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Schauspiel über WeihnachtsmarktattentatStuhlkreis im Stadttheater

Hoffnung auf Heilung bringt Kevin Rittberger mit „Wunde Stadt“ auf die Bühne des Theaters Magdeburg. Sein Thema: das Weihnachtsmarkt-Attentat.

Es ist Wummern, ein Schaben, ein Quietschen, wie Kreide, die über eine Tafel fährt. Die zehn Schauspielenden schieben alle einen Stuhl in einer runden Parade über die Bühne, immer schneller werdend, insgesamt acht Runden, bis sie schließlich zu einem Stuhlkreis zusammen kommen.

Vielleicht dauert es sogar die drei Minuten des Anschlags von Magdeburg am 20. Dezember 2024, der hier in dem Stück „Wunde Stadt“ von Kevin Rittberger im Theater Magdeburg verhandelt wird. Noch bevor das Stück geschrieben war, hatten Rechtsradikale protestiert. Zur Premiere am Sonnabend war davon nichts mehr zu sehen und zu hören.

Auf der Bühne tragen alle dicke Kapuzenpullis, die gleichermaßen als Uniformen und uniformer Panzer funktionieren. Alle sind traumatisiert, sind Überlebende oder Zeu­g:in­nen des Attentats, das sechs Menschenleben kostete und derzeit in einem extra dafür gebauten Gerichtssaal verhandelt wird.

Sie bleiben hier namenlos. Regisseur Sebastian Nübling, zusammen mit Bühnen- und Kostümbildnerin Una Jankow auch für das Bühnenbild verantwortlich, setzt aufs Abstrakte statt aufs Konkrete.

Das Saallicht bleibt an

Der Stuhlkreis steht in einem Lichtkreis auf der leeren Bühne. Für das Dokumentartheater hat Rittberger über ein Jahr in Magdeburg recherchiert und mit Ex­per­t:in­nen und Zeu­g:in­nen des Attentats gesprochen. Die Akteure sitzen eng zusammen, geradezu hermetisch, bieten keinen Zugang zum Außen.

Dem Publikum wird buchstäblich die kalte Schulter gezeigt. Gleichzeitig geht das Saallicht nie vollständig aus, um die Möglichkeit zu geben, den Saal jederzeit zu verlassen. Draußen wartet geschultes seelsorgerisches Personal des Arbeiter-Samariter-Bundes. Zur Premiere verlässt nur eine Person den Raum.

Der Abend zeigt, wie wichtig diese therapeutische Arbeit ist. Die Gruppe rekapituliert den Moment des Attentats, die drei Minuten, die ihr Leben traumatisch veränderten. Dieses Trauma gilt es jetzt zu bewältigen.

Ich will mein altes Leben zurück, schallt es mehrfach wie ein Mantra von der Bühne

Darum geht es Rittberger und Nübling, um die Wunden, die die Tat gerissen hat und ihre Heilung. Langsam öffnet sich die Gruppe in Richtung Publikum, doch immer wieder werden auch die Stühle laut herumgeschoben. Details steigen auf in den Erzählungen und Fragen.

Vor allem Fragen: Fragen nach den Verantwortlichkeiten, Fragen nach dem Täter, Fragen, wann das alles zu Ende ist. Die Ziele sind einfach: wieder ohne Angst rausgehen können, wieder arbeiten zu können, wieder frei zu sein. „Ich will mein altes Leben zurück“, schallt es mehrfach wie ein Mantra von der Bühne.

Zugleich ist das mit dem Hilfe bekommen gar nicht so einfach, wie der Abend an Gesprächen mit Krankenkassen oder dem gefühlten Unverständnis von Freunden und Familien zeigt. Dabei bleibt alles in dem aseptischen Raum verhaftet.

Der Text wird mal einzeln, mal von mehreren, mal chorisch von der Gruppe gesprochen. Spannung wird erzeugt durch die genaue Rhythmik und die wohldosierte Wucht. Die Distanz in der Form schafft Nähe zum Inhalt. Das Unverständliche, das Dunkle und Tiefe, das Gärende und Aufbrechende wird greifbar.

Therapeutische Ethik

Zugleich eröffnen sich Fragen therapeutischer Ethik: Ab wann wird verständliche Wut politisch? Wie viel Hass darf ein:e The­ra­peu­t:in zulassen? Sind Todeswünsche gegen den Täter legitime Äußerungen im Verarbeitungsprozess?

Die seelischen Wunden sind keine rein individuellen, sondern die ganze Stadt, siehe Titel, ist verwundet. Das Klima ändert sich. Obwohl der Täter politisch eher auf Seiten der AfD zu verorten ist, ist er als gebürtiger Saudi-Araber schnell in die fremdenfeindlichen Narrative der Rechten geraten.

Das spüren auch andere Nicht-Deutsche, hier exemplarisch vertreten durch Rolle der irakischen Krankenschwester, gespielt von Meriam Abbas, die überlegt, nach Bochum oder Bagdad auszuwandern. Später wird ein grüner Teppich aus- und wieder eingerollt, weiße Wände durch die Gegend gefahren und es kommt offensichtlich Bewegung in das therapeutische Setting.

Eine Stimme für die Opfer

Aus Großgruppen werden Kleingruppen, an den Hoodies öffnen sich auf einmal Reißverschlüsse und die Malerin, die am Anfang keinen Kreis malen konnte, gibt wieder Kurse. Am Ende sitzen nur noch drei Leute in der Gruppe.

Ergänzend nimmt Rittberger noch stadttraumatische Tiefenbohrungen vor, vom Brandschatzen der Stadt im Dreißigjährigen Krieg, der Zerstörung durch alliierte Bomben im Zweiten Weltkrieg und dem Schulterschluss von Angehörigen von Opfern der Schoah mit den Opfern des 20. Dezember.

Zwar kommt hier das Stadttheater zu sich selbst als Verhandlungsraum lokaler Identität. Ob aber diese Exkurse wirklich zwingend sind, steht auf einem anderen Blatt. Den Opfern eine Stimme zu geben, das aber gelingt eindringlich. Draußen schieben einige immer noch Stühle.

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