Israel, die UN und die SS: Streit um Mitarbeiter mit Nazi-Tattoos
Ein UN-Mann in Gaza mit Nazi-Tattoos soll in ein Krankenhaus in Israel eingeliefert worden sein. Dann war von Fake die Rede, doch das stimmt so nicht.
Die Meldung ist so sensationell wie skandalös: Ein UN-Mitarbeiter in Gaza mit Nazi-Tattoos soll in ein Krankenhaus in Israel eingeliefert worden sein. Auf einem Arm soll der SS-Spruch „Meine Ehre heißt Treue“ prangen; auf dem anderen: eine Gestalt mit Sonnenbrille und SS-Schirmmütze samt Totenkopf. Nun wird er ausgerechnet im jüdischen Staat behandelt.
Das vermeldete das Jewish News Syndicate (JNS) am 20. März mit Bezug auf eine Quelle, die mit der Situation vertraut sein soll. Laut der israelischen Zeitung Jedi’ot Acharonotgeht es um einen französischen Staatsbürger. Verletzt wurde er offenbar durch eine Explosion am Tag davor auf einem UNOPS-Gelände in Deir al-Balah. Er soll Mitarbeiter des Minenräumdienstes der UN sein.
Fotos von den Nazi-Tattoos verbreiteten sich schnell in den sozialen Medien. Die Empörung war groß. „Leider ist dies kein Einzelphänomen“, sagte der kanadische Jurist und Direktor der NGO „UN Watch“ Hillel Neuer. „Will Annalena Baerbock wirklich Vorsitzende bei einer Organisation werden, deren Mitarbeiter sich SS-Losungen und Symbole tätowieren lassen?“, schrieb Julian Reichelt, Chefredakteur der rechtspopulistischen Plattform Nius.
Einen Tag später will der X-User Haroon Khan die Meldung jedoch als Fake enttarnt haben. Am 21. März kommentiert er auf X: „Eine einfache Google-Suche wird Ihnen zeigen, dass dies ein zwei Jahre altes Bild aus dem Ukraine-Konflikt ist.“ Als Beweis teilt er einen Screenshot einer Google-Lens-Suche, die vier Treffer zeigt – der älteste soll ein Reddit-Beitrag von vor zwei Jahren sein. Dieser vermeintliche Faktencheck macht auf Social Media schnell die Runde, wird hunderttausendfach angeschaut. In Deutschland wird er etwa von dem Bestseller-Autor Ole Nymoen geteilt, der schreibt: „Keine Propagandalüge ist blöd genug in diesem Krieg.“
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Faktencheck stimmt so nicht
Doch der Faktencheck stimmt so nicht. Es gibt bislang keine Beweise dafür, dass die Fotos der Nazi-Tattoos zwei Jahre alt sind oder aus dem Ukraine-Krieg stammen: Mit einer umgekehrten Bildsuche durch Google Images und TinEye konnte die taz jedenfalls keine Belege dafür finden. Der betreffende Reddit-Post wurde erst am 21. März dieses Jahres veröffentlicht, der russische Titel bezieht sich auf den Fall eines UN-Mitarbeiters mit Nazi-Tattoos. Die Bettwäsche in den zwei Fotos ähnelt außerdem stark denen des israelischen Krankenhauses Soroka in Be’er Scheva, unweit des Gazastreifens, wie Fotos belegen.
Wer steht hinter diesem „Faktencheck“? Haroon Khan ist nach eigener Darstellung ein „Citizen Journalist“ aus Afghanistan mit rund 2.600 Followern, er teilt ansonsten auch Posts mit antisemitischen Verschwörungserzählungen oder Holocaustrelativierung. Hinter dem JFK-Attentat wittert er das Mossad.
UN ermittelt
Inzwischen ermittelt die UN zum Vorfall mit den Nazi-Tattoos, wie ein Sprecher der UNOPS auf taz-Anfrage bestätigt: „Wir nehmen diese Vorwürfe sehr ernst. Die Bekämpfung von Hass, Diskriminierung, Rassismus und Ungleichheit gehört zu den Grundprinzipien der UN“, sagt ein Sprecher. Danny Danon, der israelische Botschafter bei der UN, hat inzwischen einen Brief an den Generalsekretär António Guterres geschrieben, in dem er eine „gründliche Untersuchung“ fordert.
Nach Danons Brief soll laut Jedi’ot Acharonot die UN die Evakuierung des Mitarbeiters aus Israel angeordnet haben, trotz seines gesundheitlichen Zustands, weil er dort nicht mehr sicher sei. Bestätigen konnte die taz das bislang nicht.
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