Dokumentarfilmer über „Insekten“: „Für Ameisen reicht eine Schreibtischlampe“
Der Film „Insekten – Helden im Verborgenen“ schwankt zwischen Spielfilm und Naturdoku. „Insekten sind gar nicht so anders als wir“, sagt der Regisseur Nepomuk Pfaff.
Am Anfang stand eine Baumarktwerbung, die Insekten beim Sex zeigte. Dem WWF gefielen die Bilder, so entstand die Zusammenarbeit für die Dokumentation in Spielfilmlänge „Insekten – Helden im Verborgenen“ mit Regisseur Nepomuk Pfaff. Der WWF finanzierte sie, mit an Bord war das Verbundprojekt „Brommi“, Biosphärenreservate für Insektenschutz. Katharina Thalbach verzichtete für ihre Erzählstimme auf die übliche Gage. Hintergrund: „Ich meine, was wäre ein Leben ohne Honig!“
taz: Herr Pfaff, in Ihrem Film „Insekten – Helden im Verborgenen“ tauchen unter anderem eine Hummel, eine Furchenbiene und eine Waldameise auf. Sie heißen Hugo, Bianca und Amelie. Wieso?
Nepomuk Pfaff: Wir haben den Insekten Namen gegeben, damit der Zuschauer sich besser mit ihnen identifizieren kann. Schon das Wort „Insekt“ ist bei vielen Menschen negativ besetzt. Wenn wir den Tieren aber Namen geben und zu sehen ist, dass sie alltägliche Probleme haben – die spüren eine Art von Liebe und suchen einen Partner, sie arbeiten, sie verteidigen ihren Nachwuchs –, dann schaffen wir einen Zugang zu den Insekten. Dann reift vielleicht die Erkenntnis, dass die gar nicht so anders sind als wir, und damit die Bereitschaft, diese Tiere und ihre Lebensräume zu schützen.
taz: Die Waldameise Amelie trinkt einen Schluck Morgentau vor der Arbeit, die Furchenbiene Bianca entkommt dem Bienenfresser – ist das nicht arg vermenschlicht?
Pfaff: Wir wollten sie ja gerade vermenschlichen. In dem Film reisen wir 480 Millionen Jahre in die Vergangenheit zur Entstehungszeit der Insekten. Die sind doppelt so alt wie die Dinos und haben sie überlebt. Insekten haben die Landschaft, wie wir sie heute kennen, maßgeblich geprägt. Diese große, ferne und auch etwas abstrakte Geschichte erzählen wir an Individuen. Amelie trinkt vor der Arbeit ihren Tropfen Wasser, damit der Film ein Erlebnis wird, den man sich gerne anschaut und der Spaß macht. Wir gewinnen die Zuschauer:innen nur über Emotionen, da sind wir sicher.
„Insekten – Helden im Verborgenen“. Regie: Nepomuk Pfaff. Deutschland 2026, 87 Min.
taz: Haben Sie dafür erst ein Drehbuch geschrieben – die Ameise trinkt Morgentau – und dazu dann Bilder gesammelt oder andersherum? Sie hatten Bilder, die Sie dann zu einer Geschichte montiert haben?
Pfaff: Ja, wir haben wirklich erst mal so eine Art Drehbuch geschrieben, nach fast einem Jahr Recherche. Die Insektenaufnahmen und die Bilder dazu haben wir bis ins Detail geplant. Man startet mit einem Storybord und mit einer Einstellung, die man drehen will. Vielleicht: In dieser Einstellung muss die Ameise von links nach rechts auf dem Ast laufen. Die Kamera macht diese oder jene Bewegung. Man richtet das Bild ein, setzt das Licht. An einem normalen Filmset braucht man dazu riesige Lampen auf LKW, aber für eine Ameise reicht eine Schreibtischlampe. Bei den Landwirten hatten wir nur eine Idee davon, was wir fragen wollen, welche Themen wir behandeln wollen.
taz: Was hat Sie während der Recherche am meisten überrascht?
Pfaff: Erst mal die pure Menge. Es gibt so viele Arten an Insekten, aber auch pro Art eine riesige Anzahl an Individuen. Das war uns vorher nicht klar, aber auch nicht, was die für eine wichtige Rolle spielen. Dass es so viele unterschiedliche Wildbienen, Wespen, Käfer gibt, die alle einen Beitrag dazu leisten, dass unsere Welt so ist, wie sie ist. Es gibt ganz spezialisierte Bienen oder Hummeln, die ganz spezialisiert auf bestimmte Pflanzen sind. Dieses Verhältnis ist fragil, wenn die Pflanze weg ist, ist auch das Insekt weg. Andererseits entsteht so eben diese unglaubliche Vielfalt, diese Farbenfrohheit.
taz: Ist dabei ein Spielfilm oder eine Naturdoku herausgekommen?
Pfaff: Es ist eine Mischung zwischen Natur- und Spielfilm. Die großen BBC-Naturdokus waren ein bisschen Vorbild, die sind ganz wunderbar. Da begleitet man eine Eidechse oder eine Löwenfamilie auf der Jagd oder die sich sonnt. Die erzählen ihre Geschichten auch mit Spielfilmelementen.
taz: Wie haben Sie diese beeindruckenden Großaufnahmen von im Wind wehenden Grashalmen oder sich öffnenden Blüten gedreht?
Pfaff: Das war technisch aufwendig. Unserem sehr kleinen Team von nur drei Leuten waren Makroaufnahmen neu. Die sind unglaublich schwierig. Wenn man draußen auf dem Acker ist und der Grashalm weht im Wind, reicht ein kleiner Windstoß und der Halm wackelt aus dem Bild heraus. Wir haben verschiedene Techniken verwendet, Makroobjektive, spezielle bewegliche Stative, die sich per App millimetergenau steuern lassen.
taz: Wenn man die Kamera einmal programmiert hat, setzt man die Ameise dann auch mal genau da auf den Ast, wo sie langkrabbeln soll?
Pfaff: Unser Produzent Jim Lerch hat sie manchmal mit einer weichen Pinzette an die richtige Stelle gesetzt. Aber Ameisen laufen sowieso die ganze Zeit hin und her, teilweise haben wir eine Ameise aufgeschnappt und mit einbezogen. Da haben wir dann dokumentarischer gearbeitet.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „Insekten“
taz: Wie oft mussten Sie so eine Szene drehen, bis sie so aussah, wie Sie sie sich vorgestellt hatten?
Pfaff: Je näher wir rangegangen waren, desto schwieriger wurde es. An einer Einstellung von Schnitt bis Schnitt haben wir zum Teil zwei Tage gedreht; wir haben also zum Teil für wenige Sekunden Film mehrere Tage gebraucht. Am aufregendsten war die Szene, in der der Hauhechel-Bläuling schlüpft. Ein Experte hatte uns eine Schmetterlingspuppe zugeschickt. Die war sehr dunkel, das konnte nur heißen, entweder ist sie tot oder schlüpft gleich. Also habe ich in Windeseile auf meiner Waschmaschine ein Studio gebaut, aus einem Backblech, mit Erde und Zweigen. Kaum war ich fertig, begann der Falter zu schlüpfen. Am Ende ist er sogar das Plakatmotiv für den Film geworden. Die Gelegenheit für solche Bilder hast du nur einmal – da gehört auch Glück dazu, da ist es dann ganz Naturfilm.
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