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Linke in Zeiten der Monster

Von Lula bis Mamdani, von Labour, Linkspartei bis SPÖ: Erfolge und Niederlagen der Progressiven folgen keinem einfachen Muster. Ein paar Erfolgsrezepte sind aber erkennbar

Von Robert Misik

Dass der Zeitgeist nicht gerade ein Genosse ist, der mit roten Fahnen durch die Welt zieht, ist heute keine besonders originelle Erkenntnis. Die klassischen, progressiven Parteien torkeln durch die Gegenwart und haben noch kein richtiges Rezept gegen die neuen Faschisten, die rechte Gefühlspolitik und Affektbewirtschaftung, gegen das tägliche Anspornen zu Groll, Ressentiment, Hader und Negativismus gefunden. In Deutschland liegt die SPD bei 14 Prozent und damit sogar knapp hinter den Grünen. In ehemaligen roten Herzkammern wie Nordrhein-Westfalen ist sie nur mehr ein Schatten ihrer selbst, in Berlin erlebte sie gerade ein Debakel. In Österreich sieht es nicht viel besser aus. Frankreich ebenso. Das globale Bild ist eher noch unerfreulicher.

Es reicht, allein die vergangenen Wochen zu betrachten. In Österreich hat SPÖ-Chef Andreas ­Babler gerade seinen Abgang angekündigt. Vor drei Jahren wirkte Babler, ein dezidiert linker, geerdeter Kleinstadtbürgermeister, noch wie eine Hoffnungsfigur. Ein selbstbewusster Mann der Basis, mit so einem authentischen „Einer-von-uns“-Appeal, der auch noch in schönen Bildern den Traum der kleinen Weltverbesserung formulieren kann, sollte eine Trendumkehr bewirken. Nun, daraus wurde nicht so viel. Strahlkraft über den Kreis der Überzeugten konnte er dann doch nicht gewinnen. Eine letztlich zerstrittene Partei hinderte ihn daran und eine widerwärtige Kampagne von Häme, Böswilligkeit, Herabsetzung und Schmähung. Allerdings fehlte es ihm auch ein wenig an Geschick.

Immerhin führte er die Partei in eine Dreierkoalition aus Konservativen, Sozialdemokraten und Neos, die unter widrigen Umständen ganz ordentliche Arbeit leistet. Der Abgang Bablers markiert nicht, wie das häufig der Fall ist, einen Pendelschwung der Partei. Der neue Hoffnungsträger ist Markus Marterbauer, Finanzminister, ein überzeugter Progressiver und Verfechter der ­Reichensteuer. Überraschenderweise wurde er zum populärsten Regierungspolitiker des Landes, weil er eine ruhige, solide Art hat, sachkundig ist, vernünftige Sätze sagt und die Personifizierung von Solidität und Integrität ist.

Während das Konzept: „Ehrlicher Bürgermeister geht in die Hauptstadt und redet in der Sprache der normalen Leute mal Klartext“ bei Babler niemals so richtig zog, geht es in Großbritannien bisher ganz gut auf. Andy Burnham nützte das desaströse Scheitern von Keir Starmer, übernahm die Labour Party und das Amt des Ministerpräsidenten. In den Umfragen lag die stolze Arbeiterpartei zu diesem Zeitpunkt weit abgeschlagen hinter den Rechtsradikalen der Reform-Partei, hinter Konservativen und sogar kurzfristig hinter den Grünen. Seither hat sie mehr als zehn Prozentpunkte gut gemacht und ist wieder klar stärkste Partei in den Umfragen. Burnham macht sich selbst zur Stimme der Unzufriedenheit über die beklagenswerten Verhältnisse. Er spricht all das an, was den Wählern in einer Zeit von Angst, Pessimismus und Endzeitgefühl die Stimmung vermiest – die hohen Lebenskosten, die Herabsetzung der arbeitenden Klassen. Er hat Elan und er verkörpert Erneuerung, wobei sich auch das zugegeben, schnell abnützen kann.

Derweil unterlag auf der anderen Seite des Globus Lula da Silva, legendärer Anführer der Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) in der ersten Runde der brasilianischen Präsidentschaftswahl überraschend deutlich Flávio Bolsonaro, Sohn des obersten Rechtsextremisten. Jetzt muss Lula als Außenseiter in die Stichwahl. Im allgemeinen Aufschwung der extremen Rechten ist es offenbar nicht gelungen, überzeugend darzulegen, warum ein 81-jähriger, der schon sieben Mal kandidierte und drei Amtszeiten hinter sich hat, ein Zukunftsversprechen für eine vierte Amtszeit sein sollte. Ganz überraschend ist das dann auch wieder nicht.

Schlussendlich hat in New York allen Erwartungen zuwider Zohran Mamdani zunächst den Vorwahlkampf in der Demokratischen Partei gewonnen. Er ist zur Kristallisationsfigur einer vielgesichtigen Basisbewegung geworden, der Sieg bei der Bürgermeisterwahl war praktisch Formsache. In Berlin gelang Elif Eralp ein ähnliches Kunststück, sie führte die Linke mit erheblichem Abstand zur CDU auf Platz eins – über den Abstand zur glücklosen Hauptstadt-SPD wollen wir gar nicht erst reden. Progressive grüne Kandidatinnen und Kandidaten erobern Hannover, Göttingen und andere Städte. Fast durchweg sind es ­gewinnende Spitzenfrauen und -männer mit ­Migrationsgeschichte.

Robert Misik

lebt und arbeitet als Journalist, Sachbuchautor, Theatermacher und taz-Kolumnist in Wien. Jüngste Buchveröffentlichung: „Erziehung zur Grausamkeit“, August 2026 bei Suhrkamp.

Migrationsgeschichte scheint überhaupt zu einem Plus für Mitte-links-Po­li­ti­ke­r*in­nen geworden zu sein, wohl aus verschiedenen Gründen. Das Leben zwischen und in unterschiedlichen Milieus, die tägliche Übung darin, in heterogenen Vokabularien zu sprechen und sich auf unterschiedliche Charaktertypen dabei einstellen zu müssen, ist womöglich ein ganz hervorragendes Training dafür, in zunehmend zerfaserten Gesellschaften eine große Allianz unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen zu zimmern. In Städten wie Graz und Salzburg feiert die Kommunistische Partei mittlerweile immer neue Sensationserfolge. Freilich: Es sind städtische Phänomene, die sich auf nationale Wahlen nicht so leicht ­übertragen lassen.

Kurzum, es ist verworren. Mal gewinnt links, mal verliert links. Oft hängt es an kontingenten Umständen – salopp gesagt: an Zufällen. Eine visio­näre Linksstrategie funktioniert logischerweise aus der Opposition leichter als aus der ­Regierungsroutine heraus. Mal liegt es am Geschick. Immer an Personen, die als Zugpferd funktionieren, also als Kristallisationsfiguren für Projektionen, Sehnsüchte und Hoffnungen. Aber Personen alleine helfen auch nicht, wenn ihnen die Parteien wie ein Klotz am Bein hängen. Manchmal ist der Erfolg sogar ein Fluch, wenn Parteien schnell wachsen und Tausende passionierte Aktivisten gewinnen, die alle unterschiedliche Spezialinteressen und ihr Herzensanliegen haben, das ihnen als das wichtigste Thema der Welt erscheint. Dann kann man eine erfolgreiche Partei haben, in der aber der Pragmatismus, ohne den man nicht regieren kann, verpönt ist – und die sogar weniger entschiedene, potenzielle Anhänger abschreckt, weil sie mit dem Geist des Sektierertums in ihren Basisorganisationen zu kämpfen hat.

Progressive Parteien müssen eher nach links als in die Mitte oder gar nach rechts rücken. Sie müssen die Endzeitgefühle benennen und Ängsten eine Stimme geben

Es ist verworren und doch gibt es ein paar klare Muster: Progressive Parteien müssen eher nach links als „in die Mitte“ oder gar nach rechts rücken, wenn sie Erfolg haben wollen. Sie gewinnen dann, wenn sie soziale Gerechtigkeit, die Leistbarkeit des Lebens, die Leistbarkeit des Wohnens ins Zentrum rücken, die Klimakatastrophe, überhaupt die Endzeitgefühle, die fast in allen Bevölkerungsteilen grassieren, und wenn sie diesen Ängsten und auch der Wut eine Stimme geben. Rücken sie dagegen nach rechts, stärken sie ihrerseits rechte Narrative. Davon profitieren, kaum verwunderlich, nur die Rechten. Parteien, die das tun, frustrieren zudem die eigene Anhängerschaft, was diese demobilisiert. Auch das Rücken „in die Mitte“ ist häufig nur eine Chiffre für Konzeptionen maßvoller Balanciertheit, was besonders bei Menschen über sechzig beliebt ist. Gabriela Greilinger, Forscherin an der University of Georgia, hat unlängst auf den gern übersehenen Sachverhalt hingewiesen, dass dieses Pathos der „Mitte“ oft „auf Menschen mittleren Alters oder Ältere abzielt“, dann aber „junge Leute komplett vergisst“. Heißt in der Praxis: Man rückt zum Opa, und gibt die Jugend verloren. In ­aller Regel ist ein wesentlicher Faktor für Erfolg, dass man Schwung ausstrahlt, ­Vitalität, und verdeutlicht: Wir machen die Fenster auf und lassen frische Luft herein. Es ist in der Forschung sehr klar dokumentiert: Linksparteien gewinnen, wenn sie eine markant progressive Botschaft ­haben, und sie verlieren, wenn sie sich an einen rechten Zeitgeist anpassen.

Noch ist freilich nicht einmal ansatzweise richtig klar, in welch signifikant neuer, fast welthistorischen Ära wir leben: Das allgemeine Empfinden unserer Zeit ist das eines Verfalls, einer Bedrohungslage, von sinkendem Wohlstand und wachsender Kriegsgefahr, von Konkurrenz um knappe Ressourcen, von steigenden Preisen, stagnierenden oder schrumpfenden Realeinkommen, Ökokatastrophen, kurzum, jenes Zeitgefühl, das gerade eben Naomi Klein und Astra Taylor in ihrem Bestseller „Endzeit-Faschismus“ beschreiben. Die klassischen Konzeptionen der Nachkriegs-­Sozialdemokratie mit stabilem Wirtschaftswachstum, gepaart mit ein wenig gerechterer Verteilung, funktionieren in der „Zeit der Monster“, die Şeyda Kurt in ihrem Debütroman beschreibt, kaum noch. In dieser neuen Welt können wir nur einen Widerstand organisieren, der ein Dagegen, aber zugleich ein Dafür ist, nämlich Netze des Gemeinsamen knüpft, des Füreinander-daseins, letztendlich sogar dafür, das gemeinsame Überleben zu sichern. In dieser Welt, in der wir heute leben, müssen wir eine Gegenmacht aufbauen und wir müssen das gegenüber den Komplizen von Autoritären und Plünderern mit Entschiedenheit tun und gegenüber allen anderen mit der allergrößten Zärtlichkeit.