Sexualisierte Gewalt in der Fankurve : Schattenseiten männlicher Gruppendynamiken
Ultrà St. Pauli, größte Fangruppierung des FC St. Pauli, beklagt sexualisierte Gewalt in den eigenen Reihen. Nach Lösungen will man nur intern suchen.
U ltras gehören zu den verschworensten Gemeinschaften, die man sich in modernen Gesellschaften vorstellen kann. Sie versammeln Menschen, für die die Unterstützung des eigenen Fußballvereins zentraler Lebensinhalt ist und über allem anderen steht. Für die Bewertung Ihres Tuns akzeptieren sie nur die eigenen Maßstäbe.
Insofern war es bemerkenswert, dass die Fangruppierung Ultrà St. Pauli in der vorigen Woche an die Öffentlichkeit ging – mit Vorgängen aus ihrem Innersten: In der abgelaufenen Sommerpause habe man erfahren, „dass Mitglieder unserer Gruppe übergriffig geworden sind“, heißt es in einer Erklärung. Dabei gehe es „um unterschiedlich gelagerte Fälle sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt sowie um Machtmissbrauch“.
Die Gruppe kündigt eine „strukturelle Aufarbeitung“ an. Dazu gehört einerseits, dass „sämtliche Täter, deren Fälle abschließend bearbeitet wurden, mit einem lebenslangen Gruppenausschluss und weiteren Konsequenzen belegt“ worden seien.
Andererseits wolle man „Strukturen identifizieren, die Taten begünstigt haben könnten“, „die Räume für solche Taten so eng wie möglich machen“ und „das Themenfeld Awareness in all seinen Facetten breiter in unseren Strukturen“ verankern.
Selbstkritisch ist in der Erklärung die Rede von „einem Umfeld, das strukturell übergriffiges Verhalten begünstigt“ und dessen Aufarbeitung erschwere. „Leistungsgedanke und Loyalität, aber auch Machtunterschiede und ein kritikwürdiges Männlichkeitsverständnis“ spielten in der Ultrà-Subkultur eine „zentrale Rolle“, heißt es – „auch in einer progressiven und linken Ultrà-Gruppe wie unserer“.
Solche Worte sind wohl tatsächlich nur in der Fanszene des FC St. Pauli denkbar, in der der Frauenanteil höher ist als irgendwo sonst. Dennoch bleibt die Ultrà-Szene eben auch dort eine männlich dominierte Horde mit starken Hierarchien, in der es regelmäßig zu emotionalen Ausnahmezuständen kommt – mit allen bekannten Nebenwirkungen.
Dass das für Frauen und alle anderen, die keine Cis-Männer sind, ein potenziell gefährliches Umfeld ist, ist der größtmögliche Gemeinplatz. Es ist deswegen sehr wahrscheinlich, dass selbst die wohlmeinendsten Bemühungen um ein sicheres Miteinander vergebens sind, solange diese Struktur fortbesteht.
Daran wird die angestrebte Selbstreinigung durch den Ausschluss überführter „Täter“ kaum etwas ändern können. Und auch verstärkte Awareness-Teams und -Schulungen werden die Schattenseiten männlicher Gruppendynamiken nicht überwinden. Das zeigt schon, dass Ultrà St. Pauli sich bereits vor vier Jahren intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hatte – offenbar mit überschaubarem Erfolg.
Machoverhalten in einer mehrtausendköpfigen Gruppe dauerhaft zu ächten, wird letztlich nur gelingen, wenn die Machos in die Minderheit geraten – ausgerechnet jene Gruppe also, die der Fußball nun mal unweigerlich magisch anzieht.
So bitter das ist: Die männlichen Fußballfans zu zivilisieren, wird nur gelingen, wenn Flinta* und ihre Allies keine kleine Minderheit mehr sind. Dafür allerdings müsste Ultrà St. Pauli viel mehr von ihnen anziehen. Und da beißt sich der Kater in den Schwanz: Mit der bisherigen Kommunikation kann das nicht gelingen.
Denn welche emanzipierte Frau (und welcher aufgeklärte Mann) sollte sich von den Ultrà angezogen fühlen, die sich bei Vorfällen solcher Tragweite derartig in Andeutungen ergehen und auf Nachfragen jede Auskunft verweigern? Die noch nicht mal die Dimension des Problems benennen, weder die Zahl der Fälle noch ihren Schweregrad? Die glauben, Angriffe auf die sexuelle Selbstbestimmung mit einer Art eigener Gerichtsbarkeit handhaben zu können, deren Arbeitsweise so intransparent ist wie bei der katholischen Kirche?
Nun haben Ultras von jeher für sich in Anspruch genommen, jenseits von Parolen nicht mit der Außenwelt zu kommunizieren, sondern nur untereinander. Sie werden das ändern müssen, und vielleicht führt der gegenwärtige Prozess der Ultrà St. Pauli am Ende sogar dazu. Andernfalls werden die Cis-Männer weitgehend unter sich bleiben – und einander so ertragen müssen, wie sie nun mal sind. Das können sie. Schwer bleibt es dann nur für die wenigen Frauen und Queers in der Fanszene.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert