Muslima über Ablegen des Kopftuchs: „Das beantworte ich nicht“

Tina Banze hat ein Stipendium fürs Schweigen bekommen. Sie trug eine Woche lang Glatze statt Kopftuch und äußerte sich nicht zu den Gründen.

Die Muslima Tina Banze trägt ein lilafarbenes Kopftuch.

Hat am Ende ihres Selbstexperiments das Kopftuch wieder angelegt: Tina Banze Foto: Miguel Ferraz

taz: Sie haben erklärt, sich nicht zum abgelegten Kopftuch erklären zu wollen. Was wollten Sie damit erreichen, Frau Banze?

Tina Banze: Ich habe das Kopftuch abgesetzt, bevor öffentlich bekannt wurde, dass ich das Stipendium erhalten habe. Insofern war das kein Problem.

War das Medieninteresse für Sie dann doch eine Plattform, um Ihre Position als Schwarze Muslima sichtbar zu machen?

Nein, das ist nicht meine Community. Ich bewege mich in bestimmten Kreisen und da öffne ich mich und diskutiere Sachen. Aber das habe ich halt nicht vor in der weißen deutschen Gesellschaft.

Jetzt gerade sprechen Sie mit der taz, einer überwiegend weißen Zeitung.

Ja – aber ich spreche nicht über alles, so wie ich innerhalb meiner Community rede. Ich rede schon mit weißen Menschen, natürlich, aber eben anders.

Eigentlich würde ich Sie jetzt gern nach Ihren Erfahrungen mit dem abgelegten Kopftuch fragen, aber so wie ich Sie verstanden habe, wollen Sie das nicht.

Über die Erfahrung, wie die anderen Menschen reagiert haben, kann ich sprechen.

Gleichzeitig würde mich interessieren, was das Ablegen für Sie bedeutet hat, für Ihr Selbstverständnis.

Darüber rede ich nicht, das ist Privatsache. Für mich war es ein Selbstexperiment, damit ich es herausfinde, aber ich muss meine persönlichen Erkenntnisse nicht in der Öffentlichkeit breittreten. Aber zu den anderen: Sie ließen sich ganz klar in zwei Kategorien einteilen: Die einen kannten mich und dachten: Okay, das ist Tina, wer weiß, was sie jetzt gerade schon wieder macht. Sie haben es nicht weiter kommentiert außer etwa: „Das sieht ja cool aus.“ Andere, die mich nicht so gut kannten, haben die lustigsten Theorien an mich herangetragen: ob ich krank sei, ob ich keine Muslima mehr sei, ob ich jetzt ein Mann sei.

32, geboren in Halle (Saale), hat in Leipzig Romanistik studiert. Sie arbeitet in Hamburg als Projektleiterin bei einem sozialen Träger und Ausbildungsbegleiterin in einer Berufsschule und studiert parallel Soziale Arbeit.

2020 hat sie die Initiative Intersektional Deutsch gegründet, ein Netzwerk für Schwarze deutsche (muslimische) Feminist*innen. 2021 erhielt sie das Nichtstun-Stipendium der Hamburger Hochschule für Bildende Künste (HFBK) für die Projektidee, eine Woche lang ihr Kopftuch abzulegen und sich nicht zu den Gründen zu äußern.

Warum ein Mann?

Ich hatte meine Haare ja auf drei Millimeter gekürzt. Ich wurde ständig darauf aufmerksam gemacht, dass das unweiblich sei oder ja doch gut aussehe, obwohl ich eine Frau bin. Eine Person meinte: Jetzt kann man ja endlich offen mit dir über den Islam reden. Das konnte man vorher nicht in ihren Augen, weil ich so klar positioniert gewesen sei. Durch das Ablegen des Kopftuchs war ich plötzlich ein offener Menschen für sie. Das fand ich auch interessant, was das so macht. Als wäre ich jetzt plötzlich eine andere Person.

Was haben diese Reaktionen mit Ihnen gemacht?

Ich bin Konvertitin, ich weiß schon, was das ausmacht, das war jetzt nichts Schockierendes. Ich hatte auch schon zwei Jahre während meines Studiums eine Glatze, daher kenne ich die Reaktionen. Und kurz nach der Glatze kam das Kopftuch.

Ruft das Kopftuch noch einmal emotionalere Reaktionen hervor als die Glatze?

Ja. Allerdings war ich noch Studentin, als ich die Glatze trug, ich war nicht im Arbeitsleben. Das macht schon noch große Unterschiede.

Weil die Uni ein offeneres Milieu ist?

Das würde ich nicht grundsätzlich sagen. Als ich das erste Mal die Glatze hatte, hat mich eine Kommilitonin gefragt, eine Masterstudentin, kein kleines Mädchen, ob es stammesüblich sei, dass ich jetzt eine Glatze trage. Ich würde nicht sagen, dass so eine Universität ein Schutzraum ist.

In der Vorstellung Ihrer Initiative „intersektional deutsch“ schreiben Sie mit Nachdruck, dass es nicht um Opferporno geht. Wogegen richtet sich das?

Ich habe den Begriff letztes Jahr gelernt und finde ihn sehr treffend.

Wofür?

Für dieses voyeuristische Ergötzen und das Sich-daran-Aufgeilen, was andere Menschen erleben, dieses Erleben dann aber auch wieder weg zu schalten und dadurch abzustumpfen. Die einzige Position, die man als rassifizierte Person in dieser Gesellschaft hat, ist eben die, maximal Unterhaltung zu bieten. Wenn Schwarze Menschen zu Wort kommen, dann nur als Opfer. Und dann können alle sagen: „Oh, das wusste ich gar nicht, oh wie traurig.“ Aber darüber hinaus geht es nicht und es ändert nichts.

Haben die Erfahrungen an der Uni dazu geführt, dass Sie gelernt haben, sich abzugrenzen?

Wovon?

Von Fragen, von Anmerkungen, von Irritation?

Das kam erst später. Ganz extrem im letzten Jahr, da habe ich eine Weiterbildung im Bereich Antibias gemacht. In dem Moment habe ich gemerkt, wo Grenzen sind, die ich gern früher ignoriert habe, wo ich sehr naiv rangegangen bin und immer wieder verletzt wurde. Mir war gar nicht klar, dass ich da anders reagieren kann, als offen zu sein und mich als Lernmaterial zur Verfügung zu stellen.

In Ihrem Blog schreiben Sie: „Warum sollten wir unsere persönlichen Angelegenheiten mit euch besprechen, wenn ihr nicht einmal wisst, dass Ramadan ein Monat ist.“ Ist das solch eine Verweigerung, Lernmaterial zu sein?

Ja. Es gibt eine Norm in dieser Gesellschaft, von der aus legitimiert wird, wer was gefragt werden darf oder sich wozu erklären muss. Es ist einfach die Frage: Möchte ich das mitmachen? Will ich diese Rolle annehmen oder sage ich: „Nein, bilde dich doch selbst.“

Ich habe mich früher an der Uni oft daran gestört, dass man sich durch Fragen eine Blöße zu geben schien. Nach dem Motto: Man sollte wissen, was gemeint ist, wenn wir über die Frankfurter Schule sprechen. Von daher ist Fragen-Können für mich positiv besetzt – aber ich bin dann auch die Fragende.

Aber genau das ist ja das Ding. Wenn wir die Frankfurter Schule betrachten, dann sind wir alle Menschen, die das erst erlernen müssen und es gibt kein Machtgefälle. Und unter Weißen kannst du natürlich alle Fragen stellen und es gibt Critical-whiteness-Seminare, wo du bestimmte Fragen aus einer ganz naiven Perspektive heraus stellen kannst. Wer immer das macht – Hut ab. Ich könnte das nicht über mich ergehen lassen, diese erniedrigenden und herabwürdigenden Fragen, die bestimmte Machtgefälle manifestieren. Aber dafür gibt es Räume. Aber wenn du jeden Tag erklären musst, warum du in diesem Land bist – wem nützt diese Frage und wem nicht?

Vielleicht noch mal zurück zum Beispiel Ramadan, weil ich darüber gestolpert bin. Wo ist da für Sie das Machtgefälle?

Natürlich rede ich mit Menschen auch darüber, aber ich entscheide mit wem und wann. Ich bin selbst konvertiert, ich musste mir auch das ganze Wissen irgendwo herholen. Es ist halt Arbeit und es ist leichter, eine Person mit der eigenen Dummheit zu belästigen.

Worüber sprechen Sie mit den Frauen in Ihrer Initiative Insektional Deutsch?

Es geht um Erfahrungsaustausch, aber auch um Fallberatung. Wir sind Schwarze Cis-Frauen, die meisten davon tragen Kopftücher.

Was wäre ein Beispiel für eine Fallberatung?

Es gab einen Aufruf zum Thema Opferrolle. Welche Strategien gibt es, die nicht anzunehmen?

Gibt es da eine besonders wirksame Strategie?

Das beantworte ich nicht.

Warum nicht?

Weil das nicht das Publikum dafür ist. Das ist ein Diskurs, der innerhalb der Community stattfindet und den muss ich hier nicht breittreten.

Das verstehe ich. Und ich glaube, ich komme hier an eine gewisse Sprachlosigkeit.

Super, das ist doch toll, dass es jetzt einen Punkt gibt, an dem einfach auch mal weiße Menschen überlegen: Darf ich das eigentlich? Und nicht einfach davon ausgehen, ich darf.

Ich stehe hier mit dem Fragezeichen, weil ich das Fragen, das Angesprochenwerden ganz anders werte, als potenzielles Bindemittel. Und: Ich erlebe unsere Gesellschaft eher als sprachlos.

Ich werde ständig angesprochen, vor allem wenn ich mit meinem Kind unterwegs bin.

Was sagen die Leute?

Wie süß es ist, dass es schon so gut Deutsch kann, dass ich so gut Deutsch kann, dass es tolle oder lustige Haare hat. Diese ganzen übergriffigen Sachen, die sie zu Ihnen nicht sagen, weil sie denken: Das ist ja privat.

Bei mir erlebe ich es als Scheu zu interagieren oder als Gleichgültigkeit. Ein Kind, das allein im Bus rumläuft, zu nehmen und zu sagen: „Hey, setz dich doch mal neben mich, damit du nicht umfällst.“

Ich würde genau das im Bus machen. Ich wohne aber auch nicht hier im Hamburger Westen.

Welchen Unterschied macht das?

Hier ist es halt superweiß.

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