Niedrigwasser an der Weser: Wenn der Fluss die Rinder pökelt
Die Trockenheit und der geringe Oberwasserzufluss der Weser machen der Landwirtschaft zu schaffen. Sie versalzen das Wasser, das die Rinder saufen.
Foto: Lars Penning/dpa
In den kommenden Tagen erwartet die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung Niedrigwasser für die Weser. Wenn der Wasserstand unter die schiffbare Mindesthöhe sinkt, ist das aber nicht nur ein Problem für die Transportwirtschaft, sondern auch ein ökologisches und eines für die Landwirtschaft.
Trockene Phasen, in denen wenig Frischwasser vom Oberlauf des Stroms kommt, machen besonders sichtbar, was Forscher inzwischen als globales Phänomen ausgemacht haben: das Vordringen der Salzwassergrenze in Ästuaren – in tidebeeinflusste Flussmündungen also. An der Nordseeküste ist das ein besonderes Problem, weil die Landwirte das Wasser verwenden, um ihre Tiere zu tränken oder ihr Obst durch Frostberegnung zu schützen.
Dass die Versalzung ein globales Problem ist, zeigt eine Metastudie unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung in Warnemünde (IOW), die vor einem Jahr erschienen ist. „Der Klimawandel ist er Haupttreiber der Versalzung“, heißt es in einer Pressemitteilung des Instituts.
Er lasse den Meeresspiegel steigen, führe zu immer längeren Trockenheitsphasen und entsprechend niedrigen Abflussraten sowie hohen Salzeinträgen durch Extremwetter. Dazu kommen die Vertiefung von Fahrrinnen, der übermäßige Einsatz von Streusalz sowie durch den Menschen beschleunigte Verwitterungsprozesse an Land.
Gefahr für die Biodiversität
Den Forschern zufolge sind es vor zwei Faktoren, die die Versalzung begünstigen: der Ausbau der Fahrrinnen, der das Salzwasser aus dem Meer weiter die Flüsse hinaufschwappen lasse, und der trockenheitsbedingt geringere Oberflächenwasserabfluss, der dem entgegenwirkt. Der Rhein, aber auch Elbe und Weser zeigten in den vergangenen Jahren die niedrigsten Abflüsse seit den 1950er Jahren, heißt es in der Mitteilung des IOW.
„Damit werden Probleme bei der Wasserentnahme für die Landwirtschaft und Trinkwasser zunehmen sowie Einschränkungen der Biodiversität entlang der Ästuare, da viele Süßwasserarten häufiges Eindringen von Salzwasser nicht tolerieren“, warnt Hans Burchard vom IOW.
Nach einer Studie von Mitarbeitern der Uni Kiel und der Bundesanstalt für Wasserbau hat sich die Salzwassergrenze der Weser durch das Ausbaggern des Stroms zwischen 1972 und 2012 um 3,5 Kilometer landeinwärts verschoben. Das sei zwar eine bedeutende Veränderung, aber dennoch vergleichsweise klein. Denn aufgrund von jahreszeitlichen Veränderungen im Abfluss könne der Bereich, in den das Salzwasser vordringe, um bis zu 20 Kilometer variieren.
Politisch relevant werden diese Erkenntnisse durch den seit Jahren umstrittenen Plan, die Außen- und Unterweser sowie die Ems zum Frommen der Schifffahrt ein weiteres Mal zu vertiefen. Im Mai machte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) für den Fahrrinnenausbau stark. „Die beiden Vertiefungen müssen kommen, sie sollten schnell kommen, und wir sollten zeigen, dass Bund, Länder und Gemeinden hier im Einklang sind“, sagte er bei einem Besuch in Emden.
Für die Weservertiefung möchte die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) gegen Ende des Jahres einen Antrag auf Planfeststellung einreichen. Einen früheren Planfeststellungsbeschluss hat das Bundesverwaltungsgericht 2016 für rechtswidrig und nicht vollziehbar erklärt.
Neben dem Umweltverband BUND hatte auch der Landwirt Leenert Cornelius geklagt. Denn in der Wesermarsch, dem Gebiet, das sich zwischen Bremerhaven und Bremen westlich an die Weser schmiegt, stehen an die 90 Prozent der Rinder im Sommer auf der Weide. Getränkt werden sie aus den Gräben, die die Weiden trennen und vor allem im Sommer auch von der Weser gefüllt werden.
„Wir haben keine Quellen und keinen Fluss“, sagt Cornelius. Deshalb müssten die Gräben regelmäßig mit Wasser aus der Weser gespült werden. Verschiebt sich die Brackwasserzone flussaufwärts, schafft dieses Spülen ein Problem. Denn dadurch gelangt stärker salzhaltiges Wasser in die Gräben, das den Tieren schaden kann.
Zwar sind Rinder Salz gegenüber toleranter als Menschen, weil sie so viel Gras fressen. Bis zu zweieinhalb Gramm pro Liter lösliche Salze gelten laut der Deutschen Gesellschaft für Landwirtschaft (DLG) als tolerierbar. Beim Menschen ist es ein halbes Gramm. Nordseewasser dagegen enthält 35 Gramm Salz. Laut einem Papier der Tierärztlichen Hochschule Hannover und der DLG sind maximal 1 Gramm optimal, 1 bis 3 drei Gramm grenzwertig, mehr als 3 Gramm bedenklich.
110.000 Rinder gibt es nach Auskunft des Landvolks in der Wesermarsch. Gut 90.000 von ihnen werden in unterschiedlicher Intensität auf die Weide geschickt, sagt Karsten Padeken, der Vorsitzende des Kreislandvolkverbandes. Diese Tiere seien auf das Grabenwasser angewiesen. Sie mit Süßwasser in Tankwagen zu versorgen, sei keine wirtschaftlich tragfähige Alternative.
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