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Moskaus Propagandaparade am 9. MaiVon Luftangriffen ist abzuraten

Bernhard Clasen

Kommentar von

Bernhard Clasen

Putin bietet der Ukraine für den 8. und 9. Mai einen Waffenstillstand an. Kyjiw wird das Angebot wohl ablehnen – das ist verständlich, aber unklug.

Flugübungen für Putins Show am 9. Mai Foto: Yevgeny Messman/TASS/imago

R ussland hat für den 8. und 9. Mai eine zweitägige Waffenruhe in seinem Krieg gegen die Ukraine angekündigt – die Tage, an denen des Endes des Hitler-Faschismus gedacht wird. Allem Anschein nach wird die Ukraine dieses Angebot nicht erwidern. Warum auch, fragt man sich in der ukrainischen Führung. Schließlich hatte Putin ja auch die für den 6. Mai angekündigte einseitige ukrainische Waffenruhe ignoriert. Wie du mir, so ich dir.

Nachvollziehbar ist die ukrainische Ablehnung also. Kommt hinzu, dass die Ukraine Putins Show am 9. Mai nicht einfach ungestört zusehen will. Denn in Moskau wird man am 9. Mai nicht nur des Endes des Hitler-Faschismus gedenken. Russlands Führung setzt den Kampf gegen Hitler mit seinem Überfall auf die Ukraine gleich.

Nun überbieten sich beide Seiten mit Drohungen. Sollte die Ukraine die Paraden zum 9. Mai stören, werde man Kyjiw mit Raketen angreifen, so die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa. Und Serhi Sternenko, Berater im ukrainischen Verteidigungsministerium, tut auf seinem Telegram-Kanal kund, dass Russen kein Recht auf Leben haben, sie Leiden und Tod verdient haben.

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Sternenkos Drohungen sollte man ernst nehmen. Der frühere Chef des Rechten Sektors von Odessa, der immer wieder mal politische Gegner in Müllcontainer geworfen hat, ist im ukrainischen Verteidigungsministerium für Drohnen zuständig.

Russland wird Angriffe propagandistisch nutzen

Gleichwohl ist der Ukraine von Luftangriffen auf die Paraden des 9. Mai in Russland abzuraten. Und dies aus mehreren Gründen: Russland wird diese ukrainischen Angriffe nutzen, um die ukrainische Führung als Faschisten hinzustellen, die das Andenken an den Sieg über Hitler schmälern wollen.

Dazu kommt: Sollte es der Ukraine gelingen, mit Drohnen eine russische Militärparade zu stören, dann nur unter der Voraussetzung, dass viele Drohnen eingesetzt werden. Denn nur wenige werden durchkommen. Die anderen werden abgeschossen. Und abgeschossene Drohnen über Wohngebieten könnten den Tod von Zivilisten bedeuten.

Außerdem hat die ukrainische Führung jetzt schon ihr Ziel erreicht. Zahlreiche russische Städte haben die für den 9. Mai geplanten Veranstaltungen aus Angst vor ukrainischen Drohen ganz abgesagt.

Leider ist auch die Drohung von Frau Sacharowa, man werde das Zentrum von Kyjiw mit Raketen beschießen, sollte die Ukraine am 8. oder 9. Mai Russland angreifen, ernst zu nehmen. Warum aber das Leben von Kyjiwer Zivilisten riskieren? Ein hoher Preis dafür, Putins Parade die Schau zu stehlen.

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Bernhard Clasen
Journalist
Jahrgang 1957 Ukraine-Korrespondent von taz und nd. 1980-1986 Russisch-Studium an der Universität Heidelberg. Gute Ukrainisch-Kenntnisse. Schreibt seit 1993 für die taz.
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6 Kommentare

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  • Ein doch sehr einseitiger Kommentar. Die Ukraine wird schon wissen was sie tut. Denn sie muss auch ohne uns entscheiden was sie tut, um zu überleben und gleichfalls uns vor einem Angriffskrieg bewahrt.



    Wir helfen der Ukraine ja auch nur soweit, als das es uns nicht an der Substanz schädigt, oder warum kaufen wir gerade und bis zum Ende des Jahres vermehrt Flüssiggas von Russland auf, machen Geschäfte mit Rossatom. Das unterstützt alles den Angriffskrieg, und gleichzeitig zahlen wir Steuerzahler die Kriegsunterstützung der Ukrainer. Wie blöd ist unsere Politik eigentlich noch - wir zahlen für Waffen die sich gegenseitig bekriegen, nur um den Krieg zu verlängern. Wir sind damit schon lange Kriegsteilnehmer und mitschuldig für viele Tote die es nicht hätte geben müssen, wenn die Sanktionen konsequenter erfolgt wären.



    Mag die Ukraine frei entscheiden, ob sie am Gedenktag Waffenruhe hält oder nicht. Wenn nicht, kann ich das sehr gut nachvollziehen.

  • Vielen Dank für den Artikel.



    Ich schätze die Berichte und Einschätzung der Jounalist*Innen, die sich auch vor Ort ein Bild machen, sehr.



    Kritischer Journalismus bedeutet nicht nur Putin zu kritisieren, sondern auch in Kiew hinter die Kulissen zu schauen.



    Historisch betrachtet ist der Sieg der roten Armee für Europa genau so bedeutend wie der der westlichen Alliierten.



    Angesichts des damals gemeinsamen Kampfes der Sowjetrepubliken gegen Nazideutschland ist ein Stören des Gedenkens auch ein wenig unsinnig.



    Hinzu kommt, dass sich Putin innerhalb der eigenen Bevölkerung zunehmend Kritik ausgesetzt sieht. Ein ukrainischer Angriff, bei dem auch ZivilistInnen zu Schaden kämen, wäre kontraproduktiv.



    Auch wenn heutzutage politisches Potenzial aus der Erinnerung gezogen wird, das mir nicht passt, bin ich doch dankbar.



    Ich bin den Menschen dankbar, die ihr Leben dafür eingesetzt haben, Nazideutschland zu zerschlagen.



    Es ist gut, dass Menschen bereit waren ihr Leben zu geben um das vieler Anderer zu retten.



    Danke für das Ende der Konzentrationslager,



    Danke dass ich nicht in einem faschistischen System aufwachsen musste!

  • So ganz verstehe ich den Kommentar nicht. Weder die Taz-Leser, noch die Bundesregierung sind in die Entscheidung eingebunden, ob die Ukraine die Militärparade in Moskau stört oder nicht. Inwiefern ist es dann relevant, wie wir es fänden?

    Zumal die vorgebrachten Gegenargumente sowieso immer gelten, egal ob Störung oder nicht:



    - Russland könnte die Ukrainer als Faschisten darstellen



    - Es könnte zivile Opfer geben



    - Russland könnte Raketen auf Kiyv schießen

  • "Putin bietet der Ukraine für den 8. und 9. Mai einen Waffenstillstand an. Kyjiw wird das Angebot wohl ablehnen – das ist verständlich, aber unklug."



    Spielt eh keine Rolle. Wir sehen ja derzeit, was von einer russischen einseitigen Waffenruhe zu halten ist: die Forderung nach einem Ruhen der Waffen, die auf Russland gerichtet sind. Selber darf ruhig weitergebombt werden.

  • Von Putin verkündete "einseitige Waffenstillstände" gab es ja schon mehrfach, es sollte doch mittlerweile klar sein, dass die kein Schritt zu einem dauerhaften Waffenstillstand sind, sondern Propaganda, gemischt mit dem Versuch, aus den Feuerpausen taktische Vorteile zu erzielen (bspw. weil frontnahe Stellungen ohne Beschussrisiko mit Nachschub versorgt werden können.



    Es ist also sehr vernünftig von den Ukrainern, solche Verlautbarungen einfach zu ignorieren.



    Mittlerweile zeigt sich ja überdeutlich ab, dass die Ukrainer im letzten halben Jahr die russische Luftverteidigung auf ein kritisches Maß ausgedünnt haben. Das dürfte der Hauptgrund für die hysterische Androhung von "Vergeltungsschlägen" sein: hilflose Angst. Das ist ein gutes Zeichen; dass die meisten Paraden schon im Vorfeld abgesagt wurden, auch.



    Putin vom Roten Platz in den Bunker zu jagen, wäre nicht nur Symbolik und Propaganda, sondern ein echter politischer Sieg. Zugleich wurde wohl in den letzten Wochen weitere Luftabwehr um Moskau zusammengezogen, d.h. die Zahl der ungeschützten Objekte im Land hat sich erhöht. Allein um zu erreichen, dass das so bleibt, würde ein Angriff auf Moskau morgen strategischen Sinn machen.

    • @Barbara Falk:

      Sehr richtig, wie immer scharfsinnig und kenntnisreich kommentiert, danke dafür und volle Zustimmung.