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Faschismus als KampfbegriffGoggelmoggels Sprachlektionen

Sprache ist nicht nur ein Mittel zur gegenseitigen Verständigung. Sie wird mehr denn je zum Machtinstrument und damit auch zur Waffe.

Karoline Leavitt im Februar in Washington: „… wie ein kleines Maschinengewehr“ lobte Präsident Trump die rhetorischen Fähigkeiten seiner Pressesprecherin Foto: Will Oliver/epa

U rsprünglich war Sprache wohl ein Medium der Verständigung zwischen Menschen. Nach und nach entwickelte sie sich aber auch zu einem Distinktionswerkzeug. Der Adel benutzt andere Worte als das Volk, die Erwachsenen andere als die Kids, die Ingenieure andere als die Philosophinnen. Und dass es verschiedene Sprachen und Dialekte gibt, entspricht kultureller Vielfalt ebenso wie einem Hang zu Konflikt und Unterdrückung. Schließlich wurde Sprache auch zur sozialen Waffe, nicht nur, was die Kunst der Beleidigung oder Provokation anbelangt. Die Bedeutung von Worten ist also immer auch eine Machtfrage. Das erklärt der Goggelmoggel auch Alice im Wunderland. „Es fragt sich nur“, sagte Alice, „ob man Wörter einfach etwas anderes heißen lassen kann.“ „Es fragt sich nur“, antwortete Goggelmoggel, „wer der Stärkere ist“. Am Ende aber wird die Sprache zum großen Verräter. Es kommt in ihr immer wieder etwas zur Sprache, wie jede Psychoanalytikerin weiß, was eigentlich verborgen werden sollte.

Sprache ist also, wie man so schön sagt, „komplex“. Die Bedeutung von „komplex“ ist eigentlich klar: Ein Zusammenhang mit vielen verschiedenen Komponenten, die so vielfältig miteinander interagieren, dass man sie nicht wirklich berechnen, schon gar nicht kontrollieren kann. Also etwas anderes als „kompliziert“. Wenn jemand stark genug ist, kann er oder sie „komplex“ einfach das nennen, was ihm oder ihr lästig oder problematisch erscheint. So wird „komplex“ zur Bezeichnung eines Problems, dessen Behandlung einem gerade inopportun erscheint – und sei’s der offensichtliche Verstoß gegen Völkerrecht hier, eine eindeutige Journalistenfrage dort. „Komplex“ ist eine Frage also dann, wenn jemand, der die Goggelmoggel-Macht hat, sie nicht beantworten will.

Andererseits kann aber auch ein Begriff, der im richtigen Leben so verschiedene Dinge unberechenbar in Beziehung setzt, dass er unmöglich als eindeutige Haltung missverstanden werden kann, in einen politisch-sozialen Kampfbegriff umgemoggelt werden. Sagen wir beispielsweise: „Lifestyle“. Eine eigene Art, sein Leben zu gestalten. Das steht nun im offensichtlichen Widerspruch zu anderen Konstruktionen, nämlich zu einem Leben, das sich in den Dienst einer großen Sache, einer höheren Disziplin stellt. Was mit dem Vorwurf an die „Lifestyle-Linken“ begann, mündet nun als Vorwurf der neoliberalen Regierung an die Menschen in der arbeitenden Bevölkerung, die ihr Leben selbst gestalten wollen, anstelle für das Wirtschaftswachstum und die Managerboni zu malochen. Und das offenbar ohne große semantische Umwege. Der Trick, würde Goggelmoggel wohl sagen, besteht nicht darin, dass alle die Nonsensbehauptungen der Merz-Hasen übernehmen. Nein, der Trick besteht darin, dass man ein Wort besetzt oder kaputtgemacht hat.

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US-Präsident Donald Trump hat dieses Phänomen erfunden und zum Beispiel das Superwort von der „civilizational erasure“ kreiert, also einer zivilisatorischen Auslöschung. Natürlich bedachte er, der seinen Krieg gegen Wissenschaft, Kultur und Kritik führt, damit nicht etwa den eigenen Ansatz, sondern den Rest der Welt. Der russische Präsident Wladimir Putin, der sich von bekennenden Faschismusverehrern beraten und ein „Afrikacorps“ unter Hitler-Fans agieren lässt, stellt seinen Angriff auf die Ukraine als Kampf gegen Faschisten dar. Zur selben Zeit tobt in Europa ein semantischer Krieg darum, wer wen oder was „faschistisch“ nennen darf, soll oder muss.

Faschismus ist ein Schlüssel für das Verstehen unserer Geschichte

Das Wort „Faschismus“ ist also noch fundamentaler von der Seite der Bedeutung auf die Seite der Stärke übergegangen, mehr noch als das „komplex“ oder „Lifestyle“. Das ist umso bedenklicher, als es sich dabei um einen Schlüssel für das Verstehen unserer Geschichte handelt. Wenn man nicht mehr weiß, was eigentlich mit Faschismus gemeint sein könnte, verschwindet nicht nur das historische Bewusstsein, sondern auch die Fähigkeit, auf neue Erscheinungen von Rechtsextremismus, Rassismus, Antiliberalismus zu reagieren. Dazu, dass Faschismus ein komplexes Phänomen ist, gehört allerdings auch, dass man weder einen genauen Anfang noch ein Ende bestimmen kann, dass er in vielerlei Gestalt und Maskerade auftauchen kann. Und dass er nie eine endgültige Form hat. Nicht einmal die Faschisten selber wissen genau, was Faschismus eigentlich ist, die vielleicht am allerwenigsten.

Die Aufgabe, den Faschismus kritisch zu verstehen, ist mit dem Auftrag verbunden, ihn als dominante politische Bewegung zu verhindern

Der Begriff „faschistisch“ ist historisch, also veränderlich. Und er ist semantisch mehrdimensional, es gibt politische, soziale, kulturelle und psychologische Felder, in denen „Faschismus“ auf jeweils andere Weise eingesetzt wird. Analytische Kri­ti­ke­r*in­nen wie Umberto Eco oder Michela Murgia haben versucht, gewisse Elemente für einen „Ur-Faschismus“ aufzulisten. Aber eben: Als Beginn einer Definitionsarbeit, nicht als deren Ende. Eco hat als ein wesentliches Merkmal des Ur-Faschismus die Art von „Neusprech“ bezeichnet, die von den Propagandaschriften der Nazis bis in die Talkshows von heute reichen. Nur zum Beispiel: „Alle nazistischen oder faschistischen Schulbücher bedienten sich eines verarmten Vokabulars und einer versimpelten Syntax, um das Instrumentarium für komplexes und kritisches Denken zu begrenzen.“

Der antifaschistische Impuls beginnt also schon damit, sich die Begriffe für das kritische Denken nicht entwenden und entwerten zu lassen. Die Notwendigkeit des komplexen Denkens bedeutet: Auch das Wort „Faschismus“ darf nicht zum simplen Kampfbegriff werden. Die Aufgabe, den Faschismus, Faschisierungen und Partialfaschismen kritisch zu verstehen, ist mit dem Auftrag verbunden, ihn als dominante politische Bewegung zu verhindern. Antifaschismus ist immer auch eine Arbeit an der Sprache, in der Sprache und mit der Sprache. Es wäre ein guter Beginn, wenn man Worte wieder daraufhin prüfte, was sie bedeuten, statt sie dem Recht der Stärkeren und Lauteren zu überlassen.

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12 Kommentare

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  • Guter Beitrag! Ich empfehle das letzte Buch des 2025 verstorbenen Gründers der österreichischen Politikwissenschaft Anton Pelinka: 'Faschismus? Zur Beliebigkeit eines politischen Begriffs'.



    Zeigt gut, wie fatal der aktuell leider sehr virulente Trend zu einem enthistorisierten, nicht mehr als Gegenstand selbst befragten, sondern nur noch als bequemes Label genutzen Faschismusbegriff ist. Tatsächlich ein grotesker Rückschritt in die 1950er oder 60er Jahre, den heutige Aktivist*innen einem als besonders wichtig verkaufen, ohne scheinbar zu wissen, was sie da anrichten.

  • Wunderbar, nur etwas kurz. Wie soll etwa die Arbeit pro kritisches Denken funktionieren, wenn Antifaschismus mit Terrorismus gleichgesetzt wird. Werden wir dann unfreiwillig zu Partisanen im Sprachkrieg?

  • Finde derlei analytische Artikel gut, richtig und wichtig.



    Was ich dann aber stets und immer wieder völlig daneben finde sind 'sidekicks' die das Geschriebene weder ergänzen noch inhaltlich weiterbringen!



    Was also soll im Gesamtkontext dieser Satz: "....mündet nun als Vorwurf der neoliberalen Regierung an die Menschen in der arbeitenden Bevölkerung, die ihr Leben selbst gestalten wollen, anstelle für das Wirtschaftswachstum und die Manager-Boni zu malochen."



    Ärgerlich, lenkt ab, mich schreckt das sogar ab, Null Mehrwert.

    • @Tom Farmer:

      Oooch. „So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt."? In einer so gelungenen Kolumne ist doch eine kleine satirische Spitze sehr wohltuend.

    • @Tom Farmer:

      Zumal, was soll all das Gerede um den heißen Brei? Es gibt doch mittlerweile - eine Generation nach Ecos "Beginn einer Definitionsarbeit"! - eine sehr klare und *eineindeutige* Grundkonstitution des Faschismus:



      Faschismus ist diejenige Ideologie, die militaristisch-hierarchische, elitär-antidemokratische, rassistisch-biologistische und maskulinistisch-sexistische Elemente zu einem säkularen aber religionsäquivalenten lebens- und menschenverachtenden TODESKULT vereint.

      Für keine andere Ideologie trifft diese spezielle Merkmalskombination zu, aber alle Faschismen weisen sie auf - ob sie nun aus einem katholischen Unterbau entstanden wie in Spanien, Slowakei und Ungarn oder wie in Rumänien und bei Himmler und Rosenberg eine dezidiert esoterische und konventionelle Religion ablehnende Grundhaltung haben; ob sie sich auf "das Weltjudentum" als angebliche Quelle alles Übels stürzen wie in Deutschland oder ihren Rassismus in kolonialer Manier ausleben wie in Italien.

      Die Teleologie des Faschismus ist immer dieselbe: "der Mensch" (d.h.: der "soldatische" Mann) würde geboren, um sein Leben im Kampf gegen "den Untermenschen" zu "opfern", und dadurch sein "Volk" zu "Übermenschen" zu machen.

  • Der Artikel ist klug. Aber er ist inkonsistent.



    Zuerst wird Faschismus als etwas bezeichnet, was nicht klar angegrenzt zu definiere sei besonders weil er "komplex" sei. Danach, zweitens, wird über den Faschismus gesagt, dass er nur vorläufig zu definieren sei auch weil er sich in seinen Erscheinungsformen wandle. Aber drittens wird gesagt, ich zitiere:

    >>Der antifaschistische Impuls beginnt also schon damit, sich die Begriffe für das kritische Denken nicht entwenden und entwerten zu lassen. (...) Es wäre ein guter Beginn, wenn man Worte wieder daraufhin prüfte, was sie bedeuten, statt sie dem Recht der Stärkeren und Lauteren zu überlassen.

  • Eine interessante Perspektive, die zum Nachdenken anregen sollte. Der geradezu inflationäre Gebrauch des Wortes "Faschismus" ist gefährlich. Genau wie das Label "Antifa" allzu oft mißbräuchlich verwendet wird. Das berühmteste Beispiel einer solchen Sprachverdrehung ist historisch gesehen wohl der "antifaschistische Schutzwall".

  • Der Begriff „faschistisch“ ist historisch, also veränderlich. Und er ist semantisch mehrdimensional, es gibt politische, soziale, kulturelle und psychologische Felder, in denen „Faschismus“ auf jeweils andere Weise eingesetzt wird. Analytische Kri­ti­ke­r*in­nen wie Umberto Eco oder Michela Murgia haben versucht, gewisse Elemente für einen „Ur-Faschismus“ aufzulisten.



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    Habe den Artikel nicht mehr viel hinzufügen, außer der Übersetzung Umberto Eco's (RIP) Vorlesung von 1995 in NY aus dem Archiv der Zeit. (1)



    Leider ist sein Text HEUTE mMn. aktueller, wichtiger & bemerkenswerter als zu der Zeit als es Ihn vortrug! Viel Spaß beim Lesen!



    (1)www.zeit.de/1995/28/Urfaschismus

    • @Sikasuu:

      Da sich der Artikel hinter einer Bezahlschranke verbirgt, hier noch einmal Ecos gesamte Rede:

      coopgo.consulting/...o_Urfaschismus.pdf

      Zitat Umberto Eco:

      ". In der Zukunft erwartet uns ein TV- oder Internet-Populismus, in dem die emotionale Reaktion einer ausgewählten Gruppe von Bürgern als Stimme des Volkes dargestellt und akzeptiert werden kann. Aufgrund seines qualitativen Populismus muß der Urfaschismus gegen "verrottete" parlamentarische Regierungen eingestellt sein. Wo immer ein Politiker die Legitimität eines Parlaments in Zweifel zieht, weil es den Willen des Volkes nicht mehr zum Ausdruck bringe, riecht es nach Urfaschismus."

    • @Sikasuu:

      Leider habe ich den Artikel in der Zeit wegen Bezahlschranke nicht gelesen. Trotzdem schließe ich mich an, weil ich Umberto Ecco schätze 👍

      • @Willi Müller alias Jupp Schmitz:

        Der ist Frei, wenigstens für angemeldete Leser!



        Hinter der Bezahlschranke ist DER für mich nicht versteckt!



        Hier nochmal ein anderer FREIER Link!



        coopgo.consulting/...o_Urfaschismus.pdf