Psychische Gesundheit: Antidepressiva werden immer noch verteufelt. Schluss damit!
Escitalopram und Co. sind keine Allheilmittel und ersetzen keine Therapie. Doch sie grundsätzlich schlecht zu reden, bringt niemandem etwas.
Foto: Cigdem Simsek/picture alliance
O b ich es schon mit Vitamin D probiert habe, fragt mich die Apothekerin mit mitleidigem Lächeln, nachdem ich meine Chipkarte ins Lesegerät gesteckt habe. Das könne die Laune auch heben! Auf meinem Rezept steht derweil etwas völlig anderes. Escitalopram, ein vergleichsweise gut erforschtes Antidepressivum, das vor allem bei Depressionen und Angsterkrankungen zum Einsatz kommt.
Ich nehme es gegen psychosomatisch bedingte Kopfschmerzen, die mich seit meinem 16. Lebensjahr begleiten. Bis 2024 hatte ich sie fast jeden Tag, trotz Achtsamkeit, Sport, Psychotherapie. Ich wachte mit ihnen auf und ging mit ihnen ins Bett. Wie ich in diesem Zustand mein Studium, meinen Job, meinen Alltag hinbekommen habe, frage ich mich bis heute.
Dank des Medikaments habe ich inzwischen deutlich weniger Schmerzen und bin immer wieder über längere Zeit komplett beschwerdefrei. Ob Placeboeffekt oder nicht – das Antidepressivum hat mir ein zweites Leben gegeben. Freundlich winke ich also ab, als die Apothekerin auf die Vitamin-D-Packungen auf der Verkaufsfläche zeigt. Innerlich koche ich.
Schätzungen zufolge sind jedes Jahr mehr als ein Viertel aller Erwachsenen in Deutschland von einer psychischen Erkrankung betroffen. Neben Gesprächstherapie und psychosozialen Interventionen zählen Medikamente zu den gängigen Behandlungsmethoden. Antidepressiva gehören zu den am häufigsten verschriebenen Psychopharmaka. Die Zahl der Verordnungen steigt sogar, was nicht alle Expert*innen gut heißen. Gleichzeitig wird die Einnahme bis heute tabuisiert.
14 Jahre dauerte es bei mir, bis ich mich zum ersten Mal wieder gesund fühlte. Das lag nicht daran, dass es kein Medikament gab. Studien hatten längst bewiesen, dass Antidepressiva bei chronischen Schmerzen helfen können. Trotzdem rieten mir alle um mich herum von einer medikamentösen Behandlung ab. Menschen wie die Apothekerin. Menschen, die Medizin oder Pharmazie studiert haben und es eigentlich besser wissen müssten.
Dass die Seele krank werden kann. Dass das auch körperliche Ursachen oder Auswirkungen haben kann. Dass neben Therapie und einem gesunden Alltag auch Medikamente helfen können. Und vor allem: Dass Vitamin D und Escitalopram nicht das Gleiche ist.
Ob beim Hausarzt, in der Psychotherapie, im Schmerzzentrum oder in der Tagesklinik – überall signalisierte man mir, Antidepressiva seien etwas Böses und dass ich auch ohne die Tabletten meine Kopfschmerzen in den Griff bekommen könne. „Wir müssen einfach schauen, dass Sie entspannter werden“, sagte ein Psychologe. Als ginge es bei mir nur um ein paar Verspannungen, die ich wegatmen könnte. Als müsste ich einfach nur ein bisschen mehr chillen, um das dauerhafte Brennen, Ziehen und Drücken auf und um meinem Kopf loszuwerden.
Auch im persönlichen Umfeld hörte und höre ich oft, dass Antidepressiva abhängig machen, dass sie alle Gefühle unterdrücken und einen wie sediert durch die Straßen irren lassen. Wer sie nehme, halte das Leben nicht aus. Was bei Betroffenen ankommen kann: Wer Pillen für die Psyche schluckt, hat sich nicht genug angestrengt.
Natürlich gibt es Psychopharmaka, die abhängig machen, mit deren Einnahme man sich nicht ans Steuer setzen sollte, die gar keine Wirkung zeigen oder Beschwerden sogar verschlimmern. Vieles davon gilt jedoch auch für Medikamente für körperliche Erkrankungen. Tabletten gegen Bluthochdruck oder gegen einen Infekt ballern die meisten ohne Bedenken. Niemand schämt sich dafür, und die wenigsten würden in Frage stellen, ob es diese Medikamente wirklich braucht.
Hinter dieser Doppelmoral steckt nichts als die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen, die wir trotz der Berichterstattung der letzten Jahre und aller Instagram-Accounts zu Mental Health immer noch nicht überwunden haben.
Antidepressiva sind kein Allheilmittel und ersetzen keine Therapie. Doch sie grundsätzlich zu verteufeln, bringt niemandem etwas, am allerwenigsten den psychisch Erkrankten. Sie verdienen eine sachliche Aufklärung über Behandlungsoptionen, die in manchen Fällen lebensrettend sein können.
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