Illustration: Sonja Trabandt
Schulen in der Hitzewelle: Hitzefrei fürs Hirn
Der Klimawandel macht Schule. Eine taz-Analyse zeigt, dass die Hitzefrei-Tage deutlich zunehmen. Zu Besuch bei schwitzenden Schüler:innen in Stuttgart.
D ie Kinder aus der 1a halten ihr Gesicht abwechselnd dicht vor den Ventilator. „Haloooo-oo-oo, ich bin ein Roboteeerrrr“, sagt ein Mädchen in den Windstrom und freut sich, wie blechern ihre Stimme klingt. Um Viertel nach acht, zum Unterrichtsbeginn, ist die Luft abgestanden, die Fenster sind offen, die Rollos unten und die Erstklässler:innen beginnen den Morgen mit Klatschübungen. Die 1a, die Elefantenklasse, hat den heißesten Raum der Helene-Fernau-Horn-Schule in Stuttgart erwischt. Zum Unterrichtsbeginn zeigt das Thermometer knapp 28 Grad.
„Was ist heute für ein Tag?“, fragt die Lehrerin Frau Albrecht in die Runde. „Ein ganz heißer Tag“, sagt ein Mädchen. Freitag wollte die Lehrerin hören, aber heiß stimmt auch. Es ist Mitte Juni, eine Hitzewelle breitet sich über Deutschland aus und die Kinder der 1a haben noch sechs Wochen bis in Baden-Württemberg die Sommerferien beginnen. Für den Unterricht ist es aber jetzt schon zu heiß.
Schulen leiden massiv unter der Klimakrise. Angesichts des menschengemachten Klimawandels gibt es mehr heiße Tage, längere Hitzeperioden und Nächte, in denen es nicht mehr richtig abkühlt. Unsere taz-Datenrecherche zeigt: In den letzten 30 Jahren ist die mittlere Anzahl der Tage, an denen es zu heiß zum Lernen war, in fast allen Regionen Deutschlands gestiegen.
Gezählt haben wir dafür die Schultage, an denen es schon vormittags um 10 Uhr wärmer als 25 Grad Celsius war. An diesem Wert orientieren sich etwa Schulen in Brandenburg und einigen anderen Bundesländern für Hitzefrei. Ferien, Wochenenden und Feiertage haben wir aussortiert. Die Analyse auf Basis von Daten des Deutschen Wetterdienstes zeigt: In manchen Gegenden gibt es heute viermal so viele Tage, an denen es Hitzefrei geben müsste, wie vor 30 Jahren.
Das Ausmaß wird deutlich, wenn man besonders betroffene Regionen wie zum Beispiel Hessen und Rheinland-Pfalz betrachtet. In Büttelborn bei Darmstadt etwa gab es Ende der 1990er im Mittel 5 Tage pro Jahr, an denen die Hitze das Lernen in der Schule schwer machte. Mittlerweile sind es 14,5 Tage. Die Hitzeperiode, auf die sich Schulen einstellen müssen, wird mit jedem Jahr länger.
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Steigen draußen die Temperaturen, wird es auch in den meisten Klassenzimmern heiß. Die Elefantenklasse ist im oberen Stockwerk des 60er-Jahre-Flachdachgebäudes der Helene-Fernau-Horn-Schule untergebracht. Hier, auf der Südostseite des Gebäudes sind die Schüler:innen der Hitze ausgeliefert. Die taz hat in ihrem Klassenzimmer Mitte Juni Thermometer aufgestellt und nachgemessen.
Im Raum der Elefantenklasse zeigt das Thermometer mittlerweile 32 Grad, es ist 11.15 Uhr. Die Kinder werden ungeduldiger, sie stehen auf. Ein Mädchen kniet sich neben den Ventilator, im nächsten Moment legt sie sich ein nasses Tuch auf die Stirn. „Können wir die Schule nicht absagen?“, fragt ein Junge seinen Freund auf dem Flur, „es ist so heiß.“ Die Haare an seinen Schläfen sind nass.
Die Konzentration lasse über den Tag stark nach, sagt Lehrerin Albrecht. Zweimal in der Woche haben die Erstklässler:innen bis Viertel vor drei Unterricht. „Das finde ich grenzwertig“, sagt sie, „Ist man da noch produktiv?“ Vielleicht lernen sie an heißen Tagen auch mehr auf dem Spielplatz, sagt Albrecht, ein gutes Miteinander zum Beispiel.
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Eine Woche lang hat die taz gemessen. Am heißesten Tag knackt der Raum um 13 Uhr die 35-Grad-Marke. Über den gesamten Zeitraum sinkt die Temperatur im Raum nicht einmal unter 28 Grad. Selbst wenn es draußen nachts kälter wird. Drinnen staut sich die Hitze. Auch im kühlsten Raum der Schule, das Klassenzimmer der 3b im Erdgeschoss, ist es morgens schon wärmer als 25 Grad. Unterricht ist da kaum mehr möglich.
Hitze und Lernen sind keine produktive Mischung
Denn: Lernen fällt schwerer, wenn es zu warm ist. Eine Metastudie mit Daten von Schüler:innen aus 58 Ländern konnte nachweisen: je mehr heiße Tage, desto schlechter schnitten die Schüler:innen etwa in der Pisa-Studie ab. „Heiße Tage“ bedeutet in dem Fall Tage mit einer Temperatur von mehr als 26,7 Grad Celsius. Nicht nur im Vergleich mit anderen Ländern, sondern auch innerhalb desselben Landes. Bei jüngeren Kindern ist der Effekt sogar noch stärker.
Eine Studie aus China kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Über acht Jahre verglich man hier die Leistung der Studienteilnehmer:innen an heißen Tagen und solchen mit niedrigeren Temperaturen. An Tagen mit Temperaturen über 32 Grad Celsius schnitten sie bei Mathetests schlechter ab.
Ein Arbeitspapier der Harvarduniversität stellt sogar einen direkten Zusammenhang zwischen Klassenräumen mit und ohne Klimaanlage her. In der Studie heißt es, mit jedem Grad Fahrenheit mehr in der jährlichen Durchschnittstemperatur im Klassenzimmer, wird ein Prozent weniger gelernt. In Grad Celsius umgerechnet bedeutet das: Wenn es 0,56 Grad heißer ist, wird 1 Prozent weniger gelernt.
Dazu, wieso das Gehirn bei steigenden Temperaturen nicht mehr richtig mitmachen will, gibt es mehrere wissenschaftliche Ansätze.
Eine Erklärung könnte sein, dass die Kommunikation zwischen verschiedenen Gehirnarealen nicht mehr gut funktioniert, weil Botenstoffe nicht mehr ausreichend produziert werden. Auch der bei Hitze sinkende Sauerstoffgehalt im Blut kann das Gehirn in Schwierigkeiten bringen.
Wie Hitze und Denkkapazität im Detail zusammenhängen, wird aktuell noch tiefergehend erforscht. Klar ist aber, wenn der Körper mit Runterkühlen beschäftigt ist, ist die Konzentration dahin.
Regelungen in Bundesländern
Für den Lernerfolg bringt es also wenig, Schüler:innen an heißen Tagen in Klassenzimmern schwitzen zu lassen. Eine Alternative: Hitzefrei. In jedem Bundesland sind die Regelungen dafür ein bisschen anders.
Viele sprechen Empfehlungen aus, ab wann Hitzefrei ausgerufen werden kann. In Hamburg muss im Klassenzimmer mindestens eine Temperatur von 27 Grad herrschen. In Nordrhein-Westfalen wird anders gemessen, hier liegt der Richtwert zwar auch bei 27 Grad, allerdings Außentemperatur und im Schatten. Bei vielen anderen Bundesländern geht es schon ab 25 Grad los, etwa in Brandenburg. Da muss um 10 Uhr gemessen werden.
Andere legen gar keine Rahmenbedingungen fest. Etwa in Sachsen. Nach dem Motto: Wann es zu heiß zum Lernen ist, merken die Schulen schon selbst. Unabhängig vom Bundesland: Die finale Entscheidung trifft immer die Schulleitung.
Das Projekt: Wir haben für alle Gemeinden in Deutschland berechnet, an wie vielen Schultagen es um 10 Uhr bereits mehr als 25 Grad warm war. Oft gibt es keine festen Vorschriften oder es wird sich an der Temperatur im Schulgebäude orientiert. Für dieses Projekt haben wir die Vorschrift aus Brandenburg verwendet, die hitzefrei verordnet, wenn um 10 Uhr morgens im Schatten mehr als 25 Grad gemessen werden.
Die Daten: Der Deutsche Wetterdienst bietet in seinem Datensatz Hostrada die Temperatur zu jeder Stunde für jeden Punkt in Deutschland seit 1995 an. Aus diesem haben wir für alle Tage für die Kalenderjahre 1996 bis 2025 die Temperatur um 10 Uhr herausgefiltert und für jede Gemeinde in Deutschland den Durchschnitt gebildet.
Die Ferien: Um die Tage zu ermitteln, an denen überhaupt Schule stattfand, haben wir die Feriendaten von der Kultusministerkonferenz verwendet, die diese seit dem Jahr 1952 anbietet. Die Ferien sind jeweils nach Bundesland unterschiedlich. Wir haben aus den Daten für jede Gemeinde alle Wochenenden und, abhängig vom Bundesland, alle Ferientage entfernt.
Das Ergebnis: Anschließend haben wir für jedes Jahr und jede Gemeinde die Tage zusammengezählt, an denen es um 10 Uhr an einem Schultag wärmer war als 25 Grad. Um die Entwicklung zu berechnen, vergleichen wir die durchschnittliche Zahl der Tage, an denen es zu heiß zum Lernen war, in den zehn ersten Jahren dieses Zeitraums mit den zehn letzten.
Unsere Temperaturmessung: In der Helene-Fernau-Horn-Schule haben wir mit acht Thermometern über einen Zeitraum von fünf Wochen automatisiert die Temperatur gemessen. Um Schwankungen innerhalb der Klassenzimmer zu berücksichtigen, haben wir in jedem Klassenraum mehrere Thermometer aufgestellt und mit den Mittelwerten der Messungen gearbeitet.
Dabei ist Hitzefrei die letzte Eskalationsstufe. Davor können Unterrichtsstunden verkürzt werden, sodass zwar alle Fächer stattfinden, aber die Schule früher aus ist. Alternativ kann der Unterricht auch an einen kühleren Ort verlegt werden. In Sachsen kann das sogar das Schwimmbad sein.
Grundsätzlich gilt in den meisten Bundesländern, dass es für Schüler:innen nach der zehnten Klasse kein Hitzefrei gibt. Wer also Abitur, Fachabitur oder eine Berufsausbildung macht, muss schwitzen. Eine Ausnahme bildet Niedersachsen, wo Schüler:innen aller Altersklassen Hitzefrei bekommen können.
Michael Hirn, Schulleiter
Ist Hitzefrei sozialverträglich?
„Mittlerweile sind es mehrere Wochen im Jahr, in denen Unterricht nicht wirklich möglich ist“, sagt Michael Hirn. Seit 18 Jahren ist er Schulleiter an der Helene-Fernau-Horn-Schule. Außerdem ist er stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Das Problem mit der sommerlichen Hitze in den Klassen sei nicht neu, aber werde immer größer.
Aber auch vor der Oberstufe stellt sich die Frage, ob Hitzefrei wirklich die Lösung für hohe Temperaturen in Klassenzimmern sein kann. Schulleiter Hirn zweifelt: „Privatwohnungen, gerade die von bildungsbenachteiligten Familien, sind oft auch nicht gegen Hitze geschützt.“ Selbst wenn kein Unterricht stattfindet, müssten die Kinder irgendwie mit den hohen Temperaturen zurechtkommen. „Sie nach Hause zu schicken, verschiebt das Problem nur“, sagt er.
Was braucht es also gegen Hitze in Klassenzimmern? Gunnar Grün, Leiter der Bauphysik beim Fraunhofer-Institut, kennt sich mit allem aus, was mit Gebäuden in Kombination mit Luft, Schall und Wärme zu tun hat.
Damit sich Klassenzimmer nicht ungewollt aufheizen, gibt es laut Grün zwei Wege: einer ist, zu lüften. Das funktioniert aber nur, wenn es draußen kälter als drinnen ist. Prallt die Sonne schon auf die Fenster, ist es schon zu spät. Gelüftet werden muss also in den Nacht- oder frühen Morgenstunden. „In Schulen ist wohl nur Letzteres möglich“, sagt Grün. Denn nachts die Fenster offen zu lassen, ist nicht so einfach. Einbruchgefahr. Zumal es in den letzten Jahren immer mehr sogenannter Tropennächte gab. Eine Folge des Klimawandels. In ihnen fallen die Temperaturen auch nachts nicht unter 20 Grad. „Abkühlen durch Lüften funktioniert dann nicht mehr so gut“, sagt Grün. Ventilatoren könnten aber helfen.
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Die Alternative: dafür sorgen, dass die Wärme gar nicht erst hineinkommt. Zum Beispiel durch Schattenwurf. Entweder durch Auskragung – also Bauteile wie Balkone oder Erker, die außen am Gebäude sind. Oder durch Vorhänge oder Rollos. Dabei sei es besonders wichtig, dass diese nicht nur installiert, sondern auch gewartet werden, sagt Grün. Allzu schnell hängen die Lamellen schief in den Seilen.
Allgemein sei wichtig, dass es verschiedene Reaktionsmöglichkeiten gebe. „Die Lehrer:innen müssen wissen, was sie tun können“, sagt Grün. Etwa, dass Schüler:innen entsprechend der Hitze gekleidet sind und es ausreichend Getränke gibt.
Wie schlimm es mit der Sommerhitze im Klassenzimmer wird, hängt unweigerlich mit dem Gebäude zusammen. Es macht einen Unterschied, ob man in einem modernen und gut isolierten Schulhaus den Satz des Pythagoras verstehen muss, oder in einem Flachdach aus den 1960ern mit riesigen Fenstern, durch die die Sonne ungehindert eindringt – wie es an der Stuttgarter Schule der Fall ist.
Für die Gebäude sind die Schulträger zuständig. In den meisten Fällen also die Kommunen oder Städte. Allgemein zählen Schulgebäude zu den Bereichen, in denen Kommunen die größten Investitionslücken wahrnehmen: 67,8 Milliarden Euro. Das sind 31 Prozent des gesamten Investitionsstaus. Das ergab eine repräsentative Befragung der staatseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau. Die Bank befragt seit 2009 Kommunen zu ihren Finanzen.
Die Befragung liefert zwar einen Hinweis über den Zustand der Schulgebäude, eine spezifische Übersicht wie es um den Hitzeschutz an deutschen Schulen steht, gibt es aber nicht. Selbst die Bundesländer wissen darüber nichts Genaues. Obwohl sie mit ihren Bildungsministerien für die Arbeitsbedingungen der Lehrer:innen verantwortlich sind. Laut Arbeitsschutz sollte ein Raum nicht wärmer als 26 Grad Celsius sein. Darauf könnten sich Lehrkräfte berufen. Für ihre Schüler:innen gilt das nicht, da sie in der Schule offiziell auch nicht arbeiten.
Die Ministerien verweisen auf die Hitzeaktionspläne, die mittlerweile in vielen Kommunen existieren. Wenn diese konkreten Maßnahmen bei Schulen erwähnt werden, geht es dabei meist darum, Informationen über den Hitzeschutz weiterzugeben. Konkrete Baumaßnahmen, die es langfristig bräuchte, um das Raumklima zu beeinflussen, werden nicht erwähnt.
Dabei sind diese längst überfällig, denn die Zahl der heißen Tage – also Tage, an denen die Temperatur mindestens 30 Grad erreicht – steigt überall in Deutschland. Das Institut für Klimaservices Gerics hat diese Entwicklung berechnet: In ganz Deutschland wird die Zahl der heißen Tage von 4,4 im Mittel zum Ende des vergangenen Jahrhunderts auf 7,4 Mitte dieses Jahrhunderts steigen. Etwas differenzierter betrachtet: Zwar gibt es viele Kreise in Norddeutschland wo der Anstieg nur um etwa 50 Prozent ist, in Süddeutschland aber werden sich die heißen Tage oft mehr als verdoppeln. Im Mittel kann es dort dann an mehr als 10 Tagen über 30 Grad heiß werden.
Schaut man auf die Prognosen der Klimakrise, wird sich die Hitze im Sommer weiter ausweiten. Was Schüler:innen in der Schule lernen können, hängt damit zusammen.
Mangels Alternativen gehen Schulleiter Michael Hirn und sein Co-Rektor die Sache pragmatisch an. Sobald die Stadt die jährliche „Achtung, es wird heiß!“-Mail an alle Mitarbeitende rumschickt, checken die beiden den Rasensprengerbestand der Schule. Die drei vorhandenen Exemplare werden auf Tüchtigkeit geprüft. Bei Bedarf werden Ersatzteile beschafft, dieses Jahr fehlte eine Schlauchtrommel. Dann sind die drei Rasensprenger wieder im Einsatz. Wenigstens auf dem Pausenhof gibt’s nasse Abkühlung.
Schulleiter Michael Hirn spricht ein weiteres Problem an: „Im Sommer ist Hitze in der Schule überall Thema“, sagt er. „Aber mit dem Thermometer sinkt auch wieder die Aufmerksamkeit“, weiß er schon jetzt. Es muss sich etwas ändern. Sonst kommt im nächsten Jahr wieder dieselbe Mail. Wieder kommen die drei Rasensprenger zum Einsatz. Und wieder wird es zu heiß zum Lernen sein.
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