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Jugend ohne Social MediaSo wird das nichts, Alter!

Kommentar von

Svenja Bergt

Die EU steuert auf Altersgrenzen unter anderem für Social Media zu. Warum das keine gute Idee ist – und was besser wäre.

Ein Leben ohne Smartphone ist möglich Foto: Charles Odell/plainpicture

S Sie sehen aber jung aus.“ Mit diesem Satz versuchen Ver­käu­fe­r:in­nen in Supermärkten es gerne abzufedern, wenn Kund:innen, die vielleicht noch zu jung sind für den Alkoholkauf, ihren Ausweis zeigen sollen. Das System Ausweis gegen Alkohol ist nicht perfekt. Wer ältere Freund:innen, Geschwister oder Supermarkt-Zufallsbekanntschaften hat, kann sich leicht Tabak oder Alkoholika ermogeln.

Doch es funktioniert zumindest im Großen und Ganzen. Und weil die Menschen an der Kasse zwar auf Bild und Geburtsdatum schauen, aber niemand die Ausweise scannt und daraus ein Register machen könnte, wer wann wo Alkohol oder Zigaretten gekauft hat, ist es auch privatsphärefreundlich.

Bei Social-Media-Diensten ist so ein Ansatz nicht in Sicht. Trotzdem hat das EU-Parlament am Dienstag eine Resolution beschlossen, die ein Mindestalter für Social Media fordert. Unter 13 soll die Nutzung untersagt sein und zwischen 13 und 16 nur mit Zustimmung der Eltern erlaubt. Rechtlich bindend ist der Beschluss zwar nicht, aber er erhöht den Druck auf die EU-Kommission.

Ebenfalls am Dienstag haben die EU-Mitgliedsstaaten die umstrittene Chatkontrolle beschlossen. Auf weitgehend freiwilliger Basis zwar und die Verhandlungen mit EU-Kommission und -Parlament stehen noch aus. Doch drin ist schon mal ein Hammer: verpflichtende Alterskontrollen unter anderem für App-Stores und Messenger-Dienste, um für Kinder technische Schutzmaßnahmen zu aktivieren.

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Details bleiben offen

Wie die Kontrollen „privatsphärewahrend“ umgesetzt werden und gleichzeitig „verlässlich“ Erwachsene von Kindern unterscheiden soll, bleibt offen. Beides sieht der Entwurf vor. Kommt eine Ausweispflicht, wäre bei einem wesentlichen Teil der Onlinekommunikation Anonymität nicht mehr möglich.

Ob für Social Media eine Altersgrenze grundsätzlich sinnvoll ist, das ist nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wissenschaft umstritten. Während einige For­sche­r:in­nen Vorteile für den Schutz von Minderjährigen vor problematischen Inhalten sehen, kritisieren andere einen zu starken Eingriff in die Grundrechte – und ein Hemmnis für einen herangeführten und verantwortungsbewussten Umgang mit Social Media.

Die Studienlage ist jedenfalls, anders als das politisch gerne suggeriert wird, dünn: Schließlich fangen erste Länder und Regionen erst an, ans Alter geknüpfte Restriktionen einzuführen.

Doch klar ist: Es gibt bislang kein System für eine gleichermaßen valide wie privatsphärefreundliche Kontrolle. Selbstauskunft? Kann man sich gleich sparen. KI-Tools, die das Alter einschätzen? Zu fehleranfällig – und bei der Analyse von Nutzungsverhalten oder biometrischen Merkmalen auch nicht gerade datenschützend. Ausweis scannen und hochladen? Prima, dann bekommen die datensammelnden Problemplattformen gleich einen ganzen Schwung persönlicher, amtlich bestätigter Informationen frei Haus.

Eine Altersgrenze ändert nichts an den Plattformen

Ein System, das so brauchbar funktioniert, wie die Ausweiskontrolle im Supermarkt, ist nicht in Sicht – egal wie sehr Po­li­ti­ke­r:in­nen an diesem Kreis herumzerren und ihn zum Quadrat machen wollen.

Dazu kommt: Eine Altersgrenze würde nichts an den problematischen bis toxischen Eigenschaften der Plattformen ändern. Sie wären immer noch genauso intransparent, ihre Algorithmen genauso polarisierend, sie würden immer noch genauso Hass, Hetze und problematische Körperbilder featuren wie jetzt. Und es wird nicht besser: Laut dem Statistischen Bundesamt stoßen im Internet mehr Menschen auf Hassredebeiträge als noch vor zwei Jahren.

In Australien, das weltweit vorangeht mit einer Altersgrenze für Social Media, wird es nun spannend: Am 10. Dezember tritt die Grenze in Kraft, Plattformen fordern ihre Nut­ze­r:in­nen bereits auf, ihr Alter nachzuweisen. Wer unter 16 ist, muss draußen bleiben. Zwei 15-Jährige klagen nun dagegen. Dahinter steckt leider eine Organisation, gestützt von einem rechts-libertären Politiker, die sich insgesamt für weniger Regulierung im Netz einsetzt. Das wäre allerdings genau die falsche Richtung.

Denn wenn die Betreiber der Social-Media-Plattformen komplett freidrehen dürften, wäre nichts gewonnen. Was wir brauchen, das sind nicht miese Plattformen für weniger Nutzer:innen. Sondern bessere, transparente, gemeinwohlorientierte und verantwortungsbewusste Plattformen für alle.

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Redakteurin für Wirtschaft und Umwelt
schreibt über vernetzte Welten, digitale Wirtschaft und lange Wörter (Datenschutz-Grundverordnung, Plattformökonomie, Nutzungsbedingungen). Manchmal und wenn es die Saison zulässt, auch über alte Apfelsorten. Bevor sie zur taz kam, hat sie unter anderem für den MDR als Multimedia-Redakteurin gearbeitet. Autorin der Kolumne Digitalozän.
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13 Kommentare

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  • Ein prima Artikel, Svenja, Danke.

    Eines möchte ich aber noch anmerken: Man muss im Jahr 2025 für einen einfachen Altersnachweis nicht seinen Ausweis scannen und seine ganze Identität veröffentlichen (Meta fände das natürlich geil). Im Paradigma der Self-Sovereign Identity (SSI) lässt sich ein Wallet bauen, aus dem die Anwender:innen nur genau die Informationen einer Web-Anwendung zur Verfügung stellen können, die für einen Use case erforderlich sind (e.g. Altersnachweis auf einer Social media platform, Angabe der Blutgruppe in der Apotheke, Vorzeigen der Fahrerlaubnis beim Car Sharing). Die Infrastruktur lässt sich auch sehr gut dezentral organisieren, z.B. auf Basis einer permissioned Blockchain (da könnte auch die taz, ein Unternehmen mit sehr hoher Glaubwürdigkeit, einen Hyperledger-Knoten) betreiben.

    Es geht also beides: Hoher Nutzwert bei gleichzeitiger Wahrung der Privatsphäre. Und das funktioniert sogar offline.

    Herzliche Grüße aus München.

    Markus Stulle.

  • Social Media ist nicht nur böse - auch für Kinder und Jugendliche nicht.



    Ein großer Vorteil ist zum Beispiel, dass sie dort andere Menschen sehen und kontaktieren können, die vielleicht ähnliches erlebt oder ähnliche Probleme haben wie sie. Auf diese Weise kann ein queerer Teenie Vorbilder kennenlernen und erfahren, dass er nicht überall Diskriminierung erfahren wird. Oder ein behindertes Kind kann Menschen mit gleichen oder ähnlichen Behinderungen kennenlernen, was sonst nicht möglich wäre, weil die Behinderung zu selten oder das Kind hausgebunden ist.



    Solche wertvollen Dinge, sowie persönliche Freiheit sollte man bei solchen Debatten nicht außer acht lassen.

    • @Wedekin:

      Social Media macht Einsam und Depressiv. Es ist Gift fürs Gehirn und wer Mal Ubahn fährt sieht, welche krankhaften Züge es schon lange angenommen hat.

      Die Betreiber der Plattformen wissen das. Aber es ist ein zu gutes Geschäft.

      Sicher gibt es den ein oder anderen Fall, in dem positive Aspekte überwiegen.

      Wo auch nicht?

      Der gesellschaftliche Schaden ist enorm.



      Und wir haben noch nicht Mal über Fake News, Bubbles usw. gesprochen.

      Man sollte es komplett verbieten, ist doch klar.

    • @Wedekin:

      Sicher wäre das möglich, aber nicht mit den sog. sozialen Medien, die im Moment hauptsächlich genutzt werden, da geht es bestenfalls um Werbung und Beeinflussung und schlimmstenfalls um Indoktrination und Radikalisierung im Sinne oligarchischer Grüppchen.

    • @Wedekin:

      Das, was Sie hier schildern ist ja auch uneingeschränkt zu befürworten. Aber es würde, ernstgenommen, nur eine verschwindend kleine Minderheit betreffen.



      Es geht aber bei einem "Verbot" um die große Masse an "pubertierenden" Jugendlichen, welche weder queer oder behindert sind.



      Und wenn Sie die Gelegenheit haben, dann sammeln Sie doch mal Informationen in Schule und Elternkreis, in Jugendgruppen und den Jugendabteilungen von Sportvereinen oder Feuerwehr z.B.



      ich habe dabei (leider?) direkt drei dieser Positionen inne. Als Vater, Elternsprecher in Gymnasium und Realschule sowie als Trainer einer Jugendmannschaft.



      Und überall hat nicht nur die Fähigkeit nachgelassen sich länger als einige Minuten zu konzentrieren, auch der Wortschatz, die korrekte Sprache oder das Engagement in den Gruppen/Klassen. Seltsamerweise aber viel weniger bei denen, wo die Eltern den Umgang mit Smartphone und Spielekonsole verbieten oder sehr streng reglementieren. Zusätzlich sind diese Kinder auch Leistungsmäßig den anderen, gleichaltrigen, weit überlegen.

  • Man bleibt mit einem Schmunzeln zurück. Da wird ein Weg aufgezeigt, wie er vielleicht nicht gut funktioniert. Dann wird ein Ziel benannt, was alle wollen.



    Äh, moment mal, ging es nicht darum, wie man dahin kommt?



    Ich bin ja ein Freund kritischer Kommentierung. Aber ein Ziel als Alternative zu einem Weg zum Ziel zu benennen, das klappt doch nicht...

    Zum Content: wir reden die ganze Zeit über die Probleme mit Hass und Hetze im Netz. Verschiedenste Lösungsansätze scheitern, es gibt Diskussionen um Zensur und dergleichen. Obwohl ich - mit den Anfängen des Internets aufgewachsen - ein großer Freund der Anonymität im Netz bin, glaube ich doch, dass genau dahinter das eigentliche Problem steckt.



    An der Supermarktkasse bin ich eben auch nicht mehr anonym, wenn ich meinen Ausweis vorzeige.



    Ich glaube nicht, dass man die Social-Media-Probleme lösen kann, ohne die Anonymität aufzulösen. Wer anonym bleiben will darf halt nicht mehr posten. Ja, das Speicherproblem bleibt bestehen. Schöne "neue" Welt...

  • Wir brauchen vor allem Erwachsene, die mit gutem Beispiel vorangehen. Kann doch nicht sein, das wir FB, Twitter, WA und Co. ab 2009 oft ohne Nachdenken über Auswirkungen und Kontext benutzt haben und es nun den Jungen verbieten wollen.



    Es gab soviel Hinweise, dass das geregelt gehört.



    Z.B. Whatsapp war schon immer erst ab 13 Jahren erlaubt und auch oft an Schulen untersagst. Aber ist ja sooo praktisch …

  • Ist es eigentlich wirklich zu viel verlangt, von Eltern zu erwarten, dass sie ihre Kinder regelrecht *erziehen*? ... so altmodisch das auch klingen mag...

    Denn am allerbesten wäre ja freiwillige Selbstbeschränkung und Verzicht. Ich kenne viele Plattformen auch nur vom Hörensagen. Nach allem, was ich vernehme, habe ich nichts verpasst, was mein Leben wirklich bereichern würde.

  • "Kommt eine Ausweispflicht, wäre bei einem wesentlichen Teil der Onlinekommunikation Anonymität nicht mehr möglich."

    ach ja, und was spricht dagegen? vielleicht verhindert das eine Menge widerlicher und krimineller Handlungen auf sog. social media?

    "und ein Hemmnis für einen herangeführten und verantwortungsbewussten Umgang mit Social Media."

    noch so ein Fehlgriff. Ist schon mal jmd auf die Idee gekommen, Kinder auf og Weise an einen verantwortungsbewussten Umgang mit anderen Suchstoffen heranzuführen??

    "Zwei 15-Jährige klagen nun dagegen. Dahinter steckt leider eine Organisation, gestützt von einem rechts-libertären Politiker, die sich insgesamt für weniger Regulierung im Netz einsetzt. Das wäre allerdings genau die falsche Richtung."

    Daher weht doch der Wind...

    An unserer Schule ist im gesamten Gebäude und auf dem Schulhof Handyverbot. Klappt prima - und die Schülerinnen interagieren miteinander in Präsenz statt über eine Maschine. authentisch und längst nicht so unbedacht

  • Natürlich brauchen wir bessere Plattformen für alle. Aber diese spezifisch vulnerable Gruppe, die nachweislich Gesundheitsschäden (erheblich erhöhtes Risiko psychischer Krankheiten etc. - Die Darstellung der Autorin ist angesichts der Studienlage aus der Medizin wirklich verharmlosend!) von der frühen Nutzung davon trägt, kann doch zusätzlich beschränkt werden. Bei Kindern ist das Grundrechtsargument auch völlig schräg, weil die die langfristigen Risiken oder überhaupt, was es bedeutet, psychisch derart zu erkranken, nicht einschätzen können.

    Was ist denn das für eine schräge Logik?

  • Lässt aber leider offen, wie diese besseren Plattformen erreicht werden sollen. Hier wird eine kurzfristige Abhilfe versus einer Mittelfristigen oder gar Langfristigen gesetzt. Ich find das so wenig überzeugend.

  • Nicht vergessen dass es diese Altergrenze schon gibt. Um Kinderschutzvorgaben zu umgehen steht in vielen Nutzungsbedingungen ein Mindestalter. Bei WatsÄp ist es zum Beispiel 16 Jahre. Aber wen kümmert das schon, wer liest seine Verträge?

    Als kurzfristige, einfach umzusetzende und gut zu kontrollierende Maßnahme finde ich eine Altersfreigabe (ab 18 am besten!) sehr sinnvoll! Denn dann gewinnt man Zeit für bessere Maßnahmen und hat wieder mehr Ruhe.

    Nicht vergessen dass über diese Werbekanäle fast nur alternative Lügen, Hetze, Verunsicherungen und radikales Gedankengut gestreut werden! Eine durchgesetzte Altersfreigabe würde den Köpfen unserer Kinder endlich wieder Ruhe gönnen!!

    Selbstverständlich müssen parallel dazu besssere Angebote her. Das kann aber dauern und ist glücklicherweise nicht so wichtig, wenn man die ersten drei Monate eines solchen Verbotes überstanden hat.

    Nebenbei hätte ein solches Verbot den schönen Effekt dass die frei drehenden Überwacher*innen endlich mit gutem Gewissen von Unsinn wie "Chatkontrolle" usw abrücken können.



    Die werden das nicht wollen sondern eine andere Ausrede für ihren Überwachungswahn suchen, ich weiß. Aber ...



    Also LOS! Her mit FSK18!

  • Jugendschutz liegt nicht im Kompetenzbereich der EU. Wie kommt das EU-Parlament überhaupt darauf, sich selbst zu ermächtigen? Das ist Angelegenheit der Mitglieder.