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Reiches umstrittenes Energie-MonitoringLügt das Wirtschaftsministerium?

Das Wirtschaftsministerium wiederholt, es habe das Energiewende-Monitoring nicht beeinflusst. Ex-Staatssekretär Michael Kellner glaubt das nicht.

Katherina Reiche (CDU), Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, bei einer Pressekonferenz Foto: Christoph Soeder/dpa

Das von Katherina Reiche (CDU) geführte Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) hält daran fest, dass es keinen Einfluss auf den Monitoringbericht zur Energiewende genommen hat. „Das BMWE hat keine Änderungen am finalen Bericht der Gutachter vorgenommen“, heißt es in einer Antwort auf die schriftliche Frage des früheren Wirtschaftsstaatssekretärs und heutigen grünen Bundestagsabgeordneten Michael Kellner, die der taz vorliegt.

Reiche hatte das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität Köln (EWI) mit einem Gutachten zum Stand der Energiewende beauftragt. Das im September veröffentlichte Monitoring soll als Grundlage für die weitere Energiepolitik dienen. Das EWI übersandte dem Ministerium nach eigenen Angaben am 29. August einen ersten Entwurf und am 11. September den endgültigen Bericht. Nach Recherchen der Umweltorganisation Greenpeace unterscheiden sich beide Fassungen an 28 Punkten. Danach sind Aussagen geändert und der politischen Agenda von Energiewende-Kritikerin Reiche angepasst worden.

Aus dem E-Mail-Verkehr zwischen dem Ministerium und dem EWI geht dem Newsletterportal Table.Media zufolge hervor, dass die Gutachter am 29. August explizit erklärt haben, keine Änderungen mehr vornehmen zu wollen. Das Ministerium soll dem Institut aber angekündigt haben, es darüber informieren zu wollen, „ob und welche Anpassungen erforderlich werden“.

Das Ministerium hatte die Änderungen damit erklärt, dass der am 3. September erschienene Bericht der Bundesnetzagentur zur Versorgungssicherheit berücksichtigt werden musste. Der lag dem EWI aber laut Table.Media bereits als Entwurf vor.

Kellner hält Antwort für unwahr

Bereits im September hatte Staatssekretär Frank Wetzel auf eine Frage von Kellner geantwortet, dass der Bericht „unverändert veröffentlicht“ worden sei. Nun wollte der grüne Bundestagsabgeordnete wissen, wie das Ministerium die Diskrepanz zwischen dieser Antwort und den Ergebnissen der Greenpeace-Recherche erkläre.

Die Schutzbehauptungen des Ministeriums sind lächerlich

Michael Kellner, Ex-Staatssekretär

Darauf antwortete Wetzel: „Änderungen gegenüber der Greenpeace im Rahmen ihrer Anfrage nach dem Umweltinformationsgesetz zugänglich gemachten Entwurfsfassung, auf der die in der Frage zitierten Recherchen beruhen dürften, gehen ausschließlich auf Änderungen der Gutachter selbst zurück.“

Kellner hält das nicht für glaubwürdig. „Die Schutzbehauptungen des Ministeriums sind lächerlich“, sagte er der taz. „Nach meinem Eindruck wird hier getrickst, getäuscht und das Parlament angelogen.“

Das EWI antwortet nicht eindeutig auf die Anfrage, ob die Änderungen auf Anregung des Ministeriums zustande kamen. „Das Gutachten (Entwurf oder finale Fassung) enthält keine Aussagen oder Schwerpunktsetzungen, die nicht von der fachlichen Einschätzung der Gutachter gedeckt wären oder die auf Drängen des BMWE in das Gutachten aufgenommen worden wären“, teilte es der taz mit. Das Institut räumt ein, dass der Bericht der Bundesnetzagentur den Gutachtern bei der Erstellung der ersten Fassung des Monitorings als Entwurf vorlag.

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23 Kommentare

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  • Ja und nein.



    Nein, die finale Version wurde nicht geändert. Sie war es ja schon.



    Ja, denn Reiche hat die Gutachter unter Druck gesetzt (was diese nicht zugeben, da sie sonst nie mehr ein Gutachten erstellen dürfen für den Verein).



    Mit Gutachten verdient man Geld. Wenn der Auftraggeber Änderungen will, werden diese oft zähneknirschend gemacht, damit bezahlt wird. Bis zur Grenze des Tragbaren.



    Ist ja auch keine peer-reviewete wiss. Veröffentlichung. Daher werden Gutachter beauftragt und nicht Wissenschaftler von Universitäten.



    Wer zahlt hat Recht.



    Oder der Chef ist reich und hat Eierstöcke aus Stahl.



    Selten.

    • @So,so:

      "Ja, denn Reiche hat die Gutachter unter Druck gesetzt."

      Würden Sie freundlicherweise Ihre Quelle angeben? Oder ist das nur Ihre persönliche Meinung?

      • @Josef 123:

        Ist das hier nicht ein Ort zum Meinungsaustausch?

        • @Peter Blunt:

          Doch, natürlich. Deshalb habe ich meine Frage gestellt.

  • "Das EWI antwortet nicht eindeutig auf die Anfrage, ob die Änderungen auf Anregung des Ministeriums zustande kamen. „Das Gutachten (Entwurf oder finale Fassung) enthält keine Aussagen oder Schwerpunktsetzungen, (...) die auf Drängen des BMWE in das Gutachten aufgenommen worden wären“, teilte es der taz mit."

    Was soll an dieser Antwort nicht eindeutig sein?

  • Reiches Typen sind ja auch noch beschränkt. Michael Keller war dort Staatssekretär, der kennt die Leute dort besser als Reiche und weiß doch, was abging.

  • "Lügt das Wirtschaftsministerium?"

    Die eigentliche Frage sollte lauten, zu welchem perfiden ideologischen Zeitpunkt sagt das CDU geführte Wirtschaftsministerium die Wahrheit, ohne dabei die wirklich wichtigen und relevanten Informationen aus zu lassen!!

  • Die zunehmende Dreistigkeit im politischen Diskurs wird ihr Ende mit Trump's Regierung finden.

  • Es ist üblich, dass solche Gutachten zunächst als Entwurf übersandt werden. Das soll ausschließen, dass ein falscher Sachverhalt und/oder falsche Schwerpunktsetzung erfolgt. Wenn der Entwurf danach angepasst wurde, überrascht das nicht. Das wird auch bei jedem Gutachten, dass die Grünen in Auftrag gegeben haben, so geschehen sein. Also allein, dass es Abweichungen zwischen Entwurf- und Endfassung gibt, ist jetzt keine spannende Erkenntnis - sonst bräuchte es keinen Entwurf. Etwas mehr Info wäre daher erforderlich, wenn man das Ministerium der Lüge bezichtigen will.

    • @Strolch:

      Die Informationen, die Sie haben wollen, stehen doch im Artikel. Haben Sie diesen gelesen?

      Die bekannten Änderungen, die angeblich das Gutachten zugunsten Reiches Agenda verändern, sind Fakt. Es gibt aber unterschiedliche Aussagen dazu, wie diese zustande gekommen sind. Laut Ministerium: Rein durch das begutachtende EWI, weil nach Erstellung der Entwurfsfassung ein Bericht der Bundesnetzagentur final herausgekommen sei, dessen Input das EWI habe einpflegen wollen. Allerdings hatte das EWI selbst zuvor angegeben, KEINE Änderungen mehr vornehmen zu wollen. Und zumindest eine - wiederum - Entwurfsfassung des Berichts der Bundesnetzagentur lag dem EWI zu dem Zeitpunkt bereits vor. Zudem war zunächst vom Energieministerium bestritten worden, dass es überhaupt Änderungen gegeben habe - was durch die Greenpeace-Recherche widerlegt wurde. Nun versucht man es mit Winkelzügen, Aussagen wie, dass es keine Änderungen mehr an der finalen Fassung des EWI-Gutachtens gegeben habe - ja nun, das ist das Wesen einer finalen Fassung, geht aber an der Fragestellung vorbei.



      Aber sie haben Recht: sowas gab es auch unter den Grünen. Unliebsame Gentechnik-Gutachten blieben in der Schublade.

  • Lügt das Wirtschaftsministerium? Ist Wasser nass?

  • „Das BMWE hat keine Änderungen am finalen Bericht der Gutachter vorgenommen“.



    Und nicht:



    „Das BMWE hat keine Änderungen am Entwurf der Gutachter vorgenommen“

    Wer lesen kann ist klar im Vorteil, Herr Kellner.

    • @elektrozwerg:

      Wenn die Hausjuristen zum Verdecken schon den letzten Winkelzug machen müssen.



      Und dummerweise vergessen, dass die finale Version immer die ist, die nicht mehr verändert wird.

      Vom EWI das oben Zitierte: "Das Gutachten (Entwurf oder finale Fassung) enthält keine Aussagen oder Schwerpunktsetzungen, die nicht von der fachlichen Einschätzung der Gutachter gedeckt wären oder die auf Drängen des BMWE in das Gutachten aufgenommen worden wären“ - es wurde also in den bestehenden Themen vorgegeben.



      Nu ja, ich finde die tatsächliche Politik Reiches noch das größere Problem. Birnbaum (e.on) muss ihr schon zu Hilfe eilen, der sie nachher wahrscheinlich wieder einstellen darf.

      • @Janix:

        Ueberspezifisches Dementi ;-)



        Ich verstehe die Aufregung nicht. Das sind keine 10 Gebote, das ist ne Auftragsstudie. Genauso glaubwuerdig wie die Studien, die die Ampelregierung veroeffentlicht hat. Gar nicht...

        • @elektrozwerg:

          Ja, richtig: es ist dorch wurscht ob unsere Minister fälschen und lügen. Ist ja "nur" eine Studie und ja, die Ampel ist viiiiiel schuldiger. Eine sehr simple Auffassung von Moral ist das...

  • Natürlich lügt das Wirtschaftsministerium. Im beschriebenen Fall mag der letzte Detailbeweis (noch) nicht vorliegen, doch der Gesamtkomplex ist klar und unmissverständlich: Die Ministerin (aka Fossil-Lobbyistin) hat einen (Mein)-Eid geschworen, dem GANZEN Volk zu dienen und Schaden von ihm fernzuhalten. Diesem Eid ist sie nicht gefolgt und wird es auch nicht tun. Sie lügt, wenn es darum geht die Erneuerbaren zu beurteilen und die Fossilen zu bewerten.

  • zeit für eine anfrage im rahmen des informationsfreiheitsgesetzes.

  • “ Lügt das Wirtschaftsministerium?”

    Wäre es denn so überraschend in Anbetracht einer in die Enge getriebenen, Lobbyinteressen loyalen und konservativ klimafeindlich gesinnten Administration?

  • Gas-Kathi hat schon beim erwarteten Energieverbrauch für 2030 das untere Ende des geschätzten Bereiches angesetzt. Daran wird die Notwendigkeit des Ausbaus der Erneuerbaren bestimmt und war daher eine "legale" Möglichkeit diesen Ausbau zu sabotieren.

    Gleichzeitig werden in Deutschland von vielen Netzbetreibern (es gibt Ausnahmen!) Mond-/Monopolpreise für den Einbau und die Miete von Smartmetern verlangt. Reiches Ex-Arbeitgeber West-Energie ist da voll mit dabei. Deutshcland ist EU-weit mit 3% Smartmetern absolutes Schlusslicht. U.a. Frankreich hat fast eine flächendeckende Abdeckung...

    Die "Pläne" von Reiche mit ihren absurd vielen fossilen Gaskraftwerken schiebt die Kosten nach hinten (weil die DInger ja erstmal geplant, genehmigt etc. werden müssen), die aber sehr, sehr viel höher sein werden als wenn man jetzt Erneuerbare inkl. Speicher ausbauen würde und uns zudem in hohmen Maße von fossilem Gas abhängig machen werden, da die Kraftwerke dann nicht nur bei Dunkelflauten laufen müssen, sondern ständig, was den Strompreis in die Höhe treibt. Danke auch an Söder und Aiwanger, dass sie den Süd-Link-Ausbau sabotieren, was die Strompreise ebenfalls in die Höhe treibt....

    • @Holger Kaempf:

      Stimmt nicht ganz, Herr Harbeck hat in seiner Amtszeit darüber gesprochen, dass 71 neue Gaskraftwerke gebaut werden müssen. Es kommt von daher, und nicht von Frau Reiche, die man evtl. kritisieren kann.

      • @Reinero66:

        Bitte ein r und 21 Gaskraftwerke abziehen, dann könnte es stimmen.

    • @Holger Kaempf:

      Das Smartmeter Desaster hätte doch die Ampel beseitigen können. Oder die große Koalition unter Merkel. Das Problem ist jetzt nicht der aktuellen Regierung anzulasten. Die Gaskraftwerke verdanken wir dem Atom- und Kohleausstieg. Speicher sind noch viel zu teuer, um hier eine verlässliche Technologie zu haben. Und sie macht viele richtige Schritte. Insbesondere bedarf es keiner Subventionierung von PV mehr. Das Zeug ist billig genug, dass es sich für nahezu jeden rechnet, eine Anlage auf das Haus zu machen. Das war schon unter der Ampel der Fall. Richtig ist, dass man anfangen muss, netzdienliche Speicher zu fördern, damit das langfristig funktioniert und billiger wird.

      • @Strolch:

        Die Ampel war wohl etwas sehr damit beschäftigt die durch die rechte Gaukelpolitik der Merkel-Regierung ausgelöste Energiekrise erfolgreich zu bekämpfen und die Lügen der rechten Meinungsmedien und lügenden rechten Polit-Aktivisten einzusammeln und zu erklären, dass es sich um Täuschungsmanöver handelt. Und dann war da noch der Saboteur in den eigenen Reihen der mal die FDP gewesen ist ... Alles Sinnvolle was Habeck auch nur angesprochen hat wurde aus ideologischen Gründen von den rechten Meinungsmachern in der Luft zerrissen - so auch die Umrüstung auf Smartmeter ... Eine der Überschriften lautete: "Jetzt kommt die grüne Strom-Stasi" - oder so ähnlich. Und die Leute wollten unbedingt darauf hereinfallen ...