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Die Kunst der WochePfeile zu Nadeln, Löcher im Absatz

Schon vor der Berlin Art Week hat in der Miettinen Collection Hannah Hallermanns „Sewing“ eröffnet. Louche Ops stellt den US-Künstler Arnold J. Kemp vor.

W er in dieser Woche in Sachen Kunst nicht den Überblick verliert, hat wahrscheinlich einfach sein E-Mail-Postfach nicht geöffnet und auch seinen Social-Media-Feed ignoriert. Die Berlin Art Week, die wieder einmal ansteht, listet allein im offiziellen Programm über 300 Veranstaltungen, darunter mehr als 100 Ausstellungseröffnungen.

Durchaus smart ist es daher, schon in den Tagen davor zu eröffnen, wenn die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Kunstinteressierten noch ein klein wenig geringer ausfällt.

Getan hat das unter anderem die Berliner Künstlerin Hannah Hallermann, die mit „Sewing“ die Erdgeschossräume der Miettinen Collection bespielt. Hallermann beschäftigt sich in ihrer Einzelausstellung mit Gewalt, häuslicher unter anderem, mit deren Dynamik, die oft einer Spirale ähnelt – und mit möglichen Auswegen daraus.

Die Ausstellungen

Hannah Hallermann: „Sewing“. Miettinen Collection, Marburger Str. 3, Sa. 12–18 Uhr und nach Vereinbarung, bis 31. Oktober

Arnold J. Kemp: „The Return of Painting“. Louche Ops, Viktoria-Luise-Platz 6, Sa. 13–18 Uhr und nach Vereinbarung, bis 31. Oktober

Ein einprägsames Bild hat sie dazu entwickelt: Hallermann, selbst Bogenschützin, verwandelt Pfeile in Nähnadeln. Mit diesen beschießt sie dann Styroporplatten oder näht Vorhänge und Laken aus dem Nachlass ihrer jüdischen Großtante zusammen.

Ähnlichkeiten zu mit Textilien und Handarbeitstechniken arbeitenden feministischen Künstlerinnen weist Hallermanns dabei auf. Gleichsam erinnert, was sie tut, aber auch an die Vertreterinnen der feministischen Avantgarde, die sich als bewaffnete Kämpferinnen inszenierten. Ulrike Rosenbachs Aktion und Videoarbeit „Glauben Sie nicht, daß ich eine Amazone bin“ aus dem Jahr 1975 könnte einem da vielleicht einfallen, auf der Rosenbach mit Pfeil und Bogen auf eine Reproduktion von Stefan Lochners „Madonna im Rosenhag“ zielte, aber vielleicht auch – das legt der Ausstellungstext von Oliver Koerner von Gustorf nahe – die Schießbilder von Niki de Saint Phalle.

Auch eine Edition entstand für die Ausstellung, 200 farbige Nadel-Pfeile, deren Erlös wahlweise Berliner Frauenhäusern der Caritas oder dem Täterpräventionsprojekt Wegweiser zugutekommt.

Die Fragilität des Selbst

Arnold J. Kemp wiederum beschwört im Projektraum Louche Ops qua Titel die Rückkehr der Malerei. Dennoch setzt sich „The Return of Painting“ nicht etwa nur aus Gemälden zusammen. Die kleine Einzelausstellung – die erste des Künstlers in Deutschland – gibt vielmehr Einblick in Kemps vielfältige Praxis. Männlichkeit und Schwarzsein, Queerness, Künstlersein, die Fragilität des Selbst sind Themen, mit denen er sich subtil beschäftigt.

Da ist etwa ein sorgsam auf einer Pressspanplatte arrangierter Haufen von Krawatten seines Vaters. Und kleinformatige Malereien, die scheinbar viaduktähnliche Architekturen zeigen. Oder sind es doch eher die Abdrücke der Absätze von Herrenschuhen? Vielleicht handelt es sich ja um diejenigen, denen eines der auf mit Farbflecken versehenen Papierbögen gedruckten Gedichte gewidmet ist. Von der Rennaissancemalerei erzählt es, von himmlischen Botschaften und deren Ausbleiben. Und eben von löchrigen Absätzen, durch die sich der kalte Regen zieht – „Damn these shoes“.

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Beate Scheder

Beate Scheder Kulturredakteurin

Redakteurin für Berlinkultur und Theater, freie Kulturjournalistin und Autorin. Kunstkolumnistin für taz Berlin.
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