Die Kunst der Woche: Das wunderbare Überangebot an Kunst und Design
Politisch waches Design in der aufgegebenen Jalousiefabrik. Und Hannah Hallermann kommt mit spitzen Kunstpfeilen in der Miettinen Collection daher.
Foto: Robert Damisch/Currents
A uch wenn die Berlin Art Week vor allem eines ist: überbordend an interessanten Angeboten der Museen, Kunstvereine, Projekträume, Galerien – damit ist man doch nicht ausgelastet. Also legt man die dreitägigen „Currents. Design in Berlin“ noch obendrauf. Von Laura Ewert und Jasmin Jouhar initiiert, boten das Wochenende über mehr als 80 Teilnehmer:innen an über 60 Orten Einblick in den gestalterischen State of the Art der Stadt.
Der wohl irrste dieser Orte ist die aufgegebene Berliner Jalousiefarbrik in der Pücklerstraße 24 in Kreuzberg. Unberührt dämmern hier wundersame Maschinen vom Anfang des 20. Jahrhunderts vor sich hin und die verstaubten Außentoiletten auf halber Treppe evozieren geradezu Pompeji-Atmosphäre. Hier hängen die kunstvollen Wandteppiche von Noël Saavedra von der „Weberei“ genau richtig, wie im Stockwerk drüber die hinreißenden Bast-Wuschellampen von Llot Llov.
Unter „Find Attached“ zeigen 14 junge Designer:innen dann Objekte, die auf inspirierte Weise politisch auf die Gegenwart reagieren. Paul Rees' „Futuristic Objects“ umfassen unter anderem einen schwimmfähigen, überschwemmungstauglichen Sessel und einen Rimowa-Koffer, der nicht aus Aluminium, sondern aus Beton ist und so die CO2‑Last des Fliegens ins Material einschreibt. Protest und Pragmatik verbindet Marie Kurstjens' „Designing Dignity“-Menstruationsset für Frauen auf der Flucht, das schon den Mangel an sauberem Wasser mitdenkt.
Foto: Roman März/Miettinen Collection
Das Thema von weiblicher Flucht, Gewalterfahrung und Ortlosigkeit findet sich auch im Rahmen der Art Week bei SEWING, der Ausstellung von Hannah Hallermann (*1982) in der Miettinen Collection. Über die Stangen eines Metallgerüsts hat die Künstlerin einen ungefärbten Leinenstoff gespannt und mit einer weißen Stoffbahn vernäht, allerdings mit einem Pfeil, dessen Ende ein Nadelöhr ziert. Die Naht ist also grob, doch imposant. Der so entstandene Sichtschutz mit weiteren am Gerüst befestigten Textilien – alt, vergilbt und von Stockflecken gezeichnet – ist provisorisch. Die Stoffe wurden durch katastrophale Zeiten gerettet, sie stammen aus dem Nachlass der jüdischen Großtante Hallermanns.
Die Bildhauerin ist Bogenschützin. Sie kennt die tödliche Gefahr der Waffe. Sie praktiziert Bogenschießen, aber im Sinn des Kyūdō, begriffen als Kunstform und geistiger Übungsweg. Sie versteht diesen Weg jedoch als intellektuelle Anstrengung, die Probleme der Gegenwart zu adressieren. Deshalb enden ihre Pfeile immer in einem Nadelöhr und ziehen Stoffbänder hinter sich her.
Zu skulpturalen Objekten wie den in Stahlrahmen gefassten Styropurplatten, die sie mal mit einem einzigen Pfeil, mal aber mit einem ganzen Pfeilgeschwader beschossen hat, kommt eine Auflage ihrer speziellen Pfeile hinzu. Es sind Hallermanns spitze Kunstpfeile im Kampf gegen Flucht, Gewalterfahrung und Ortlosigkeit. Ihr Erlös kommt der provisorischen Zuflucht Berliner Frauenhäuser der Caritas zugute.
Die Ausstellung: Miettinen Collection: „SEWING“, Hannah Hallermann, Marburger Str. 3, Sa 12–18 Uhr, bis 31. Oktober
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