom ARD-Brennpunkt bis zur Schulschließung) riecht irgendwie nach Übersprungshandlung. Dass die Bahn teilkollabiert, war ja klar, aber der Rest von uns sollte doch irgendwie in der Lage sein, mit deutschem Normalwinter von 1988 klar zu kommen und dabei halbwegs arbeitsfähig zu bleiben.

    Die Nonchalance, mit der in NRW die Beaufsichtigung und pädagogische Betreuung hier an die Eltern delegiert wird offenbart eine ganze Menge anachronistische "Mama ist doch sowieso zu Hause"-Denke. Dass Eltern mittlerweile öfter beide arbeiten und für Kinder eines gewissen Alters daher auf vereinbarte Betreuungszeiten angewiesen sind, hat sich in manchen westdeutschen Schulämtern und Kultusministerien vielleicht immer noch nicht herumgesprochen.

    • @gelu:

      Ich kann es - neben Angst vor Verantwortlichkeit - für NRW nur dadurch erklären, dass nicht alle Eltern alles überlasten sollen, ob jetzt ihre Schule auch betroffen ist. Das Bundesland komplett ist einfacher zu kommunizieren, auch wenn es jetzt eher einige westfälische Höhenzüge betrifft.

      Ok auch noch: Schule ist immer noch nicht primär Kinder-weg-Betreuung (da reicht auch ein Vater oder eine Mutter, die sich für fünfe opfert). Ja, leider, durch diese künstliche Förderung von Auto-Pendeln (oder auch Herkunft oder Will-Stadt-Wohnen) sind einige Lehrers arg weit weg von ihrer Schule wohnhaft. Die könnten sich dann aber zur Schule hinschalten. Ginge doch auch.



      Dass keiner mehr weiß, wie man sich alte Strümpfe über die Schuhe zieht oder aktiv schliddert oder auch mal hinfällt, glaube ich ansonsten nicht.

  • Die Behörden können wohl nichts richtig machen.



    Ja, heutzutage wird manchmal bei der Wettervorhersage übertrieben. Aber wenn man wegen angesagtem Eisregen - da geht nichts mehr und vorbeugendes Salzen hilft auch nur bedingt - oder starkem Schneefall über Nacht, einen erheblichen Teil des morgendlichen Straßenverkehrs reduzieren kann und für einen Tag die Schulen schließt, so ist das eine sinnvolle Maßnahme. Der Aufschrei, wenn zwei Schulbusse aufgrund von Glatteis ineinander rauschen, wäre viel größer.



    Grundschüler, die nur 10 Minuten laufen, könnten wahrscheinlich die Schule sicher erreichen. Aber wieviel sind das? Und was wäre dann mit denen die 11 Minuten laufen oder den Bus benötigen? Sollten dann differenzielle Regeln aufgestellt werden? Wieder wäre der Aufschrei um ein Vielfaches größer.

    Eine kurzfristige Ankündigung ist für Eltern eine Belastung. Die müssen noch kurzfristiger umorganisieren, eventuell einen freien Tag nehmen etc. Zum Glück gibt es heutzutage bei vielen Arbeitsgebern die Möglichkeit freizunehmen. Das ist gesellschaftlicher Fortschritt - auch im Hinblick auf Reaktion aufs Wetter.

    • @fly:

      Bei den Grundschülern geht es tatsächlich weniger darum, wie die Kinder hinkommen, sondern ob die Lehrer es pünktlich schaffen können.



      Die wohnen, im Gegensatz zu den Schülern, nur selten im gleichen Ort.



      Und dass Lehrer aufgrund von Glatteisunfällen für Wochen ausfallen kann sich das System leider noch viel weniger leisten.

  • Vor vielen Jahren, mittlerweile in Suchmaschinen untergegangen vor lauter Google, Amazon, Kleinanzeigen und Facebook, gab es einen Bericht über den Königsteiner Kraftverkehr, und dass die Fahrer immer Schneeketten aufgezogen haben auf die Linienbusse. Man möchte die Kundschaft schließlich nicht verlieren, sodass die niemals aufs Auto umsteigen.

    Heute? Ba-Wü (somit nicht Königstein im Taunus) kennt keine Schulschließungen. Das gibt's auch bei 20cm Neuschnee nicht. Aber weder Schneeketten werden mehr aufgezogen, weil zu teuer in der Beschaffung, noch wollen die Eltern, dass ihre Sprösslinge sicher zur Schule gelangen. Die Folge: Eltern-Taxis stecken am Berg fest, rutschen herum oder kollidieren zusammen.

  • Zeiten ändern sich und vieles was früher normal war ist es heute nicht! Man lernt aus der Vergangenheit und was im Bürojob geht ist auch in der schule möglich! Homeschooling! Das ist der Wandel der Zeit! Früher hatten die Kinder auch weniger Unterricht als heute, daher es ändert sich alles! Den Schulweg bei Winter sicherer zu machen ist nicht möglich als eh schon! In der Großstadt ist das vielleicht möglich aber auf dem Land nicht!

    • @Marcelo:

      Der Punkt des Artikel ist nach meinem Verständnis da eher, dass die Sicherheit in Stadt wie Land völlig ausreichend ist und Kinder das hinbekommen, nur die Eltern und Behörden Panik schieben, aus Über-Sorge bzw. Cover-my-*ss.

  • Danke dafür, deckt sich genau mit meinen Erfahrungen. Eine irgendwie vorauseilende Hysterie ist die Regel geworden. Ja früher, in der Zeit vor Mobiltelefonen ist auch mal der Schulbus nicht gekommen weil es glatt war, dann ist man halt eine Stunde später nochmal zur Haltestelle und hat es nochmal versucht.

  • Alte Strümpfe über die Schuhe oder die Hightechtreter von heute einsetzen, den Schulweg eben rutschen oder eine stabile Hose an.



    Kinder sollten doch schon in der Grundschule (falls am Ort) selbstständig auch unter erschwerten Bedingungen ankommen können, ohne Elterntaxi, ohne Angstwallungen. Die Eltern zumindest haben doch noch mehrere richtige Winter erlebt und sollten sich deren erinnern können.

    • @Janix:

      Es geht weniger darum, wie die Schüler zur Schule kommen, sondern darum, dass die Aufsichtspflicht nicht gewährleistet ist, wenn es die Lehrer nicht rechtzeitig zur Schule schaffen!

      • @Desti:

        Es reichen ja einige davon dafür, die sich den Wecker dann sehr zeitig stellen (oder eben umsichtig nahe an der Schule wohnen).



        Dabei danke für die ergänzte Facette.