piwik no script img

Kunst der WocheIrgendetwas stört die Idylle

Bei Société lädt Kaspar Müller zu seiner Art von Kunsthandwerkmarkt. Bei Kunstpunkt untersucht eine Gruppenausstellung das Zusammenleben der Spezies.

I n die Jahreszeit passen sie nicht gerade, die Silversterkläuse, die da durch das eher kleine Gemälde in Kaspar Müllers Ausstellung „Boutique SOCIÉTÉ × Treasures of Memory 2“ bei Société wandern. Im Appenzell sieht man solche jungen Typen mit wagenradgroßem Kopfschmuck rund um Neujahr von Hof zu Hof ziehen, jodelnd und mit ziemlich viel Schnaps intus.

Müllers Bilder, von denen es eine Handvoll in der Ausstellung zu sehen gibt, ähneln traditioneller Senntumsmalerei der Region, aber da ist stets etwas, was die Idylle stört: Hinter den sanften Hügeln speien Vulkane Lava. Da ist eine Windhose, die inmitten der lieblichen Landschaft wirbelt, oder die Wälder stehen in Flammen.

Auch Zelte sind in Müllers Ausstellung aufgebaut. Nicht solche, in denen man sich auf dem Campingplatz in der Schweizer Natur betten würde, eher würden sie sich für eine Feierlichkeit im frisch gemähten Garten eignen, für ein förmliches Event, das nur so tut, als wäre es eine ausgelassene Party. Daneben liegt einem auf mit Farbspritzern übersäten Klappstuhl in Puppenformat ein Strauß Tulpen aus dem 3D-Drucker. Und dann ist da noch ein sich drehendes Spiegelpodest mit einer Ansammlung von mundgeblasenen Bongs. Hübsch gestaltete Einzelstücke wie vom hochwertigen Kunsthandwerkermarkt, wären sie nicht, was sie sind.

Die Ausstellungen

Kaspar Müller: „Boutique Société x Treasures of Memory 2“, Société, Wielandstraße 26, Di.–Sa. 11–18 Uhr, bis 29. August

The Shape of Us“, Kunstpunkt Berlin | Raum für Aktuelle Kunst, Schlegelstraße 6, Do.–So. 15-19 Uhr, bis 23. August

Kaspar Müller stellt in seiner Kunst Skulpturen her, Installationen, Videos, Fotografie, Malerei und Zeichnung. Um Widersprüche und Reibungen geht es da meist. Mit Humor erzeugt er die, bedient sich dabei wie auch jetzt wieder gern an Brauchtümern, filtert ganz subtil heraus, was sich hinter ihnen verbirgt: historische Wurzeln, gesellschaftliche Strukturen, Denkmuster. Die Formen eignet er sich dann an, bildet aber eigene Versionen, stets mit mindestens einem Twist.

Radikal intim

In der Galerie Kunstpunkt Berlin / Raum für Aktuelle Kunst spürt Kuratorin Keumhwa Kim indes gemeinsam mit acht Künst­le­r:in­nen aus Ost-, Süd-, Südost- und Zentralasien der „radikalen Intimität der Mutation“ nach. Nicht um das übliche Werden und Vergehen von Pflanzen, Tieren, Menschen geht es dabei, vielmehr um tatsächliche oder potenzielle Folgen von Begegnungen zwischen den Spezies.

Könnte so eine Versuchsanordnung für Reproduktion in einer posthumanen Zukunft aussehen?

Jaewon Kim etwa hat leere Kanister von Pestiziden mit dem 3D-Drucker aus Keramik nachgebildet. Ein Motor bringt einen davon zum Tanzen, als hätte sich eine Biene selbstmörderisch hineinverirrt. Spuren haben Bienen auch auf seinen Wandarbeiten hinterlassen. Sie machen Bewegung wie Verletzlichkeit der Tiere in abstrakter Form sichtbar.

So Young Park bringt eine Art von Bestäubungsmechanismus aus überdimensionalen Orchideenblüten, Metallgestänge und getrockneten Blumen zusammen. In Maya Erin Masudas Installation „Pour Your Body Out“ wird milchige Flüssigkeit durch eine Art künstliches Euter vorbei an synthetischer Haut auf chemisch eingefärbte Pflanzen gepumpt. Könnte so eine Versuchsanordnung für Reproduktion in einer posthumanen Zukunft aussehen?

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Beate Scheder

Beate Scheder Kulturredakteurin

Redakteurin für Berlinkultur und Theater, freie Kulturjournalistin und Autorin. Kunstkolumnistin für taz Berlin.
Mehr zum Thema

0 Kommentare