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Proteste für bezahlbaren Wohnraum Enteignen – jetzt!

Reiner Wandler

Kommentar von

Reiner Wandler

In Madrid sind nach der Zwangsräumung einer 87-Jährigen Zehntausende auf die Straße gegangen. Gegen den Mietenwahnsinn helfen nur drastische Maßnahmen.

D ie lange angestaute Wut macht sich Luft. Die schockierenden Bilder der Zwangsräumung der 87-jährigen, gehbehinderten Maricarmen brachten in Spanien am Wochenende Zehntausende auf die Straßen Madrids, um einem Problem die Stirn zu bieten, das längst das Problem schlechthin des Jahrhunderts ist. Die Protestierenden klagen über unbezahlbare Mieten und astronomische Kaufpreise für Wohnungen. Sie wettern gegen Spekulation und den Tourismus, der mit seinen Ferienwohnungen die angestammte Bevölkerung aus den Städten verdrängt.

Kein soziales Problem ist so dringend wie das der nicht mehr bezahlbaren Wohnungen. Mietendeckel sind eine Teillösung, zumindest dort, wo sie angewandt werden. Doch die konservativ beziehungsweise konservativ/faschistisch regierten Regionen Spaniens machen das nicht. In Spanien sind die Regionen für Wohnungspolitik zuständig.

Sie können damit den Markt schützen, wie sie es nennen, anstatt die Mieter. Und so mancher rechte Politiker ist ganz direkt in das Geschäft mit der Wohnraumspekulation verstrickt. So ist etwa der Sohn des einstigen konservativen Regierungschefs José María Aznar in diesem Gewerbe tätig. Seine Frau Ana Botella verkaufte in ihrer Zeit als Bürgermeisterin von Madrid 1.800 kommunale Wohnungen an Fonds.

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Um das Wohnungsproblem dauerhaft in den Griff zu bekommen, braucht es deshalb mutige Maßnahmen, die von den rechts regierten Regionen – wie etwa Madrid, wo das Wohnungsproblem am stärksten ist – nicht boykottiert werden können. Die Mieterinnengewerkschaft und mit ihr die Zehntausenden Menschen, die am Wochenende auf die Straße gingen, fordern deshalb härtere, entschlossenere Maßnahmen.

Die Reptilienfonds oder Immobiliengesellschaften, wie die Spekulanten sich lieber nennen lassen, müssen aus dem Markt verdrängt werden. Und dort, wo sie so stark sind, dass sie die Preise bestimmen können, ist Enteignung die richtige Antwort. Die enteigneten Wohnungen könnten als Grundstock oder als Erweiterung für einen kommunalen Wohnungsmarkt dienen. Das gilt nicht nur für Madrid, sondern auch für andere europäische Großstädte.

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Reiner Wandler

Reiner Wandler Auslandskorrespondent Spanien

Reiner Wandler wurde 1963 in Haueneberstein, einem Dorf, das heute zum "heilen Weltstädtchen" Baden-Baden gehört, geboren. Dort machte er während der Gymnasialzeit seine ersten Gehversuche im Journalismus als Redakteur einer alternativen Stadtzeitung, sowie als freier Autor verschiedener alternativen Publikationen. Nach dem Abitur zog es ihn in eine rauere aber auch ehrlichere Stadt, nach Mannheim. Hier machte er eine Lehre als Maschinenschlosser, bevor er ein Studium in Spanisch und Politikwissenschaften aufnahm. 1992 kam er mit einem Stipendium nach Madrid. Ein halbes Jahr später schickte er seinen ersten Korrespondentenbericht nach Berlin. 1996 weitete sich das Berichtsgebiet auf die Länder Nordafrikas sowie Richtung Portugal aus.
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8 Kommentare

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  • economista

    Die Explosion der Lebenshaltungskosten allgemein, nicht nur der Mieten, müssen wir in den Griff kriegen. Allein Spekulanten zu beschuldigen, also Individuen, die mit Wertanlagen Geld verdienen, wird unsere Probleme nicht lösen, schon weil die Politik sie nicht einfach verbieten kann. Vielmehr wäre die Zinspolitik der Notenbanken das klassische Instrument, um spekulative Exzesse, wie wir sie gerade erleben, einzudämmen. Und hier muss man leider konstatieren, dass die EZB nach der Finanzkrise 2008 mit Quantitative Easing und direktem Aufkauf von Staatsanleihen regelrecht Spekulationsförderung betrieben hat. Das allerdings auch, um die Wertsteigerung zu exportieren und so die Handelsbilanz auszugleichen.

    Weiterhin ist Wohnraum in Europa auch aufgrund von Immigration verknappt. Eine Entspannung wird es in Deutschland erst geben, wenn entweder die Nachfrage sinkt (durch Alterung oder Abwanderung) oder die in Großstädten fehlenden 1,5 Mio Wohnungen gebaut werden. Dann säßen auch die Miethaie ganz schnell auf dem Trockenen.

  • Sole Mio

    Mich macht diese ganze Diskussion sprachlos!

    Vergemeinschaften ist was für diejenigen die selber nichts schaffen wollen oder können, jedoch dem Volk irgendwas vorzeigen wollen!

    Nehmt den Hintern hoch und schaut zu, dass Wohnungen gebaut werden!



    Dass wir einfacher an die Rohstoffe kommen, das recyceltes Material Anerkennung findet und dass die Planungs- und andere Baunebenkosten drastisch sinken.

    Dann sinken die Bau- und Mietkosten und das Angebot und die Nachfrage kommen ins Gleichgewicht

    Doch dafür bedarf es dem Willen was zu tun, zu erschaffen und Grenzen zu überwinden

    • Perkele

      @Sole Mio:

      Und bevor die Probleme von Schikanen an Mietern, miserable Wartung der Wohnungen, Wuchermieten etc gelöst sind, schafft man neue Wohnungen bei denen es nicht anders werden wird. Eine Superidee!

  • Land of plenty

    Viel Erfolg der Bewegung der ärmeren Menschen in Spanien!

  • Duplozug

    Moment, war Spanien nicht dass Land mit den vererbbaren Mietverträgen?

    Das Problem dort ist sicher, dass Ferienwohnungen rentabler sind als günstiger Wohnraum. Aber das liegt sicher daran, dass man Feriengäste schnell wieder los wird, und nicht an mehrere Generationen vermieten muss zu günstigsten Mieten. Wer baut den da auch noch eine einzige Mietwohnung?

    Man könnte stärker Ferienwohnungen begrenzen ist besteuern. Mietwohnungen zu bauen und zu erhalten attraktiv machen. Oder, eben als Staat bauen. Enteignen bringt nur nicht eine einzige Wohnung mehr.

  • Giuseppe Rudi

    Die Zwangsräumung einer 87-Jährigen ist tragisch. Aber Enteignungen schaffen keine einzige neue Wohnung. Das eigentliche Problem ist der Wohnungsmangel. Die internationale Forschung zeigt, dass Mietendeckel und harte Mietregulierungen zwar einzelnen Mietern helfen können, langfristig aber das Wohnungsangebot reduzieren. Dauerhaft bezahlbares Wohnen entsteht vor allem durch mehr Angebot, schnelleren Neubau und gezielte soziale Unterstützung, nicht durch die Umverteilung bestehender Wohnungen.

    Mit anderen Worten: Enteignung bekämpft die Symptome. Mehr Wohnungsbau bekämpft die Ursache.

  • Nordlicht4711

    "Kein soziales Problem ist so dringend wie das der nicht mehr bezahlbaren Wohnungen. Mietendeckel sind eine Teillösung".

    Ich glaube man muss das Problem eher mal aufdröseln. Es gibt genau genommen 2 Probleme die in einem Zielkonflikt stehen. Man könnte es ein Insider-Outsider Problem oder auch ein Gegenwarts-Zukunfts-Problem nennen.

    Einerseits haben wir den aktuellen städt. Bestand an Menschen und Immobilien. Hierfür sind Mietendeckel und Enteignung/Vergesellschaftung probate Mittel. Allerdings haben sie ihren Preis. Damit verändert man die Kalkulation der Vermieter. Und zwar unabhängig davon ob es kommunale Akteure sind oder private Investoren. Die Folgen sind verschleppte Renovierungen und ein verknapptes Angebot an Mietimmobilien. Es wirkt im Grunde wie ein Importzoll für die Stadt. Das trifft vor allem zukünftige Generationen an jungen Studenten und Angestellten sowie junge Familien.



    Die Subventionierung durch die Gesamtheit aller Steuerzahler gerät immer mehr in Schieflage. Die Landbevölkerung subventioniert die Städte nicht nur durch Teile ihres Einkommens sondern eben auch Menschen. Die Ergebnisse sehen wir in Wahlen.

  • Wunderwelt

    In der Tat..es geht um ein Grundsatzproblem..das sich im Kern auf die Formel reduzieren läßt:







    -> Wohnen gehört (wie Essen und Trinken) zu den Grundbedürfnissen.







    ..entsprechend muß dies absoluten Vorrang vor den "Bedürfnissen" irgendwelcher Rendite orientierter Akteure haben.







    Und wie das momentane "Geschrei" eben jener Marktakteure und ihrer Protegés aufzeigt, reichen da simple Maßnahmen nicht aus.



    Was wir brauchen ist eine echte Grundsatzdiskussion, gerne auch mit neuen Wortschöpfungen, die die Würde von Mieterinnen samt ihrem existenziellen Recht auf Schutz durch die berühmten vier Wände auf ein neues Fundament stellt.



    Wahrscheinlich läßt sich nur so, den oft ziemlich verdrehten "Argumenten" der Immobilienlobbys und der sog. konservativen Parteien der Wind aus den Segeln nehmen.







    Wie wäre es z.B. man würde Politiker aus den Parteien, die sich immer noch als "Christlich" oder "Sozial" bezeichnen direkt mit der Frage konfrontieren, ob es denn christlichen Werten entspricht, daß sich die einfachen Mieter❤️innen de facto erpressen lassen müssen, damit die Profite von Konzernen und deren Anteilseignern geschützt werden.?







    jetzt wäre die Zeit dafür..







    ..thx Berlin..