Klimaschutz und Fridays for Future: Gefährliche Fixierung auf 1,5 Grad

Die Klimabewegung sollte nicht ein unerreichbares Ziel zum einzigen Entscheidungsmaßstab machen. Sonst wird sie sich nie über Erfolge freuen können.

Auf dem Boden liegen Schilder mit der Aufschrift 1,5 Grad ist das Limit

So richtig das 1,5-Grad-Ziel in der Theorie ist, so unrealistisch ist es in der Praxis Foto: Christian Ditsch/imago

Am Freitag protestieren sie wieder weltweit auf der Straße und im Netz: Die Schüler*innen von Fridays for Future (FFF) und alle, die ihre Forderungen teilen. Und mit dem Motto „Kein Grad weiter!“ machen sie klar, was sie wollen: eine Politik, die geeignet ist, „die globale Erwärmung auf unter 1,5 Grad Celsius zu begrenzen“, so die zentrale FFF-Forderung. Dieses Ziel ist grundsätzlich völlig richtig.

Steigt die Temperatur im Vergleich zur vorindustriellen Zeit im globalen Durchschnitt nur um 1,5 Grad, da sind sich die Wissenschaftler*innen einig, fallen der Meeresspiegelanstieg, der Rückgang von Ökosystemen und die Zunahmen bei Extremwetterereignissen deutlich geringer aus, als wenn der Anstieg 2 Grad beträgt. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass irreversible Kipppunkte im Klimasystem überschritten werden, etwa wenn Eisschilde abschmelzen oder Methan aus dem Permafrost freigesetzt wird, nimmt oberhalb von 1,5 Grad deutlich zu.

Gleichzeitig ist die völlige Fixierung auf das 1,5-Grad-Ziel aber gefährlich. Denn so richtig dies Ziel in der Theorie ist, so unrealistisch ist es in der Praxis – auch wenn man kein Pessimist ist. 1,1 der 1,5 Grad sind bereits erreicht. Um die 1,5-Marke noch zu unterschreiten, wären so schnelle und so radikale Veränderungen nötig – und zwar weltweit –, dass dies Ziel faktisch unerreichbar ist. Das räumen auch viele Wissenschaftler*innen ein.

Nicht nur die Industrieländer, sondern sämtliche Staaten müssten dafür zwischen 2050 und 2060 den Ausstoß von Treibhausgasen auf null gesenkt haben; und selbst dann wären in den meisten Szenarien negative Emissionen, also die unterirdische Einlagerung von CO2 aus Biomasse-Verbrennung, erforderlich, um das Ziel zu erreichen.

Drohende Resignation

Aus gutem Grund ist im Paris-Abkommen darum auch nicht das 1,5-Grad-Ziel festgeschrieben, sondern ein Ziel von „deutlich unter 2 Grad“, verbunden mit „Bemühungen, den Anstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen“. Um Deutschland auf einen einigermaßen sicheren 1,5-Grad-Pfad zu bringen, müsste das Land bereits 2026 klimaneutral sein – was so unrealistisch ist, dass auch die Grünen als selbst erklärte Klimaschutzpartei kein Konzept haben, das damit im Einklang steht.

Dass das 1,5-Grad-Ziel kaum mehr realistisch ist, heißt nicht, dass man es aufgeben sollte. Politische Forderungen einer Bewegung sollten sich ja nicht nur am vermeintlich Machbaren orientieren, sondern am objektiv Notwendigen. Aber es wäre klug, das Ziel weniger absolut zu betrachten, als es derzeit unter Klimaaktivist*innen der Fall ist. Denn dort schwingt oft die Sorge mit: Wenn erst mal die 1,5 Grad überschritten sind, ist alles zu spät. Und damit verbunden die Kritik: Alle Maßnahmen, die nicht die sichere Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels zur Folge haben, sind eine Katastrophe. Das ist eine gefährliche Strategie.

Zum einen kann die Verengung auf ein kaum erreichbares Ziel zu Problemen bei der Mobilisierung führen. Wenn klar wird, dass die 1,5 Grad nicht mehr zu schaffen sind, droht eine Resignation: Dann noch zu vermitteln, dass auch der Kampf für 1,7 oder 2,1 Grad lohnt, wird um so schwieriger, je mehr im Vorfeld der Eindruck erweckt wird, ab 1,5 Grad sei die Welt nicht mehr zu retten.

Zum anderen nimmt sich die Bewegung durch das 1,5-Grad-Ziel als einzigen Maßstab die Möglichkeit, auch mal Erfolge zu feiern, zu denen sie beigetragen hat. Denn die gibt es durchaus: So ist die Ankündigung von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die Emissionen der EU bis 2030 im Vergleich zu 1990 um mindestens 55 Prozent zu reduzieren, ziemlich spektakulär – vor allem wenn man bedenkt, dass genau das vor fünf Jahren noch von den großen deutschen Umweltverbänden gefordert wurde und von den Grünen noch vor zwei Jahren. Trotzdem reagierte FFF-Vorkämpferin Luisa Neubauer auf die Ankündigung mit beißender Kritik: Der Vorschlag werfe die Frage auf, „ob die Kommission das Paris-Abkommen überhaupt einhalten möchte“, sagte sie.

Kohle aus dem Markt gedrängt

Ähnlich verhält es sich mit dem jüngsten Klimapapier von Peter Altmaier: Das liest sich über weite Strecken so, dass man nicht weiß, ob es vom CDU-Wirtschaftsminister stammt oder von Fridays for Future. Natürlich kann man zu recht fragen, ob es reale Konsequenzen haben wird. Aber dass Altmaier sich zumindest auf dem Papier die Analyse der Bewegung zu eigen macht, ist eine relevante Verschiebung, denn an diesen Worten wird man ihn in Zukunft messen können.

Auch bei der Kohle ist die Situation weitaus besser, als die Empörung der Bewegung über das viel zu späte Enddatum vermuten lässt: Denn unabhängig von dieser politischen Einigung werden die Kohlekraftwerke derzeit viel schneller aus dem Markt gedrängt als von der Kohlekommission jemals erhofft – und zwar nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen des höheren CO2-Preises der EU, der nach einer hart umkämpften Reform jetzt erstmals Wirkung zeigt.

Das Gleiche kann auch in anderen Bereichen gelingen. Der CO2-Preis für Heizen und Verkehr, auf den sich die Bundesregierung unter dem Eindruck des Klimastreiks vor einem Jahr geeinigt hat, ist zwar auch nach seiner deutlichen Erhöhung durch den Bundesrat noch zu niedrig. Aber er ist ein Schritt in die richtige Richtung, auf den künftige Regierungen aufbauen können.

Solche Fortschritte nicht anzuerkennen, sondern stattdessen sogar zu verteufeln, weil sie nicht für das 1,5-Grad-Ziel langen, ist nicht nur für die weitere Motivation der streikenden Schüler*innen gefährlich. Es ist auch politisch kontraproduktiv. Denn wenn es bei der Empörung auf der Straße keinen Unterschied macht, ob Rückschritte, Stagnation oder zu kleine Fortschritte beschlossen werden, ist das auch entmutigend für jene, die innerhalb der Regierung um solche Verbesserungen ringen. Eine erfolgreiche Klimapolitik braucht darum beides: große Ziele und scharfe Kritik – aber auch einen Blick für kleine Erfolge.

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Jahrgang 1971, ist Korrespondent für Wirtschaft und Umwelt im Parlamentsbüro der taz. Er hat in Göttingen und Berkeley Biologie, Politik und Englisch studiert, sich dabei umweltpolitisch und globalisierungskritisch engagiert und später bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen in Kassel volontiert.   Im April 2014 ist sein Buch "Das Strompreis-Komplott" erschienen, das Lügen und Vorurteile rund um die Energiewende widerlegt. Es ist für 7 Euro im Buchhandel und im taz-Shop erhältlich.

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