Wohlstandsgesellschaft und das Virus: Aufwachen, Kinder!

Wir sind eine Gesellschaft, die kein Bewusstsein für Krisen hat. Katastrophen fanden stets woanders statt. Bis jetzt.

Superman sitzt geschlagen und verunsichert auf einem Stuhl

Foto: Illustration: Katja Gendikova

Kaum geht die Krise los, sind wir ihrer schon wieder überdrüssig. Wie Kinder, die auf dem Weg in den Italienurlaub nach einer Stunde zu quengeln beginnen: Wie lange noch, Mama? Ich will ankommen, Papa!

Noch sind wir erst am Anfang, und schon haben wir über unsere Gesellschaft mehr gelernt als in Jahrzehnten der Ruhe, des Gleichlaufs. Seit Ewigkeiten kamen die kollektiven Härten immer nur aus den Medien. Waren es lange Zeit die zahlreichen Kriege und Katastrophen aus aller Welt, so müssen wir zuletzt beobachten, wie Menschen mangels einer ausreichenden Menge von Beatmungsgeräten in Italien unbehandelt sterben. Doch wer waren die Leidtragenden? Immer die anderen. Bis heute.

Darauf blicken wir wie Kinder, die sich das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein anschauen. Und wir erkennen dabei nicht, zu welcher in weiten Teilen hochgradig unreifen – man könnte schon fast sagen: infantilen – Gesellschaft wir geworden sind.

Täglich linsen wir mit Schaudern auf die Pressekonferenzen von Virolog:innen, die uns ansteigende Kurven zeigen, und von Politiker:innen, die uns sanft erklären, wie wichtig jetzt Vernunft, Maß und Mitte seien. Wir sollten uns einfach mal in unser Schneckenhaus zurückziehen. Und das tun wir auch.

Lasst uns endlich wieder raus!

Aber ist jetzt nicht langsam Schluss mit dem Theater? Es ist ja ganz nett, dass wir einmal eine Zeit lang Geisterbahn fahren durften, aber wann endlich können wir wieder aussteigen? Allmählich nerven die Gespenster. Lasst uns endlich wieder raus!

Wir leben wie in einer Traumwelt, wie in einem prickelnden Horrorfilm, der uns schaudern lässt. Wo aber ist der Ausschaltknopf? Wann endet ­dieser schreckliche Hollywood-Apokalypse-­Thriller endlich? Wann können wir uns endlich wieder in den sanften Schlaf der Gerechten fallen lassen und uns versichern, dass alles nur fiction war?

Dass es diesmal Ernstcharakter hat, ja, das können wir ja gerade noch erfassen. Wir ahnen auch, dass Italien zu uns kommt. Aber glauben tun wir es nicht wirklich. So schlimm kann es bei uns doch niemals werden. Das kann gar nicht sein. Warum? Weil wir es nicht anders gewohnt sind. Bei uns ist doch immer alles gut gegangen.

Seit Jahrzehnten sitzen wir vor unseren immer größer werdenden Flachbildschirmen und lassen uns die Gruselgeschichten aus aller Welt erzählen. Wir schauen auf Bürgerkriege, auf Flüchtlingscamps, auf niederbrennende Textilfabriken und einstürzende Dämme, die Tausende im Schlamm verrecken lassen. Aber sehen wir es wirklich? Manchmal reiben wir uns die Augen und versuchen, die Welt da draußen, die schlimme, ­wahrzunehmen. Aber es fällt uns schwer. So schwer. Weil das Draußen immer draußen blieb. Es rückte uns in langen Jahrzehnten nie wirklich auf die Pelle.

Der Bildschirm als Brandmauer

Ja, Schrecken finden in der Welt statt, so dumm sind wir nicht, das nicht zu erkennen, aber sie finden eben nicht in unserer Welt statt. Unsere Welt ist eine prinzipiell andere. Unsere Welt ist die Welt der buchstäblich abgeschirmten Zuschauer. Wir sind die „Tagesthemen“-Generation, der Bildschirm ist unsere Brandmauer. Wir sind gewohnt, dass die Sintflut, so hat es der Soziologe Stefan Lessenich brillant formuliert, immer neben uns stattfindet. Wir sind die, die immer davon ausgehen konnten, dass die wahren Katastrophen die Katastrophen der anderen sind. Ebola hier, Fassbomben da, Genozide dort.

Wir sind gewohnt, dass die Dinge für uns niemals böse enden. Wir haben kein Bewusstsein entwickelt für die Wirklichkeit von Katastrophen, weil wir uns immer davor abgeschottet haben, uns davon haben abkapseln lassen. Ganz wie die Kinder auf dem Spielplatz, deren Helikoptereltern jeden Sturz voraus ahnen und präventiv verhindern. Wir sind es nicht anders gewohnt, als dass uns die Härten vom Leib gehalten werden.

Wir haben uns das Unverletzlichkeitsgefühl von Kindern angeeignet. Uns kann keiner was. Als wären wir Megahelden aus einem Comic

Und nun soll sich das ändern? Von wegen. So schnell lassen wir nicht ab von dieser für uns immer schönen Welt. In Ordnung, für eine kurze Zeit wollen wir den Spuk ertragen. Wir schicken einander ulkige Toilettenpapierfilmchen zu und schauen weiter die „heute-show“ an. Ist ja alles halb so schlimm.

Wir sind eine Gesellschaft geworden, der das Bewusstsein für echte Krisen verloren gegangen ist. Hat uns nicht Draghi mit den EZB-Milliarden nach 2008 und dem What­ever-it-­takes-Ding schon einmal den Hintern gerettet? Na klar. Denn anders konnte es ja gar nicht kommen. Wir werden immer gerettet. Warum sollte es diesmal anders sein? Ein paar Wochen Quarantäne, dann fahren wir wieder hoch. Das kriegen wir doch locker hin.

Dieses bei Kindern und Jugendlichen bekannte Unverletzlichkeitsgefühl haben wir uns über Jahrzehnte angeeignet. Uns kann keiner was. Ganz als wären wir Megahelden aus einem Comic. Ganz als wären wir Superwoman und Spiderman in einer Person. Wir können fliegen, wenn wir nur wollen. Und Bösewichter erledigen wir mit links. Ein kleines Virus: Was kann uns das schon anhaben? Und kommt es uns doch zu nahe, legen wir es kurzerhand auf die Matte.

Wir sind schließlich prädestinierte Sieger. Wir können mission impossible. Wir schaffen das. Und wenn dann doch was schiefgeht, Vater Staat ist ja immer da für uns: unser Überheld, unser Batman. Er hat uns immer rausgehauen. Die Dinge haben sich immer wieder eingeschaukelt, und so werden sie es auch diesmal tun. Wir sind in besten Händen!

Seit Generationen nur Kontinuität

Diese halbwüchsige Präpotenz haben wir uns über Jahrzehnte einverleibt: Und wie hätten wir auch anders werden können. Seit Generationen haben wir ja nur Kontinuität kennengelernt. Wird schon gut gehen, tat es ja immer.

Dass es nie gut war und dass unsere Ego-Gesellschaft im Inneren eine nach unten tretende, immer brutaler werdende ist und dass wir nach außen schon immer die Welt ausgelutscht und den Kern achtlos ausgespuckt haben, sei’s drum. Hat uns doch nicht getroffen. Nur die anderen. Und sind die an ihrem Schicksal nicht bekanntermaßen selber schuld?

Der Glaube, dass wir, die kontinuitätsverwöhnte Mittelschicht, in einen schlechten Traum geraten sind, eint uns. Der Albtraum möge doch bitte, bitte aufhören. Und zwar bald. Wir haben doch nichts verbrochen. Wir waren doch immer die Guten. Warum sucht er gerade uns heim? Wir haben doch nichts getan.

Doch. Haben wir. In Wirklichkeit ist uns der Rest der Welt andauernd egal gewesen. Drinnen wie draußen. Zuweilen haben wir ihn wie einen Haufen Mist behandelt. Unsere herablassend-anmaßende Gewissheit, wir wären zu Recht auf der globalen sunny side of life gelandet, fliegt uns nun um die Ohren. Unser Glaube, diese Privilegien entsprächen gleichsam einer natürlichen Ordnung, detoniert nun vor unseren Augen.

Unterwegs mit dem Superplastiktrecker

Dass die Chinesen solch einen Erreger abbekommen, war uns Bestätigung genug für unseren Glauben, einer zivilisatorisch höher entwickelten Spezies anzugehören. Selbst als Italien getroffen war, erhielten wir den Glauben aufrecht, uns könne so etwas nie passieren: Was, das Virus sitzt uns nun selbst im Nacken? Das ist doch gar nicht möglich. Eine Art von Betriebsunfall. Ein einmaliger Ausrutscher.

Es ist, als wären wir mit unserem Superplastiktrecker auf dem Spielplatz unterwegs. Wir sitzen darauf, vermeintlich unumkippbar. Dass die Ramazans dieser Welt solchen Luxus nicht ihr Eigen nennen, kann nicht an uns liegen. Was, wir Maximilians zeigen einen elitären Dünkel oder rassistische Arroganz auch noch in der Krise?

Welche Verleumdung. Wir sind privilegiert, weil das normal ist. Wer könnte was dagegen haben? Wie? Der Trecker ist umgekippt?

Dass wir nun durch ein Virus zum Gleichen (zumindest was die Gefahr der Ansteckung angeht) gemacht werden, verstößt gegen diese „natürliche Ordnung“ der Welt. Wir lassen uns diese Privilegien nicht wegnehmen. Sie gehören uns. Nicht den anderen. Noch im Kippen bleiben wir oben.

Herrenreitertum und Rassismus

In solchen Zeiten schwant es uns nur, dass der globale Süden einen wesentlich höheren Preis bezahlen wird als wir, und erahnen bestenfalls die Besorgnis einer Supermarktkassiererin, der wir jetzt noch einen steuerfreien Bonus gönnen, im Zweifelsfall das Beatmungsgerät nicht zu bekommen. Doch kommt uns das nicht wirklich als nach innen elitär und nach außen kolonialistisch in den Sinn, sondern als normal. Herrenreitertum und Rassismus verschwinden in einer Krise nicht. Ganz im Gegenteil.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Diese selbst verschuldete Unmündigkeit und von wenig Reife geprägte, allzu kindliche Überheblichkeit fällt uns nun auf die Füße. Der eine oder die andere von uns wird nun sein Fett abbekommen. Auch die VIP-Lounge bleibt nicht unversehrt. Dass das einen Großteil der Welt gegen uns freut, verstehen wir nicht. Das Ihr-habt-das-nicht-anders-verdient-Gelächter, das uns überlaut von innen und außen entgegenschallt, wenn wir nur hören wollen, irritiert uns. Haben wir – unschuldig wie Kinder – das wirklich verdient?

„Chickens have come home to roost“,sagt ein amerikanisches Sprichwort dazu. Es meint, dass unsere hemmungslose Weltausbeutung nun gnadenlos auf uns zurückfällt. Als hätten wir es nicht anders verdient, geht es uns nun an den Kragen. Wir werden nicht ungeschoren davonkommen.

Gibt es also doch so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit des Schicksals? Nein, selbstverständlich nicht. Viren kennen keine Moral.

Kinder, aufwachen. Wir sind in Italien angekommen!

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lehrt Politik­wissenschaft und -didaktik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

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