: Stärkt das die Identität?
Die AfD fordert in Sachsen-Anhalt eine Patriotismusklausel für die Kultur. Die Theater fürchten eine Kürzungsrunde nach der Wahl, wenn die Kulturbudgets neu verhandelt werden
Foto: Kerstin Schomburg/Theater Magdeburg/dpa
Von Torben Ibs
Sie stehen da in Stein gemeißelt, die fünf Musen im Brunnen, und künden von der Schönheit der Künste. Heute bekommen sie Besuch. Zwei Performerinnen wuseln in Rattenkostümen mit langen dicken Schwänzen über den Platz und probieren Klamotten an. Ein Infostand bietet Flyer zur Kunstfreiheit, und an einem Glücksrad können Flanierende Freikarten für Kulturveranstaltungen gewinnen.
Die Menschen in der Fußgängerzone eilen vorüber, einige bleiben stehen, schauen und amüsieren sich an einem der heißesten Tage des Sommers mit diesen tapferen Kämpfer*innen der freien Szene. In Halle veranstalten sie an wechselnden Orten, immer am Dienstagnachmittag, ihre „Kunstgebung“, um vor der Landtagswahl im September ein Signal zu setzen für die Freiheit der Kunst – die sie bedroht sehen, wenn die AfD in welcher Form auch immer an die Macht kommt.
Einen Vorgeschmack lieferte die AfD-Landtagsfraktion im Juni mit einem Antrag zur Kulturförderung. Demnach soll die Förderung von Kultur an ein Bekenntnis zur deutschen Nationalkultur gebunden sein. Deutschland dürfe nicht verächtlich gemacht werden, fordert die AfD. Geförderte Projekte sollten laut Antrag ein „Mindestmaß an Loyalität gegenüber dem demokratischen Gemeinwesen, dem Land Sachsen-Anhalt und der deutschen Kulturnation erkennen lassen“. Das Wort von der Patriotismusklausel machte die Runde. Der zweite Vorsitzende der Landes-AfD und für seine rechtsextremen Positionen bekannte Thomas Tillschneider forderte deutsche Kunst statt antideutscher Kunst. Die Theaterleute waren nun wach.
Dass die AfD bei einem Wahlerfolg entsprechende Gängelungen durchsetzen wird und sich selbst einen Hebel schafft, um missliebigen Projekten und Institutionen Mittel zu streichen, ist offensichtlich. Das Wahlprogramm ist unmissverständlich: „Deshalb werden wir mit Staats- und Steuergeld vorwiegend solche Kunst fördern, die einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet.“
Inhaltlich ist das ebenso vage wie bedrohlich und sorgt für Kopfschütteln. „Mehr Identität wird hier in Stendal mit Sicherheit nicht geschaffen, wenn wir nur Schiller, Goethe und Botho Strauss spielen. Dann könnte man das Theater wegen geringer Zuschauerzahlen wahrscheinlich relativ schnell wirklich schließen“, befindet Dorotty Szalma, Intendantin des Theaters der Altmark mit Hauptsitz in Stendal. Sie kann mit dem Begriff der deutschen Identität nicht viel anfangen, hat aber beobachtet, wie die Fidesz-Partei in ihrem Heimatland Ungarn das Theater umgebaut und Theatermacher*innen eingeschüchtert hat. „Es entstand eine Atmosphäre der Angst, die Selbstzensur führte. Genau das dürfen wir hier nicht zulassen.“
In ihrer Spielplangestaltung setzt Szalma daher auch auf Kritisches aus der deutschen Geschichte wie „Jugend ohne Gott“ von Ödon von Horvath oder „Aus dem Nichts“ nach Fatih Akins Film über einen rechtsextremen Terroranschlag. Sehr erfolgreich läuft auch „Mephisto“ nach dem Roman von Klaus Mann in der Regie von Andrea Maria Brunetti.
Bezieht das Theater also Position mit Stoffen, die wahrscheinlich nicht in den national-identitären Kanon der AfD-Kulturwüteriche fallen? „Natürlich positioniere ich mich – für eine bessere Welt, für all das, was eine Gesellschaft lebenswerter macht. Theater kann nicht grundlos existieren, es braucht eine Haltung, einen Anlass, eine Notwendigkeit“, so Szalma. „Aber dieser Grund darf dem Theater nicht von außen vorgegeben werden. Er muss aus der Kunst selbst entstehen – aus dem, was uns beschäftigt und was wir erzählen wollen.“
Ganz ähnlich sieht das ihr Magdeburger Intendantenkollege Julien Chavaz. Er befürchtet vor allem die Gefahr einer Spaltung der Kulturszene, wenn einige Akteure dem Druck solcher rechtswidrigen Auflagen nachgeben. „Was wäre denn überhaupt ein patriotischer Spielplan? Kann man sich das vorstellen? Ich habe da Schwierigkeiten.“ Sicher ist, dass mithilfe des Bühnenvereins schnell gegen ein entsprechendes Gesetz oder einen Förderpassus geklagt würde – bis vor das Bundesverfassungsgericht. Aber so ein Prozess dauert.
Denn neben allen diesen inhaltlichen Überlegungen gibt es ein Damoklesschwert, das nach der Wahl über allen Theatern von Sachsen-Anhalt hängt. Die Theaterverträge, in denen Kommunen, Landkreise und das Land die Finanzierung der Häuser festzurren, laufen 2028 aus und müssen spätestens ab Dezember neu verhandelt werden. Die Theater sitzen dabei noch nicht einmal mit am Tisch. Der Kürzungsdruck ist enorm, und eine AfD, welche die Kulturpolitik zum ideologischen Schlachtfeld erklärt, hätte auf einmal enorme Hebel in der Hand. Ungarn lässt grüßen.
Hinzu kommt die Mobilisierungsfähigkeit des rechten Milieus. Als es im November 2025 zu Protesten gegen das damals noch nicht einmal geschriebene Stück „Wunde Stadt“ am Theater Magdeburg kam, das den Terroranschlag gegen den Weihnachtsmarkt verhandeln sollte, wussten Rechtsextreme diesen Protest gekonnt für sich zu vereinnahmen. Zwar hielt sich die AfD in Sachsen-Anhalt bisher mit politischen Anfragen zu Theatern oder orchestrierten Shitstorms zurück, aber das muss nicht so bleiben.
Wie die AfD im Land schon jetzt Einfluss nimmt auf die Kultur, um unliebsame Mitspielende zu verdrängen, zeigt das Beispiel Bitterfeld-Wolfen, wo die AfD im Stadtrat und im Kreistag jeweils die stärkste Fraktion stellt. Dort gibt es seit 2021 das OSTEN Festival für Kunst und gegenseitiges Interesse. Hier wird Theater gezeigt, das in Zusammenarbeit mit anderen Häusern entsteht, und es finden partizipative Projekte statt, die die Menschen zusammenbringen sollen: Dialogangebote aus der Kultur heraus.
Der Gegenwind ist spürbar, etwa bei der Vergabe von Räumen und Flächen, aber für Aljoscha Begrich, Teil der Festivalleitung, ist das auch motivierend: „Wir haben natürlich, weil wir so prekär sind, auch eine größere Anpassungsfähigkeit. Also wird es wieder subversiver.“ Auf der anderen Seite gelten die Vorgänge in Bitterfeld als Blaupause, wie mit unliebsamen Kulturaktivist*innen umgegangen werden soll.
Die ohnehin prekär finanzierten freien Projekte haben es meist schwer genug über die Runden zu kommen. Neben der spärlichen Landesförderung – insgesamt stehen rund 800.000 Euro pro Jahr zur Verfügung – zapfen die meisten auch andere Töpfe an. „Wenn die AfD gewinnt, sehe ich die freie Szene in den nächsten vier Jahren im reinen Überlebensmodus“, sagt Regisseur und Schauspieler Simon van Parys, Teil des Konsortium Luft und Tiefe, einem Zusammenschluss freier Theaterleute aus Halle, Leipzig und Berlin. Er befürchtet eine Zersplitterung, kleinere Projekte und im schlimmsten Fall Abwanderung.
Foto: Kerstin Schomburg/Theater Magdeburg/dpa
Schon für die aktuelle Sommertheaterproduktion hat das Konsortium elf Anträge gestellt, von denen neun bewilligt wurden. Die Landesebene spielt da eine Rolle. Und auch bei anderen Geldgebern der öffentlichen Hand drohen Stagnation und Kürzungen. „Beim Publikum zahlt sich Kontinuität aus, und es ist viel einfacher, etwas zu zerstören als aufzubauen“, so der gebürtige Belgier, der seit 1995 in Halle Theater macht.
„Wir sind Kämpfen gewohnt“, sagt auch Nicole Tröger vom WUK Theater Quartier, einer freien Spielstätte in Halle. Zwar wisse man aktuell nicht, wie es werde, aber besser werde es sicher nicht. Sie hat das Format der Kunstgebung mitentwickelt und tritt vor der Kirche als eine der Ratten auf: komisch, absurd, partizipativ. Stärkt das die deutsche Identität? Wer weiß. Aber es ist ein dadaistischer Moment des Freiseins, die gelebte Freiheit in der Kunst und ein Manifest für die Freiheit der Kunst. Diese Freiheit, da sind sich alle einig, gilt es zu bewahren, zu verteidigen. Komme, was da wolle. Wenn es so weit ist. Zurzeit aber fühlt es sich an, als säßen sie alle wie die Maus vor der Schlange.
Schaut man ins Wahlprogramm der AfD, findet sich übrigens tatsächlich ein klar benanntes deutsches Kulturgut: das private Silvesterfeuerwerk. Deutsch ist, wenn es pufft und knallt. Eine wahre Ode an die Freude.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen