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Ukraine-Hilfen nach Orbán-Abwahl Kein Anlass zu überschwänglicher Euphorie

Kommentar von

Barbara Oertel

Mit dem Abgang von Putins Lakai in Ungarn, Viktor Orbán, verbinden viele die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Ukraine-Kriegs. Das könnte ein Trugschluss sein.

T raurig, aber wahr: Zumindest im Kampf um Aufmerksamkeit hat Kyjiw derzeit schlechte Karten – US-Präsident Donald Trump lässt grüßen. Dabei dauert Russlands Angriffskrieg in der Ukraine an diesem Wochenende schon über 1.500 Tage. War da was? Ist da was?

Und ob. Völlig enthemmt und wie von Sinnen überzieht der russische Aggressor das Nachbarland Tag für Tag mit Drohnen- und Raketenangriffen. Dabei sterben immer wieder Menschen oder werden verletzt. Kein Ort ist mehr sicher, auch in den westlichen Regionen des Landes lauert der Tod.

Wer in dieser Woche aufmerksam die Berichterstattung auch deutscher Medien verfolgte, konnte in Bezug auf die Ukraine durchaus zu einem anderen, weitaus weniger pessimistischen, Schluss kommen. Von einem neuen Selbstbewusstsein des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj war da die Rede.

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Einige Ex­per­t*in­nen wollen gar Anzeichen dafür ausgemacht haben, dass Russland im Begriff sei, bei seinen Kriegszielen in der Ukraine abzuschichten. Vollends in Verzückung gerieten viele westliche Po­li­ti­ke­r*in­nen ob des deutlichen Wahlsiegs von Péter Magyar bei der Parlamentswahl in Ungarn, der der Herrschaft von Viktor Orbán – Wladimir Putins willfährigster Lakai in der EU – ein Ende setzte.

Den europäischen Staaten fehlt es an einer klaren Strategie für die Ukraine

Doch auch wenn die Nachrichten aus Budapest positiv sind, besteht zu überschwänglicher Euphorie kein Anlass. Zweifellos: Russlands Gebietsgewinne in der Ukraine sind überschaubar, trotz immensen Einsatzes von „Fachpersonal“. Demgegenüber gelingt es den ukrainischen Streitkräften immer wieder, dem Kriegsgegner mit Angriffen auf dessen Ölinfrastruktur und Ostseehäfen schwere Schäden zuzufügen. Last but not least: Die Expertise ukrainischer Militärs bei der Herstellung von und der Kriegsführung mit Drohnen ist dabei, zu einem Exportschlager zu werden, beispielsweise in arabische Staaten.

Mit Orbáns Abgang besteht die berechtigte Hoffnung, dass die Dauerblockade von Brüsseler Ukrainehilfen bald Geschichte sein könnte. Doch wer weiß schon, ob sich nicht der slowakische Ministerpräsident Robert Fico zu einer Nachfolge Orbáns berufen fühlt? Auch Péter Magyar wird die Interessen seines Landes zu wahren wissen. Für eine Auszahlung des 90-Milliarden-Kredits an Kyjiw wird er den Weg frei machen, eine finanzielle Beteiligung an selbigem steht hingegen nicht zur Debatte.

Weiteres Ungemach könnte dräuen, sollte Bulgariens früherer Präsident Rumen Radew mit seiner Parteienallianz die Parlamentswahlen an diesem Sonntag gewinnen und ins Amt des Regierungschefs befördert werden. Radew ist ein erklärter Gegner jedweder Unterstützung der Ukraine.

Der Unwägbarkeiten gibt es einige. Hinzu kommt ein entscheidender Umstand: Nach wie vor fehlt es den europäischen Staaten an einer gemeinsamen, klaren Strategie für die Ukraine. Das ist so fatal wie gefährlich. Denn dieser Krieg mitten in Europa ist noch lange nicht zu Ende.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Barbara Oertel Ressortleiterin Ausland

Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
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11 Kommentare

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  • Kohlrabi

    Das Kräfteverhältnis der Ukraine zu Russland ist ebenso asymmetrisch wie das Kräfteverhältnis Russlands zu Westeuropa (EU). Im Verhältnis zur Ukraine ist Russland die stärkere, im Verhältnis zu Westeuropa aber die schwächere Seite. Um aus der Sackgasse herauszukommen, sollte die jeweils stärkere Seite ein Zugeständnis machen, und dies müsste miteinander verknüpft werden. Russische Zugeständnisse an die Ukraine (Territorien und deren Status) müssten durch westeuropäische Zugeständnisse an Russland erkauft werden. Dies könnte eine Reintegration Russlands in gemeinsame sicherheitspolitische und wirtschaftliche Strukturen sein. Letztlich wäre das auch für Westeuropa nur von Vorteil. Das Problem ist wohl, dass das Vertrauen auf beiden Seiten gegen Null geht und dass auf beiden Seiten mächtige Interessengruppen entstanden sind, die von der innereuropäischen Familienfehde profitieren. - Es wäre zu wünschen, dass sich im Westen Europas Akteure finden, die aktiv den Weg aus der Sackgasse suchen und also den Dialog mit Moskau aufnehmen. Im Moment sind sie nicht zu erkennen. Der deutsche Kanzler hat wohl nicht das Format, und der französische Präsident keine ausreichende Amtszeit mehr.

    • Machiavelli

      @Kohlrabi:

      Sie gehen von einer russischen Führung aus die Interesse an Wohlstand und Sicherheit hat. Die russische Führung ist aber bereit Sicherheit und Wohlstand (Und Millionen ihrer) Bürger für imperialistische Ziele zu opfern, daher wird ihr Vorschlag nicht funktionieren.

      • Kohlrabi

        @Machiavelli:

        Ich gehe davon aus, dass die russische Führung nicht monolithisch ist, sondern dass dort unterschiedliche Interessengruppen um Einfluss ringen.

  • Martin Rees

    "Denn dieser Krieg mitten in Europa ist noch lange nicht zu Ende."



    Dafür gibt es Gründe, einer heißt Kriegswirtschaft.



    "Steuert Europa, steuert die Bundesrepublik Deutschland somit auf eine „Kriegswirtschaft“ zu? Noch dominiert im öffentlichen Diskurs der Bezug auf die russische Wirtschaft, wenn von Kriegswirtschaft die Rede ist, doch ein diskursiver Wandel zeichnet sich unzweifelhaft ab. Mitte März brachte Manfred Weber von der Europäischen Volkspartei (EVP) den Begriff mit der europäischen Wirtschaft prominent in Zusammenhang. „Wir müssen unser Denken in Europa jetzt auf Kriegswirtschaft umstellen“, mahnte er in einem Interview mit der Welt am Sonntag an.[6] Das bedeute unter anderem beschleunigte Genehmigungsverfahren bei Rüstungsgütern und eine verbesserte Zusammenarbeit unter den europäischen Rüstungsproduzenten. Weiterhin brachte er ein zentralisiertes Beschaffungswesen in Form eines europäischen Führungskommandos ins Spiel sowie die Idee, Unternehmen, die bislang Güter für zivile Zwecke produziert haben, vermehrt für die Produktion von Waffen zu nutzen. Auf die Gründe für seinen Vorschlag angesprochen, antwortete Weber..."



    imi-online.de



    Der Krieg ernährt den Krieg



    (Schiller)

    • Machiavelli

      @Martin Rees:

      Von einer Kriegswirtschaft in Russland sind wir weit entfernt, selbst in einem offen Krieg wäre die nicht zwangsläufig.

  • Il_Leopardo

    Wenn die Slowake und der Bulgare nicht den ukrainischen Freiheitskampf unterstützen, sollte man auch keine EU-Gelder mehr an sie überweisen. Punkt! Aus! Ende!

    • warum_denkt_keiner_nach?

      @Il_Leopardo:

      An welcher Stelle in den EU Verträgen geht es um den Kampf der Ukraine?

      • Josef 123

        @warum_denkt_keiner_nach?:

        "Die Ziele der Europäischen Union in der Welt sind:

        -Wahrung und Förderung ihrer Werte und Interessen

        -Beitrag zu Frieden und Sicherheit und zu einer nachhaltigen Entwicklung der Erde

        -Beitrag zur Solidarität und gegenseitigen Achtung der Völker, zu freiem und fairem Handel, zur Beseitigung der Armut und zum Schutz der Menschenrechte

        -strikte Einhaltung des Völkerrechts.

        Die Ziele der EU sind in Artikel 3 des Vertrags von Lissabon festgelegt."

        (european-union.eur...ims-and-values_de)

      • Il_Leopardo

        @warum_denkt_keiner_nach?:

        Slawa Ukrajini

  • Josef 123

    Man gewinnt immer mehr den Eindruck, daß in jeder WG besser als in der EU darauf geachtet wird, ob neue Mitbewohner mit ihren Ansichten und ihrem Verhalten ins Gefüge passen. Zumindest werden in WGs Vorkehrungen getroffen, daß Mitbewohner rausgeschmissen werden können, wenn sich ihr Verhalten ändert und sie sich nur noch aus der gemeinsamen Kasse bedienen wollen, aber ansonsten permanent gegen die kollektiven Interessen handeln.

    Wie blauäugig waren die handelnden Personen eigentlich, als das Einstimmigkeitsprinzip der EU eingeführt wurde?

  • gyakusou

    Ich habe ehrlich gesagt nirgendwo gelesen oder gehört, dass jemand das Ergebnis der Wahl mit der Hoffnung auf ein baldiges Ende des Ukraine-Kriegs verknüpft.

    Was hat das eine mit dem anderen zu tun?