Tod einer Reporterin im Westjordanland : Nicht vorschnell urteilen
Schuldzuweisungen im Fall der Todesschüsse auf die Al-Jazeera-Reporterin sind fehl am Platz. Eine Untersuchung sollte die Verantwortung klären.
Foto: Mohammed Salem/reuters
P alästinenserpräsident Mahmoud Abbas vergeudete keine Zeit, um Israel für den Tod der Al-Jazeera-Reporterin Shireen Abu Akleh verantwortlich zu machen. Von einem „hässlichen Verbrechen“ sprach der Palästinenserpräsident. Und auch Amnesty International war rasch dabei, die Schuld beim Besatzer zu suchen. Kaum dass der tote Körper erkaltet ist, kocht der Kampf um die öffentliche Meinung hoch.
Doch ob es israelische SoldatInnen waren oder PalästinenserInnen, die den Finger am Abzug hatten – sicher ist, dass Abu Akleh nicht gezielt getötet wurde, sondern Opfer einer in die Irre geleiteten Gewehrkugel war. Keine der beiden Konfliktparteien kann Interesse an ihrem Tod gehabt haben. Israels Regierungschef Naftali Bennett reagierte mit Bedacht.
Er bedauerte den Tod der Journalistin, stellte aber umgehend die Möglichkeit in den Raum, dass Abu Akleh durch eine palästinensische Kugel getötet wurde, und forderte zu einer Untersuchung auf. Die palästinensische Seite sollte dem zustimmen, will sie glaubwürdig an ihrer Version festhalten. In jedem Fall ist Bennetts Vorschlag ein schlauer Schachzug, denn er gewinnt damit entscheidende Zeit.
Selbst wenn sich nächste Woche oder vielleicht erst nächsten Monat mit Sicherheit sagen lässt, dass doch ein israelischer Soldat die tödliche Kugel abgeschossen hat, dann dürfte bis dahin das allgemeine Interesse an dem Fall deutlich abgeflaut sein. Bennett mag der Tod des 12-jährigen Mohammed al-Dura in Erinnerung sein. Der Junge war zu Beginn der Zweiten Intifada vor laufenden Kameras im Gazastreifen erschossen worden.
Ehud Barak, damals israelischer Regierungschef, entschuldigte sich und räumte damit die Schuld der israelischen Armee für den Tod des Jungen ein. Die erschreckenden Fernsehaufnahmen liefen weltweit und vor allem in den besetzten Palästinensergebieten wieder und wieder über den Bildschirm. Sie dürften entscheidend zu Terror und Militärgewalt, die unmittelbar folgten, beigetragen haben.
Erst Jahre später kamen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass al-Dura genauso gut Opfer einer palästinensischen Kugel gewesen sein konnte. Jahre zu spät.
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