piwik no script img

Antisemitismus in MexikoVon Kol­le­g*in­nen kommt keine Unterstützung

Der Künstler Amir Fattal wird in Mexiko-Stadt von propalästinensischen Ak­ti­vis­t*in­nen boykottiert. Bloß, weil er Israeli ist.

Viele pro-palästinensische Ak­ti­vis­t:in­nen in der queeren Künstler:innenszene, Proteste in Mexico City

A mir Fattals Vergehen ist es, dass er am falschen Ort geboren wurde. Und natürlich, dass er Jude ist. So jedenfalls sehen es jene sich „propalästinensisch“ verstehenden Aktivist*innen, die jüngst eine Ausstellung des Künstlers in Mexiko-Stadt angegriffen haben. Zwar lässt sich weder aus Fattals Instagram-Account noch aus seinen Bildern schließen, wie der 48-Jährige etwa zum Gazakrieg oder zum Zionismus steht. Geschweige denn, dass er sich für den israelischen Präsidenten Benjamin Netanjahu starkgemacht hätte. Aber egal: Fattal stammt aus Tel Aviv. Grund genug für die selbstgerechten Kämpfer*innen, gegen den Maler vorzugehen.

Fattal lebt seit 25 Jahren in Berlin, die letzten vier Winter verbrachte er in der mexikanischen Hauptstadt. Im Februar wurde in der dortigen Filiale der Galerie König seine Ausstellung „I’m Just Here for the Pool“ eröffnet. Die Schau besteht aus Bildern, die Swimmingpools und Gebäude zeigen, inspiriert von mexikanischer Architektur: moderne Villen, sonnenbelichtete Höfe, stylische Mauern. Passend zum international geprägten Stadtteil Condesa, wo sich das Kunsthaus befindet.

Die ersten vier Wochen verliefen gut. Doch dann muss sich in Kreisen der sogenannten Palästinasolidarität herumgesprochen haben, dass Fattal Israeli ist. „Über Nacht erschienen plötzlich Hunderte Hasskommentare auf meiner Instagram-Seite, oft mit Bezug darauf, dass ich Jude bin“, berichtet der Künstler der taz. Etwa: „Geh zurück nach Auschwitz“ oder: „Wenn du nach Mexiko kommst, verbrennen wir dich in einem deutschen Ofen.“

Alles wirkte sehr organisiert, weshalb Fattal zunächst dachte, es habe sich um Bots gehandelt. „Doch dann musste ich feststellen, dass viele Kom­men­ta­to­r*in­nen aus meinem eigenen Umfeld stammten: Künst­le­r*in­nen und Personen aus der queeren Szene.“ Eine Woche später stürmte eine Gruppe von 15 Maskierten eine Führung für potenzielle Käufer*innen. Sie beschimpften Fattal als „Kindermörder“ und forderten „Zionisten raus aus Palästina“.

Hakenkreuze, Davidsterne, Hammer und Sichel

In der Folge sagte die Galerie fast alle weiteren Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen ab. Bis auf eine, und auch dort tauchten die Ak­ti­vis­t*in­nen auf, besprühten die Hauswand mit Hakenkreuzen, Davidsternen, Hammer und Sichel sowie Parolen wie „Hier ist ein Terrorist“ und „Nazi-Zionist“. Zwar hatte das Kunsthaus die Polizei zum Schutz gerufen, aber die zog wieder ab. Offenbar hätte ihnen die Angreifergruppe ein paar Pesos bezahlt, vermutet Fattal. Kurz darauf schloss die Galerie Ende März vorzeitig die Ausstellung.

Fattal erhielt Unterstützung von der jüdischen Gemeinde, nicht aber von Kolleg*innen. Das verwundert nicht. Wie fast überall dominiert auch in Mexiko die Logik der antiisraelischen BDS-Kampagne die Kunstszene: Boycott, Divestment, Sanctions gilt für alle, die in irgendeiner Form mit dem jüdischen Staat in Verbindung gebracht werden können. So nimmt es auch Fattal wahr: „Ein großer Teil der Kultur israelischer Künstler wird gecancelt.“ Die meisten hätten keine Ahnung vom israelisch-palästinensischen Konflikt.

Sein Schweigen zum „Genozid in Gaza“ mache ihn zum Komplizen, erklärten die Ak­ti­vis­t*in­nen und forderten von ihm eine Stellungnahme. Schon darauf einzugehen würde ihn zum Schuldigen machen, meint Fattal zu Recht. Warum sollte er An­ti­se­mi­t*in­nen sagen, dass er bei seinen Besuchen in Israel gegen Netanjahu auf die Straße geht?

Auf seine Instagram-Posts über die Angriffe erntete der Maler natürlich viel Hohn und Spott. „Österreichische Maler sind uns lieber“, hieß es etwa in Anlehnung an Hitler. Viele Kom­men­ta­to­r*in­nen betonten gebetsmühlenartig: „Antizionismus ist kein Antisemitismus.“ Ja, nicht jede antizionistische Haltung ist per se antisemitisch. Aber die Tatsache, dass judenfeindliche Angriffe wie der auf Fattal mit dieser Phrase gerechtfertigt werden, zeigt vor allem eines: So undifferenziert und ahistorisch, wie der Satz meist propagiert wird, hat er die Akzeptanz und den Freiraum für solche und schlimmere antisemitische Taten erheblich erweitert.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Wolf-Dieter Vogel
Korrespondent
Wolf-Dieter Vogel, Jahrgang 1959, ist Print- und Radiojournalist sowie Autor. Er lebt nach langjährigen Mexiko-Aufenthalten schwerpunktmäßig wieder in Berlin und zwischendurch in Mexiko-Stadt. Seine Schwerpunkte: Menschenrechte, Migration und Flucht, Organisierte Kriminalität, Rüstungspolitik, soziale Bewegungen. Für die taz arbeitet er v.a. zu Mexiko und Mittelamerika. Er ist Mitglied des Korrespondent*innen-Netzwerks Weltreporter.
Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

0 Kommentare