Die Kunst der Woche: Immer offensiv die Zähne zeigen
Die Edition Block reitet durch 60 Jahre Kunstgeschichte im kleinen Format, samt rarer Polke-Richter-Zusammenarbeit. Vinzenz Aubry erklärt das Unerklärbare.
Foto: Uwe Walter, Berlin; Courtesy Edition Block, Berlin
W ie ein Salon, viel größer sind die Ausstellungsräumlichkeiten der Edition Block in der Prager Straße nicht. Aber es passen sechzig Jahre Kunstgeschichte hinein. Das mag vielleicht an dem hier präsentierten Format der Edition liegen: ein in mehrfacher Auflage produziertes Kunstwerk, das seiner höheren Stückzahl wegen gerne kleiner ausfällt.
Die an beiden Enden abgebrannten Kerzendochte von Alicja Kwade etwa mit dem lakonischen Titel „Nachts“ von 2020 sind mit ihrer je eigenen krümeligen oder serpentinen Form gerade mal ein bis zwei Zentimeter lang, in der schönen Box ist die Edition freilich größer. Olaf Metzels Wandskulptur „Die die die“ von 2011 aus Aluminium hingegen bringt scheinbar achtlos zerknüllte Zeitungsartikel und Entwurfszeichnungen auf gute zwei Quadratmeter Größe.
Es liegt also nicht nur am kleinen Format der Edition, sondern auch einfach an René Block – Galerist, Kurator, Herausgeber und Autor –, dass hier in der Jubiläumsausstellung „60 Jahre. 60 Werke“ von Wolf Vostells Klammerbuch von 1966 bis zu Rosa Barbas Reflexion über die Zirkulation der Bilder in Posterform einfach mal so alles und alle versammelt sind, die in den letzten sechzig Jahren die hiesige Gegenwartskunst geprägt haben.
Die Ausstellungen
„60 Jahre. 60 Werke. Edition Block 1966–2026“. Edition Block, Prager Straße 5, Mi. – Fr. 12 – 18 Uhr, bis 31. Oktober
Vinzenz Aubry: „Nach Bild“. Galerie im Saalbau, Karl-Marx-Straße 141, Mo. – So. 10 – 20 Uhr, bis 6. September
1966 begann René Block im damaligen Westberlin Editionen herauszugeben, bis heute. Tolle Sachen sind dabei: Gülsün Karamastufa hat Haarstränen, Federn oder andere empfindliche Gegenstände mitsamt Schere in eine Samtschatulle legen lassen. „Vulnerable“ heißt die Arbeit und verdichtet, wie es bei der Grande Dame der türkischen Kunst häufig vorkommt, Tradition, Pop und Widerstand in einem kleinen Gegenstand.
Foto: Matthias Trumminger
Auch Richard Hamiltons ikonische Edition „The Critic Laughs“ ist zu sehen. Die ist ein zahntechnisches Kunstgebiss auf einer elektrischen Zahnbürste, ein scheinbares Massenprodukt, das immer offensiv die Zähne zeigt. Zu finden ist auch eines der ganz raren Gemeinschaftsprojekte von Sigmar Polke und Gerhard Richter von 1968. Auf ihrer rätselhaften Fotoreihe wandelt sich ein Gebirgsmassiv sukzessive zu einer verschwommenen Kugel.
Sonnenfinsternis in Neukölln
Fast nichts zeigt Vinzenz Aubry in der Neuköllner Galerie im Saalbau. „Nach Bild“ heißt seine Ausstellung, die mehr auf das Rauschen nach einem Ereignis setzt. Ein Kunstrasenboden bringt Vibrationen mit tiefen, kaum hörbaren Infraschalltönen hervor, auf einem Plasmabildschirm glüht die Sonne vor sich hin, und in einer dunklen Kammer mit Stroboskoplicht-fähigem LED-Bildschirm geht es um eine Sonnenfinsternis: Totale Reizüberflutung und ihr plötzliches Stoppen wechseln hier einander ab.
Das ist alles sehr reduziert, künstlich bis laborhaft inszeniert. Trotzdem hat die Ausstellung auch etwas Sehnsüchtiges: Aubry scheint hier nämlich irgendwie mit dem Unerklärlichen und Entfernten in Kontakt treten zu wollen.
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