Hitzewelle in Berlin: Was tun, wenn die Sonne knallt?
Mit steigenden Temperaturen redet Berlin wieder über Hitzeschutz. Doch wie gut ist die Stadt wirklich auf die Hitzewelle vorbereitet?
Eine Hitzewelle, wie sie am Wochenende auf Berlin zurollt, ist ein potenziell lebensbedrohliches Extremwetterereignis. Das weiß auch Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe, die am Mittwoch schweren Herzens die Eröffnungsveranstaltung für die Berliner Seniorenwoche absagte. „Vor allem ältere Menschen sollten bei dieser Hitze zu Hause bleiben. Ihre Gesundheit und Unversehrtheit stehen für mich an oberster Stelle. Da kann ich nichts riskieren“, sagte Kiziltepe.
Gerade für vulnerable Gruppen wie alte Menschen, Obdachlose chronisch Kranke und Kleinkinder ist die Hitzewelle ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko. Durch Hitze sterben in Berlin mehr Menschen als durch den Straßenverkehr. Von 2020 bis 2025 kamen jährlich im Schnitt 177 Menschen an Hitze zu Tode, wie das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg errechnete.
Die Absage der Sozialsenatorin zeigt: Zumindest das Bewusstsein für Hitzeschutz in Berlin ist gestiegen. Spätestens seit den beiden Extremsommern 2018 und 2019 diskutieren Politik, Zivilgesellschaft und Gesundheitsexpert:innen darüber, wie Berlin hitzefest gemacht werden kann. Aktionspläne, Alarmketten, kühle Orte und Hilfe für Obdachlose: In den vergangenen Jahren ist viel passiert. Doch wie gut ist Berlin jetzt auf die Rekordhitze vorbereitet?
Der Senat selbst gibt sich zu Beginn der Hitzesaison handlungsfähig. Die Gesundheitsverwaltung verweist auf den landesweiten Hitzeaktionsplan, der seit November 2025 offiziell vorliegt. Das 143-seitige Dokument enthalte „sowohl vorbeugende Maßnahmen als auch solche zum Krisenmanagement“, erklärte Senatorin Ina Czyborra (SPD) Anfang Juni. „Die Umsetzung und Weiterentwicklung des Plans wird unsere Stadt hitzeresilienter machen“, sagte Czyborra.
Aktionspläne sind ein Anfang
Hitzeaktionspläne stehen ganz am Anfang bei der Umsetzung von Hitzeschutz. Mit den Planwerken sollen Verwaltungen einen Überblick bekommen, wo Handlungsbedarf besteht und wer bereits was unternimmt. Auch Meldeketten bei Hitzewarnungen und Ansprechpartner:innen werden darin benannt.
Der Berliner Aktionsplan enthält ein Sammelsurium an Maßnahmen. Die Ausstattung neu beschaffter S-Bahnen mit Klimaanlagen ist darin ebenso aufgeführt wie Arbeitsschutzmaßnahmen bei der Berliner Stadtreinigung BSR.
Hitzeservice Betroffene können sich beim Verein Silbernetz unter 030 544 533 0 533 registrieren.
Kleiderspenden Die Diakonie ruft ausdrücklich zu Kleiderspenden auf „Viele Menschen spenden Bekleidung vor allem im Winter, doch bei großer Hitze muss Kleidung häufiger gewechselt werden.“, sagt Diakonie-Direktorin Ursula Schoen. Annahmestellen sind bei den Johannitern in der Ohlauer Straße 365 und der Berliner Stadtmission.
Karten Infos mit Orten, an denen man sich abkühlen kann, gibt es nicht nur bei „Kühle Orte“. Das City-Lab hat mit der Erfrischungskarte ein umfangreicheres Tool entwickelt.
Doch schaut man auf das, was der Senat in den vergangenen Jahren tatsächlich umgesetzt hat, sind es vor allem die „niedrig hängenden Früchte“ – einfach umsetzende, vergleichsweise kostengünstige Maßnahmen. Darunter vor allem Informationsangebote und Kampagnen, die für risikominderndes Verhalten während extremer Hitze sensibilisieren sollen.
Margret Hampel, Silbernetz
So informiert zum Beispiel der Verein Silbernetz dieses Jahr berlinweit Senior:innen, wie sie am besten durch die Hitze kommen. „Ältere Menschen schwitzen weniger und können ihre Körpertemperatur nur langsam regulieren“, erklärt Margret Hampel, die das Infotelefon des Vereins leitet. Auch das Durstgefühl lasse im Alter nach, viele Medikamente seien zudem hitzeempfindlich und würden bei extremer Hitze die Wirksamkeit verlieren. „Wir informieren über diese Tatsachen und erinnern daran, möglichst viel zu trinken“. Darüber hinaus gibt Hampel allerhand Tipps: Wohnung verdunkeln, morgens richtig lüften, kühl duschen und kühlende Tücher auflegen.
Doch Hampel berichtet auch, dass der Andrang für das Angebot noch zu gering ist. Viele würden schlicht nichts davon wissen, andere wiederum hätten Hemmungen, sich aktiv Hilfe zu suchen. „Viele, die zu den vulnerablen Gruppen gehören, sehen sich nicht als solche.“
Von Tür zu Tür in Treptow-Köpenick
Der Bezirk Treptow-Köpenick zeigt, wie pragmatische Wege aussehen können, vulnerable Gruppen zu erreichen. „An Wohnungstüren in Unterkünften, bei denen bekannt ist, dass dort überdurchschnittlich viele ältere Menschen wohnen, werden am Mittwoch und Donnerstag kostenlos Hitzeschutztücher und Informationsmaterial angeboten“, teilt eine Sprecherin auf taz-Anfrage mit.
Doch auch die beste Infokampagne kann die Temperatur in einer schlecht isolierten Südseitenwohnung nicht senken. Oder hilft Menschen, die auf der Straße leben. Um diesen Menschen akut Linderung zu bieten, plant das Land ein engmaschiges Netzwerk „kühler Orte“.
Bislang sind es vor allem Kirchen und Nachbarschaftszentren, die auf der Website verzeichnet sind. Schaut man auf die Karte, die regelmäßig von der Gesundheitsverwaltung beworben wird, fällt auf, dass das Netz noch recht lückenhaft ist. Befindet man sich in Kreuzberg, einem der am stärksten hitzebelasteten Ortsteile, ist kilometerweit kein einziger „kühler Ort“ auffindbar.
Für Grünen-Politiker Benedikt Lux ist die Karte ein Ausdruck für die fehlende Ambition des Senats in Sachen Hitzeschutz. „Die Karte ist total lückenhaft und die Hitzewarnung funktioniert nicht“, kritisiert Lux. Tatsächlich, am Mittwochvormittag zeigte die Karte keine Hitzewarnung an.
Der Hitzeaktionsplan sei nett, sagt Lux, müsse sich aber beweisen. Etwa habe der Senat in den vergangen zwei Jahren nicht einen einzigen neuen Wasserbrunnen errichtet. Mittlerweile gibt es 249 von den festinstallierten, blau lackierten Trinkbrunnen in der Stadt. Für Lux ein riesiger Fortschritt, der noch weiter ausgebaut werden müsse.
Was wirklich hilft, kostet Geld
So sinnvoll Beratungsangebote und Aufklärung auch sind, kommen sie doch schnell an ihre Grenzen. Wirklich effektive Hitzeschutzmaßnahmen kosten viel Geld, wie sich im Gesundheitswesen zeigt.
Mittlerweile sei das Problembewusstsein vorhanden, sagt die Hitzeschutzberaterin Andrea Nakoinz. Viele Krankenhäuser und Pflegeheime hätte bereits Hitzeschutzpläne und Schulungen für Mitarbeiter:innen. „Da hat sich wirklich was verändert“, berichtet sie.
Doch mittelfristig werde man nicht um bauliche Anpassungen herumkommen: zusätzliche Klimaanlagen, Jalousien, Sonnensegel in Außenbereichen und Fassadenbegrünung. „Es fehlt vor allem Geld. Es sind Milliarden, die allein für den Hitzeschutz ausgegeben werden müssten, aber das Geld ist nirgendwo in Sicht“, sagt Nakoinz. Die schwarz-rote Koalition hat die Investitionsmittel für Krankenhäuser im aktuellen Haushalt zusammengekürzt.
Auch die Summen, die in Berlin für Hitzeschutz bereitgestellt werden, sind überschaubar. Die Bezirke erhalten pro Haushaltsjahr jeweils 100.000 Euro für Hitzeschutzprojekte. Für Menschen, die auf der Straße leben, stellt die Sozialverwaltung dieses Jahr 370.000 Euro bereit. Doch effektive Maßnahmen wie Entsiegelung von Beton- und Asphaltflächen bleibt immer noch Sache der Bezirke, die die Maßnahmen aus ihren ohnehin schon knappen Budgets finanzieren.
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