1.513 Tage Krieg in der Ukraine: Wo jedes Bärenleben zählt
Im Krieg leiden auch Tiere unter dem Beschuss und sterben durch Luftangriffe. Freiwillige retten sie sogar von der Frontlinie – darunter auch Großwild.
Ü berall, wo Kyjiw massiv beschossen wurde, hängen Katzensuchplakate. Sefirka mit den strahlenden Augen ist verschwunden, dafür haben sich Katzen aus den zerstörten Wohnungen wieder angefunden. Zwischen den Trümmern der Häuser liegen tote Haustiere und verletzte Tauben. In der Ukraine leiden alle unter dem Krieg – Tiere sind hier keine Ausnahme.
Doch während es über die menschlichen Todesopfer offizielle Statistiken gibt, kennt man die genaue Zahl der getöteten Tiere in der Ukraine nicht. Das heißt jedoch nicht, dass die Ukrainer ihnen gleichgültig gegenüberstehen.
„In all meinen Berufsjahren passiert es jetzt zum ersten Mal, dass so viele Tiere gleichzeitig sterben“, sag Wiktorija Ruban, Sprecherin des Staatlichen Dienstes für Notfallsituationen (DSNS) im Gebiet Kyjiw. Sie steht vor einer brennenden Tierklinik im Dorf Tschabany bei Kyjiw. Eine russische Drohne hatte am Morgen des 3. April eine Ecke des zweistöckigen Gebäudes getroffen.
Die Klinikmitarbeiter konnten sich in einen Schutzraum retten. Für die Tiere gab es keine Schutzmöglichkeit. „Sie wurden reanimiert, wir haben sie an Sauerstoffgeräte angeschlossen. Aber leider sind trotzdem fünf Katzen und zwei Hunde gestorben“, sagt Wiktorija, während hinter ihr ein Tierarzt eine Decke über einen toten, rotgoldenen Spitz legt. Allein an diesem Tag wurden im Gebiet Kyjiw mehr als 20 Haustiere durch Beschuss getötet.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Das Ende des bisher schwersten Kriegswinters
Im Dorf Tschubynske, 30 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, beobachten Wissenschaftlerinnen aktuell, wie die von ihnen geretteten Bären aus dem Winterschlaf erwachen.
„Der Winter war streng, und die Bären haben ziemlich lange geschlafen. Jetzt werden sie langsam wieder aktiv. Aber dieser Winter war der schwerste seit Kriegsbeginn. Alle Männer aus unserem Team sind an der Front. Und für uns Frauen allein ist die die körperliche Arbeit während der Stromausfälle sehr schwer“, sagt Maryna Shkvyria, promovierte Biologin und Koordinatorin der Auffangstation Bila Skelya (Weißer Felsen), während sie die seltene Tianshan-Bärin Tschada beim Spielen beobachtet.
Wissenschaftlich gesehen ist die Bärin gerade „offiziell glücklich“. Sie hat eine Höhle, ein Gewässer und bekommt regelmäßig Gemüse, Beeren und roten Fisch, der von japanischen Restaurants bezogen wird.
Dieser Artikel wurde möglich durch die finanzielle Unterstützung des Recherchefonds Ausland e. V. Sie können den Recherchefonds durch eine Spende oder Mitgliedschaft fördern.
Aus Zirkus oder Käfighaltung
Das war nicht immer so. Tschada wurde in einem Zirkus gequält, dann war sie in einem engen Käfig in einer Garage gefangen. Bis sie von Bila Skelya gerettet wurde. Derzeit leben hier zwei Bären und drei Wölfe. Einige Tiere stammen aus Zirkussen und privaten Tierparks, andere von der Front.
„Die Wölfin Nimfaroda kommt aus dem Gebiet Tschernihiw nahe der russischen Grenze. Andere Tiere stammen aus völlig zerstörten Tierheimen im Gebiet Donezk“, erzählt Wiktorija.
In den sechs Jahren seit Bestehen der Auffangstation haben dort bereits zwölf Bären gelebt. Drei leben jetzt im Tierschutzzentrum Weidefeld, zwei weitere im Alternativen Bärenpark Worbis in Deutschland.
„Seit Kriegsbeginn beobachten wir in der Ukraine zunehmend mehr Empathie gegenüber Tieren. Die Menschen verstehen jetzt, dass private Besitzer Wildtiere nicht unter Beschuss halten können. Wir erhielten Anrufe aus einer Stadt an der Front: Dort wurde ein Löwe in einem Hof ausgesetzt. Einmal riefen Soldaten an. Ein Bärenjunge war von einem privaten Besitzer zu ihnen in den Schützengraben geflohen“, erinnert sich Maryna. Auch Löwen waren schon in der Auffangstation.
„Wir schätzen jedes Leben“
Der Freiwillig Serhij Ludenskij ist einer derjenigen, die Tiere von der Frontlinie retten.
„Unsere Haltung zu Tieren ist genau das, was uns von den Russen unterscheidet. Denn wir schätzen jedes einzelne Leben. Leider verschiebt sich die Frontlinie ständig, die Tiere sind unter Beschuss hilflos, manche schaffen es einfach nicht, sie mitzunehmen“, sagt der Mann, dessen Hände Narben von der Arbeit tragen.
Der 34-Jährige aus Dnipro evakuiert seit Kriegsbeginn Tiere. Mittlerweile hat er Tausende Leben gerettet.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert