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Israelische Armee zerstört Jesus-StatueWenn ein Stück Holz mehr wert ist als ein Mensch

Daniel Bax

Kommentar von

Daniel Bax

Der Vandalismus eines israelischen Soldaten im Südlibanon sorgt für so große Empörung, dass Netanjahu Konsequenzen verspricht. Das ist ein Symptom.

Zurück im Südlibanon: Eine Vertriebene begutachtet am 18. April ihr bei israelischen Luftangriffen zerstörtes Haus bei Tyros Foto: Louisa Gouliamaki/reuters

D ie Welle der Empörung ist so groß, dass sich Israels Premier Benjamin Netanjahu persönlich bemüht sah, die Wogen zu glätten. Er zeigte sich auf X „fassungslos und traurig“ über den Vorfall und kündigte „harte Maßnahmen“ gegen jenen israelischen Soldaten an, der im Süden des Libanon ein Kruzifix niedergerissen und mit einem großen Hammer den Kopf einer Jesus-Figur zertrümmert hat. Ein Foto dieser Szene ging weltweit viral und sorgte in vielen christlich geprägten Ländern, von Polen bis zu den USA, für Entsetzen.

Das ist bemerkenswert: Die israelische Armee hat, seit sie ihre jüngste Offensive begann, mehr als eine Million Menschen aus dem Südlibanon vertrieben und die Region vom Rest des Landes abgeschnitten. Sie hat die Hauptstadt Beirut bombardiert und mehr als 2.200 Menschen getötet, darunter Kinder, Sanitäter und Journalisten. Im Süden des Libanon wurde im März Pierre al-Raï, der wichtigste Priester der Region, von einer israelischen Granate getötet. Doch all das hat keinen vergleichbaren Sturm der Empörung hervorgerufen wie dieser eine Fall von Vandalismus.

Dabei ist er nicht überraschend: In Jerusalem werden christliche Mönche und Pilger inzwischen regelmäßig von jüdischen Extremisten angespuckt, die Übergriffe auf Kirchen in Israel haben zugenommen. Das ist zwar kein Vergleich zu dem, was Muslime erdulden müssen: Im Gazastreifen wurden über 100 Moscheen zerstört, extremistische Siedler greifen im Westjordanland immer wieder Moscheen an, die Besucher der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem werden schikaniert. Aber es fügt sich in einen Trend religiöser Intoleranz in Israel, der sich gegen alle Andersdenkenden und Andersgläubigen richtet. Die Kruzifix-Schändung ist nur ein Symptom für diese Entwicklung.

Netanjahus Entschuldigung ist aber auch symptomatisch. Der Premier versucht damit, die wachsende Entfremdung zwischen Israel und seinen wichtigsten Verbündeten zu kitten. Denn die Sympathien für Israel sind selbst in den USA stark zurückgegangen – sogar unter konservativen Christen und Evangelikalen, die noch die treuesten Freunde sind. Der symbolische Akt eines Soldaten im Südlibanon führt den christlichen Israel-Freunden nun vor Augen, dass ihre Liebe zu Israel nicht immer auf Gegenseitigkeit beruht. Das macht den Fall für Netanjahu so alarmierend.

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Daniel Bax
Redakteur
Daniel Bax ist Themenchef im Regieressort der taz. Er schreibt über Politik, Kultur und Gesellschaft in Deutschland und hat bisher zwei Bücher veröffentlicht: “Angst ums Abendland” (2015) über antimuslimischen Rassismus und “Die Volksverführer“ (2018) über den Trend zum Rechtspopulismus. Sein neues Buch "Die neue Lust auf Links" über das Comeback der Linkspartei ist gerade im Goldmann Verlag erschienen.
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13 Kommentare

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  • Was bei dem ganzen Getôse etwas untergeht, ist, dass es in dem ja so sehr fundamental-islamistischen Süden Libanons also eine Christusstatue gegeben hat (also zumindest bis zu deren Zerstörung). Passt nicht so ganz ins Narrativ.

    • @EffeJoSiebenZwo:

      Was heißt Narrativ? Der Libanon war noch vor wenigen Jahrzehnten aufgeteilt in ein Miteinander zahlreicher Konfessionen weit überwiegend christlich. Heute hat er eine muslimische Mehrheit, zu etwa gleichen Teilen sunnitisch und schiitisch, und die christliche Jetzt-Minderheit wird in zunehmendem Maße und steigender Geschwindigkeit verdrängt und vertrieben.



      Der gesamte Süden, aus dem heraus Israel angegriffen wird, ist schiitisch mit einem Streifen christlicher Enklaven direkt an der Südgrenze zu Israel. Naturgemäß sind das die Orte, wo sich hinter für sie leicht verzichtbaren Schutzschilden die Hisbollah festsetzt.

      • @Axel Berger:

        Naturgemäß….

        Schutzschilde ….

        DAS sind weitere, andere Bestandteile genau dieses Narrativs, dass uns allen doch aus Gaza noch so unerträglich bekannt vorkommt.

        • @EffeJoSiebenZwo:

          Den dritten Narrativbestandteil haben Sie in der Aufzählung vergessen: die täglich in den Norden Israels einfliegenden und nicht immer abgefangenen Drohnen und Raketen. Aber in Israel ist das seit achtzig Jahren alltäglich, normal und nicht berichtenswert.

  • Im christlichen Sinne wäre es, Armageddon nicht nachzuspielen, sondern anderen Menschen grundsätzlich gleiche Rechte zuzugestehen, auch wenn sie zufällig keine Israeli, keine Juden sind, zumal auf ihrem Gebiet.



    In der Tat: das ist der fortwährende Skandal.



    Ein religiöses Symbol zu attackieren, wäre es ein Koran, eine Thora, eine Bibel, Buddhastatue oder eben ein Kruzifix ist nicht nur eine respektarme Kultur-Armut, sondern womöglich Dominanzgehabe und ein Zeichen, alles machen zu werden.



    Gut, dass es sofort bestraft wurde, doch der skandalöse Zustand allgemein bleibt - wir erinnern des faktischen Unterbindens der Karfreitagsprozession im besetzten Jerusalem/AlQuds genauso wie der Vertriebenen, Getöteten und Traumatisierten, zahlenmäßig eher auf palästinensischer und libanesischer Seite.

  • Der Fall in Israel stieß dort auf allgemeine Empörung und der Täter wurde bestraft. Trotzdem wurde international berichtet.



    Hier in Deutschland findet rund einmal die Woche in und an Kirchen mindestens gleich schwerer Vandalismus statt. Das sind die Fälle von denen ich erfahre -- ein winziger Ausschnitt, denn über den Lokalteil geht es selten hinaus. Daß Täter gefunden und bestraft würden, kommt praktisch nicht vor. Besondere Mühe bei der Aufklärung ist nicht zu erkennen.

    • @Axel Berger:

      @Axel, für diesen schweren, vergleichbaren Vandalismus an religiösen Devotionalen haben Sie doch bestimmt belastbare Zahlen und deren Quellen.

    • @Axel Berger:

      Lassen Sie uns alle teilhaben an Ihrem Ausschnitt des mindestens gleich schweren Vandalismus: Wann sind in Deutschland letztmalig Soldaten in ein Gotteshaus irgendeiner Konfession eingedrungen um dort Devotionalien zu zerstören und die Gläubigen zu terrorisieren? Und, um auf den eigentlichen Sinn des Artikels einzugehen, der Sie kein bisschen zu berühren scheint: wann haben hier Soldaten letztmalig einen ganzen Landstrich verwüstet, diesen weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten, Dutzende Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, Millionen Menschen vertrieben und Tausende getötet?

  • Wenn ein Kruzifix für den Autoren nur ein Stück Holz ist, wie bezeichnet er dann Bibel, Koran und Thora? Lose-blatt-Sammlung?

  • Hier im Guardian www.theguardian.co...ebanese-life-video gibt es ein Video zur Hisbollah im Libanon www.theguardian.co...ebanese-life-video , ihren Anfängen und dem gegenwärtigen Krieg gegen Israel (den sie gegen den ausdrücklichen Willen der schiitischen Bevölkerung nach den Angriffen auf den Iran begonnen hat).



    .



    Da sich die IDF sofort von den Verantwortlichen distanziert haben, grenzt "Israelische Armee zerstört Jesus-Statue" an Fake News, der Kommentar hier hat überdies auch etwas moralisierend Denunziatorisches, wenn Bax die "Die Kruzifix-Schändung" (da ist es auf einmal doch mehr als nur ein "Stück Holz") zu einem Symptom für "religiöse Intoleranz" erklärt



    .



    Sozusagen Öl ins Feuer angesichts weltweit zunehmenden Antisemitismus' (hier taz.de/Antisemitis...n-Mexiko/!6172607/ z.B. in der queeren Szene in Mexiko) - selbst Netanjahu sollte man doch zugestehen, hier ein internationales Übergreifen per Verallgemeinerung auf christliche Gruppen verhindern zu wollen.

    • @ke1ner:

      So richtig sofort hat sich die IDF nicht distanziert, aber dann, als man sich nicht mehr rausreden konnte (eben kein KI-Fake!) tatsächlich schnell & deutlich, und sogar Netanjahu hat sich geäußert. Aber auch kein Wunder, ist das Foto / Video doch quasi ein PR-SuperGAU , was seine Wirkung auf die religiöse christliche Rechte in den USA angeht (Tucker Carlson usw).

  • shalom herr bax,

    mir schein in ihrem artikel fehl eine info oder diese nachfolgende hier ist falsch ?

    www.juedische-allgemeine.de/?p=2603020

  • Holzköpfe