Nach Solingen-Berichterstattung: Boykottiert „Bild“!

Das Boulevardblatt hat sich in Berichten über den Tötungsfall in Solingen erneut selbst unterboten. Warum bekommt es noch Politiker-Interviews?

Reporter und Kameramann im Gespräch mit einem Presseprecher der Polizei

Pressesprecher der Polizei Wuppertal im Gespräch mit einem „Bild“-Reporter in Solingen, am Tag danach Foto: Otto Krschak/imago

Der Begriff „Witwenschütteln“ steht für niederträchtigsten Boulevardjournalismus: Hinterbliebene werden von JournalistInnen bedrängt, bis sie herzzerreißende Details und rührende Fotos rausrücken. Die Bild hat es gerade geschafft, diese Praxis noch zu unterbieten. In Solingen, wo vergangene Woche eine Frau mutmaßlich fünf ihrer Kinder getötet hat und danach Suizid begehen wollte, haben Bild-Reporter keine Witwe, sondern ein Kind geschüttelt.

Die Redaktion veröffentlichte am Freitag private Whatsapp-Nachrichten, die das einzig überlebende Kind einem Freund geschrieben haben soll, nachdem es vom Tod seiner Geschwister gehört hatte. Auch RTL hat diesen Freund interviewt – einen 12-Jährigen. Kurz nach einem Fünffachmord. Wie verroht muss man sein, um so ein Interview zu führen? Sitzt in diesen Redaktionen niemand mit Anstand, Empathie und Berufsehre? Welche Erkenntnis erhoffen sich die ReporterInnen? Worin besteht das öffentliche Interesse? Im Suhlen in Grausamkeit?

Der Pressekodex schreibt vor, dass die Identität von Opfern, besonders von Kindern, geschützt werden soll. Dass es keine Sensationsberichterstattung geben darf; dass bei der Recherche über schutzbedürftige Personen besondere Zurückhaltung geboten ist; dass über Suizide keine detaillierten Schilderungen veröffentlicht werden sollen. Nun. Einer der Texte der Bild heißt; „Sie deckte den Frühstückstisch, dann erstickte sie ihre Kinder“, dazu ein Hochzeitsfoto der Mutter.

Durch die Berichterstattung über Katastrophen, auch das sagt der Pressekodex, sollen Opfer nicht zum zweiten Mal zu Opfern gemacht werden. Was aber passiert mit einem Elfjährigen, dessen Geschwister getötet wurden, und dessen verzweifelte Whatsapp-Nachrichten in der Bild-Zeitung stehen? Julian Reichelt, der Bild-Chefredakteur, wird emotional, wenn er erzählt, welch großes menschliches Leid er als Kriegsreporter gesehen hat. Es macht ihm offenbar nichts aus, dass seine Zeitung menschliches Leid regelmäßig vergrößert.

Die Zeit der „Bild“ ist vorbei

Die Bild hat den Text mit den Whatsapp-Nachrichten und den Tweet dazu mittlerweile gelöscht. Das Video „Vor der Tür stehen noch die Schuhe der toten Kinder“ mit einem Foto vom Schuhregal ist noch online. Es ist nicht das erste Mal, dass die Bild das Schicksal von toten Kindern ausschlachtet, und es wird nicht das letzte Mal sein. Trotz allem spielt die Bild immer noch oben mit, bekommt exklusive Interviews mit Promis und Politikern.

Damit muss Schluss sein. Jeder sollte dieses Blatt boykottieren: LeserInnen, indem sie kein Geld dafür ausgeben, JournalistInnen, bei Bild oder Springer, indem sie sich einen anderen Job suchen. Unternehmen, indem sie dort keine Anzeigen schalten, und PolitikerInnen, indem sie dem Blatt keine Interviews mehr geben.

Das tut noch nicht einmal weh: Die Auflage der Zeitung stürzt steil ab. Die Zeiten, in denen PolitikerInnen die Bild zum Regieren brauchten, wie Gerhard Schröder behauptete, sind längst vorbei. Die Zeit der Bild ist es auch.

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