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Hotel MamaDie Mieten, die Boomer und ihre Kinder

Die Immobilien- und Mietpreise sind hoch. So hoch, dass Kinder auch dann noch bei Mama und Papa wohnen, wenn sie fast schon selbst Eltern sind.

Hotel Mama, oder was ist eigentlich eine Familie? Foto: Monkey Business/imago

F luch oder Segen, das ist hier die Frage. Es geht um alles oder nichts, also in Zeiten wie diesen ganz klar um den Ort, an dem die Rechnungen ankommen. Glücklich, wer eine eigene Bleibe hat. Wer keine hat, wird lange keine haben, um mal Rilke frei und wild umzudichten. Die Immobilienpreise und Mieten sind bekanntlich so hoch, dass junge Menschen kein bezahlbares WG-Zimmer, geschweige denn eine eigene Wohnung finden. Was bleibt ihnen also anderes übrig, als weiter im Kinderzimmer bei Mutti und Vati zu hocken. Manche ziehen erst aus, wenn sie weit über 30 sind. Oder anders formuliert: Hotel Mama rules, nicht nur in Italien, dem Land des vivere con i genitori, sondern in ganz Europa.

Nun ist das mit dem Fluch und Segen so eine Sache, jedenfalls im Falle der elterlichen Notunterkünfte. Meine privaten empirischen Studien widerlegen nicht nur jene überlieferten Boomerelternwünsche, wonach die Brut doch endlich ausziehen möge. Sondern ebenso den Fluchtimpuls ihrer Töchter und Söhne. Die haben nämlich längst geschnallt, dass so eine Vollpension zum Nulltarif, inklusive Wäscheservice, Reinigungsdienst, Kantine, praktisch und preisgünstig ist. Eine klassische Win-win-Situation.

Denn mal Hand aufs Herz, liebe Boomereltern, allein der Gedanke daran, dass es nachts nicht mehr poltert, wenn „das Kind“ aus dem Club kommt und sich noch mal rasch Nudeln kochen muss, macht euch doch rasend, oder? Die Küche sieht am Morgen zwar aus wie Sau, klar, da flucht ihr. Aber noch mehr flucht ihr, wenn niemand mehr seine Dreckjeans vor die Waschmaschine knallt. Ziehen die Kinder aus, knallt nämlich nur eine große Leere in euer Elternleben, eine, die härter ist als eure bislang mieseste Trennung. Da nehmt ihr doch lieber in Kauf, dass das Zimmer des Sohnes selbst dann noch nach Puma stinkt, wenn seine Freundin dort übernachtet.

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Ihr nehmt in Kauf, dass die Tochter mit euch auf Amerikareise geht, obwohl ihr endlich mal einen Paarurlaub machen wolltet. Sie lässt sich, was sonst, alles von euch bezahlen. Obwohl sie selbst schon Geld verdient. Zwar nicht so viel, dass sie sich eine eigene Wohnung leisten könnte, aber so viel, dass es für das WG-Zimmer bei euch reicht. Aber ihr seid großzügig und sagt: Ach, lass mal, ist doch schön, dass wir noch zusammen sind.

Eben alles oder nichts, das ist hier die Frage.

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Simone Schmollack
Ressortleiterin Meinung
Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalist:innen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
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25 Kommentare

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  • Eine längere Vorgeschichte, nicht nur daheim, auch bereits in d. Gesellschaft.



    Ein Blick über den Brenner:



    "In Italien gibt es verhältnismäßig viele Erwachsene, die weit über den 18. Geburtstag hinaus noch bei den Eltern leben. Man nennt sie »Mammoni« (»Muttersöhnchen«) oder auch »Bamboccioni« (»Riesenbabys«). Das durchschnittliche Auszugsalter lag nach einer Erhebung der EU-Statistikbehörde im vergangenen Jahr bei genau 30 Jahren."



    Bei spiegel.de 2023



    Weiter dort:



    "Demzufolge lassen sich Söhne nach wie vor länger Zeit als Töchter: Junge Männer waren bei ihrem Auszug im Schnitt 24,5 Jahre alt, junge Frauen 23,0. Das Durchschnittsalter beim Auszug betrug in Deutschland geschlechterübergreifend 23,8 Jahre. Im EU-weiten Vergleich ist dies relativ früh, hier beträgt der Schnitt 26,4 Jahre, wie das Bundesamt unter Berufung auf Schätzungen der EU-Statistikbehörde Eurostat mitteilte."



    Aus der Zeit vor dem Fall der Mauer sind mir nach einem Auslandspraktikum noch die Verhältnisse in Polen 1986 in Erinnerung, wo das Wohnzimmer durch Schlafcouch z. Schlafzimmer der Eltern wurde.



    Für viele wäre so etwas heute undenkbar, beide Eltern d. studierenden Tochter hatten "gute Berufe". ergo: BAUEN!

  • Dass junge Leute in Deutschland gerne früh aus dem elterlichen Nest ausgezogen sind, ist ein wesentlicher Grund dafür, dass sie wenig haben sparen können und zu viel für die Miete ausgaben. Schon hat man eine ganze Generation Habenichtse erschaffen, während es in italienischen Familien oft darum geht, welches Kind welche Wohnung übernimmt und wer wann im Häuschen am Meer und wann in dem in den Bergen Urlaub macht.

  • Mein Kind macht eine Ausbildung, wird sich danach keine Wohnung leisten können. Kind übernachtet immer mal wieder auswärts, ist ja nun auch volljährig. Die Tür steht immer offen, Sorgen macht man sich ja doch.

    • @aujau:

      Jetzt mal nicht so negativ! Zusätzlich zur offenen Tür sollten Sie für Ihr Kind allerdings einen ETF-Sparplan anlegen und mit 100 € pro Monat besparen. Dann klappt's später auch mit der eigenen Wohnung.

  • Ich weiß nicht welche Phantasie Frau Schmollack treibt, aber ich als Boomer bin froh, für mich und meine Kinder, als sie auszogen. Endlich wieder Freiheit!

  • Ich kann mich Antje1971 unten nur anschließen, wir bauen auch einfach nur um und haben die ganze Großfamilie glücklicherweise zusammen und können uns gegenseitig entlasten. Spart Geld und Nerven.

    Aber ich habe mal im Kollegium die Jüngeren gefragt, die teilweise Zuhause leben. Die geben etwas dazu, klar. Mit dem ordentlichen Rest finanzieren sie kleine vermietete Wohnungen, die sich fast selbst tragen als Bürge für ein eigenes Haus/größere Immobilie später. Oder machen ordentliche Summen am Aktienmarkt.

    Leiden tut da keiner und ich bewundere da schon auch die cleveren Lösungen, statt zu jammern, was alles (mal wieder) nicht geht.

  • Das mit dem Hotel Mama war in meiner Jugend, lang ist es her, in Italien und Spanien die Regel. In Griechenland hatten die Jugendlichen sehr oft eine eigene(tum) Wohnung/Haus, sponsort by Daddy.



    Hat mich damals leicht irritiert. In meinem Umfeld in Deutschland waren eigentlich alle schnell raus aus dem Nest, aber zur Miete oder WG.



    Denn damals galt noch der Spruch, Vater bezahlt, Vater bestimmt.

  • Also die Kinder von Boomereltern sind mitlerweile alle über 30, davon dürften die meisten ihren Lebensunterhalt selber bestreiten und die wenigsten noch regelmäßig in den Club gehen und sich Nachts Nudeln kochen. Ich persönlich kenne niemanden in diesem Alter der noch bei seinen Eltern wohnt oder da auch nur ansatzweise Lust drauf hätte. Lieber würde ich die Hälfte meines Lohns für ne Wohnung ausgeben als unter den Fittichen von Mama und Papa zu leben und ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Der verlinkte Artikel bezieht sich übrigens nicht auf Deutschland sondern auf Irland, Polen, Portugal und Spanien. Zudem muss man noch zwischen ländlichen und städtischen Gebieten unterscheiden, da die Mietpreise hier doch extrem schwanken.

    • @PartyChampignons:

      Bin Boomerin, Kind ist erst 19. War spät dran.

      • @aujau:

        Ja gut das ist aber ja nicht die Regel

  • Ich, Boomer, bin längst Opa. Beide Kinder sind schnell ausgezogen, stehen auf eignen Beinen. Ich bin berufstätig und freue mich über die gewonnene Freiheit.

  • Bild vs. Text vs. Inhalt. Ist jetzt eigentlich jeder Boomer der älter als 50 ist, oder reicht schon, dass man Kinder egal welchen Alters hat? Bin irritiert.

    • @Tom Farmer:

      Die Boomer gehen eigentlich nur bis Geburtsjahr 1964. Die jüngsten Boomer werden in diesem Jahr also 62 Jahre alt.

      • @Aurego:

        Und zwar viele!



        Vor zwei Jahren



        "Der stärkste Jahrgang dieser Republik feiert Jubiläum. Gut 1,4 Millionen Kinder kamen 1964 in Deutschland zur Welt und werden nun 60 Jahre alt. Es war der Höhepunkt der geburtenstarken „Boomer-Generation“ , die nach dem Krieg in eine Wirtschaftswunderwelt voller Optimismus geboren wurde."



        wn.de

  • Wenigstens lässt sich der Verarmung breiter Schichten im Zeitraffer noch eine humoristische Note abgewinnen scheinbar.

  • Ich - "Boomer"mutter - habe vorgebaut und mir rechtzeitig eine kleine Bleibe besorgt. Da das Kind am Heimatort studiert und eine Studentenbude teurer wäre als die Familienwohnung, ziehe ich aus.

  • Vorschlag zur Schaffung von günstigem Wohnraum:

    Pauschale Zurücksetzung sämtlicher Baunormen bezüglich Energieeffizienz auf den Stand von 2000. Auch damals wurden Gebäude bereits einigermaßen energieeffizient gebaut.

    Pauschale Zurücksetzung sämtlicher übriger Baunormen (Brandschutz, Lärmschutz, Elektroinstalltion... et.c.) auf den Stand von 1994 (Die Zahl der Wohnungsbrände und sonstigen Havarien hat sich bis heute nicht signifikant verändert. Daher waren sämtliche Verschärfungen ohnehin überflüssig. 1994 deswegen weil 1993 Asbest verboten wurde. Es braucht auch keine 8 separat abgesicherten Steckdosen in der Küche usw.

    Abschaffung aller 16 Landesbaugesetze und Ersatz durch ein bundesweit gültiges Baugesetz das sich am Stand der Technik von 1994 orientiert.

    Pauschale Zurücksetzung der kommunalen Bauverordnungen auf den Stand von 1994.

    Abschaffung der Klagemöglichkeit für Mieter, wenn Wohnungen nicht dem zum Zeitpunkt der Modernisierung/Neubau aktuellen Stand der Technik entsprechen. Einklagbar ist in dem Fall nur der Stand von 1994. Bestandschutz für ältere Anlagen besteht natürlich weiter.

    • @silicananopartikel:

      "Vorschlag zur Schaffung von günstigem Wohnraum"



      Aufstockung wird für viele Großstädte diskutiert.



      Problem bislang häufig: u.a. Brandschutz



      www.magazin-quarti...htung-aufstockung/

    • @silicananopartikel:

      Sorry, aber das mit den Baunormen nützt nichts. Immobilien kosten immer genau so viel, dass die vorhandenen Objekte gerade genügend Abnehmer finden.



      In den US-amerikanischen Großstädten haben die Leute ganz genau dieselben Probleme, obwohl es dort ganz andere Baunormen gibt.



      Es liegt wohl eher an den stark gestiegenen Preisen von 2014 bis 2022 und an den jetzt höheren Zinsen, die diese stark gestiegenen Preise schwer finanzierbar werden lassen.

    • @silicananopartikel:

      Zwischen 1994 und heute hat sich doch einiges geändert im Bauwesen, was gegen ihren Vorschlag sprechen würde. Zurück in die Vergangenheit ist nie der richtige Ansatz....Bauordnungen müssen allerdings verschlankt und vereinheitlicht werden, da stimme ich ihnen zu, zudem brauchen die Bauämter mehr Personal und modernere Ausstattung, denn unter deren Trägheit leiden oft ganze Bauprojekte.

    • @silicananopartikel:

      Ja, macht das mal. Dann werden aber zwischen 2000 resp 1994 gebaute Wohnungen automatisch mehr wert.

      • @EffeJoSiebenZwo:

        Und warum ist das ein Problem?

        • @silicananopartikel:

          Na ja, ich dachte das Problem ist der Anstieg der Wohnkosten? Genau das treibt erstmal die Preise?

          • @EffeJoSiebenZwo:

            Die Verknappung treibt die Preise. Nicht die Änderung der Baunormen. Dann sind die Wohnungen halt mehr wert. Macht die Miete jetzt aber nicht teurer. Teuer wirds, wenn nicht neu gebaut wird!

  • "Denn mal Hand aufs Herz, liebe Boomereltern, allein der Gedanke daran, dass es nachts nicht mehr poltert, wenn „das Kind“ aus dem Club kommt und sich noch mal rasch Nudeln kochen muss, macht euch doch rasend, oder?"



    Nein überhaupt nicht. Auch dieser Artikel krank mal wieder daran, dass er einzig aus der Perspektive der Stadt gedacht wurde...🤷



    Das Thema hat Frau Göring-Eckardt in der taz neulich sachlich klar dargestellt, schade das anscheinend keinen Nachhall findet.



    Auf dem Land bleiben viele Kinder 'zuhause', weil das Kleinbauerntum stirbt.



    Noch unsere Eltern hatten quasi alle Vieh und eine Scheune. Allein zur Selbstversorgung.



    Meine Generation gab diesen Brauch großflächig auf - Versorgungslage und Wohlstandszuwachs machten es obsolet.



    Nun standen all die Scheunen und Ställe leer. Auch Dorf-Edeka, Metzgerei, Bäckerei, Schusterei und Co...



    Da ziehen unsere Kinder ein🤷



    Altes Fachwerk renovieren, offene hohe Decken, teilweise Kreuzgewölbe in Ställen - ästhetisch liegt das voll im Trend.



    Und na klar sind wir froh, dass unsere Kinder und damit auch die Enkel im Nahbereich bleiben.



    Win win für alle.



    Es gibt mehr als nur die Lebensrealität in, um und aus Berlin liebe taz 😉